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Björn Schierenbeck, Direktor des Nachwuchsleistungszentrums des SV Werder Bremen, hat derzeit wegen der Coronavirus-Krise weniger zutun, als ihm lieb ist.

Die tatenlosen Werder-Talente

Coronavirus-Krise stellt Werders Nachwuchs-Leistungszentrum vor offene Zukunft

Bremen – Dieser spezielle Anblick, er bietet sich Björn Schierenbeck Tag für Tag, und das schon seit Wochen. Gewöhnt hat sich der 45-Jährige aber noch immer nicht daran, denn dafür ist das Bild einfach viel zu fremd: leere Trainingsplätze. Auf dem Rasen, wo sich sonst im Schatten des Weserstadions täglich die Nachwuchstalente des SV Werder Bremen tummeln – keine Menschenseele.

„Auf dem Platz passiert bei uns gerade gar nichts“, berichtet Björn Schierenbeck, der als Direktor das Nachwuchsleistungszentrum des SV Werder Bremen verantwortet – und während der Coronavirus-Krise eine nicht ganz einfache Aufgabe zu erledigen hat: Er muss völligen Stillstand verwalten.

Im Gegensatz zur Bundesligamannschaft dürfen die zwölf Nachwuchsteams aus dem Leistungszentrum nicht in Kleingruppen trainieren, die räumliche Trennung der einzelnen Mannschaften und Spieler wäre auf der Anlage rund um Platz 11 auch gar nicht möglich. „Wir könnten das höchstens für die U19 und U23 organisieren“, sagt Schierenbeck. Aber auch da würde es schon schwierig werden. Also ruht die komplette Kaderschmiede, sämtliche Spieler inklusive der 20 Internatsbewohner sind zu Hause, werden dort von ihren Trainern per Video mit Trainingsübungen versorgt. 

Werder Bremen im Homeoffice: Ältere Jahrgänge arbeiten mit Pulsuhr, jüngere mit dem Ball

Während die älteren Jahrgänge (U17, U19 und U23) ähnlich wie die Profis während ihrer Zeit in „Heimarbeit“ mit Pulsuhren ausgestattet sind und individuelle Pläne abzuarbeiten haben, ist das Angebot für die Jüngeren (U8 bis U16) eher im spielerischen Bereich angesiedelt. „Unsere Trainer sind da sehr kreativ“, betont Schierenbeck. Trotzdem habe sich die Menge an Arbeit durch die Coronavirus-Pandemie natürlich deutlich reduziert. Ergebnis: Sämtliche Mitarbeiter des Bremer Leistungszentrums – Direktor Schierenbeck eingeschlossen – befinden sich derzeit in Kurzarbeit.

„Es fallen einfach viele Dinge weg, die wir normalerweise zu erledigen haben“, sagt Schierenbeck und zählt auf: „Wir brauchen gerade keine Vor- und Nachbesprechungen der Spieltage zu machen, ich führe weniger Spielergespräche und kann auch das Training nicht besuchen.“ Stichwort: Leere Plätze. Hin und wieder schaut Schierenbeck dort nach dem Rechten, er fährt ja ohnehin jeden Tag für etwa vier Stunden in sein Büro ins Weserstadion. „Ich spreche mich da mit den Kollegen ab, dass immer nur eine Person zurzeit die Räume nutzt“, erklärt er. 

Der Nachwuchs des SV Werder Bremen hat großes Interesse an einer sportlichen Beendigung der Saison

Die Aufgabe im Moment: Planen, was sich nur schwer planen lässt. „Es gibt viele Faktoren, die keiner kennt“, sagt Björn Schierenbeck, „das macht es natürlich schwerer“. Dem Ex-Profi, der für Werder zwischen 1997 und 2000 insgesamt 16 Mal in der Bundesliga auf dem Platz stand, ist vollkommen klar, „dass erstmal das Schulsystem wieder in Gang kommen muss, bevor wir daran denken, wieder Jugendfußball zu spielen“. An diesem Freitag ist im Leistungszentrum eine größere Besprechung geplant, um zu beraten, wie und wann es eventuell weitergehen kann.

Klar ist: Auch der Bremer Nachwuchs hat großes Interesse daran, die Saison sportlich zu Ende zu bringen. Bis vor der Unterbrechung lief es für viele Teams mehr als gut. Die U19 etwa ist Bundesliga-Spitzenreiter in der Staffel Nord/Nordost und steht zudem im Halbfinale des DFB-Pokals. Auch die U17 (Bundesliga Nord/Nordost, Platz drei) und die U15 (Regionalliga, Platz zwei) liegen gut im Titelrennen. „Es wäre schon sehr schade, wenn das am Ende nichts mehr Wert sein sollte“, sagt Schierenbeck – schiebt jedoch sofort hinterher: „Momentan steht die Gesundheit aber einfach vor allen anderen Dingen.“

Werder Bremen: U15-Spieler verzichten auf Fahrtgeld, keine Gespräche wegen NLZ-Modernisierung

So schwer und ungewiss die Lage auch sein mag, Schierenbeck hat in den vergangenen Wochen auch positive Erfahrungen gemacht. So hätten Eltern von einigen U15-Spielern initiiert, dass viele Kicker, die nicht von Werder Bremen gefahren werden, auf ihr vertraglich fixiertes Fahrtgeld verzichten. Auch nebenamtliche Mitarbeiter seien zu ihm gekommen, berichtet Schierenbeck, und hätten gesagt: „Ich habe zuletzt nicht gearbeitet, dann brauche ich auch kein Geld.“ All das, um den Verein in der Krise zumindest etwas zu entlasten. „Es ist eine große Solidarität zu spüren, und das ist einfach schön“, sagt Schierenbeck, dessen Abteilung, wenn man so möchte, gerade doppelt ausgebremst wird. Zum einen, weil der Betrieb ruht, klar. Zum anderen aber auch, weil die Pläne für die so dringend benötigte Modernisierung des Nachwuchsleistungszentrums während der Pandemie hintenanstehen.

„Die geplanten Gesprächsrunden mit den Anwohnern und dem Beirat können durch diese Situation momentan nicht stattfinden“, sagt der Direktor, „auch dafür ist es gerade kein guter Zeitpunkt.“ Und dass noch nicht klar ist, ob die Werder-Profis in der kommenden Saison in erster oder zweiter Bundesliga spielen, macht die Sache nicht besser. Zwar hatte Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald erst kürzlich gesagt, dass der Club weiter an seinen Plänen mit dem Leistungszentrum festhält. Er hatte aber auch betont: „Jeder weiß, wie teuer ein Abstieg ist. Dann wäre es deutlich schwieriger, dieses Projekt zu realisieren.“

Werder Bremens Nachwuchsdirektor: „Wenn es irgendwann weitergeht, haben wir Rasen wie in Wimbledon“

Schierenbeck und seinen Mitarbeitern bleibt also vorerst nicht viel mehr übrig, als weiter abzuwarten. Dabei richtet sich der Blick freilich auf die große Bundesliga. Bevor der Ball dort nicht wieder rollt, wird es auch keine Jugendspiele geben. Zumal den Nachwuchskickern keine engmaschige medizinische Betreuung zur Verfügung stehen dürfte und auch Geisterspiele nur schwer zu organisieren wären.

Schierenbeck ist längst an dem Punkt, dass er die Dinge nimmt, wie sie kommen. Seine positive Art hat sich der gebürtige Bremer trotz all der Widrigkeiten bewahrt. Über die leeren Trainingsplätze sagt er inzwischen: „Für unsere Greenkeeper sind das tolle Arbeitsbedingungen. Wenn es irgendwann weitergeht, haben wir hier Rasen wie in Wimbledon.“ (dco)

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