Für Michael Schulz treffen am Dienstagabend mit Werder Bremen und dem BVB seine zwei Herzensvereine aufeinander.
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Für Michael Schulz treffen am Dienstagabend mit Werder Bremen und dem BVB seine zwei Herzensvereine aufeinander.

Vor dem Bundesliga-Spiel gegen den BVB

Ex-Bremer Michael Schulz im Interview: „Werder ist ein geiler Verein“

Immer noch auf Ballhöhe: Michael Schulz, in den 1990er Jahren einer der ersten Co-Kommentatoren im Privatfernsehen, verfolgt die Bundesliga auch heute noch intensiv. Für den in Dortmund ansässigen Sender „Radio 91.2“ fertigt der 59-Jährige wöchentlich einen Podcast an und macht die Vorberichterstattung für Spiele von Borussia Dortmund - so auch vor der Partie am Dienstagabend (20.45 Uhr) gegen den SV Werder Bremen.

Der in Bergisch-Gladbach lebende Ex-Nationalspieler, der von 1989 bis 1994 für den BVB und danach bis 1997 für Werder Bremen auflief, sprach mit der DeichStube über das Duell seiner beiden ehemaligen Vereine.

Verfolgt das Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen Borussia Dortmund im Live-Ticker der DeichStube!

Wann haben Sie zuletzt ein Fußballspiel im Stadion gesehen, Michael Schulz?

Das ist schon so lange her, ich weiß es nicht.

Sie sind für eine Radiostation journalistisch tätig. In dieser Funktion haben Sie sich nicht für ein Geisterspiel akkreditieren lassen?

Nein, doch ich muss betonen, dass mir das Stadionerlebnis schon fehlt. Ich meine ein volles Stadion mit Fans, mit der gewohnten Atmosphäre. Das Schauen der Spiele in der Corona-Zeit ohne Zuschauer ist schrecklich. Ich muss viele Partien gucken. Wenn ich den Zuhörern schlaue Sachen erzählen soll, muss ich ja informiert sein. Mitunter muss ich mich regelrecht zwingen, den Fernseher anzumachen.

Wie bewerten Sie die Spielzeit des Werder-Gegners Dortmund?

Anfangs hatte ich die Hoffnung, dass die Mannschaft einiges aus den letzten Jahren gelernt hat. Dass sie nicht mehr so sehr in alte Muster verfällt und auch taktisch gereift ist, um mit den Bayern mithalten zu können. Doch die letzten Wochen haben mich dann eines Besseren belehrt.

Sie reihen sich also ein in die Reihe der grundsätzlichen Kritiker.

Ich sehe es differenziert. Jedes Jahr eine hohe Fluktuation, die Besten werden verkauft, es findet immer wieder ein gewisser Neuanfang statt. Es mangelt somit an der Konstanz. Es ist nicht einfach, immer wieder mit neuen und meist jungen Spielern eine Elf zu formen. Was willst du da verlangen? Die Jungen haben naturgemäß ihre Schwankungen, sind nicht so stabil wie erfahrene Spieler.

Sehen Sie bei der BVB-Truppe auch wie so viele ein Mentalitätsproblem?

Das ist nicht zu leugnen in den letzten Jahren. Dieses Problem, wenn die Borussia Spiele hergeschenkt hat gegen die vermeintlichen Underdogs. Es schien in dieser Saison überwunden zu sein. Doch dann kam Köln, der letzte Ausrutscher. Und nun die Pleite gegen Stuttgart, die die Lage dramatisierte und verschärfte. So darf man sich nicht präsentieren.

Werder Bremen: Gegner BVB hat vor dem Bundesliga-Spiel Lucie Favre entlassen

Die Kritik zielte seit Langem auf Lucien Favre, der nun entlassen wurde. Hat Sie die Beurlaubung überrascht?

Ehrlich gesagt schon, ich hatte nicht damit gerechnet, weil ich mir die Frage gestellt habe, wer ihm folgen soll. Mein Partner beim Podcast hat regelmäßig gefordert: Favre muss weg. Meine Antwort stets: Bleib mal locker! Ich halte Lucien Favre für einen guten Trainer. Auch die Bilanz spricht für sich: der beste Punkteschnitt aller BVB-Trainer, inklusive Jürgen Klopp. Doch mehr und mehr ist er in die Schusslinie gerückt. Seine Position war geschwächt, schon vor dem Debakel gegen Stuttgart.

Es heißt, dass die Mannschaft nicht mehr hinter dem Trainer stand. Ein Grund für die Trennung?

Das glaube ich weniger. Vom Typ her ist Favre ein sehr netter Mensch, der auch immer seine Spieler öffentlich in Schutz genommen hat, vielleicht manchmal zu viel. Ich vermute nicht, dass es Probleme im Austausch mit den Profis gegeben hat.

Die Lage vor dem Bremen-Spiel: der Trainer weg, der Fokus ist auf die Spieler gerichtet. Sind nun die Spieler gefordert?

Jetzt sind sie noch mehr in der Pflicht, das waren sie aber auch schon früher. Die Probleme sind bekannt: Als es vor zwei Jahren in Richtung Meisterschaft ging, es um alles ging, da hätte eine gefestigte Mannschaft normalerweise eigentlich keinen Trainer gebraucht. Niemanden, der sie motivieren muss. Ich habe die Reaktion mancher Borussia-Spieler nicht verstanden nach solchen „Eierspielen“, in denen sie alles verspielt hatten. Es wurde fast emotionslos hingenommen. Immer der gleiche Schmusekurs. Motto: Wir haben uns alle lieb. Das ist schön und gut, doch manchmal muss es auch rauschen. In dieser Mannschaft fehlen Anführer, die auch mal „A...“ sind und dazwischen hauen.

Was halten Sie von der Lösung, Assistent Edin Terzic bis zum Saisonende die Verantwortung zu übertragen?

Ich kenne ihn nicht. Wie ich gehört habe, soll er ein sehr emotionaler Coach sein, insofern ein ganz anderer Typ als Favre. Die Leute, die seinen Werdegang verfolgt haben, bescheinigen ihm, dass er eine ganz andere Art des Fußballspielens bevorzugt als Favre. Das ist auch notwendig. Denn unter Favre hat der BVB nur eine Art gekannt, immer die gleiche Spielweise, viel Ballbesitz, abwartendes Agieren. Wenn es klappte, war es Traumfußball. Wenn nicht, fehlten andere Lösungen. Der Elf mangelte es an Variabilität und Flexibilität. In Zahlen: 60 bis 80 Prozent Ballbesitz, fast 100 Prozent bei der Passquote – doch verloren.

Kommt der Trainerwechsel in Dortmund für die Bremer zur Unzeit?

Abwarten, es ist schwer einzuschätzen, ob es ein Nachteil für Werder Bremen ist, ob der erhoffte Effekt bei der Borussia sich nach zwei Tagen schon bemerkbar macht.

Stichwort: Erling Haaland…

…ein Naturereignis. Gegen einen solchen Stürmer hätte ich früher nicht spielen mögen. Momentan fehlt Haaland natürlich, was das Angriffsspiel weitaus ungefährlicher macht.

Kann der blutjunge Moukoko ihn schon ersetzen? Haben Sie das Supertalent schon live gesehen?

Ich habe ihn schon spielen gesehen in der Jugend. In der U 13 sah er schon aus wie ein Spieler aus der U 21. Im Nachwuchsbereich hatte er durch seine Körperlichkeit und Robustheit einen erheblichen Vorsprung. Das fällt nun weg. Er ist ein Toptalent, ohne Frage.

Mit Giovanni Reyna trumpft ein weiterer Jungstar auf. Ihr Urteil?

Eine absolute Granate, er macht einen sehr gereiften Eindruck. Mir gefällt seine Art, auch wie er sich außerhalb des Platzes gibt.

Was halten Sie von der Form des gebürtigen Bremers Julian Brandt? Ein Vertreter des körperlosen Spiels?

Stimmt in gewisser Weise, doch Brandt ist im Zweikampfverhalten schon noch stärker als Mario Götze, der penetrant jedem Duell aus dem Weg gegangen ist. Brandt ist ein Riesentechniker, der sich bemüht, zuletzt aber zu selten seine Fähigkeiten gezeigt hat. Er muss aufpassen, dass er nicht komplett untergeht.

Michael Schulz: „Gott sei Dank hat Werder Bremen die Relegation geschafft“

Zu Werder Bremen: Was halten Sie von der Entwicklung Ihres früheren Vereins?

Gott sei dank hat Werder Bremen die Relegation gepackt. Wir haben gezittert. Weil mein Radio-Kollege ausgewiesener Werder-Fan ist, haben wir Bremen oft thematisiert.

Wird Werder Bremen in dieser Saison wieder in den Abstiegskampf verwickelt?

Im Sommer nach der Transferphase, als aufgrund der finanziellen Schieflage nicht viel passieren konnte, hatte ich schon arge Bedenken. Doch dann kam der gute Start, ein verbessertes Mannschaftsspiel und ein zu erkennender Teamspirit.

Michael Schulz spielte von 1994 bis 1997 beim SV Werder Bremen. Das Bild entstand im März 1997.

Doch inzwischen ist wieder der Alltag eingekehrt: drei Niederlagen am Stück. Rutscht Werder Bremen nun in den Keller?

Nun, die Punkte von der Anfangsphase kann ihnen niemand mehr nehmen. Das ist positiv. Sowie die Entwicklung, die sich abzeichnet: Werder war im letzten Jahr oft chancenlos, nun sind sie meistens konkurrenzfähig. Doch die Bremer müssen jetzt die Kurve kriegen, gerade in der wichtigen Zeitspanne vor Weihnachten. Eine schwere Zeit, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Der Körper macht nicht mehr so mit, der Kopf ist leer. Und in dieser Saison wird es noch extremer, weil es keine Winterpause gibt.

Heiß diskutierte Frage an der Weser: Hätten Sie Max Kruse zurückgeholt?

Schwere Frage. Hinterher ist man immer schlauer. Wer seine Leistungen bei Union Berlin sieht, muss die Frage bejahen. Wer wenig Geld besitzt und wer für wenig Geld einen solchen Stürmer holen kann, sollte es versuchen. Natürlich ist Kruse ein Verrückter, doch das sind und waren andere auch. Ich erinnere nur an Mario Basler und seine Eskapaden. Doch: Hatte Werder reales Interesse? Wollte Kruse überhaupt?

Wie sehen Sie aus der Ferne den Trainer Florian Kohfeldt?

Meine Beobachtung: Er macht einen guten Job, tritt positiv auf, ist auch argumentativ in der Außendarstellung fehlerlos. Und mein Eindruck: Man merkt bei ihm das Werder-Gen. Er verkörpert Werder Bremen, er kennt den Club, was nicht ganz unwichtig ist.

Michael Schulz: „Gut, dass Werder Bremen Florian Kohfeldt das Vertrauen geschenkt hat“

Finden Sie gut, dass Werder Bremen ihm das Vertrauen geschenkt hat?

Ja, und ich freue mich, dass die Fachleute, die in der Führungsetage sitzen, dafür belohnt worden sind.

Sie haben diesen Fachleuten früher zusammengespielt...

Ja, mit Marco Bode in der Profielf, mit Frank Baumann zumindest in der Traditionsmannschaft. Beide machen vorbildliche Arbeit. Und noch einmal: Beide verkörpern diese Werder-Philosophie, was nicht unerheblich ist. Es zeichnet den Verein aus. Werder ist für mich ein letztes Stück Fußball-Romantik in der Liga. Werder ist ein geiler Club, eine spezielle Marke.

Sind Sie erstaunt, dass sich in Bremen eine „außerparlamentarische Opposition“ um die Ehemaligen Klaus-Dieter Fischer, Willi Lemke und Jörg Wontorra gebildet hat?

Ich bin nicht nah genug dran, um das beurteilen zu können. Ich weiß nicht, was die Gründe sind und ob sie gerechtfertigt sind.

Hat Werder Bremen gegen Borussia Dortmund eine Chance?

Warum nicht? Bremen hat sich zu einem Angstgegner der Borussen entwickelt, in den letzten Partien oft überzeugt und überrascht. Es waren schon immer, auch in meiner Zeit, besonderes Duelle. Und da ist alles möglich.

Wem drücken Sie die Daumen? Wie geht es aus?

Jetzt muss ich salomonisch werden. Ich liebe beide Vereine, habe eine etwas engere Bindung nach Dortmund, weil ich dort lange gelebt habe. Aber ich schätze auch Werder Bremen, für das ich immer noch mit den Oldies kickte. Also sage ich mal: 2:2.

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