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Matthias Sammer analysiert seit dieser Saison Bundesligaspiele für den TV-Sender Eurosport. An den Auftritten von Werder Bremen hat er besonders Gefallen gefunden.

Ex-Profi und Eurosport-Experte wird zum Werder-Fan

Sammer: „Kohfeldt ist ein wunderbarer Trainer“

Bremen - Montag könnte es wieder passieren, dann greift Matthias Sammer zum Mikrofon. Der Europameister von 1996 ist als TV-Experte bei Eurosport zum Werder-Fan geworden und spart dabei nicht mit Lob für die Bremer. Ganz besonders hat es ihm Trainer Florian Kohfeldt angetan – vor allem taktisch.

Es macht ihm sichtlich Spaß, die Spielideen des 35-Jährigen zu entschlüsseln. Als Ex-Profi (Dresden, Dortmund, Inter Mailand, Stuttgart), Ex-Coach (Dortmund, Stuttgart), einstiger DFB-Sportdirektor und ehemaliger Sportvorstand des FC Bayern ist Sammer ein absoluter Fachmann. Sein Sender Europsort überträgt immer freitags, dazu auch gelegentlich sonntags und montags. 

Für die DeichStube nahm sich der 50-Jährige viel Zeit, um im Interview seine besondere Freude an Werder, Kohfeldt, aber auch Kruse, Delaney und Kainz zu erklären – und natürlich blickte er zudem auf das Heimspiel am Montag gegen den 1. FC Köln.

Herr Sammer, Sie sind der neue Liebling der Werder-Fans – wie fühlt sich das an?

Matthias Sammer: Bin ich das? Aber da ich als Spieler ja immer so zurückhaltend war, mir in allen Stadien sämtliche Sympathien zugeflogen sind, wundert mich das nicht (lacht). Spaß beiseite. Ich vermute, das hängt wahrscheinlich mit der Beurteilung von Florian Kohfeldt zusammen.

Genau!

Sammer: Florian Kohfeldt ist ein wunderbarer Trainer, der in einer schwierigen Situation seiner Mannschaft eine Handschrift verpasst hat. Er macht das ganz hervorragend. Wir, also Jan Henkel (Moderator bei Eurosport, Anm. d. Red.) und ich, versuchen das zu analysieren. Daraus ergibt sich ein Ergebnis – und das ist bei ihm sehr positiv.

Was schätzen Sie denn so sehr an Florian Kohfeldt?

Sammer: A ist es wichtig, wie sich ein Trainer präsentiert – und B, ob du bei ihm eine klare Herangehensweise und eine taktische Flexibilität erkennen kannst. Beides ist bei ihm sehr imposant. Florian Kohfeldt bringt es in seinen Interviews vor und nach dem Spiel auf den Punkt – und das sehr kompetent. Und er gibt seiner Mannschaft eine klare Idee mit auf den Weg.

Beim Spiel in Mönchengladbach waren Sie in der Halbzeit aber nicht so zufrieden mit ihm.

Sammer: Das ist nicht ganz richtig. Seine Idee fand ich grundsätzlich nicht schlecht. Aber sie ist eben auch von der Umsetzung auf dem Feld abhängig. Florian Kohfeldt hat dann auf die Schwierigkeiten flexibel reagiert und taktisch einen neuen Impuls gesetzt. Das hat seiner Mannschaft gutgetan, deshalb ist sie ins Spiel zurückgekommen.

Wie gut kennen Sie Florian Kohfeldt eigentlich?

Sammer: Ich kenne ihn persönlich gar nicht. Nur von dem einen oder anderen Interview, das wir nach dem Spiel im Fernsehen per Schalte geführt haben. Es ist also eine rein fachliche Analyse seiner Arbeit, und die ist einfach imponierend.

Waren Sie überrascht davon, dass ein Trainer wie Phoenix aus der Asche kommen und bei einem Abstiegskandidaten für so interessanten Fußball sorgen kann?

Sammer: Bei Werder stand zunächst ja auch auf dem Prüfstand, ob es der richtige Weg ist, wieder einen Trainer aus den eigenen Reihen zu installieren. Frank Baumann und der Verein haben eine Analyse vorgenommen und Kohfeldt danach mutig in den Ring geworfen. Sie haben ihm die nötige Zeit gegeben. Das zeigt, dass nicht die erwarteten Entscheidungen für einen Trainer die richtigen sind, sondern die, die analytisch und fachlich am meisten Sinn ergeben. Da muss man dem Verein großen Respekt zollen, dass er den Mut hatte, wieder einen Trainer aus den eigenen Reihen zu nehmen. Das ist toll.

Kann Werder unter Kohfeldt denn wieder an die guten alten Zeiten anknüpfen?

Sammer: Wenn ich die Art und Weise sehe, wie sie Fußball spielen, habe ich natürlich gewisse Erwartungen. Aber es ist einfach zu früh und die Lage in der Tabelle noch zu instabil. Da sollte man immer schön bescheiden bleiben und die Kirche im Dorf lassen.

Kommt es Ihrer Idee von Fußball sehr nahe, wie Kohfeldt spielen lässt?

Sammer: Grundsätzlich finde ich es richtig, wenn ein junger Trainer einer Mannschaft etwas mitgibt, das auf dem Platz auch erkennbar ist. Bei Kohfeldt wird deutlich, dass er sowohl in Ballbesitz als auch gegen den Ball klare Vorstellungen hat und diese versucht zu veredeln.

Man könnte sagen: Werder spielt mehr agierenden, weniger reagierenden Fußball. Das trauen sich nicht viele Trainer in der Bundesliga. Warum ist das so?

Sammer: Das ist eine Frage, auf die ich aktuell auch keine Antwort habe. Florian Kohfeldt ist sehr bemüht, nicht nur zu zerstören und zu verteidigen, sondern auch selbst Impulse zu setzen. Er gibt seiner Mannschaft Kreativität und Inspiration mit und organisiert sie gleichzeitig damit. Ich war derjenige, der die Bundesliga dafür kritisiert hat, dass vielleicht zu viel gegen den Ball agiert wird. Dass man zu sehr versucht, über eine gute Grundordnung zu verteidigen. Dadurch kommen Lust, Leichtigkeit und Leidenschaft in Ballbesitz oftmals zu kurz. Ich hatte zuletzt aber das Gefühl, dass der Grundgedanke, nur noch zu zerstören, schon etwas abgeschwächt ist. Es gibt jetzt wieder mehrere Mannschaften, die versuchen zu agieren.

Mehmet Scholl hat sich gegenüber den jüngeren Trainern kürzlich sehr kritisch geäußert. Sie würden zu schnell ganz oben in der Bundesliga arbeiten. Wie sehen Sie das?

Sammer: Es gibt in der ersten und zweiten Liga 36 Cheftrainerposten, und wie immer im Leben ist eine gute Mischung eine gute Lösung. Der Fußball hat sich in den letzten Jahren sehr, sehr stark verändert. Mit den neuesten Ausbildungskonzepten tut sich die jüngere Trainergeneration vielleicht etwas leichter. Manchmal werden taktische Dinge aber auch etwas überbewertet, denn im Fußball geht es um mehr als die reine Taktik. Zu sagen: Die jungen Trainer können es besser wegen ihrer Innovationen, ist genauso falsch, wie zu sagen, die Alten können es besser aufgrund ihrer Erfahrung. Wir sollten das in der Diskussion verbinden. Am Ende ist es doch eine Frage der Kompetenz.

Schauen wir mal auf das Spiel am Montag: Was für ein Duell erwarten Sie aus taktischer Sicht zwischen Werder und Köln?

Sammer: Ich erwarte ein hochinteressantes Spiel, denn ich habe auch großen Respekt vor Stefan Ruthenbeck. Er hat den Kölnern in einer schwierigen Situation wieder Leben eingehaucht. Zuletzt war es ein bisschen zum Verzweifeln, dass sich die kölner gut präsentiert, aber nicht die Ruhe behalten haben. Gegen Stuttgart hätten sie nach der ersten Halbzeit zumindest einen Punkt mitnehmen müssen. In Verbindung mit den Bremer Qualitäten erwarte ich zwar nicht gerade ein Spektakel, aber ein attraktives Aufeinandertreffen.

Kann Claudio Pizarro Werder bei seiner Rückkehr ins Weserstadion wehtun?

Sammer: Claudio ist ein Phänomen. Ich habe ihn persönlich sehr schätzen gelernt, weil er als Mensch einfach wunderbar ist. Natürlich ist er ein kleines Schlitzohr, das musst du als Stürmer aber auch sein. Mit seinen 39 Jahren ist Claudio im Strafraum immer noch kaum zu stoppen. Kleiner Tipp an Werder: Pizarro vor dem Strafraum verhaften.

Einer, der auch heraussticht, ist Max Kruse. Würden Sie ihn mit zur WM nehmen?

Sammer: Die Frage ist mir zu einfach. Ein Kader braucht überall Qualität, aber auch Flexibilität. Die Typen sind wichtig. Genauso wie wir über Kruse reden, können wir auch über Lars Stindl von Mönchengladbach reden. Max Kruse ist im Offensivspiel sicherlich das Herzstück von Werder, weil er etwas einbringt, was dieser Mannschaft so unglaublich guttut. An Ballsicherheit, an Inspiration und Passspiel. Er ist oftmals nicht zu greifen. Ich finde ihn wirklich genial, wenn er mindestens einen eigenen Spieler vor sich hat. Wenn er selber ganz in der Spitze spielt, fehlt ihm ein Anspielpunkt. Für die Nationalmannschaft ist er immer ein Thema. Ich bin da aber vorsichtig, weil ich das Gesamtgerüst erst sehen müsste.

Ist Ihnen in den vergangenen Wochen noch ein anderer Werder-Spieler besonders aufgefallen?

Sammer: Ich finde Werder grundsätzlich interessant. Im Abwehrbereich Niklas Moisander mit seiner Erfahrung, gut organisiert, ein absoluter Führungsspieler. Philipp Bargfrede ist eine Werder-Ikone, sein Papa war schon für den Verein aktiv. Auch Thomas Delaney ist ein Arbeitstier, das unglaublich aktiv ist zwischen den Strafräumen. Daneben Maximilian Eggestein, ein talentierter Spieler mit sehr gutem Potenzial. Da hat Werder eine gute Achse. Florian Kainz ist zudem so eine Giftnudel im positiven Sinne. Ganz wunderbar. Die Mannschaft macht im Moment einen guten Eindruck.

Sie kommen am Montag nach Bremen. Haben Sie eine besondere Beziehung zum Weserstadion?

Sammer: Ich habe gerne dort gespielt, obwohl es manchmal für mich nicht so schön ausging. Bremen hat Fußballkultur und Tradition. Ein toller und authentischer Verein. Willi Lemke, Otto Rehhagel, Thomas Schaaf, das sind alles wunderbare Persönlichkeiten, die diesen Verein geprägt haben. Ich komme immer wieder sehr gerne nach Bremen.

Über die Montagsspiele wird sehr viel diskutiert, Fans kommen aus Protest nicht ins Stadion. Wie gehen Sie als Eurosport-Experte damit um?

Sammer: Wir sind Bestandteil eines Systems, und zwar nicht dessen, das bestimmt hat, dass am Montagabend Spiele stattfinden. Das war die DFL. Wir setzen das um und geben unser Bestes. Wir unterscheiden nicht zwischen Montagabend, Freitagabend und Sonntagmittag.

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