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Martin Harnik kann mit den so genannten Sozialen Medien nichts anfangen: „Das verweigere ich komplett. Diese Leute wollen nur pöbeln. Darauf habe ich keine Lust.“

Stürmer über aalglatte Antworten und anonyme Pöbler

Harnik im Interview: „Der Bremer Mut ist erfrischend“

Bremen - Anonyme Pöbler, die die Weite des Internets als Deckung nutzen, sind ihm ein Gräuel. Ebenso aalglatte Antworten. Was Martin Harnik (31) dagegen mag, ist der neue Mut des SV Werder, seine Heimatstadt Hamburg sowie den 1. FC Nürnberg als Gegner. Denn da war mal was...

Es war der 25. August 2007, als sich für Sie Großartiges zutrug. Bundesliga-Debüt für Werder, 1:0-Siegtor gegen den 1. FC Nürnberg. Wie stark ist Ihre Erinnerung noch an diesen Tag und den Moment des Tores?

Martin Harnik: Ich kann mich noch genau erinnern. Ich bin in dem Moment auf der linken Seite aufgetaucht, und Schulle (Christian Schulz, d. Red.) spielt einen Pass die Linie runter. Ich lasse den Ball durch die Beine laufen, der Verteidiger fällt auf meine Finte rein. Ich ziehe dann von außen in die Mitte und schließe, ohne nachzudenken, auf das kurze Eck ab.

Lässt sich auch das Glücksgefühl so gut konservieren wie die Erinnerung?

Harnik: Nachempfinden kann ich es jetzt nicht mehr, aber ich weiß noch ganz genau, dass ich total überrascht war. Eigentlich wusste ich gar nicht, was gerade passierte. Wir hatten bis dahin einen schlechten Saisonstart hingelegt, und das 1:0 in Nürnberg war unser erster Sieg. Für alle war das eine totale Erleichterung. Aber ich war einfach nur überfordert mit den ganzen Ereignissen.

Welche Ereignisse?

Harnik: Drei Tage zuvor hatte ich mein Debüt in der österreichischen Nationalmannschaft gegeben und auch gleich getroffen. Als dann das Tor in Nürnberg noch dazukam, habe ich gedacht: „Naja, Profi-Fußball ist doch nicht so schwer, wie es aussieht.“

Was haben die beiden Spiele damals mit Ihnen gemacht?

Harnik: Zwei erfolgreiche Debüts in nur wenigen Tagen – das war schon ein Spektakel. Da ist auch viel auf mich eingeprasselt. Ich bin deshalb aber nicht abgedreht oder abgehoben und anschließend hart gefallen – so war es nicht. Aber es ging schon von null auf hundert.

War es zu schnell?

Harnik: Ich hatte Blut geleckt und gehofft, dass es so weitergeht und ich richtig Fuß fasse im Profi-Kader. Ich dachte: „Wow, ich kann das.“ Dann habe ich aber relativ schnell festgestellt, dass es doch harte Arbeit ist, sich in der Bundesliga zu etablieren und dass es einem eben nicht in den Schoß fällt wie jetzt vielleicht in diesen beiden Debüt-Spielen.

Elf Jahre sind seither vergangen, und Sie sind nach Ihrem Rücktritt im vergangenen Herbst gerade erst offiziell aus der österreichischen Nationalmannschaft verabschiedet worden. Löst so ein Event schon Karriere-Endzeitstimmung bei Ihnen aus?

Harnik: Überhaupt nicht. Ich hätte noch eine Perspektive in der Nationalmannschaft gehabt, bin aber aus freien Stücken zurückgetreten. Ich habe ein sehr interessantes und sehr wichtiges Kapitel in meiner Karriere abgeschlossen und bin sehr dankbar für die gute Zeit im ÖFB-Team. Ich bin vor dem Länderspiel gegen Schweden würdig verabschiedet worden und wegen mehr als 50 absolvierten Länderspielen in den „Club der Legenden“ aufgenommen worden. Ich fühle mich deshalb wirklich geehrt. Meinen Entschluss, zurückzutreten, bereue ich aber nicht.

Martin Harnik (li.) wurde vor Kurzem offiziell vom österreichischen Fußball-Verband verabschiedet.

Ihr Vater stammt aus der Nähe von Graz, Sie sind in Hamburg aufgewachsen. Ist für Sie nach der Karriere ein Leben in Österreich vorstellbar?

Harnik: Österreich ist meine zweite Heimat, und dabei bleibt es auch. Hamburg wird nach Ende meiner Karriere wahrscheinlich mein Lebensmittelpunkt werden. Meine Frau stammt aus der Stadt, ich auch. Unsere Freunde und Familien leben dort. Ein Grundstück haben wir auch schon gekauft.

Bremen hat keine Chance bei Ihnen?

Harnik: Ich bin da nicht festgefahren. Wer weiß, wie sich die nächsten drei Jahre bei Werder entwickeln. Stand jetzt gilt aber, dass Hamburg unsere erste Wahl ist.

Zurück in die Gegenwart: Das erste Werder-Heimspiel gegen Ihren Ex-Club Hannover 96 hatten Sie verletzt verpasst, bei Eintracht Frankfurt feierten Sie Ihren Saisoneinstand. Nun steht das Spiel gegen Nürnberg an. Geht es für Sie mit dem ersten Auftritt im Weserstadion seit Ihrer Rückkehr erst richtig los?

Harnik: Im Moment ist es für mich am wichtigsten, wieder in den Rhythmus zu finden. Erst die Verletzung, dann die Länderspielpause – das reißt einen immer ein bisschen raus. Ich hoffe, dass ich von jetzt an richtig durchziehen kann.

Der Konkurrenzkampf ist auf Ihren Positionen besonders groß. Wo sehen Sie sich selbst in diesem Überangebot an Offensivkräften?

Harnik. Ich bin seit bald zwölf Jahren Profi, und ich hatte noch nie einen Freifahrtschein oder einen garantierten Stammplatz. Ich habe mir immer alles erkämpft. So ist es auch jetzt. Das ist aber Tagesgeschäft und gar keine besondere Situation. Sicherlich sind wir in der Offensive und vor allem auf den Außenpositionen sehr gut und mehrfach besetzt, aber den einen Platz, der zu vergeben ist, den möchte ich mir erkämpfen.

Geht es dabei auch darum, sich die Anerkennung zu holen, den Sie damals bei Ihrem ersten Werder-Engagement nicht bekommen haben?

Harnik: So ist es nicht. Man muss ganz fair und objektiv sagen, dass ich damals einfach noch nicht so weit war, mich in einer starken Mannschaft durchzusetzen. Ich habe mich auch überhaupt nicht ungerecht behandelt gefühlt. Ich habe einfach schnell gemerkt: Okay, auf dem Niveau und in der Mannschaft reicht es noch nicht für mehr.

Jetzt sind Sie der Rückkehrer, der verlorene Sohn, der wieder daheim ist. Ein Plus im Vergleich mit den anderen?

Harnik: Sicherlich habe ich einen kleinen Vorteil, weil ich mich bei Werder schon auskenne, weil ich weiß, wie das Ganze hier funktioniert. Vor allem trage ich aber noch diese Identität von damals in mir.

Was meinen Sie damit?

Harnik: Diesen Erfolgshunger. Dieses Selbstbewusstsein, sagen zu können: „Wir sind besser als Abstiegskampf, wir sind besser als Klassenerhalt.“ Ich finde es total gut und mutig von Werder, das europäische Geschäft anzuvisieren.

Beschreiben Sie doch mal, was daran so mutig ist!

Harnik: Heutzutage fliegt einem ja häufig alles um die Ohren, wenn man sich mal nach vorne traut. Deshalb ist ja auch alles so aalglatt geworden. Antworten sind oft nur Phrasen, alle sind vorsichtig, es regiert das Understatement. Deswegen finde ich es total erfrischend, dass Werder trotz der schwierigen letzten Jahre ein Ziel ausgibt, das die meisten Leute überrascht hat.

Werder fällt damit aus der Reihe?

Harnik: Ja, zur Zeit schon. Ich denke aber, dass die meisten Leute das auch gut finden. Denn diese Ansage und diese Ambitionen sind zusammen ein klares Zeichen – nicht an die Liga, nicht an die Konkurrenz, sondern einfach an die Bremer. Wir sagen: „Hey, wir wissen schon, wo wir gerade herkommen. Aber wir wissen auch, wo wir schon mal waren.“

Und Sie befürchten, dass dem Club der eigene Anspruch um die Ohren fliegt, wenn das Ziel verpasst wird?

Harnik: Das kann durchaus passieren. Es wird doch oft alles zerstückelt und zerrissen.

Das richtet sich an die Medien?

Harnik: Ja, wenn auch nicht grundsätzlich. Das ging schon nach dem 1:1 gegen Hannover los. Da wurde direkt hinterfragt, ob wir uns mit unserem Ziel nicht übernommen haben. Motto: Ist das vielleicht doch zu viel des Guten? Das ist dann genau das, was sich viele Clubs ersparen wollen und deshalb in der Öffentlichkeit nicht mutig agiert wird. Heraus kommen dann immer die gleichen Antworten mit den gestanzten öffentlichen Aussagen. Intern, da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen, redet man immer über andere Dinge als extern. Das ist so. Ich finde es schade, dass nicht beides das Gleiche sein kann. Aber das ist dem Zeitgeist geschuldet.

Wie ehrlich und mutig sind Sie selbst in Interviews?

Harnik: Ich versuche immer, ein bisschen gegen den Trend zu arbeiten. Aber bei aller Liebe: Ich habe auch schon viele Dinge runtergeschluckt, die ich gerne gesagt hätte. Weil ich aber wusste, dass mir das um die Ohren geflogen wäre, habe ich es gelassen. Letzten Endes sind wir Spieler das Produkt des ganzen Geschäfts. Das Business hat sich so entwickelt, und wir haben uns angepasst.

Weil die Pfeile von links und rechts fliegen und man immer einen abkriegt, wenn man offen und ehrlich ist?

Harnik: Man macht es sich selbst schwer. Natürlich kann man klare Kante zeigen und alles an sich abprallen lassen. Aber den Widerstand und die Kritik wollen sich viele ersparen. Das kann ich auch total nachvollziehen. Natürlich kann ich im Interview erzählen, dass ich 15 Tore schießen will und die Europa League eine Enttäuschung wäre. Aber damit mache ich mich angreifbar. Im ersten Moment wird man zwar noch von allen als cooler Typ gefeiert, aber wenn das dann krachend daneben geht, sagt keiner: „Er hat aber wenigstens Charakter bewiesen.“ Sondern dann heißt es: „Der ist ja völlig gestört.“ Am Ende kannst du halt mehr verlieren als gewinnen. Aber so ist es eben. Die Medien – das sage ich jetzt ganz verallgemeinernd – sind im ersten Moment total dankbar, dass mal wieder etwas anderes geschrieben werden kann. Doch dann wird es oft doch zerrissen.

Fotostrecke: Pavlenka wieder bei der Mannschaft

Werder-Training am Donnerstag.
Werder-Training am Donnerstag. © gumzmedia
Werder-Training am Donnerstag.
Werder-Training am Donnerstag. © gumzmedia
Werder-Training am Donnerstag.
Werder-Training am Donnerstag. © gumzmedia
Werder-Training am Donnerstag.
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Werder-Training am Donnerstag.
Werder-Training am Donnerstag. © gumzmedia
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Werder-Training am Donnerstag.
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Werder-Training am Donnerstag.
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Werder-Training am Donnerstag.
Werder-Training am Donnerstag. © gumzmedia
Werder-Training am Donnerstag.
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Werder-Training am Donnerstag.
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Werder-Training am Donnerstag.
Werder-Training am Donnerstag. © gumzmedia
Werder-Training am Donnerstag.
Werder-Training am Donnerstag. © gumzmedia
Werder-Training am Donnerstag.
Werder-Training am Donnerstag. © gumzmedia

Sehen Sie einen Ausweg aus dem Ganzen?

Harnik: Es ist ja nicht nur ein Problem zwischen Medien und Profi-Fußball. Letzten Endes ist es die Gesellschaft, die so etwas lesen will. Und die wird dann entsprechend gefüttert. Gefühlt werden doch eher Schlagzeilen über irgendwelche Fehltritte oder wer wieder komische Hosen trägt im Internet geklickt als positive Dinge.

Wie ist in diesem Zusammenhang ihr Verhältnis zu Sozialen Medien wie Instagram, Facebook und Twitter?

Harnik: Das verweigere ich komplett. Dort wird Menschen, die anonym bleiben, eine Plattform gegeben. Und diese Leute wollen nur pöbeln und machen sich einen Spaß draus, auf deine Kosten zu lachen. Darauf habe ich keine Lust. Weil es mich dann auch nervt, so etwas zu lesen. Ich lasse es dann doch an mich ran und schleppe es mit mir rum. Ich erspare mir das aus reinem Selbstschutz. Das heißt aber nicht, dass ich mich den Medien insgesamt verschließe. Wenn mir jemand gegenübersitzt und ich ihm ins Gesicht schauen kann, tausche ich mich gerne aus. Es ist vor allem die Anonymität, die mich stört. Die meisten, die auf Instagram, Twitter oder Facebook etwas über mich abladen, würden mir das Gleiche doch nie ins Gesicht sagen.

Ein Beispiel?

Harnik: Da twittert jemand einen lustig gemeinten Vergleich oder eine Anekdote zu einem Kollegen, der eine Chance vergeben hat. Das bekommt dann sofort eine riesen Aufmerksamkeit. Das übernehmen große Sportportale in ihren Berichten. Und dann werden Reaktionen von Usern übernommen, die nicht mal ihren richtigen Namen nennen. Ich sehe es einfach nicht ein, dass jede Meinung eine so große Aufmerksamkeit bekommt.

Sie sind mit 31 Jahren ein mental gefestigter Spieler. Was aber machen böse Kommentare in Sozialen Medien mit einem jungen Spieler? Kann der daran auch zerbrechen?

Harnik: Schon möglich. Es würde mich ganz bestimmt beschäftigen, wenn ich als junger Spieler plötzlich einen Shitstorm aushalten müsste. Aber um das auch klar zu sagen: Es gibt auch total liebe Menschen in den Sozialen Medien, es gibt auch positives Feedback und es ist nicht alles schlecht. Aber die Mehrheit derer, die sich äußern, ist halt anders. Und das bleibt dann hängen.

Was raten Sie jungen Spielern?

Harnik: Bisher ist noch niemand mit diesem Thema zu mir gekommen. Wenn doch mal einer kommen sollte, der ein Problem damit hat, würde ich ihm sagen: „Lösch alles, lass es einfach sein!“ Allerdings kann die Generation, die jetzt heranwächst, schon wieder ganz anders damit umgehen als meine Generation. Die wissen es zu nehmen und wissen: Das ist nur die Internet-Welt.

Würden Sie sich mal gerne mit einigen dann nicht mehr Anonymen aus dem Internet zur Diskussion an einen Tisch setzen?

Harnik: Das kommt auf die Qualität des Gesprächs an. Es ist doch Teil des Problems, dass Respekt und Stil oft in der Tastatur hängenbleiben und verloren gehen. Ich habe zudem nicht den Drang und den Anspruch, die Welt des Internets zu verbessern. Wenn aber jemand nach dem Training auf mich zukommt und mir etwas sagen möchte, habe ich damit überhaupt kein Problem.

Mal angenommen, Sie würden sich nach dem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg doch in die Sozialen Medien verirren – was würden Sie dann gerne über sich lesen?

Harnik: Schwierig. Ich denke, der Kommentar „Debüt erfolgreich kopiert“ würde mir gefallen.

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