Niklas Moisander trägt die Kapitänsbinde des SV Werder Bremen am Arm und gibt mit dem Zeigefinger Anweisungen auf dem Platz
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Niklas Moisander ist auch in seiner wohl letzten Saison für Werder Bremen Kapitän.

Über Saison-Start, Bank-Platz, und den nahenden Abschied

Werder-Kapitän Niklas Moisander im Interview: „Wir Älteren sind noch die Bosse“

Bremen – Mit seinen 35 Jahren ist Niklas Moisander der älteste Profi des SV Werder Bremen, aber noch so voller Fußball-Feuer, dass sich sogar schon seine Frau darüber gewundert hat.

Doch der Finne kann nicht anders. Deswegen hat er sich auch darüber geärgert, dass er ein paar Spiele von der Bank aus erleben musste – und das auch noch als Kapitän. „Das war ein bisschen verwirrend für mich“, sagt Niklas Moisander im Telefon-Interview mit der DeichStube. Der Innenverteidiger des SV Werder Bremen spricht auch über Veränderungen in der Kabine durch die vielen neuen jungen Spieler, über seine Sorgen wegen Corona und über eine Mentalität im Team, die ihn an eine bessere Werder-Zukunft glauben lässt.

Herr Moisander, Sie sind seit über vier Jahren in Deutschland, wissen Sie als Finne eigentlich, was eine Schnapszahl ist?

Eine Schnapszahl? Nein, das habe ich noch nie gehört.

Ihr 111. Bundesliga-Spiel steht an – und das ist in Deutschland eine Schnapszahl: Wie wichtig wäre es für Sie, dabei dann auch in der Startelf zu stehen?

Ich will immer von Anfang an spielen. Und wenn diese Schnapszahl in Deutschland so wichtig ist, dann umso mehr (lacht).

Na ja, wichtig vielleicht nicht, aber man darf sich nach so etwas einen Schnaps gönnen.

Dafür bin ich schon zu alt... Und nach dem Spiel muss ich regenerieren, das dauert in meinem Alter inzwischen etwas länger.

Aber Sie ahnen sicher, worauf wir anspielen: Nach dem ersten Spieltag, also dem 1:4 gegen Hertha BSC, haben Sie Ihren Stammplatz verloren. Gegen Hoffenheim sind Sie nun zurückgekehrt und haben anschließend gesagt, dass es schwer war, den Platz auf der Bank zu akzeptieren. Haben Sie sich unfair behandelt gefühlt?

Eigentlich möchte ich gar nicht so viel über meine persönliche Situation sprechen, weil die Mannschaft wichtiger ist. Aber es war schon sehr enttäuschend für mich, weil ich einfach jedes Spiel machen will. Ich habe immer noch dieses Feuer in mir, um auf Bundesliga-Niveau zu spielen.

Müssten Sie mit Ihren 35 Jahren nicht etwas entspannter mit so einem Thema umgehen können?

Meine Frau sagt das auch (lacht). Sie hat natürlich gemerkt, dass ich nicht so zufrieden war. Aber ich glaube, diese Einstellung von mir ist einer der Hauptgründe, warum ich in meinem Alter überhaupt noch in der Bundesliga spiele. Ich verstehe ja: Ich bin 35, mein Vertrag läuft am Saisonende aus, wir haben auch jüngere Spieler. Aber damit will ich mich einfach noch nicht beschäftigen.

Welche Rolle spielte es dabei, dass Sie Kapitän sind?

Ich muss ehrlich sagen, dass es dadurch etwas verwirrend für mich war. Ich bin der Kapitän, also noch wichtig für die Mannschaft, und werde dann schon nach einem Spiel auf die Bank gesetzt.

Niklas Moisander: Marco Friedl hat sich Stammplatz bei Werder Bremen „absolut verdient“

Waren Sie sauer auf Trainer Florian Kohfeldt?

Wir haben darüber gesprochen und es ist alles geklärt zwischen uns, wir schauen nach vorne. Wichtiger ist ohnehin die Mannschaft. Die hat auch ohne mich gut gepunktet. Wir haben ein Ziel, wollen besser sein als letztes Jahr. Dafür brauchen wir alle Spieler. Das habe ich der Mannschaft vor der Saison deutlich gesagt. Jeder ist wichtig, egal ob er schon 100 Spiele gemacht hat oder erst 18 ist. Wir müssen ein Team sein – und da sind wir auf dem richtigen Weg.

Marco Friedl gilt schon lange als Ihr potenzieller Nachfolger, hatte Sie jetzt auch verdrängt. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?

Wir Abwehrspieler haben alle ein sehr gutes Verhältnis. Marco ist jetzt schon ein paar Jahre hier, er hat sich das durch gutes Training absolut verdient. Konkurrenzkampf gehört zum Fußball und ist gut.

Sie hatten gegen Hoffenheim 105 Ballkontakte, so viele wie kein anderer Spieler, und eine Passquote von 95 Prozent, auch das ist ein Bestwert. War das der Moisander, den Sie sich wünschen?

Ich glaube, das war ein ordentliches Spiel von mir. Wir hatten etwas mehr den Ball als zuletzt. Das ist genau mein Spiel mit vielen Ballkontakten und Verantwortung im Spielaufbau. Da kann ich meine Qualitäten einbringen. So macht mir Fußball Spaß.

Wie ist das bei Ihnen als 35-Jähriger mit der Geschwindigkeit?

Ich war doch nie superschnell (lacht). Deswegen ist es für mich jetzt kein Problem, wenn ich im Alter etwas langsamer geworden sein sollte. Ich kann das Spiel gut lesen, das war immer meine Qualität.

Werder ist Tabellensiebter, trotzdem gibt es Kritik an der fußballerischen Qualität. Ist das fair?

Mir ist egal, was die Medien oder die Menschen darüber denken. Letztes Jahr war alles so schlecht, da kann ich verstehen, dass das noch nicht vergessen ist. Wir spielen auch noch nicht überragend, aber wir machen einen guten Job. Wir haben ordentlich gepunktet, wir stehen gut da in der Tabelle. Aber wir wissen auch, dass wir weiter hart arbeiten müssen. Ich bin überzeugt davon, dass wir wesentlich besser abschneiden können als letztes Jahr, weil wir die Mentalität dafür haben.

Warum steht die Abwehr viel besser als in der Vorsaison?

Wir haben das gut analysiert und die Art und Weise unseres Spiels verändert. Die Abwehrarbeit beginnt vorne mit den Stürmern. Und wenn ich sehe, wie unsere Gegner nun unter Druck gesetzt werden, dann ist das etwas ganz anderes. Das hilft uns hinten enorm. Wir agieren viel mehr als Mannschaft und arbeiten viel besser zusammen.

Es sind auch mehr jüngere Spieler dabei. Sind Sie überrascht, dass ein Jean-Manuel Mbom mit seinen erst 20 Jahren aus der Dritten Liga kommt und gleich so gut funktioniert?

Überrascht nicht, aber beeindruckt: Ich habe gesehen, wie er sich in der Dritten Liga entwickelt hat. Seine Mentalität ist sehr gut, er will unbedingt Bundesligaspieler werden. Ich finde es einfach geil, so etwas bei einem jungen Spieler zu sehen. Das sieht man nämlich nicht so häufig, bei ihm ist das echt brutal.

Niklas Moisander denkt an Abschied von Werder Bremen: „Es ist sehr wahrscheinlich meine letzte Saison hier“

Was hat sich für Sie und die anderen älteren Spieler dadurch geändert, dass nun so viele junge Profis dabei sind? Haben die das Kommando in der Kabine übernommen?

Die Musik haben sie vielleicht etwas verändert, aber wir älteren Spieler sind immer noch die Bosse (lacht). Wir haben in dieser Saison wirklich eine sehr gute Mischung. Es macht Spaß.

Was haben Sie gedacht, als Sie vergangene Woche vom positiven Corona-Test Ihres Teamkollegen Felix Agu erfahren haben?

Bislang war Bremen eigentlich ein sehr guter Ort, um die Corona-Pandemie dort zu erleben. Da habe ich mir keine Sorgen gemacht. Jetzt hat sich das geändert, auch hier gehen die Zahlen hoch. Und nun betrifft es erstmals unsere Mannschaft, das ist eine neue Situation für uns. Aber wir haben gelernt, mit dem Virus zu leben und uns entsprechend zu verhalten.

Haben Sie keine Angst, dass Sie sich oder jemand aus Ihrer Familie anstecken könnte?

Ich persönlich nicht, obwohl ich großen Respekt vor der Corona-Pandemie habe. Das ist keine einfache Sache und gefährlich für uns alle. Aber ich versuche, trotzdem mein Leben irgendwie zu genießen.

Wie schwer ist es gerade jetzt, so weit weg von der Heimat zu sein?

Das ist für uns, besonders für meine Frau und meine Kinder, wirklich nicht einfach. Wir rufen ihre Eltern in Schweden und meine in Finnland natürlich regelmäßig an, aber das ist nicht das gleiche wie echte Treffen. Sie würden uns so gerne besuchen, aber es geht leider nicht.

Wie lange bleiben Sie denn noch in Bremen?

Es ist sehr wahrscheinlich meine letzte Saison hier. Aber die endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen. Ich will diese Saison erst mal genießen und erfolgreicher sein als letztes Jahr.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Karriere noch woanders ausklingen zu lassen?

Alles ist möglich. Es ist von so vielen Faktoren abhängig. Wie fit bin ich noch? Habe ich noch Lust? Meine Tochter kommt nächstes Jahr in die Schule. Wir werden sehen, was wir machen.

Wird es später den Trainer Moisander geben?

Das weiß ich nicht. Darüber mache ich mir erst Gedanken, wenn ich nicht mehr Spieler bin. Dann nehme ich mir die Zeit dafür, zu schauen, was ich wirklich will.

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