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Niclas Füllkrug im Interview. So geht es dem Stürmer des SV Werder Bremen nach seiner schlimmen Verletzung.

Profi des SV Werder Bremen hat seinen Unfall auf dem Handy

Niclas Füllkrug spricht im Interview mit der DeichStube erstmals über seine Verletzung: „Das war brutal“

Bremen – Es war der Schockmoment in der noch jungen Saison des SV Werder Bremen: Am 20. September erwischte es Niclas Füllkrug richtig übel im Training, der 26-Jährige zog sich einen Kreuzbandriss zu. Ausgerechnet Niclas Füllkrug!

Der Neuzugang, den der SV Werder Bremen im Sommer für eine Ablösesumme von 6,5 Millionen Euro von Hannover 96 geholt hatte, war nach einem Knorpelschaden – zugezogen im Dezember 2018 – gerade erst wieder richtig in Fahrt gekommen. Erstmals nach seiner Operation spricht Niclas Füllkrug über seinen schweren Rückschlag und verrät im Interview mit DeichStube, wie er am Samstag beim Heimspiel von Werder Bremen gegen Hertha BSC (Live-Ticker in der DeichStube) Tore bejubeln will, ohne sein operiertes Knie zu gefährden.

Herr Füllkrug, vor vier Wochen haben Sie sich das Kreuzband gerissen, wie geht es Ihnen?

So langsam wieder ganz gut. Ich durfte jetzt das erste Mal wieder in den Kraftraum und freue mich, dass ich endlich mal wieder etwas Energie und Frust herauslassen kann. Ich mache natürlich nur Oberkörpertraining. Aber ich darf mein Bein schon wieder voll belasten. Ich trage nur noch einen Beugestopp, also eine Schiene, damit auch der Außenmeniskus gut verheilt.

Mögen Sie überhaupt noch auf den Unfall zurückblicken und darüber sprechen?

Kein Problem, ich habe die komplette Szene in Slow Motion auf meinem Handy – aber ohne Ton.

Das hörte sich damals auch nicht gut an, Sie haben sehr, sehr laut geschrien.

Es tat auch brutal weh – und ich wusste sofort, was passiert ist. Merkwürdig war, dass der Schmerz nach 20, 30 Sekunden wieder weg war. Wie ich später gehört habe, ist das oft so bei Kreuzbandverletzungen. Tja, wenn ein Stürmer zu viel Defensivarbeit leistet...

SV Werder Bremen: Niclas Füllkrug macht Benjamin Goller keinen Vorwurf

Sie wollten im Trainingsspiel Angreifer Benjamin Goller stoppen.

Wir hatten ein schweres Bundesligaspiel gegen Leipzig vor der Brust und waren nach den vielen Verletzungen in einer schwierigen Situation – da wollte ich im letzten Training noch mal vorneweg gehen, die anderen Jungs mitnehmen. Deswegen bin ich nach hinten gesprintet und habe mich voll reingehauen. Dass dabei so etwas passiert, ist mega unglücklich. Und um eines klarzustellen: Das hat überhaupt nichts mit meinen früheren Verletzungen zu tun.

Sie hatten drei Knorpelschäden, sind deswegen drei Mal am Knie operiert worden.

Laut der Ärzte bin ich trotzdem von der Muskulatur und den Bändern her ein sehr fester Spieler. Es musste wirklich alles zusammenkommen, dass so ein Unglück passiert. Mein Fuß stand ganz fest, der Gegner kam so von hinten aufs Knie, dass das Kreuzband weggeflogen ist. Die Bilder zeigen ja: Mehr Kräfte konnten auf das Knie gar nicht einwirken.

Machen Sie Benjamin Goller einen Vorwurf?

Nein, überhaupt nicht. Ich attackiere doch ihn, er kann gar nichts dafür. Er war ganz schön geschockt danach – wie später die ganze Mannschaft. Es war ganz still in der Kabine.

Hätten Sie sich in der Aktion nicht zurückhalten müssen?

Aber genau diese Szenen zeichnen mich doch aus. Ich gehe dahin, wo es wehtut – auch hinten. Auch deshalb bin ich ein guter Stürmer, auch deshalb hat mich Werder Bremen zurückgeholt.

Wie groß war der Schock bei Ihnen?

Es war brutal! Da gehen einem viele Dinge durch den Kopf. Aber ich habe nie daran gedacht, jetzt aufzuhören. Ich glaube sogar, dass die Reha einfacher wird als bei den letzten Malen.

Warum?

Beim Knorpelschaden ist es schwieriger, das Training zu steigern, weil es immer einen Druck auf diese eine Stelle gibt. Beim Kreuzbandriss muss nur alles gut verwachsen und sich der Körper daran gewöhnen, dass jetzt andere Bänder das Knie halten. Das Auftrainieren sollte so einfacher und nicht so schmerzhaft werden, hoffe ich zumindest.

Haben Sie sich einen Termin als Ziel gesetzt, wann Sie wieder spielen wollen?

Nein. Ich werde ganz gewiss keine Nacht- und Nebelaktionen starten, um in vier Monaten wieder auf dem Platz zu stehen. Ich mache mir diesmal nicht so einen großen Druck. Da bin ich vernünftiger, sicher auch erwachsener geworden. Das Knie wird mir schon zeigen, wie lange es dauert, bis ich wieder richtig fit bin. Bis jetzt ist alles gut, es dauert aber seine Zeit. In Deutschland werden jedes Jahr Tausende Kreuzbänder geflickt. Ich bin guter Dinge, dass alles gut wird.

Sie hatten sich gerade erst nach einem Knorpelschaden zurückgekämpft und einen tollen Saisonstart hingelegt – wie verarbeitet man dann so einen herben Rückschlag?

Ich arbeite auch psychologisch daran – mit unserem Mentaltrainer Andreas Marlovits. Ich habe aber auch noch einen eigenen Mentalcoach. Was diesmal total krass war, das waren die Schmerzen nach der Operation. Ich habe drei unglaubliche Tage erlebt. Die Ärzte haben gesagt, das hätten sie so nach einem Kreuzbandriss noch nicht gehabt. Ich lag den ganzen Tag mit dem Bein in einem Kühlgerät, um das irgendwie ertragen zu können. Und ich bin wirklich nicht schmerzempfindlich. Aber selbst da war mir klar: Ich will wieder Fußball spielen, auch wenn so etwas vielleicht wieder passieren kann.

Warum?

Ich liebe den Fußball viel zu sehr. Das einzige, was wirklich schade ist: Ich war in den letzten zwei Jahren richtig gut drauf, konnte das aber nicht konstant zeigen, weil ich so heftig ausgebremst wurde. Ich will einfach noch mal meine 14-Tore-Saison in der Bundesliga bestätigen. Ich war da wirklich auf einem guten Weg, hier bei Werder Bremen hat alles gepasst. Ich habe auch gespürt, dass die Mannschaft mir vertraut, dass vielleicht genau so ein Typ wie ich da vorne gefehlt hat.

Florian Kohfeldt ist kurz nach dem Trainingsunfall zu Ihnen in die Kabine geeilt und wirkte so mitgenommen wie nie zuvor.

Florian ist ja nicht nur ein Trainer, sondern auch ein Mensch und für mich ein Freund. Er weiß einfach, dass es dann wichtig ist, dass in diesem Moment eine vertraute Person an meiner Seite ist. Und Florian ist für mich eine vertraute Person, wir kennen uns schon sehr, sehr lange.

SV Werder Bremen: Niclas Füllkrug hofft auf Siegesserie im Weserstadion

Werden Sie am Samstag im Weserstadion sein?

Natürlich, ich habe schon Lust drauf. Wenn ich auf dem Sofa liege, gucke ich gerade jedes Spiel, das läuft. Jetzt wieder hautnah dabei zu sein, anschließend vielleicht in die Kabine zu gehen, darauf freue ich mich schon.

Müssen Sie beim Torjubel auf Ihr Knie aufpassen?

Ich werde bestimmt keinen Handstand machen. Wenn man ein bisschen Ahnung vom Fußball hat, dann sieht man so ein Tor ja auch kommen. Da kann ich ja schon mal langsam aufstehen . . .

Werden Sie einen Teil Ihrer Reha wie in der Vergangenheit auch wieder in Donaustauf absolvieren?

Das weiß ich noch gar nicht. Ich will auch, ehrlich gesagt, nicht zu lange von meinen beiden Frauen weg sein. Die Kleine ist ja erst ein paar Monate alt. Andererseits bin ich auch, wie ich bin.

Was meinen Sie damit?

Na ja, Florian Kohfeldt ist wirklich ein herzensguter Mensch und hat mir angeboten: „Mensch, flieg’ doch ein paar Tage weg, mach’ dir den Kopf frei.“ Aber ich kann das nicht. Für mich ist jeder Tag, an dem ich nicht behandelt werde oder nicht etwas für mein Knie mache, ein verlorener Tag. Es gibt Menschen, die können abschalten, ich kann das nicht.

Was ist das Nervigste für Sie in dieser Situation?

Die Schiene, die ständig runterrutscht. Wir bekommen wirklich viel Hilfe von unseren Familien. Ich liege hauptsächlich auf dem Sofa, koche ab und zu mal etwas Leckeres und kümmere mich um die Kleine. Tragen kann ich sie inzwischen wieder ganz gut, aber Hin- und Herlaufen ist noch etwas schwierig. Und nur Schuckeln auf dem Sofa, das merkt sie sofort, das reicht ihr nicht (lacht). Nein, nein, das kriegen wir alles hin. Die nervigste Zeit habe ich hinter mir.

Sie galten als das fehlende Puzzlestück bei Werder Bremen, um die hohen Ziele zu verwirklichen, und haben als Mittelstürmer auch gleich gut eingeschlagen. Wie soll ohne Sie Europa erreicht werden?

Wir haben schon ein paar Spieler in der Mannschaft, die in einen richtigen Lauf kommen können. Ich denke dabei zum Beispiel an Johannes Eggestein. Er hat die Qualität, eine konstante Torquote zu bekommen. Das gilt auch für Josh Sargent. Und wenn sich die Tore ganz gut verteilen, kannst du dieses Ziel auch erreichen. Es wird schon ein Mega-Fortschritt sein, wenn Yuya Osako wieder fit ist. Dann haben wir auch wieder jemanden, der ganz vorne in der Zentrale anspielbar ist. Wir müssen einfach diese vielen Steine, die uns in den Weg gelegt worden sind, irgendwie wegräumen. Wenn wir nach dieser Saison Europa erreichen, wäre das ein Riesenschritt.

Ihr Tipp für das Spiel gegen Hertha?

Ich hoffe einfach, dass wir gewinnen. Und dann darf das gerne der Beginn einer Siegesserie im Weserstadion sein.

*DeichStube.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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Die Partie dominiert, Chancen erspielt – und am Ende doch nur einen Punkt geholt. Die Spieler des SV Werder Bremen haben beim 1:1 gegen Hertha BSC ihre Chancen nicht genutzt. Warum Werders Spielsystem zum Unentschieden beitrug, erläutert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher. Wie auch schon im letzten Jahr: Werder Bremen kommt wieder auf den Freimarkt und wird erneut im Hansezelt feiern. Florian Kohfeldt, Cheftrainer von Werder Bremen, war mit Teilen des Abschlusstrainings vor dem Spiel gegen Hertha BSC nicht zufrieden und schimpfte mit seinen Profis. 

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