Werder Bremen
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Mitten in der Krise: In der Bundesliga ist Werder Bremen nach elf Spieltagen noch ohne Sieg.

Mentale Mängel

Welchen Anteil die Spieler an Werders prekärer Lage haben

Bremen - Der Kapitän höchstselbst hat es kürzlich klar angesprochen. Es waren knappe Sätze, prägnant formuliert – und gerade deshalb steckte in ihnen große Aussagekraft. „Das Alibi ist weg“, lautete so ein Satz. „Es gibt keine Ausreden mehr“ ein anderer.

Zlatko Junuzovic dürfte sich vorher gut überlegt haben, wie er in der Öffentlichkeit auf die Entlassung seines Trainers Alexander Nouri reagiert. Der Österreicher entschied sich für Selbstkritik. Er nahm sich und seine Mitspieler in die Pflicht: „Das muss jetzt wirklich jeder verstanden haben.“ Knapp zwei Wochen nach diesen Aussagen stellt sich die Frage, ob das wirklich der Fall ist. Es ist zumindest kein gutes Zeichen, dass sich Nouri-Nachfolger Florian Kohfeldt veranlasst sah, nach dem Heerenveen-Testspiel die Mentalität der Mannschaft zu kritisieren.

Der Auricher Sprühregen kannte an diesem Abend kein Erbarmen. Wie feiner Staub legte er sich über das Ellernfeld-Stadion, in dem um 19.00 Uhr längst niemand mehr trocken war. Auch Kohfeldt nicht, der keine 24 Stunden später zum neuen Cheftrainer ernannt werden sollte. 90 Minuten lang hatte der 35-Jährige an der Seitenlinie ausgeharrt, auf den Schutz der überdachten Trainerbank oder seiner Kapuze verzichtete er freiwillig.

Kohfeldt kritisiert Mentalität schon nach zweiten Spiel

Ob nun gewollt oder nicht – es war ein Bild, das Nähe zum Team suggerierte, Verbundenheit mit den Spielern. Enttäuscht von ihnen war Kohfeldt hinterher trotzdem: „Wir wollen Spiele gewinnen, wir müssen Spiele gewinnen. Da muss man mit allem, was man hat, in der letzten Minute den Vorsprung verteidigen.“ Kohfeldt sagte das nicht laut und schon gar nicht scharf, aber eben doch unmissverständlich: „Diese Mentalität muss einfach rein.“

Jordy Bruijn hatte für Heerenveen in der Schlussminute zum 2:2-Endstand getroffen. Wieder kein Sieg für Werder. Eine Woche zuvor in Frankfurt war es Sebastien Haller gewesen, der den Gästen zum selben Zeitpunkt den Knock-out verpasst hatte. Nun können späte Gegentore vorkommen. Sie können durchaus auch zur unangenehmen Serie werden, ohne dass sich daraus gleich ein Mentalitätsproblem ableiten lässt. Angesichts von Werders nun schon monatelanger Erfolglosigkeit muss aber die Frage erlaubt sein, welchen Anteil die Mannschaft an der Krise trägt. Zum einen ist es kein gutes Zeichen, wenn der neue Trainer schon nach seinem zweiten Spiel, welches sogar nur Testcharakter hatte, von Mentalität sprechen muss.

Florian Kohfeldt (l.) kritisierte zuletzt die Mentalität seiner Mannschaft, auch Thomas Delaney äußerte sich enttäuscht.

Sportchef Frank Baumann sieht zwar kein generelles Einstellungsproblem bei den Spielern („Sie wollen laufen und kämpfen“), dass sie aber Schwierigkeiten haben, bis zum Ende das eigene Tor zu verteidigen, kann auch er nicht wegreden. „Das hat auch etwas mit Vertrauen zu tun. Wenn die Erfolge fehlen, werden Spieler passiv, weil sie Angst haben, den Sieg oder das Unentschieden noch zu verlieren. Das ist normal, und dann geht es häufig erst recht in die Hose“, erklärte der 42-Jährige, räumte aber ein: „An der Siegermentalität müssen wir definitiv arbeiten.“

Dabei hatte die vergangene Rückrunde gezeigt, dass es das aktuelle Personal deutlich besser kann. Während Werders beachtlicher Serie von elf Partien ohne Niederlage ließ Nouri zwischen Februar und April 21 Spieler zum Einsatz kommen. 15 davon sind heute noch dabei. Von den prominenten Sommer-Abgängen standen während der Serie nur Torhüter Felix Wiedwald und Florian Grillitsch regelmäßig auf dem Platz. Sowohl Serge Gnabry und Claudio Pizarro (erst verletzt, dann nur noch sporadisch berücksichtigt) als auch Clemens Fritz (verletzt) spielten Nebenrollen. Gleiches galt für Linksverteidiger Santiago Garcia, auf dessen Position sich die Bremer mit der Verpflichtung von Ludwig Augustinsson sicher nicht verschlechtert haben.

Werder-Test gegen Heerenveen

Werder Bremen gegen SC Heerenveen
Werder Bremen gegen SC Heerenveen © nordphoto
Werder Bremen gegen SC Heerenveen
Werder Bremen gegen SC Heerenveen © Gumz
Werder Bremen gegen SC Heerenveen
Werder Bremen gegen SC Heerenveen © nordphoto
Werder Bremen gegen SC Heerenveen
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Werder Bremen gegen SC Heerenveen
Werder Bremen gegen SC Heerenveen © Gumz
Werder Bremen gegen SC Heerenveen
Werder Bremen gegen SC Heerenveen © Gumz
Werder Bremen gegen SC Heerenveen
Werder Bremen gegen SC Heerenveen © Gumz
Werder Bremen gegen SC Heerenveen
Werder Bremen gegen SC Heerenveen © Gumz

Richtig ist: Nouri hat sich mit seiner (zu) starken Fokussierung auf die Defensive verspekuliert und dem Team damit die Torgefahr geraubt. Den Preis dafür hat er bezahlt. Richtig ist auch: Sportchef Baumann ist es im Sommer nicht gelungen, vergleichbar starke Transfers wie im Vorjahr (Kruse, Gnabry) zu tätigen und den Kader damit qualitativ zu verbessern. Die Mannschaft, die da ist, muss deswegen aber noch lange nicht zwangsläufig dort stehen, wo sie in der Bundesliga steht: fast ganz unten. Thomas Delaney sieht das ganz ähnlich. Gegenüber der dänischen Tageszeitung „Ekstrabladet“ sagte der Mittelfeldspieler: „Wir müssen nicht an der Spitze stehen, aber sollten auch nicht so weit unten sein. Es ist sehr enttäuschend.“

Mut macht, dass sich das Team nicht hängen lässt und zuletzt zweimal nach Rückständen zurückgekommen ist. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Tore in Frankfurt und nun auch gegen Heerenveen nach Standards und nicht aus dem Spiel heraus gefallen sind – und dass ihnen jeweils wieder entscheidende Aussetzer folgten. Kohfeldt hat in seiner kurzen Amtszeit schon mehrfach betont, dass er im Kader genügend Qualität für die Bundesliga sieht.

Kohfeldt: Ziel eines Trainers, „sich selbst überflüssig zu machen“

Auf dem Platz beweisen können das aber nur die Spieler. „Wir schaffen es im Moment nicht, die Sachen auf dem Platz umzusetzen.“ Das war vor elf Tagen auch so ein Junuzovic-Satz. Florian Kohfeldt hat nun die Aufgabe, das wieder hinzubiegen, die Blockade zu lösen. „Das Ziel eines jeden Trainers sollte es sein, sich irgendwann selbst überflüssig zu machen, weil die Mannschaft alles verstanden hat“, sagte er kürzlich mit einem Augenzwinkern. „Erlebt habe ich das bisher noch nirgendwo.“

Und so blieb am Donnerstagabend im Sprühregen von Aurich am Ende eine Erkenntnis: Ja, Werder braucht einen starken Trainer mit klarem Plan, um die Krise zu meistern. Daran muss sich Kohfeldt nun messen lassen. Werder braucht aber auch Spieler, die von der ersten bis zur letzten Minute ihre Qualitäten abrufen, um seinen Plan bestmöglich umzusetzen.

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