Sportpsychologin Frauke Wilhelm (links) spricht im DeichStube-Interview unter anderem über Werder Bremens Niclas Füllkrug und warum die WM trotz des frühen Ausscheidens eine Erfolgsgeschichte für den Bremer Torjäger war.
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Sportpsychologin Frauke Wilhelm (links) spricht im DeichStube-Interview unter anderem über Werder Bremens Niclas Füllkrug und warum die WM trotz des frühen Ausscheidens eine Erfolgsgeschichte für den Bremer Torjäger war.

DeichStube-Interview

„So lange der Star abliefert...“ – Sportpsychologin Frauke Wilhelm im DeichStube-Interview über Frust, Werders Niclas Füllkrug, Trainer und Gefahren

Bremen/Hamburg – Tore, Weltmeisterschaft, Vorrunden-Aus – Niclas Füllkrug hat in wenigen Wochen so viel erlebt wie andere Profi-Fußballer in ihrem ganzen Leben nicht. Wie kann sich diese rasante Entwicklung auf ihn und auf seinen Club Werder Bremen auswirken? Wie sollten Spieler und Trainer damit umgehen? Die DeichStube hat bei Sportpsychologin Frauke Wilhelm nachgefragt. Die 49-Jährige kennt sich in dem Bereich bestens aus, hat für die Proficlubs FC St. Pauli und Hannover 96 gearbeitet und dabei auch Füllkrug persönlich kennengelernt. Sie begleitete die Junioren-Nationalmannschaften des DFB und bietet nun am Internationalen Fußball-Institut (IFI) in Hamburg einen Kurs für das Zertifikat „Sportpsychologische Kompetenzen für Trainer und Manager“ an. 

Frauke Wilhelm, wie lange braucht ein Leistungssportler, um eine große Enttäuschung wegzustecken?

Da lautet die frustrierende Antwort – wie immer, wenn es um Menschen geht: Es ist vollkommen individuell. Die richtigen Top-Erlebnis-Frustrationen wie nach einer Fußball-WM oder Olympischen Spielen können allerdings sogar traumatisch sein. Dann haben Athleten über Monate richtig Probleme, bis sie sich daraus befreien. Es kommt oft darauf an, wie verantwortlich sich ein Sportler für den Misserfolg fühlt.

Und dann?

Wie die Betroffenen damit umgehen, hängt oft davon ab, was sie schon alles erlebt haben. Da merken wir im Fußball häufig, dass Spieler, die nicht in ihrer ganzen Karriere ein Toptalent waren, also auch kämpfen mussten, solche Momente besser aushalten. Sie haben schon Rückschläge erlebt. Überflieger, die so eine Situation nicht kennen, haben bei Enttäuschungen oft noch keine Strategie.

Die deutschen Nationalspieler durften fast alle erst mal Urlaub machen, um abzuschalten. Wie sehr hilft das?

Das ist schon gut, man muss einfach mal raus aus dem ganzen Zirkus. So ein Turnier ist ein Paralleluniversum. Jürgen Klopp hat mal nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit Borussia Dortmund erzählt, dass er nachts mehrfach mit seinem Hund raus musste, weil der Durchfall hatte. Das hätte ihn wieder geerdet, weil er gemerkt habe, dass es noch andere Dinge im Leben gibt als Fußball. Deswegen hilft es schon, wenn man merkt, selbst eine WM ist nicht alles. Man muss auch mal Abstand finden und kann danach anfangen zu verarbeiten. Das ist wie bei einer Trauer, da gibt es mehrere Phasen: Verleugnung, eine eher depressive Phase, Wut. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich fragt, was mache ich jetzt damit – ,Jetzt erst recht’ oder ,Okay, ich habe es verstanden’? Dann sind viele Sportler richtig heiß.

Frauke Wilhelm über Werder Bremens Niclas Füllkrug und die WM: „ Für ihn war es ja auch eine Erfolgsgeschichte“

Wohin soll das bloß bei Niclas Füllkrug führen, der ist sowieso schon sehr heiß?

Für ihn ist es wahrscheinlich eine andere Situation. Natürlich hatte er mit der Mannschaft ein Frust-Erlebnis, aber für ihn selbst war es doch auch eine Erfolgsgeschichte. Dass er überhaupt noch A-Nationalspieler geworden ist, mit zur WM durfte, dort alle Spiele bestritten, immer funktioniert und zwei Tore geschossen hat – ein Niclas Füllkrug ist doch als Sieger aus der WM hervorgegangen.

Sorgt das nicht für ein Gefühlschaos, weil er sich durch das frühe WM-Aus selbst eigentlich gar nicht richtig freuen darf?

Das ist doch immer so im Fußball, weil es ein Mannschaftssport ist. Man muss stets gucken, die Individualziele mit den Mannschaftszielen vereinbart zu bekommen. Die Spieler werden dafür extra geschult, äußern sich entsprechend in Interviews. Da sagen sie dann zum Beispiel nach Torerfolgen: ,Das ist ganz schön, aber Hauptsache ich konnte der Mannschaft helfen.’ Da steckt ganz viel Wahres und Interessantes drin.

Was?

Die 30 Spieler in einem Kader haben ganz unterschiedliche individuelle Ziele – und die passen nicht immer zu den Mannschaftszielen. Also wenn ich gerade aus dem Kader gerutscht bin, dann wünsche ich mir vielleicht im Geheimen, dass ein anderer Spieler einen Fehler macht, damit ich wieder drin bin. Das ist ganz normal. Aber das ist auch der Schlüssel für Trainer. Sie müssen es fertigbringen, die Ziele des Einzelnen und der Mannschaft unter einen Hut zu bringen.

Ist das so schwierig?

Ja! Der Trainer muss mir als Spieler vermitteln, welche Aufgabe ich habe und dass es sich für das Mannschaftsziel lohnt, meine eigenen Ziele zurückzustellen. Das ist eine Riesenaufgabe. Denn wie bekommt man zum Beispiel bei der WM den dritten Torwart an Bord oder in einem Bundesliga-Kader die Spieler, die nicht zum Einsatz kommen? Da geht es viel um Wertschätzung.

Frauke Wilhelm über Werder Bremens Ole Werner und schwere Entscheidungen: „Das ist ja auch für Trainer total unangenehm“

Ist Werder-Coach Ole Werner so ein Trainer?

Da müssen Sie die Spieler fragen – und zwar die, die nicht spielen. Fühlen die sich als Teil der Mannschaft? Glauben die, einen Beitrag für das Team zu leisten? Man darf nicht vergessen: Ein Profi-Kader hat 30 Spieler, von denen am Wochenende die Hälfte nicht spielt. Für die läuft es nicht so, wie sie es gerne hätten. Als Trainer muss ich in der Lage sein, mich auch mit dieser alles andere als kleinen Gruppe zu beschäftigen. Im Eifer des Gefechts vergesse ich das schon mal. Und dann beklagen Spieler zu Recht, dass ein Trainer mit ihnen seit einem halben Jahr nicht mehr gesprochen hat.

Ole Werner hat kürzlich verraten, dass ihm diese ständige Auswahl und das damit verbundene Enttäuschen von Spielern so gar keinen Spaß mache.

Das ist ja auch für Trainer total unangenehm. Deswegen gibt es Trainer, die dieser Situation aus dem Weg gehen und den Spielern ihre Entscheidung nicht persönlich mitteilen. Als Trainer sollte ich mich dem stellen, denn ansonsten kann ich den Spieler verlieren. Es ist auch schwierig, das an den Co-Trainer zu delegieren. Denn dass der Chef-Trainer nicht selbst mit ihnen spricht, empfinden viele Spieler als nächste Degradierung.

Zurück zu Füllkrug: Nun ist Werder kein Topverein, aber bei der WM hat er mit Topspielern auf dem Platz gestanden und davon auch profitiert. Wie kann sich so etwas psychologisch auf einen Spieler auswirken?

Auch das verläuft natürlich ganz individuell. Jetzt ist Niclas Füllkrug keine 21 mehr, also nicht am Anfang seiner Karriere, wo er gucken muss, wie geht es möglichst schnell noch möglichst weit. Er ist eher im Spätsommer seiner Karriere – und er hat ja selbst öffentlich oft betont, dass es ihm gefällt, bei seinen Heimatvereinen zu sein: Er fand es toll, zu Hannover 96 zu kommen, wo er geboren ist. Und genauso fand er es toll, zu Werder zurückzukehren, wo er fußballerisch groß geworden ist. Spieler haben unterschiedliche Motive. Manche könnten woanders viel mehr Geld verdienen und mit anderen Spielern spielen, aber es gefällt ihnen bei ihrem Verein einfach zu gut. Oder es triggert sie, zu den Besten in der Mannschaft zu gehören. Dann gibt so ein Erlebnis wie bei der WM einfach nur einen Kick. Wenn ich mich nicht so wohlfühle oder nach dem größtmöglichen Gewinn strebe – sportlich und finanziell, kann es natürlich auch in die andere Richtung gehen.

Frauke Wilhelm zu einem möglichen Verbleib von Niclas Füllkrug bei Werder Bremen: „Spieler haben unterschiedliche Motive“

Wie sollte ein Trainer mit einem Spieler umgehen, der der eigenen Mannschaft ein bisschen entwachsen zu sein scheint?

Er muss ihn integrieren und dessen positive Erfahrungen übertragen. Man kann so einem Spieler sogar eine extra Bühne geben, ihn vor der Mannschaft berichten lassen: Was hast du uns mitgebracht? Das kann nach einer WM eine ganze Menge sein, weil da Spieler aus den unterschiedlichsten Vereinen mehrere Wochen gemeinsam verbracht haben. Die reden ja miteinander, tauschen sich aus. Davon können doch alle im Club profitieren.

Wie sieht es in solchen Momenten mit Neid innerhalb einer Mannschaft aus?

So lange der Star abliefert, darf er ganz schön viel. Wenn nicht, dann wird es eng. Auch ihm hilft es natürlich, wenn er sich in den Dienst der Mannschaft stellt und nicht überheblich daherkommt.

Niclas Füllkrug hat unlängst den öffentlichen Umgang mit der Nationalmannschaft kritisiert. Wie sehr sollten sich Spieler und Trainer von außen beeinflussen lassen?

Es ist Teil ihres unfassbar schwierigen Jobs, möglichst unbeeinflusst ihre Topleistung abzuliefern, wenn es darauf ankommt. Egal, ob sie private Probleme haben oder ausgepfiffen worden sind. Und wenn wir bei den Nationalspielern auch noch die politische Komponente dazunehmen, muss man klar sagen: Wir überfrachten ganz junge Menschen! Sie stehen nicht in der Öffentlichkeit, weil sie sich politisch engagieren möchten, sondern weil sie gut Fußball spielen können. Trotzdem wird von ihnen erwartet, dass sie Vorbilder sind und sich ganz klar zu politischen Themen äußern. Damit werden viele überfordert.

Sportpsychologin Frauke Wilhelm über Profifußballer in den Sozialen Medien: „Diese Spieler sind kleine Ich-AGs“

Sollten sich Spieler daher in der Öffentlichkeit rar machen und besser nichts lesen – vor allem nicht in den Sozialen Medien?

Ich versuche eher, mit Spielern ein vernünftiges Verhältnis dazu zu entwickeln. Man kann sich doch nicht isolieren. Denn eines ist auch klar: Diese Spieler sind kleine Ich-AGs, sie haben nur zehn bis 15 Jahre Zeit, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Deswegen geht es bei allem, was sich in der Öffentlichkeit abspielt, immer auch um Eigenvermarktung. Deswegen sind fast alle Spieler zum Beispiel bei Instagram. Da gibt es nur wenige Ausnahmen.

Die Geister, die ich rief . . .

Durchaus. Aber es gehört heute leider dazu, muss aber nicht vom Spieler selbst gemacht werden. Aus rein psychologischer Sicht müssen gerade junge Spieler lernen, sich von Bewertungen von außen möglichst in Bezug auf ihren Selbstwert unabhängig zu machen. Übrigens auch von Trainern.

Wie bitte?

Fachliche Kritik sollte man natürlich schon aufnehmen. Aber als Fußball-Profi sollte ich davon ausgehen, dass ich im Laufe meines Lebens auch mal einen Trainer habe, der nicht auf mich steht. Deshalb muss ich lernen, trainerunabhängig zu funktionieren. Die richtige Selbsteinschätzung ist wichtig. Ich darf auch nicht den Anspruch haben, von der ganzen Welt geliebt zu werden. Ansonsten gehe ich vor die Hunde.

Sportpsychologin Frauke Wilhelm: „Profisportler müssen lernen, den eigenen Selbstwert von der Leistung zu trennen“

Warum?

Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden nicht von allen gemocht. Es gibt immer wieder Hater und Shitstorms. Und man gewinnt ja nicht nur Spiele. Selbst Bayern-Trainer Julian Nagelsmann hat in den Sozialen Medien Morddrohungen bekommen. Wenn ich diese Bewertungen von außen an mich heranlasse, dann gehe ich daran kaputt. Deswegen empfehle ich einen Katalysator, der die Kritik filtert und die wichtige an mich weiterleitet. Gerade in diesem Bereich liegt mir noch etwas am Herzen.

Was?

Profisportler müssen lernen, den eigenen Selbstwert von der Leistung zu trennen. Wenn man einen 22-jährigen Profi-Fußballer fragt, wer bist du, dann antwortet er ,Fußballer’. Das ist seine Identität. Und wenn er dann schlecht spielt, hat er das Gefühl, dass er nichts mehr Wert ist im Leben. Aber das ist ja gar nicht so. Es ist wichtig, dass die Spieler das erkennen und verinnerlichen. (kni)

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