Marco Grote beim Torjubel
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Bei Werder Bremen ging es für Marco Grote im Sommer nicht weiter. Mit dem VfL Osnabrück mischt der ehemalige U19-Trainer nun die 2. Bundesliga auf.

Die Geschichte des Bremer Jung an der Bremer Brücke

Werders ehemaliger U19-Trainer Marco Grote mischt mit Osnabrück die 2. Bundesliga auf

Bremen/Osnabrück – Von Harald Pistorius. Wer ist der einzige Trainer im deutschen Profifußball, der in dieser Saison noch kein Pflichtspiel verloren hat? Man kommt nicht sofort drauf, und manchem wird die Antwort nicht viel sagen: Marco Grote. Ein Bremer Junge, der sein halbes Fußballleben lang die Raute von Werder Bremen im Herzen und auf dem Trikot getragen hat, mischt gerade mit dem VfL Osnabrück die 2. Bundesliga auf. Und damit hat nun wirklich keiner gerechnet.

Den Klassenerhalt am vorletzten Spieltag geschafft, drei Leistungsträger verloren, der charismatische Erfolgstrainer vom übergroßen Ligarivalen abgeworben und im Finanzranking der 2. Bundesliga weiter am Tabellenende: Als der VfL Osnabrück im Sommer kurzfristig einen Nachfolger für Daniel Thioune suchte, soll einer der potenziellen Kandidaten abgewinkt haben – keine Perspektive. In Bremen dagegen sah ein 47-jähriger Fußballlehrer, der noch keine Stelle für die Saison 2020/21 hatte, seine Chance. „Als Daniel zum HSV ging, habe ich sofort gehofft, dass jemand aus Osnabrück anruft…“, erinnert sich Marco Grote an jene Zeit im Juli.

Werder Bremen-Jugendcoach Marco Grote war unkonventionelle Trainer-Wahl beim VfL Osnabrück

Es rief jemand an – der Osnabrücker Sportdirektor Benjamin Schmedes, der den Jugendcoach des SV Werder Bremen schon aus seiner Zeit in der Nachwuchsabteilung des Hamburger SV kennt. Zwei Wochen später saß Marco Grote im Presseraum des Stadions Bremer Brücke und stellte sich den Journalisten als neuer Trainer des VfL Osnabrück vor. Vorausgegangen waren strukturierte Bewerbungsgespräche mit Schmedes, der seinem Wunschkandidaten auf den Zahn gefühlt hatte. „Das war intensiv und hatte Tiefgang. Es ging um Details, und es gab von ihm viele Nachfragen“, sagt Grote.

Der für seine unkonventionellen Spielertransfers bekannte Sportdirektor ließ sich auch bei der schwierigen Suche nach einem Nachfolger für Daniel Thioune nicht auf den Trampelpfad des Mainstream locken. Die üblichen Verdächtigen, die in solchen Fällen ihren Hut in den Ring werfen (lassen) waren von vornherein aus dem Rennen – oder besser: gar nicht erst drin.

Auch VfL Osnabrück-Sportchef Benjamin Schmedes hat Wurzeln beim SV Werder Bremen

Das war im Sommer, jetzt ist Herbst. Und für Marco Grote und den VfL Osnabrück scheint immer noch die Sonne. Ungeschlagen in sieben Ligaspielen, im DFB-Pokal in der zweiten Runde und als Tabellenzweiter Verfolger des Hamburger SV, der ihnen erst den Trainer und dann den besten Spieler der letzten Saison – den Defensiv-Allrounder Moritz Heyer – weggekauft hat. Nicht schlecht für einen Verein, der gerade mit der Stadt um ein konkurrenzfähiges Trainingszentrum kämpft. Und auf Unterstützung hofft, damit die Bremer Brücke uneingeschränkt von der DFL als zweitligatauglich eingestuft wird. Nicht schlecht für einen Verein, der nach acht dürren Jahren in der 3. Liga schon nicht mehr an ein Comeback geglaubt hat.

Neben Thioune hatte vor allem Sportdirektor Benjamin Schmedes großen Anteil an der Wiederauferstehung getragen, ein Mann, dessen Fußballwurzeln ebenfalls beim SV Werder Bremen liegen. Er war 16, als die Grün-Weißen das Innenverteidiger-Talent von Hannover 96 ins Internat holten; Schmedes wurde Kapitän der A-Jugend, rückte mit 18 in die Regionalliga-Mannschaft auf, machte nebenbei das Abitur – doch zum Profi reichte es nicht. Lange war er mit seinem Jugendfreund und Mannschaftskollegen Per Mertesacker gleichauf, doch dann trennten sich die Fußballwege – befreundet sind sie bis heute. Die Erinnerung an Bremen ist gut, übrigens nicht nur wegen des Sports. Hier lernte Schmedes die Frau seines Lebens kennen: Lea Werner, die Tochter des langjährigen Bundesliga-Trainers und Werder-Nachwuchsmanagers Wolf Werner, mit der er inzwischen drei Söhne hat.

Werder Bremen-Ex-Trainer Marco Grote mit überraschend gutem Start beim VfL Osnabrück

Aber zurück zu Marco Grote. Natürlich hat der überraschend gute Start dem Trainer auf Anhieb die Anerkennung in Osnabrück verschafft. Der Bremer geht damit gelassen um: „Mich interessiert nicht, was links in der Tabelle steht, sondern die Zahl ganz rechts.“ Übersetzt: Nicht Platz zwei ist wichtig, sondern die Punktausbeute, die aktuell bei 13 steht. Es hat aber auch viel mit der sympathischen, bodenständigen Art des neuen Mannes auf der Bank zu tun. Grote haut keine Sprüche raus, verzichtet auf programmatische Ausführungen, lässt sich nicht feiern und erzählt keine Heldengeschichten. Es geht um Fußball, um Training und um das Spiel. Das ist der Mittelpunkt – Fußball pur.

Wie er seine Prioritäten setzt, machte er in den ersten Tagen deutlich. Grote war nach der Bekanntgabe seiner Verpflichtung für keinen Journalisten zu sprechen – er wollte erst das Gespräch mit seinem Trainerteam suchen und mit möglichst vielen Spielern reden, bevor er zur Pressekonferenz und Interviews antrat: „Die Personen, mit denen ich in Zukunft eng zusammenarbeiten werde, sollen mich nicht als erstes über die Clubkanäle oder Medien wahrnehmen.“ Die Zweifel, ob ein Jugendtrainer nach zwölf Jahren in der Nachwuchsarbeit den Aufgaben in der 2. Bundesliga gewachsen ist, hat er hier und da gespürt, doch er hat sich nicht damit beschäftigt: „Diese Fragen stellen die anderen. Das Allerwichtigste an meinem Job ist Fußball und Menschenführung. Darum geht es immer, egal ob in der Jugend oder bei den Männern. Und dass ich das kann, weiß ich.“

Werder Bremen verlängerte den Vertrag von Marco Grote nicht - dann ging der Trainer zum VfL Osnabrück

Immer wieder mal hatte es in den letzten Jahren Anfragen von anderen Clubs gegeben, doch mal passte der Zeitpunkt nicht, dann war es nicht der richtige Club. Irgendwann in der letzten Saison wurde Grote klar, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb zum Absprung: „Und ich wollte es auf jeden Fall, um mir hinterher nicht vorzuwerfen, es nicht versucht zu haben“. Als ihm Werder Bremen dann Anfang 2020 mitteilte, dass es keinen Vertrag über Juni 2020 hinaus geben würde, war endgültig klar, dass eine Tür für ihn zuging.

Und so ist er voller Tatendrang durch die neue Tür gegangen, mitten rein in einen neuen Club, in einen neuen Lebensabschnitt. Der Start ist gelungen, vom ersten Tag an überzeugt und erreicht Marco Grote die Mannschaft und das Trainerteam beim VfL Osnabrück. Sein Zwischenfazit: „Es ist erst der Anfang, aber ich kann sagen: Es passt hier wie die Faust aufs Auge. Es kann auch mal anders laufen, aber das wird mich und die Jungs nicht von unserem Weg abbringen.“

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