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Werder-Coach Kohfeldt im Spiel gegen RB Leipzig.

Werder-Coach sieht mentales Etappenziel erreicht

Mathematiker Kohfeldt: Den Erfolg wahrscheinlicher machen

Bremen - Es geht schon in der zweiten Klasse los: Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das ist nicht jedermanns Sache – und es ist auch nicht überliefert, wie Florian Kohfeldt das in seiner Schulzeit fand. Jetzt aber ist es seine Spezialität.

Denn er will mit seinem Fußball, also seiner offensiven und mutigen Denkweise, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Werder erfolgreich ist. Das birgt allerdings auch Gefahren. Kohfeldt weiß das, deshalb weiht er gerne die Öffentlichkeit in seine Vorhaben ein, wirbt so um Verständis – wie auch nach dem 1:1 gegen Leipzig.

Da war diese Szene in der 86. Minute, als Timo Werner auf dem Weg zum 2:1 war – dem vermeintlichen Siegtreffer. Doch Werder-Keeper Jiri Pavlenka parierte. Die Bremer Fans jubelten, als hätte ihr Club selbst getroffen. Auch Kohfeldt war erleichtert, bedankte sich später beim Keeper. Aber er bereitete die Mannschaft, die Fans und die Medien auch schon mal auf ein anderes Szenario vor. „Wahrscheinlich wird irgendwann mal ein Timo Werner in so einem Spiel das Tor schießen“, meinte Kohfeldt. Nicht immer könne sich Werder auf seinen Keeper verlassen. „Aber ich glaube“, betonte der Coach: „Dass es einfach mehr Spiele geben wird, in denen wir uns belohnen, und dafür wollen wir stehen!“

„Wir wollten ,all in’ gehen“

Da ist sie – Kohfeldts Wahrscheinlichkeitsrechnung: Wer gewinnen will und dafür etwas riskiert, der gewinnt auch mehr. Diese Einstellung vermittelt der Coach seinen Spielern seit Amtsantritt Ende Oktober. Und er frischt diese Vorgabe mit Worten, aber auch Taten immer wieder auf. So auch gegen Leipzig. Kurz vor Schluss wurde für Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein ein Stürmer gebracht: Florian Kainz. Wer wagt das schon beim Stand von 1:1 gegen einen Champions-League-Teilnehmer? Kohfeldt! Er lebt vor, was er von den Spielern fordert: den absoluten Siegeswillen.

Mentales einstimmen auf das Spiel gegen RB Leipzig.

Die Botschaft ist angekommen, „ein mentales Etappenziel erreicht“, wie Kohfeldt urteilte. Jeder glaube nun wirklich daran, immer gewinnen zu können. Und so tritt Werder auch auf, wie Niklas Moisander rückblickend auf das Leipzig-Spiel erklärte: „Wir wollten ,all in’ gehen. Das ist die Art, auf die wir spielen wollen.“ Der Abwehrchef meinte mit seinem verbalen Ausflug ins Pokerspiel nicht nur die Schlussphase, sondern bereits die ersten Sekunden nach Spielbeginn. „Wir haben keine Angst vor den Gegnern“, sagte der Finne und schaute voller Vorfreude schon weiter: „Wir haben noch tolle Spiele zu Hause gegen Leverkusen und Dortmund, und die wollen wir mit offensivem Fußball gewinnen.“

Frank Baumann gefällt‘s

Das Leuchten in Moisanders blauen Augen war nicht zu übersehen. Den Spielern macht diese Art, Fußball zu spielen, Spaß. Genauso wie dem Sportchef. „Seit Florian Kohfeldt am Ruder ist, vermittelt er der Mannschaft, dass wir mit dem Ball etwas Vernünftiges anfangen wollen, wenn wir ihn haben. Dass wir ihn uns schnell zurückholen, wenn wir ihn verlieren und dass wir mutig spielen“, erklärte Frank Baumann und war damit noch längst nicht fertig: „Wir wollen uns anbieten und freilaufen und den Ball nach vorne tragen. Das ist der Fußball, den wir sehen wollen und für den Werder lange stand.“

Von 1999 - 2013 coachte Thomas Schaaf die Bremer Profis.

Speziell in den glorreichen Zeiten unter Thomas Schaaf hatte Werder so forsch agiert – zwischen 2003 und 2010 war das gewesen. Danach stimmte die Balance nicht mehr, Werder rutschte in den Tabellenkeller und konnte sich immer nur kurzzeitig daraus befreien. Schaafs Nachfolger Robin Dutt wählte den vermeintlich sicheren Weg, verordnete seinem Team eine unansehnliche Defensivtaktik – und scheiterte. Alexander Nouri erging es ähnlich. Dazwischen sorgte Viktor Skripnik zwar für mehr Offensivgeist, spielte am Ende aber Harakiri, weil ihm die Lösungen fehlten.

Risiko kennt durchaus Grenzen

Bei Kohfeldt ist das bislang anders. Der 35-Jährige sucht ständig nach neuen Ideen, um sein Team noch flexibler zu machen. Gegen Leipzig zog er Philipp Bargfrede aus dem Mittelfeld komplett in die Abwehr zurück. Klingt eigentlich defensiv, aber dafür rückten die Außenverteidiger weit nach vorne. Das System mag sich ändern, die offensive Ausrichtung bleibt. Das betont Kohfeldt immer wieder. Und noch etwas ist ihm wichtig: Die Mannschaft soll nicht blind nach vorne rennen. Gegen Leipzig gelang das vor der Pause perfekt, den Gästen wurde keine Torchance gestattet. Nach der Pause konnten sich die Leipziger zwar besser in Szene setzen und sich auch richtig gute Gelegenheiten erarbeiten, aber Werder ging erstens nicht unter und entblößte in der spektakulären Schlussphase auch nicht völlig die Defensive.

Das Risiko kennt also durchaus Grenzen, weil es ansonsten sehr wahrscheinlich schief gehen würde. Und Wahrscheinlichkeiten sind Mathematiker Kohfeldt sehr wichtig, denn am Ende müssen die Zahlen in der Tabelle stimmen.

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