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Skeptischer Blick, ungewisse Zukunft: Niklas Moisander will mit Werder Bremen die Klasse halten und muss gesundheitliche Sorgen dafür zur Seite schieben.

Bundesliga-Restart während Coronavirus-Krise

Werder-Kapitän Niklas Moisander im Interview: „Auch wir machen uns Sorgen“

Bremen – 34 Jahre alt, fünf Titel gewonnen, in vier verschiedenen Ländern gespielt und das eigene Nationalteam als Kapitän auf den Rasen geführt – Niklas Moisander von Werder Bremen ist zweifellos einer jener Fußballprofis, von denen es heißt, sie hätten schon alles gesehen.

Doch das, was auf den Finnen und seine Kollegen nun in der Bundesliga zukommt, ist logischerweise auch für ihn völliges Neuland. Fußball mitten in einer Pandemie – wie soll das gehen? Im Interview mit der DeichStube erklärt Werder-Kapitän Niklas Moisander, warum er sich trotz gesundheitlicher Bedenken auf den Neustart der Liga freut, wie sich der Gedanke anfühlt, den Gegenspielern bald wieder ganz nahe zu kommen – und wie er die Bremer Chancen im Abstiegskampf einordnet.

Herr Moisander, schon bald geht die Bundesliga wieder los. Wie groß ist Ihre Vorfreude auf den Neustart?

Sehr groß, auch wenn es natürlich gerade für alle eine sehr schwierige Zeit ist. Hinter uns liegt eine lange Phase, in der wir nicht wussten, was passieren würde. Jetzt haben wir endlich Klarheit, und wir starten mit dem wichtigen Spiel gegen Leverkusen. Es ist schön, dass es wieder losgeht!

Das klingt sehr euphorisch. Haben Sie überhaupt keine gesundheitlichen Bedenken? Immerhin besteht das Risiko, dass Sie sich während eines Spiels mit dem Coronavirus infizieren.

Natürlich ist es eine ganz besondere Situation, das ist uns allen bewusst. Aber es ist wichtig, dass wir damit verantwortungsvoll umgehen und versuchen, nicht zu viel über Corona nachzudenken, sondern uns so gut es geht auf unseren Sport zu konzentrieren, wenn wir trainieren oder spielen. Wir müssen einfach unser Bestes geben und die Hygieneregeln diszipliniert befolgen. Das ist im Moment das Wichtigste.

Nicht so viel darüber nachdenken hört sich einfach an, aber wie schaffen Sie es, die Sorgen wegen einer möglichen Ansteckung auszublenden?

Das ist die größte Herausforderung für uns Spieler, denn natürlich machen auch wir uns alle Sorgen um unsere Familien.

Das Hygienekonzept der Deutschen Fußball-Liga sieht vor, dass sich nach Möglichkeit auch die Familien der Spieler freiwillig testen lassen. Haben Sie das zu Hause schon diskutiert?

Ja, natürlich. Wir haben zwei Kinder, unsere Jüngste ist gerade mal sechs Monate alt. Da ist es erstmal nicht so schön, dass wir als Mannschaft vor dem Leverkusen-Spiel für eine Woche in Quarantäne müssen. Meine Frau versucht aber, die Dinge weiterhin positiv zu sehen. Wir haben noch nicht entschieden, ob sich meine Familie auch testen lässt. Das müssen wir jetzt in den nächsten Tagen tun. Es geht darum, zu schauen, was das Beste für die Familie ist, aber auch darum, wie der Verein die Lage einschätzt. Wir wollen diese Saison zu Ende bringen, und hoffentlich sieht danach alles wieder besser aus.

Während des Trainingsalltags gelten strenge Abstandsregeln. Wie schwer ist es, sie in der Praxis umzusetzen – in einem Sport, bei dem Abklatschen und Umarmen normalerweise an der Tagesordnung ist?

Es ist ungewohnt und schon schwer, aber wir nehmen die Regeln sehr ernst. In den ersten Tagen hat es sich komisch angefühlt, aber wir verstehen die Situation und versuchen, uns so gut es geht auf die sportlichen Aufgaben zu konzentrieren. Wir haben zehn sehr, sehr wichtige Spiele vor uns.

Niklas Moisander von Werder Bremen: Einige Profis spielen „nicht gerade mit einem guten Gefühl“

Keine Frage, zum Sportlichen kommen wir auch gleich noch ausführlich, aber lassen Sie uns noch kurz beim Thema Corona bleiben. Aus der ganzen Bundesliga haben in Birger Verstraete vom 1. FC Köln und Neven Subotic von Union Berlin lediglich zwei Profis öffentlich Kritik am Neustart geäußert. Sind die Sorgen der anderen Spieler schlichtweg nicht so groß, oder warum haben sich nicht mehr zu Wort gemeldet?

Das ist eine sehr gute Frage. Fußball ist unsere Arbeit, und wir können froh darüber sein, sie wieder ausüben zu dürfen. Aber ich bin mir sicher: Es gibt einige Profis, die nicht gerade mit einem guten Gefühl spielen werden. Das ist in diesen schwierigen Zeiten einfach so.

Sind Sie auch so ein Profi?

Es ist schon so, dass die ganze Situation im Moment keinen Spaß macht, aber ich bin ein Mensch, der versucht, immer die positiven Dinge zu sehen. Es ist doch klar, dass es sich gerade anders anfühlt als vor einem normalen Bundesligaspiel. Trotzdem werde ich auf dem Platz mein Bestes geben.

Der Profifußball steht in der Öffentlichkeit gerade so stark in der Kritik wie nie zuvor. Können Sie das nachvollziehen?

Ich muss ehrlich sagen: Ich kann es verstehen. Es gibt viele Regeln, die die Leute befolgen müssen. Einige dürfen zum Beispiel noch nicht wieder arbeiten, und wir dürfen wieder spielen. Das liegt aber nicht in der Hand von uns Profis.

Dann kommen wir zum 18. Mai – Werder gegen Leverkusen. Fühlen Sie sich bereit für das Spiel?

Ja. Wir als Mannschaft sind jetzt fitter als in der ganzen Saison vorher und haben durch die Pause eine zweite Chance bekommen. Nur eine Woche richtiges Mannschaftstraining vor dem Spiel ist natürlich nicht optimal, aber das geht allen Teams so.

Im Alltag gehen Sie zu anderen Menschen auf Abstand, während des Spiels dürfen Sie als Verteidiger Ihrem Gegenspieler dann aber keinen Zentimeter von der Seite weichen. Wie stellen Sie sich darauf ein?

Wir haben am Donnerstag das erste Mal wieder Zweikämpfe im Training geführt. Das war schon eine Umstellung, wenn man vorher zwei Monate lang nur gelaufen ist und kontaktlos trainiert hat, fast ein anderer Sport. Wir müssen uns jetzt das Gefühl für die Zweikämpfe zurückholen, damit am Spieltag keiner zögerlich ist, wenn es zu einem Duell kommt.

Trotz aller Coronavirus-Sorgen verspürt Niklas Moisander, Kapitän des SV Werder Bremen, große Vorfreude auf den Bundesliga-Neustart.

Geht Niklas Moisander mit Werder Bremen in die zweite Liga? Nicht ausgeschlossen

Sie sind Werders Kapitän und mit Ihren 34 Jahren ein sehr erfahrener Profi. Was können Sie tun, um den anderen Spielern Sicherheit zu geben?

Ich werde wie immer versuchen, gerade den jüngeren Spielern zu helfen. Auch wenn sie noch keine eigene Familie haben, machen sie sich natürlich auch Gedanken um ihre Eltern oder Großeltern.

Fans werden am 18. Mai nicht im Stadion sein. Haben Sie in Ihrer Laufbahn eigentlich schon mal ein Geisterspiel erlebt?

Nein. Ich habe zwar in Finnland gespielt, und da waren nur sehr wenige Fans dabei, aber ein Spiel ganz ohne Zuschauer hatte ich bisher noch nicht.

Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Die Stimmung wird wohl vergleichbar sein mit der bei einem Vorbereitungsspiel im Sommer. Natürlich wird es komisch ohne Fans, für uns darf das aber keine Rolle spielen. Wir haben noch zehn Endspiele vor uns und müssen uns voll auf Fußball konzentrieren. Die Mannschaft, der das trotz aller Widrigkeiten am besten gelingt, wird einen großen Vorteil haben.

Werder ist Vorletzter, hat bei noch zehn ausstehenden Spielen acht Punkte Rückstand aufs rettende Ufer. Wie groß schätzen Sie die Chancen auf den Klassenerhalt ein?

Alles ist noch möglich. Wir wissen auch, dass die Situation ernst ist, aber die Pause hat uns gutgetan. Vorher war die Stimmung sehr negativ, jetzt gibt es einen Neubeginn und die Chance, diese Saison noch zu retten.

Es sieht stark danach aus, dass Hygieneregeln und Geisterspiele den Fußball für längere Zeit begleiten werden, auch in der Hinrunde der neuen Saison wird wahrscheinlich ohne Fans in den Stadien gespielt. Sie befinden sich im Herbst Ihrer Karriere – wollen Sie sich das wirklich noch antun, oder könnte es sein, dass schon im Sommer Schluss ist?

Nein, über das Karriereende habe ich während der Pause nicht nachgedacht. Natürlich ist durch die neuen Regeln gerade alles anders, aber Fußball macht mir immer noch Spaß. Wie alle hoffe ich, dass wir sobald wie möglich wieder in vollen Stadien spielen können, aber ich weiß, dass es sein kann, dass das in diesem Jahr leider nicht mehr passiert.

Ihr Vertrag läuft noch bis Sommer 2021. Was machen Sie, wenn Werder absteigt? Und sagen Sie jetzt bitte nicht, dass Sie darüber noch nicht nachgedacht haben...

(lacht) Dann sage ich: Ich lebe wie immer von Woche zu Woche, und darum denke ich gar nicht so sehr an die Zukunft. Jetzt zählt für mich nur, dass wir mit Werder in der Bundesliga bleiben. Wenn das nicht gelingt, wäre es eine große Enttäuschung, und danach müssten wir schauen, was passiert.

Aber dass Sie auch in der zweiten Liga für Werder spielen, ist zumindest nicht ausgeschlossen?

Nein.

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