Im DeichStube-Interview spricht Maximilian Philipp über seine Zukunft bei Werder Bremen, die Wichtigkeit seines Tores gegen Freiburg und den Umgang mit Kritik.
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Im DeichStube-Interview spricht Maximilian Philipp über seine Zukunft bei Werder Bremen, die Wichtigkeit seines Tores gegen Freiburg und den Umgang mit Kritik.

Philipp im DeichStube-Interview

„Früher habe ich ständig meinen Berater genervt“: Philipp über seine ungewisse Zukunft und das Alternativprogramm zu Werders Bus-Party

Maximilian Philipp spricht im DeichStube-Interview über seine Zukunft bei Werder Bremen, den Umgang mit Kritik und den tragischen Tod seines Vaters.

Forsche Aktionen zeigt Maximilian Philipp lieber auf dem Platz, beim Interview mit der DeichStube präsentiert sich die Leihgabe des VfL Wolfsburg dagegen unaufgeregt und extrem höflich. Der 29-Jährige wählt seine Worte mit Bedacht, liefert so interessante Einblicke in seine Gefühlswelt und erklärt, warum ihm der SV Werder Bremen so richtig guttut. Nur bei der Zukunftsfrage gehen auch ihm die Ideen aus.

Herr Philipp, wie schwer ist eigentlich Leonardo Bittencourt?

Federleicht. 50, 60 Kilo vielleicht. (lacht)

Er ist Ihnen nach ihrem Treffer im Spiel gegen Freiburg direkt in die Arme gesprungen, hat sich erst einmal genüsslich tragen lassen und sich sehr über ihr erstes Tor für Werder Bremen gefreut. Was ging da zeitgleich in Ihnen vor?

Da ist eine riesige Last von mir abgefallen, weil ich lange Zeit nicht getroffen hatte und insgesamt durch ein sehr schwieriges Jahr gegangen bin. Das war enorm befreiend.

War es vielleicht auch ein Gefühl der Bestätigung, dass man es noch kann?

Definitiv. Ich hinterfrage immer alles, bin generell sehr nachdenklich. Ich habe mir sehr viele Fragen gestellt, zum Glück kam dann dieses Tor, wodurch schon sehr viele Fragen beantwortet wurden.

Welche sind denn noch offen?

Da gibt es noch einige, aber die behalte ich lieber für mich. (schmunzelt)

Werder Bremens Maximilian Philipp: „Unheimlich schwer, aus diesem Tief wieder herauszukommen“

Spüren Sie eine gewisse Genugtuung gegenüber den Kritikern, die Sie vielleicht schon in die Schublade gesteckt haben, in der Profis landen, die man gern als gescheitert bezeichnet?

Das Gute ist, dass ich mittlerweile gelernt habe, damit umzugehen und es mir mittlerweile völlig egal ist, was andere Personen von mir denken. Wenn du aber ein Jahr lang nur Niederlagen hast einstecken müssen, ist es auch unheimlich schwer, aus diesem Tief wieder herauszukommen. Ich hoffe einfach, dass ich jetzt weiterhin meine Einsätze bekomme, persönliche Erfolgserlebnisse habe und insgesamt von mir noch mehr kommt, um der Mannschaft in der Endphase der Saison zu helfen.

Sie haben schon einige Rückschläge in Ihrer Karriere erlebt. Mal waren Sie länger verletzt, dann lief es bei anderen Vereinen nicht. Wie lernt man, immer wieder aufzustehen?

Das ist immer leichter gesagt als letztlich getan. Ja, man muss immer dranbleiben und weiter Gas geben, aber du brauchst auch die gewissen Glücksmomente – vielleicht auch etwas ganz anderes, was dich glücklich macht und dir ein Lachen ins Gesicht zaubert. Früher war für mich immer nur der Fußball wichtig, alles hat sich darum gedreht. Haben wir gewonnen, war die Woche super. Wenn nicht, dann war auch ich schlecht drauf. Mittlerweile habe ich einen gesunden Abstand gefunden und einen Weg, dass der Fußball nicht mein Leben beeinflussen sollte. Natürlich ist der Fußball mein Beruf, meine Leidenschaft, aber ich habe gelernt, besser damit umzugehen.

Was bedeutet Glück für Sie, welche Oasen haben Sie gefunden?

Glück ist, wenn es meiner Familie gutgeht. Mit ihr, mit meiner Freundin und meinen Freunden habe ich genug Spaß. Und sie schaffen es immer wieder, mich aufzuheitern oder auf andere Gedanken zu bringen. Meine Familie ist der Mittelpunkt meines Lebens, daran ziehe ich mich hoch.

Bestand diese enge Verbindung schon immer oder ist Sie durch den frühen Krebstod Ihres Vaters im Jahr 2011, über den Sie schon öffentlich gesprochen haben, erst so richtig gewachsen?

Dieser Schicksalsschlag hat uns noch enger verbunden. Ich war ohnehin schon immer ein Familienmensch, aber das hat den Zusammenhalt noch einmal wachsen lassen.

„Ich gehöre schon fast zum alten Eisen“, sagt Werder Bremens Maximilian Philipp angesprochen auf sein Alter

Das allererste Mal mussten Sie sportlich wieder aufstehen, als Sie gerade 14 Jahre alt waren. Auch da ging es ums Gewicht, dieses Mal um Ihr eigenes. Sie wurden bei Hertha BSC, ihrem Heimatverein, als zu leicht sowie zu klein befunden und in der U15 aussortiert. Bricht da in diesem Alter nicht eine komplette Welt zusammen?

In dem Moment schon. Für mich gab es damals nur den Fußball und die Hertha, die zu der Zeit in Berlin der einzige echte Profiverein war. Du malst dir aus, wie du deinen Weg durch die Akademie gehst, ich war Balljunge bei den Spielen im Olympiastadion. Natürlich wollte ich dann auch für die Hertha spielen. Wenn du dann mit 14 Jahren erfährst, dass es aufgrund deiner körperlichen Maße nicht weitergeht, dann ist das richtig hart. Denn dafür kannst du einfach nichts.

Sind Sie immer noch zu leicht?

(Blickt an sich herunter) Ich denke nicht. (lacht)

Wie war dann die Rückkehr für Sie in der vergangenen Woche? Zu einem Verein, der Sie im Winter doch wieder wollte. Aber plötzlich tanzen Sie mit dem Gegner und einer wahnsinnigen Bremer Fan-Unterstützung hinterher in der anderen Kurve.

Es ist für mich immer besonders, wenn ich in meiner Heimat spiele. Aber jetzt spiele ich für Werder Bremen und da schiebe ich meine Gefühle beiseite. Wir wollten und mussten das Spiel gewinnen, natürlich feiere ich dann auch hinterher mit meiner Mannschaft und unseren Fans.

Das Aussortieren in der Jugend ist inzwischen 15 Jahre her, Sie sind mittlerweile 29 Jahre alt. Was macht der Gedanke an die Zeit mit Ihnen?

Manchmal denke ich schon, dass die Zeit ganz schön verflogen ist. Bald bin ich 30, gehöre schon fast zum alten Eisen. Das Alter ist letztlich aber nur eine Zahl, ich fühle mich noch nicht so alt – auch wenn es mit den Wehwehchen immer ein bisschen schlimmer wird. (lacht)

Sie haben in Freiburg gespielt, später für Borussia Dortmund. In Ihrer Vita sticht aber vor allem der Wechsel zum russischen Erstligisten Dynamo Moskau 2019 hervor – gerade aufgrund der aktuellen politischen Lage. Wie haben Sie das Land damals kennengelernt?

Ich war mir bewusst, dass es in Russland anders ist – aber nicht im negativen Sinne. Ich hatte Respekt vor dem Land, weil man um die Macht wusste, aber ich bin dort zum Fußballspielen hingegangen und nicht, um da politisch einzugreifen. Ich hatte eine gute Zeit, bis Corona kam, danach war es natürlich hart mit den Einschränkungen.

Werder Bremens Maximilian Philipp über seine öffentliche Wahrnehmung: „Hat mich nie gejuckt“

Haben Sie sich da als Fremder in dieser großen Stadt, der obendrein die Sprache nicht spricht, nicht unheimlich einsam gefühlt?

Ich hatte in Roman Neustädter und Konstantin Rausch glücklicherweise zwei Teamkollegen, die in Deutschland aufgewachsen sind, dort lange gespielt haben, aber russische Staatsbürger sind. Sie haben mir immer geholfen, allein war ich eigentlich nie. Aber ich war natürlich lange von der Familie getrennt, weil ich aufgrund der Pandemie keine Erlaubnis zur Wiedereinreise nach einem Deutschland-Aufenthalt gehabt hätte. Rückblickend war es trotzdem eine coole Zeit, die aufgrund der aktuellen Situation heute nicht vorstellbar wäre.

Zurück nach Bremen. Sie haben kürzlich nach der Freiburg-Partie erklärt, dass Sie ein sehr introvertierter Mensch sind. Ist diese Eigenschaft im rauen Fußball-Geschäft nicht eigentlich pures Gift?

Das mag stimmen. Es gibt aber immer auch die Zeit nach der Karriere. Ich denke, dass meine Art da womöglich besser ankommt als wenn ich jetzt überall herumposaunen würde, dass ich der Tollste und Beste bin.

Haben Sie denn schon eine konkrete Idee, was nach der Zeit als Profi kommen soll?

Ein paar Dinge habe ich im Kopf, aber Genaues weiß ich da noch nicht.

Bei einer Halbjahresleihe muss in der Regel alles sehr schnell gehen. Wer hat Ihnen in Bremen geholfen, sich im neuen Team zurechtzufinden und zu öffnen?

Das war die gesamte Mannschaft. Einige Jungs kannte ich ja schon aus Nationalmannschaften, zudem spielt man ja fast jedes Jahr gegeneinander. Die Jungs haben sich vielleicht alle am Anfang gedacht, dass ich ganz schön ruhig bin, aber sie haben mir alle Zeit gegeben. Mittlerweile wissen alle, wie ich ticke, was ich kann und dass ich niemand bin, der meint, er sei etwas Besseres. Das wirkt vielleicht manchmal so.

Inwiefern?

Ich habe in der Vergangenheit gehört, dass der Eindruck durch meinen Gang, meine Mimik oder Gestik entstanden sein soll.

Haben Sie mal bewusst versucht, das zu ändern oder ist es einem irgendwann egal?

Es hat mich nie gejuckt. Es interessiert mich schlichtweg nicht, was andere sagen.

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Wie feiert Werder Bremens Maximilian Philipp einen Sieg? „Ich bin da eher der ruhige Typ“

Waren Sie denn schon immer in sich gekehrt? Oder gab es auch mal den Maximilian Philipp, der das komplette Gegenteil war, vielleicht sogar über das Ziel hinausgeschossen ist?

Kurz nachdem mein Vater gestorben ist, hatte ich eine Zeit, in der ich wirklich sehr frech war. Damals war ich gerade in Cottbus. Das ging dann knapp anderthalb Jahre so, in Freiburg bin ich dann wieder normal geworden. Eigentlich war ich auch immer höflich, aber ich habe halt meinen Mund aufgemacht. Rückblickend betrachtet hätte das nicht sein müssen, dann hätte es auch schulisch anders laufen können. Aber daraus lernt man ja.

Wie war es letzte Woche nach dem Sieg in Berlin? Im Bus soll ja ordentlich gefeiert worden sein. Sind Sie ein Partyhengst und da aus sich herausgegangen?

Ich bin da eher der ruhige Typ. Ich habe einfach eine Serie geschaut.

Auf Ihrem Arm haben Sie ein Tattoo mit den Worten „Hope is not a dream, but a way of making dreams reality“ („Hoffnung ist kein Traum, aber eine Möglichkeit, Träume wahr werden zu lassen“). Was ist wichtiger: Die Hoffnung oder der Glaube?

Der Glaube.

Warum?

Weil der Glaube dich ja in dem bestärkt, was du hoffst.

Für Sie hat der Glaube als Christ eine doppelte Bedeutung. Wie wichtig ist Ihr Glaube für Sie?

Das wurde manchmal etwas übertrieben dargestellt. Ich habe durch diesen frühen Schicksalsschlag in meinem Leben meinen Glauben entwickelt, aber ich gehe nicht regelmäßig in die Kirche oder bete jeden Tag. Ich habe für mich festgestellt, dass der Glaube etwas ist, was mir im Leben sehr hilft. Genau wie dieses Gefühl, dass da jemand ist, der mich unterstützt.

So könnte die Startelf-Aufstellung des SV Werder Bremen gegen den FC Schalke 04 aussehen!

Bleibt Maximilian Philipp bei Werder Bremen? „Es würde eigentlich nichts dagegensprechen“

Womöglich auch im Saisonendspurt. Fünf Spiele sind es noch für Werder. Nur noch, wenn man es aus Ihrer Sicht sieht. Sie besitzen schließlich beim VfL Wolfsburg noch einen Vertrag bis zum Sommer 2025. Wie groß ist die Angst davor, dass Sie wieder nicht wissen, wie es weiter geht.

Stand jetzt kehre ich nach Wolfsburg zurück. Was dann passiert, wird man sehen. Ich weiß nicht, wie dort oder auch hier geplant wird.

Sind Sie sich denn im Klaren, wie Sie planen? Haben Sie einen konkreten Wunsch?

Nein.

Gibt es denn Argumente, die für Werder Bremen sprechen?

Klar, da gibt es einige. Die Mannschaft, das gesamte Trainerteam. Es macht unheimlich Spaß, hier zu sein. Ich habe wieder richtige Freude am Fußball entwickelt. Auch die Fans sind unglaublich. Es würde eigentlich nichts dagegensprechen.

Ist der zurückgewonnene Spaß nicht eigentlich das schlagkräftigste Argument bei der Zukunftsplanung?

Klar. Aber es ist halt kein Wunschkonzert. Ich kann nicht mehr machen, als zu versuchen, mich zu empfehlen. Und dann wird man eben schauen müssen, wie hier und in Wolfsburg geplant wird.

Woher nehmen Sie diese Gelassenheit?

Das ist auch mit dem Alter gekommen. Früher war ich sehr hektisch, habe meinen Berater genervt und ständig gefragt, wie es aussieht, ob noch etwas kommt und was wir jetzt machen. Ich habe aber immer irgendwie einen Weg gefunden, es gab immer eine Möglichkeit. Wenn ich fühle, dass es das Richtige ist, dann mache ich es. Wenn nicht, dann nicht. Ich mache mir da gar keinen Druck.

Gibt es denn bei Ihnen noch diesen Wunsch, bei einem Verein sesshaft zu werden?

Wer will das nicht? Es gibt nichts Schöneres, als sich bei einem Verein, bei dem man gebraucht wird und Spaß hat, festzuspielen und dann vielleicht auch seine Karriere zu beenden. Aber dafür muss eben alles passen, nicht nur das eigene Wunschdenken. (mbü)

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