Trainer Markus Anfang gibt die Richtung beim SV Werder Bremen vor: In der 2. Bundesliga weht ein anderer Wind.
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Trainer Markus Anfang gibt die Richtung beim SV Werder Bremen vor: In der 2. Bundesliga weht ein anderer Wind.

Jammer-Verbot für Werder-Spieler

Markus Anfangs Ansagen, damit Werder Bremen endlich wie ein Zweitligist denkt

Zell am Ziller – Ein Top-Hotel für sich ganz allein, ein eigenes Stadion mit Testspielen, zu denen die Gegner anreisen mussten – und eine Mannschaft, die der aus der Vorsaison immer noch gewaltig ähnelt: Der SV Werder Bremen wirkte im Trainingslager im Zillertal noch ziemlich erstklassig. Alles war wie in den neun Jahren zuvor, in denen sich die Bremer schon in Zell am Ziller auf kommende Spielzeiten vorbereitet hatten. Wäre da nicht Markus Anfang gewesen. Klar, ein neuer Trainer ist immer anders. Aber der 47-Jährige impfte dem Team nicht nur eine neue Spielidee ein, sondern auch eine gehörige Portion Härte, die es in der 2. Liga ganz besonders braucht. Ab sofort dürfen die Werder-Profis nicht mehr so viel jammern, wenn sie gefoult werden.

„Ich habe ja selber ein paar Jahre Fußball gespielt – und Fußball ist nun mal ein Kontaktsport“, betont Markus Anfang, als er auf eine besondere Szene im Testspiel des SV Werder Bremen gegen ZSKA Sofia angesprochen wird. Niclas Füllkrug hatte einen Schlag ins Gesicht bekommen, war schreiend zu Boden gegangen und dort liegen geblieben. Der Schiedsrichter forderte per Handzeichen die medizinische Abteilung der Bremer an. Arzt und Physio wollten auch schon lossprinten, als sie plötzlich die Hand von Anfang daran hinderte. So etwas wie ein „Los, weiter geht‘s“ des Trainers war zu vernehmen. Das wirkte hart, aber Füllkrug hatte sofort verstanden. Er stand auf, schüttelte sich, wischte sich durchs Gesicht und spielte auch ohne Behandlung weiter.

Werder Bremen: Trainer Markus Anfang erteilt Profis Jammer-Verbot in der 2. Bundesliga

Was Markus Anfang mit Maßnahmen wie diesen bezwecken will? „Die Jungs sollen nicht das Gefühl haben, dass wir ihnen nicht helfen, wenn irgendwas ist“, erklärte der Trainer zwar: „Aber in der 2. Liga wird halt ein bisschen anders Fußball gespielt. Es ist wichtig, dass wir uns wehren und eine Widerstandsfähigkeit an den Tag legen. Ich glaube nicht, dass man für jeden Schlag auf den Platz laufen muss. Die Jungs sind hart im Nehmen, und das können sie auch mal zeigen.“ Eine klare Ansage. Und siehe da: Auch im Training blieben Füllkrug und Co. deutlich seltener liegen. Es kam sogar vor, dass sich die Spieler untereinander anraunzten, dass die Szene zuvor doch gar nicht so schlimm gewesen sei. Groß besprochen wurde das vom Trainer mit der Mannschaft übrigens nicht. „Das machen wir einfach so“, berichtet der Coach des SV Werder Bremen und grinst.

Sein Umgang mit den Spielern ist deutlich distanzierter im Vergleich zu seinem Vorgänger Florian Kohfeldt. Das mag gewiss auch daran liegen, dass Anfang erst wenige Wochen da ist. Er pflege grundsätzlich schon ein gutes und offenes Verhältnis zu seinen Profis, berichtet er, „doch am Ende bin ich nun mal der Trainer“. Und da kann Markus Anfang auch knallhart sein, wie das Beispiel Johannes Eggestein zeigt. Dem Stürmer wurde deutlich signalisiert, dass er nicht mehr gebraucht wird. Bei anderen Spielern ist das noch nicht der Fall – zumindest nicht so offensichtlich.

Alle bekommen ihre Spielzeit und ihre Chance, sich zu zeigen. Was zudem auffällt: Ein Ömer Toprak zum Beispiel, der sonst gerne mal aus Gründen der Belastungssteuerung eine Trainingseinheit aussetzt, zog in Österreich fast komplett durch. Keiner lässt sich hängen, weil er seine Zukunft bei einem anderen Club sieht. Wie sehr jeder einzelne Spieler dabei gedanklich tatsächlich bei Werder Bremen und damit in der 2. Liga ist, darüber kann nur spekuliert werden. Speziell bei gestandenen Bundesligaspielern wie Toprak, Leonardo Bittencourt, Yuya Osako oder auch Maximilian Eggestein. Letzterer, so hat es Sportchef Frank Baumann dieser Tage mal verraten, sieht sich schon eher in der 1. Liga.

In der 2. Bundesliga geht es härter zur Sache - darauf muss sich Werder Bremen um Trainer Markus Anfang einstellen

Auch das macht es für Markus Anfang nicht leicht, die dringend notwendige Zweitliga-Atmosphäre zu schaffen. Immerhin ist er mit dem sportlichen Fortschritt zufrieden. Alles sei angesprochen und erarbeitet worden. Jetzt gehe es darum, Erfahrungen zu sammeln, sich zu stabilisieren. „Was gut ist, sind die Abläufe defensiv gegen den Ball“, sagte er nach dem 2:2 gegen Zenit St. Petersburg am Mittwochabend, „gerade in der ersten Halbzeit haben wir gezeigt, dass wir das gut umsetzen können.“ Er monierte aber zugleich, dass viele Spieler unter Druck unruhig würden. „Das ist vielleicht auch der Situation geschuldet, dass wir nicht wahnsinnig viel Selbstvertrauen haben“, brachte Anfang noch mal die Vorsaison ins Spiel – mit dem bösen Absturz in den letzten zehn Partien, der dann im Abstieg mündete.

Werder Bremen reagierte damals meistens nur noch, ließ vieles über sich ergehen. Anfang denkt nun wieder offensiver. Gegen den russischen Meister bestand die Defensive nur aus der Viererkette und einem Sechser, die weiteren Positionen waren extrem offensiv besetzt. Der Coach will dafür sorgen, dass die Spieler wieder wesentlich mehr selbst handeln, sich mehr trauen. Nur eines mag der Ex-Profi dabei nicht: unnötige Unruhe auf dem Platz. „Gegen Sofia haben wir diese Unruhe selber provoziert, weil wir angefangen haben, mit dem Gegner und dem Schiedsrichter zu diskutieren. Das müssen wir sein lassen. Wir müssen uns auf uns konzentrieren.“

Gegner werden in der 2. Bundesliga gegen Werder Bremen besonders motiviert sein

Noch so eine Ansage an das Team – und eine weitere Vorbereitung auf die 2. Liga. Dort haben es Favoriten nicht so leicht, jeder Gegner wird gerade die Traditionsclubs ärgern wollen. Wer sich dort überschätzt und nicht anpasst, kann böse auf die Nase fallen. Markus Anfang kennt sich damit aus, hat schon den 1. FC Köln als Absteiger übernommen – und es mit den Rheinländern geschafft, ganz oben zu stehen, ehe er kurz vor Saisonende und Aufstieg wegen interner Probleme gehen musste. Anfang ist eben alles andere als einfach. Er spricht mit seinem Trainerteam Probleme knallhart an. Das gefällt nicht jedem, ist aber jetzt wohl unerlässlich. Denn der SV Werder Bremen lebte im Zillertal noch in seiner alten Bundesliga-Welt, die aber in zwei Wochen endgültig vorbei sein wird. Dann geht es los in der 2. Liga. Gegen Hannover 96 wird sich zeigen, wie sehr Anfangs Ansagen gefruchtet haben. (kni)

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