Florian Kohfeldt, Trainer des SV Werder Bremen, gestikuliert am Spielfeldrand. In das große Foto eingeklinkt ist ein Portrait von Taktik-Experte Tobias Escher.
+
Trainer Florian Kohfeldt hat Werder Bremen nach dem Fast-Abstieg in der Vorsaison einen defensiveren Stil verpasst. Taktik-Experte Tobias Escher analyisiert die Vor- und Nachteile.

Taktik-Fuchs im Interview mit der DeichStube

„Das ist ein Teufelskreis“: Taktik-Fuchs Tobias Escher über die Vor- und Nachteile des neuen Spielstils von Werder Bremen

Bremen – Schön sieht er nicht aus, aber er bringt bisher Punkte – der Fußball, den Trainer Florian Kohfeldt in dieser Saison bei Werder Bremen spielen lässt, hat in der Öffentlichkeit bereits für kontroverse Diskussionen gesorgt.

Jene, die den neuen Defensivstil für alternativlos halten, streiten sich mit denen, die sich mehr Mut und Vorwärtsdrang auf dem Platz wünschen. Im Interview mit der DeichStube erklärt Taktik-Experte Tobias Escher (32), weshalb er Verständnis hat für den neuen Kurs beim SV Werder Bremen, der allerdings auch gefährlich werden könne.

Herr Escher, Werder-Trainer Florian Kohfeldt musste sich in dieser Saison schon die Frage anhören, ob seine Mannschaft der neue Spaßverderber der Liga sei. Zurecht?

Man muss auf jeden Fall sagen, dass vom Hurra-Fußball vergangener Tage nicht so viel übrig ist. Das ist aber auch verständlich, wenn man sich die vergangene Saison anguckt, und wenn man schaut, warum Werder so unten reingerutscht ist. Die Mannschaft hat früh Punkte verschenkt, hat lange versucht, auf Ballbesitz-Fußball zu bestehen. In der laufenden Saison ist Werder in diesem Punkt sehr viel flexibler und sagt sich: Okay, wenn eine Mannschaft wie Frankfurt vielleicht nicht damit umgehen kann, uns zu bespielen, dann lassen wir ihnen den Ball und stehen tiefer.

Also ist die Fokussierung auf die defensiven Elemente des Spiels der richtige Schritt, den Werder gewählt hat?

Ja und nein. Kurzfristig ist es natürlich nachvollziehbar, weil man aus der vergangenen Saison lernen musste und nur wenig Selbstbewusstsein mitgebracht hat, das nun mal über Ergebnisse kommt. Langfristig ist aber die Frage, wie Werder wieder den Sprung hinbekommt. Im Spiel gegen Köln war die negative Seite des neuen Kurses zu sehen. Nämlich, dass es die Mannschaft noch stärker als in der vergangenen Saison verlernt hat, einen Gegner, der selber nichts für die Offensive tut, zu knacken.

Werder Bremens neuer Spielstil: Taktik-Experte Tobias Escher lobt Verhalten gegen den Ball

Ist es in Ihren Augen fair, dass Werder aktuell verhältnismäßig viel Kritik für den neuen Stil bekommt?

Ich denke, man sollte Verständnis für Werder walten lassen. Dabei gibt es sicherlich einen Unterschied zwischen den Fans der Mannschaft und neutralen Beobachtern wie mir. Die meisten Fans haben verstanden, was seit der letzten Saison Sache ist. Es ist ja so: Wenn du schön spielst und verlierst, bekommst du wenigstens noch das Lob, dass du schön gespielt hast. Und wenn du hässlich spielst und gewinnst, kriegst du das Lob, dass du gewonnen hast. Die schlimmste Kombination, die es gibt, ist hässlich spielen und nicht gewinnen, denn damit verlierst du im Drumherum irgendwann alle.

Gibt es etwas, das Ihnen am neuen Werder-Stil gut gefällt?

Zum einen das Verhalten gegen den Ball. Werder steht kompakt, ist vielleicht manchmal etwas zu passiv, aber das hat sicherlich mit den Erfahrungen aus der letzten Saison zu tun. Gegen Köln hat man zudem gemerkt, dass die Spieler nach Ballverlusten nicht abschalten, dass sie direkt wieder draufgehen. Wenn Werder auf den Gegner Druck ausübt, hält die Mannschaft ihn hoch. Dabei helfen alle mit, keiner setzt aus. In der letzten Saison war es öfter zu sehen, dass ein, zwei Spieler Druck ausgeübt haben und der Rest sich nach hinten orientiert hat. Damals gab es keine gemeinsame Linie. Das ist jetzt anders und der positivste Effekt, den man aus den ersten Spielen mitnehmen kann.

Taktik-Analyse: Werder Bremen hat spielstarke Akteure verloren - Teufelskreis im Spiel nach vorne

Und wo gibt es noch Luft nach oben?

Es wäre schön, mal wieder ein paar Phasen des hohen Pressings einzustreuen, also den Gegner wirklich schon weit in dessen Hälfte zu stören. Ganz vereinzelt war es in einigen Spielen schon zu sehen. Gegen Bielefeld hingegen gab es in der Hinsicht das negativste Beispiel. Da hat sich Werder sehr in die Passivität geflüchtet. Damit machst du natürlich einen Gegner stark, wenn er zehn, 20 Pässe am Stück spielen kann. Da kommt bei jedem Spieler das Selbstvertrauen zurück, auch wenn seine Mannschaft hintenliegt.

In der Diskussion über die Art und Weise des Bremer Spiels kommt von den Werder-Verantwortlichen schnell das Argument, dass in Davy Klaassen der wichtigste zentrale Spieler im Sommer gegangen ist. War er taktisch wirklich die prägende Figur?

Als prägende Figur würde ich ihn nicht bezeichnen, aber er war natürlich ein Schlüsselspieler. Weil er ein Spieler ist, der sehr viel vorne reingeht, der sehr viel Tiefe schafft, der aber auch Bälle fordert. Eine Art Tausendsassa. Zusammen mit Maximilian Eggestein war er zudem häufig der lauffreudigste Spieler. Ich würde es aber gar nicht unbedingt auf Klaassen reduzieren. Werder hatte im Mittelfeld sehr viele Abgänge. Selbst wenn Nuri Sahin und Philipp Bargfrede gar nicht mehr so viel gespielt haben, waren sie doch Spieler, die für den Ansatz standen, Situationen auch mal fußballerisch zu lösen. In der Rückrunde hat es Werder dann mit Kevin Vogt versucht. Im Sommer hat der Verein dann sehr viele spielstarke Akteure verloren.

Das Mittelfeld ist der Mannschaftsteil, in dem Werder die größten individuellen Verluste hatte. Das merkt man auf taktischer Ebene, weil das Passspiel durchs Mittelfeld nicht mehr flutscht. Gegen Köln sind Spieler wie Bittencourt und Milot Rashica immer wieder entgegengekommen, um überhaupt Bälle zu bekommen. Das ist aber eigentlich das, was du nicht haben willst, wenn ein Gegner so tief steht. Da musst du vorne genug Tiefe und Anspielstationen haben. Aber wenn die Offensivspieler tief kommen müssen, fehlt vorne jemand. Das ist dann ein Teufelskreis, in den sich die Mannschaft begibt.

Taktik-Experte Tobias Escher: Werder Bremen ist nicht Abstiegskandidat Nummer eins - Manche Teams viel schlechter als letztes Jahr

Sie sehen sich Woche für Woche viele Bundesliga-Spiele über die vollen 90 Minuten an, haben also einen sehr guten Überblick über die Leistungsstärke der Mannschaften. Wie schwer wird dieses Jahr für Werder?

Das Gute ist, dass durch die Corona-Situation relativ wenige Teams auf dem Transfermarkt zuschlagen konnten. Der Tabellenkeller ist jetzt klarer definiert. Es gibt mit Köln, Mainz, Schalke und Bielefeld vier Mannschaften, die momentan wirklich unterirdischen Fußball spielen. Das kann man nicht anders sagen. Vom Niveau her ist das sehr viel schlechter als der Abstiegskampf im letzten Jahr. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Teams, die gemessen an ihrer Leistungsfähigkeit bisher wenig Punkte geholt haben. Ich denke da an Hoffenheim und Hertha, die aktuell hinter Werder stehen, aber dort nicht bleiben werden.

Wofür es am Ende reicht, hängt sehr stark davon ab, ob Werder selber eine Weiterentwicklung hinbekommt. Ob die Mannschaft es wieder schafft, Spiele nicht nur komplett zu zerstören, sondern auch zu dominieren. Das muss ja gar nicht immer über Ballbesitz sein. Es gibt viele Teams in der Fußballgeschichte, die über gute Konter oder über ein gutes Mittelfeldpressing den Gegner gar nicht zur Entfaltung haben kommen lassen. Momentan sehe ich Werder insgesamt nicht als Abstiegskandidat Nummer eins. (dco)

Zur Person: Tobias Escher ist Sportjournalist und Buchautor, sein Fachgebiet: Fußball-Taktik. Für die DeichStube analysiert er alle Spiele von Werder Bremen.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare