Werders Heiko Flottmann sprach mit der DeichStube über die Nachwuchsarbeit bei den Grün-Weißen.
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Heiko Flottmann vom SV Werder Bremen sprach mit der DeichStube über die Nachwuchsarbeit bei den Grün-Weißen.

Über die Arbeit mit Talenten und deren Tücken

Nachwuchs-Koordinator Heiko Flottmann: „Ich nehme niemandem seinen Traum“

Bremen – Nein, ein Mann aus der ersten Reihe ist Heiko Flottmann nicht. Der 62-Jährige arbeitet eher von der Öffentlichkeit unbemerkt. Die Kameras sehen ihn nicht, aber er sieht viel. Sehr viel. Vor allem die Stars von morgen. Als Sportlicher Leiter für den Altersbereich U15 bis U17 trägt er Verantwortung im Nachwuchsbereich, ist auch als Scout unterwegs. Weltweit.

So hat der gebürtige Osnabrücker einst gemeinsam mit Wynton Rufer Top-Talent Josh Sargent für Werder entdeckt. Mit der DeichStube hat Flottmann über die Nachwuchsarbeit und deren Tücken gesprochen.

Herr Flottmann, wie viele Fußballspiele gucken Sie an einem Wochenende?

Mindestens eines pro Tag. Es können auch schnell drei pro Tag sein. Ich bin zunächst immer da, wo meine Mannschaften spielen. Aber das Aufgabengebiet beinhaltet nicht nur die Begleitung der eigenen Talente, sondern auch die Kaderplanung, das Scouting. Ich versuche, eine Übersicht zu bekommen, was in dem Alter auf Topniveau auf dem Markt los ist.

Wie groß ist dieser Markt?

Im U17-Bereich betrifft das tatsächlich schon die ganze Welt. In der U15 sichten wir deutschlandweit. Wir versuchen, einen Längsschnitt der Talente zu bekommen.

Was bedeutet das?

Dass man die Talente schon länger kennt. Wir müssen versuchen, die Talente früh zu erkennen. Die müssen dann noch nicht alle sofort bei Werder Bremen spielen. Aber wir müssen bereit sein, sie zum richtigen Zeitpunkt holen zu können.

Wann sollte ein Nachwuchsspieler seinen Heimatverein verlassen und zu einem echten Ausbildungsclub wechseln?

Die letzten Jahre haben gezeigt: Wenn man in der U17 nicht in einer Bundesliga-Mannschaft eines Leistungszentrums spielt, dann wird es schwer, den Sprung nach ganz oben zu schaffen. Natürlich gibt es immer mal wieder Ausnahmen – wie Hannovers Hendrik Weydandt (spielte mit 18 Jahren noch in der Kreisliga, d. Red.) oder Marius Bülter in Magdeburg (spielte mit 20 Jahren noch in der Westfalenliga, d. Red.).

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Heiko Flottmann: „Die Plätze im Internat sind begrenzt“

Was fehlt Talenten, die erst sehr spät in ein Leistungszentrum kommen?

In der U16 und U17 wird schon sehr viel über Details des Fußballs gesprochen. Dazu kommt die Schule, die ist das Wichtigste. Kann der Spieler das neben dem Fußball bewältigen? Entscheidend ist auch: Kommt er aus der Region oder benötigt er einen Platz im Internat? Diese Plätze sind begrenzt.

Grenzen Sie mit Ihren hohen Anforderungen nicht die berühmten Straßenfußballer aus?

Man grenzt tatsächlich Fußballer aus, aber das hat eher etwas mit dem Alter zu tun. Durch die Jahrgangsregelung gibt es viel mehr Spieler in einer U-Mannschaft, die im ersten Halbjahr geboren sind, weil sie in jungen Jahren einfach weiter in ihrer körperlichen Entwicklung sind.

Maxi Eggestein wechselte im Alter von 14 Jahren vom TSV Havelse zum SV Werder und hat es bis in die A-Nationalmannschaft geschafft.

Das ist doch ungerecht.

Das kann man durchaus so sagen. Es werden nicht immer die Richtigen im Nachwuchsfußball gefördert. Eigentlich müsste man in Gruppen von Spielern trainieren, die biologisch gleichaltrig sind. In der körperlichen Entwicklung sind da manchmal zwei, drei Jahre Unterschied. Der DFB bildet deshalb auch Perspektivkader mit Spielern, die in der zweiten Jahreshälfte geboren sind. In Dänemark dürfen einige ältere Spieler in jüngeren Mannschaften spielen. In Holland, Belgien und der Schweiz gibt es ähnliche Ansätze.

Aber was ist mit dem Straßenfußballer?

Die wird es auch weiterhin geben. Das hat übrigens nichts mit den aktuellen Forderungen von DFB-Teammanager Oliver Bierhoff zu tun oder den allgemeinen Parolen, sich wieder mehr den Straßenfußballern zu widmen. Seit 20 Jahren versucht doch zum Beispiel ein Horst Wein, mit seinem Funino-Fußball dieses Element in die Leistungszentren zu implementieren. Da sind wir dabei. Es ist falsch, im U13- oder U14-Bereich mit Pep-Guardiola-Videos taktische Dinge zu machen. Die Kinder sollen in dem Alter Spaß haben, frei spielen können.

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Flottmann: „Die Selbstorganisation der Spieler wird immer wichtiger“

Ist der Fußball für die Talente trotzdem anspruchsvoller geworden?

Deutlich anspruchsvoller – in allen Bereichen. Das Spieltempo ist viel höher. Ich muss viel schneller eine Situation erfassen, habe keine Zeit mehr, den Ball anzunehmen, dann erst mal nach einer Lösung zu suchen. Entweder kann man das intuitiv – wie beim Straßenfußballer, oder man wendet die Lösungen an, die einem ein Trainer gezeigt hat. Im Kopf muss da einiges stattfinden – und das ist sehr, sehr viel mehr geworden. Das sage ich auch den Eltern.

Was genau?

Die Selbstorganisation der Spieler wird immer wichtiger. Wie die Jungs ihren Tag strukturieren müssen, ist schon enorm. Die gehen morgens um 7 Uhr aus dem Haus und kommen teilweise erst um 21 Uhr zurück. Dazwischen waren sie in der Schule, müssen vernünftig gegessen und regeneriert haben, dann kommen noch Hausaufgaben und natürlich das Training – das ist eine hohe Verantwortung für jeden einzelnen Spieler.

Gehören die verhätschelten Nachwuchstalente der Vergangenheit an?

Wir fördern die Eigenständigkeit bei unseren Spielern sehr. Natürlich helfen wir den Jungs, weil viel auf sie zukommt. Sie befinden sich in keinem einfachen Alter. Das ist die große Herausforderung eines Leistungszentrums. Wir müssen die Jungs so fit machen, dass sie in etwa fünf Jahren auf Topniveau spielen können.

Wie enttäuschend ist es für Sie persönlich, dass es nur ein Bruchteil Ihrer Talente nach ganz oben schafft?

Ich nehme keinem seinen Traum, aber ich mache ihm und seinen Eltern klar: Eine Entwicklung geht nicht immer steil nach oben. Wenn es nicht klappt, sind die Jungs durch die Schule und den Teamsport gut aufs Leben vorbereitet. In Osnabrück haben sich mal Firmenchefs bei mir bedankt, weil sie Spieler von uns in der Ausbildung hatten. Die würden wissen, dass man erst etwas investieren muss, bevor man etwas bekommt.

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Und dann holen Sie einen Josh Sargent aus den USA, der es als 18-jähriger innerhalb weniger Monate zu den Profis schafft. Macht das die eigenen Talente nicht noch ungeduldiger?

Das glaube ich nicht. Josh hat doch woanders sehr hart gearbeitet, bis er an diesen Punkt gekommen ist.

Josh Sargent haben Sie im Herbst 2017 in den USA entdeckt, als Sie mit Wynton Rufer bei einem sogenannten Showcase waren. Vor einigen Monaten waren sie wieder gemeinsam dort, wen haben Sie mitgebracht?

Es war tatsächlich so, dass der eine oder andere amerikanische Agent auf uns zugekommen ist und gesagt hat: Hier ist der nächste Josh! (lacht) Wir können das aber schon ganz gut einschätzen. Einen neuen Josh haben wir leider nicht gesehen, aber viele andere interessante Spieler.

Josh Sargent: Seine Karriere in Bildern

Josh Sargent Werder Bremen
Joshua Thomas Sargent startete seine fußballerische Karriere bei St. Louis Scott Gallagher Missouri in den USA.  © gumzmedia
Vor allem in den Jugendauswahlmannschaften des „Team USA“ überzeugte Sargent auf ganzer Linie: Für die U17 erzielte der Angreifer 25 Tore in 44 Einsätzen.
Vor allem in den Jugendauswahlmannschaften des „Team USA“ überzeugte Sargent auf ganzer Linie: Für die U17 erzielte der Angreifer 25 Tore in 44 Einsätzen. © imago/ZUMA Press
Hier besucht Sargent gemeinsam mit seiner Freundin Kirsten Lepping ein Team-Training des SVW im November 2017.  
Hier besucht Sargent gemeinsam mit seiner Freundin Kirsten Lepping ein Team-Training des SVW im November 2017.   © gumzmedia
Am Tag seines 18. Geburtstages setzte er seine Unterschrift unter einen bis 2021 datierten Profivertrag bei Werder Bremen. 
Am Tag seines 18. Geburtstages setzte er seine Unterschrift unter einen bis 2021 datierten Profivertrag bei Werder Bremen.  © gumzmedia
Bei seinem Debüt für die A-Nationalmannschaft der USA konnte sich Werders Sturmhoffnung in die Torschützenliste beim 3:0-Sieg Ende Mai 2018 gegen Bolivien eintragen. 
Bei seinem Debüt für die A-Nationalmannschaft der USA konnte sich Werders Sturmhoffnung in die Torschützenliste beim 3:0-Sieg Ende Mai 2018 gegen Bolivien eintragen.  © imago/ZUMA Press
Seit Sommer 2018 trainiert Sargent bei den Profis mit und hat die komplette Sommer-Vorbereitung absolviert. Hier führt er ein Zwiegespräch mit Werders Cheftrainer Florian Kohfeldt.
Seit Sommer 2018 trainiert Sargent bei den Profis mit und hat die komplette Sommer-Vorbereitung absolviert. Hier führt er ein Zwiegespräch mit Werders Cheftrainer Florian Kohfeldt. © gumzmedia
Josh Sargent und Davy Klaassen feiern zusammen nach einem Treffer für die Grün-Weißen.
Josh Sargent und Davy Klaassen feiern zusammen nach einem Treffer für die Grün-Weißen. © gumzmedia
Der 1,85 Meter-Mann ist für die U23 in der Regionalliga aktiv (hier gegen St. Pauli II) und deutet regelmäßig sein großes Potenzial an.
Der 1,85 Meter-Mann ist für die U23 in der Regionalliga aktiv (hier gegen St. Pauli II) und deutet regelmäßig sein großes Potenzial an. © imago/foto2press
Was für ein Traum-Debüt! Gegen Fortuna Düsseldorf steht Josh Sargent erstmals im Bundesliga-Kader, er wird eingewechselt und erzielt kurz vor Schluss das Tor zum 3:1.
Was für ein Traum-Debüt! Gegen Fortuna Düsseldorf steht Josh Sargent erstmals im Bundesliga-Kader, er wird eingewechselt und erzielt kurz vor Schluss das Tor zum 3:1. © gumzmedia
Am Ende des Jahres 2018 konnte Sargent auf eine erfolgreiche Hinrunde zurückblicken, in der er in zwölf Einsätzen für die U23 sieben Mal einnetzte und in drei Bundesliga-Einsätzen zwei Tore erzielte.
Am Ende des Jahres 2018 konnte Sargent auf eine erfolgreiche Hinrunde zurückblicken, in der er in zwölf Einsätzen für die U23 sieben Mal einnetzte und in drei Bundesliga-Einsätzen zwei Tore erzielte. © gumzmedia
Nach seinem Startelf-Debüt gegen den VfB Stuttgart am 23. Spieltag (1:1) verlängerte der US-Boy seinen Vertrag an der Weser am 26. Februar 2019 langfristig - sein zuvor gültiger Vertrag lief bis 2021.
Nach seinem Startelf-Debüt gegen den VfB Stuttgart am 23. Spieltag (1:1) verlängerte der US-Boy seinen Vertrag an der Weser am 26. Februar 2019 langfristig - sein zuvor gültiger Vertrag lief bis 2021. © gumzmedia

Lässt man sich das dann nicht anmerken, um die vielen anderen Scouts nicht hellhörig zu machen?

Da ist in der Tat eine Menge los, die ganze Bundesliga ist vertreten, viele andere Ligen auch. Aber man kennt sich ja schon lange, deshalb muss man sich nicht verstellen. Aber es ist dort schon sehr speziell.

Warum?

Viele Eltern suchen für ihre Kinder über den Fußball ein Stipendium an einer Uni und verteilen Flyer. Für die sind wir im fernen Deutschland nicht so interessant.

In Bremen wird viel in die Ausbildung junger Spieler investiert, und dann werden 17-, 18-jährige Talente von anderen Clubs oder aus dem Ausland geholt. Wie passt das zusammen?

Wenn man im Leistungssport arbeitet, muss man Leistung anerkennen. Wir wollen in erster Linie ausbilden, aber ab der U17 wollen wir die Jahrgänge auch punktuell verstärken. Ansonsten kommen wir nicht auf das gewünschte Top-Niveau. Das hilft auch den Spielern, die schon da sind.

Werder kämpft um ein neues Nachwuchsleistungszentrum in der Pauliner Marsch, da haben sich die Bayern längst für 70 Millionen Euro einen Campus für ihre Jugend gegönnt. Sind Sie neidisch auf Ihren Ex-Club?

Ex-Club klingt vielleicht etwas zu hoch gegriffen. Ich habe von 2013 bis 2015 für den FC Bayern nebenberuflich als Scout für Norddeutschland gearbeitet. Wir müssen gar nicht auf die Bayern gucken, aber es ist existentiell wichtig, dass hier möglichst bald etwas passiert. Unter diesen Bedingungen können wir unsere Top-Talente bald nicht mehr optimal fördern.

Haben Sie noch Kontakt zu den Bayern?

Ja, vor allem zu Hermann Gerland (Sportlicher Leiter des Campus, Anm. d. Red.). Er ist gerne mal hier in Bremen. Wir kommen uns ja auch nicht in die Quere, unsere Clubs liegen ja weit auseinander (lacht).

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Was lieben Sie an Ihrem Job?

Unsere Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zu begleiten, wie sie erwachsen werden, wie sie es vielleicht in den Profi-Fußball schaffen, vielleicht aber auch in einen anderen Bereich.

Was gefällt Ihnen nicht?

Die finanzielle Entwicklung im Jugendfußball ist sicherlich kritisch zu hinterfragen.

Sollte das verboten werden?

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Aber heutzutage werden bereits bei 15-, 16-Jährigen Gelder gezahlt, die diskussionswürdig sind.

Was ist so gefährlich daran?

Den Spielern ist vielleicht schon so viel geboten worden, dass der Hunger auf das Leben im Profi-Bereich nicht mehr groß genug ist. Viele denken dann im U19-Bereich, dass sie schon fertig sind, dass sie automatisch in der Bundesliga landen. Ich habe mal vor ein paar Jahren als Trainer des SV Meppen in der Regionalliga viele Spieler aus der U19-Bundesliga angesprochen. Die haben alle nur den Kopf geschüttelt. Die wollten alle mindestens Zweite Liga spielen. Von denen hat es übrigens nicht einer in die Zweite Liga geschafft.

Würden Sie gerne noch mal als Trainer arbeiten?

Der Trainerjob ist tatsächlich das Schönste, was es gibt. Deshalb ist der Wunsch latent immer da. Letzte Saison durfte ich kurz mal die U17 übernehmen, aber nach 14 Tagen war Christian Brand als Nachfolger schon da. Ich schätze Christian wirklich sehr, habe ihn einst in Osnabrück als Zwölfjährigen im Bulli zum Training abgeholt. Aber diesmal war er mir wirklich zu früh dran, ich war schon ein bisschen sauer (lacht).

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Nachwuchs-Koordinator Heiko Flottmann (li.) im Gespräch mit DeichStuben-Reporter Björn Knips.

Das ist Heiko Flottmann

Mehr als 30 Jahre beim VfL Osnabrück – ein bisschen hat Heiko Flottmann etwas von Thomas Schaaf. Während der Double-Coach und aktuelle Technische Direktor den Großteil seines Lebens beim SV Werder verbracht hat, war Flottmann in vier verschiedenen Jahrzehnten und in wechselnden Funktionen für den VfL tätig. Ob Jugendtrainer, Co-Trainer, Chefcoach oder Leiter des Leistungszentrums – Flottmann hat alles gemacht. 

Nur Spieler war er nie bei den Lila-Weißen, sondern ausschließlich beim Osnabrücker Stadtteilverein TuS Haste 01. 2012 wechselte Flottmann als Cheftrainer zum SV Meppen, blieb aber nur eine Saison. Bis der heute 62-Jährige 2016 bei Werder Bremen als Nachwuchskoordinator und Sportlicher Leiter der U15 bis U17 einstieg, arbeitete er unter anderem als Scout für Bayern München.

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