Niklas Schmidt von Werder Bremen äußert sich erstmals über die mentalen Probleme, die ihn aktuell belasten.
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Niklas Schmidt von Werder Bremen äußert sich erstmals über die mentalen Probleme, die ihn aktuell belasten.

Werder-Profi mit wichtigen Worten

Wenn der Kopf nicht mitspielt: Werder-Profi Niklas Schmidt redet offen über seine mentalen Probleme im Alltag

Murcia – Auf einmal war der Fußball gar nicht mehr so wichtig. Eigentlich war er sogar völlig egal geworden. Und das lag an Niklas Schmidt. Der Profi des SV Werder Bremen stand nach dem ersten Testspiel des Jahres gegen Real Murcia (2:0) am Spielfeldrand und sollte eigentlich über seinen Treffer und einen womöglich neuen Angriff auf die Startelf sprechen. Ganz normaler Fußballer-Alltag eben. Doch was er dann zu berichten hatte, nahm einen viel größeren Raum ein: Schmidt redete nämlich sehr offen darüber, dass er seit einiger Zeit mit erheblichen mentalen Problemen in seinem Leben zu kämpfen hat und sich in psychologischer Behandlung befindet.

„Es ist ganz wichtig, dass ich das offen anspreche, denn ich bin nicht alleine“, sagte Niklas Schmidt, der nach eigenen Angaben auch schnell die Teamkollegen und Trainer Ole Werner von seinen Beschwerden in Kenntnis gesetzt hatte. Schräge Blicke gab es keine, stattdessen viel Verständnis und Zuwendung. Der Mittelfeldspieler des SV Werder Bremen, der so oft mit lachendem Gesicht bei der Arbeit auf dem Trainingsplatz unterwegs ist, hat schließlich auch noch eine andere, eine für die Öffentlichkeit in der Regel verborgene Seite. „Die letzten Monate waren für mich auf dem Fußballfeld nicht so wichtig wie privat für mich“, schilderte der 24-Jährige. „Deswegen war der Urlaub zuletzt auch ganz wichtig. Jetzt versuche ich, die Dinge für mich aufzuarbeiten.“

Werder Bremens Niklas Schmidt: „Ich habe die Lebensfreude nicht so gespürt“

Die Erkenntnis, dass irgendetwas nicht stimmt, kam schleichend. „Ich habe irgendwann mal einen Artikel über Benjamin Pavard gelesen“, erklärte Niklas Schmidt und verwies damit auf den französischen Weltmeister und Profi des FC Bayern München, der im vergangenen September in einem Interview von Depressionen während der Corona-Pandemie berichtet hatte. „Da habe ich mich einfach ein bisschen wiedergefunden. Ich habe die Lebensfreude nicht so gespürt. Wenn dann auch noch andere Leute, die nah bei dir sind, Angst um dich haben, dann musst du dir helfen lassen und auch die Ratschläge der Familie annehmen – selbst wenn man die in dem Moment vielleicht nicht hören möchte.“ Vor allem die Freundin des Profis von Werder Bremen stellte in dieser Phase Veränderungen bei ihrem Partner fest, gab ihm sofort Rückmeldungen. Genau deshalb ist er ihr hörbar dankbar. „Wenn du von der Person, die den ganzen Tag um dich ist, hörst, dass es dir nicht gut geht, du dich zurückziehst und du dir Hilfe suchen musst, dann solltest du das tun“, betonte er.

Denn Niklas Schmidt weiß, dass es auch anders ausgehen kann. „Es ist wichtig, dass Fußballer es nicht in sich hineinfressen wie es vielleicht damals Robert Enke getan hat“, erinnerte der Spieler von Werder Bremen an den früheren Nationaltorhüter von Hannover 96, der an Depressionen litt und sich im November 2009 das Leben nahm. „Man muss unbedingt offen mit dem Thema sein, weil es leider immer noch ein Tabuthema ist“, forderte Schmidt deshalb. „Depression ist immer ein sehr großes Wort. Was es am Ende genau bei mir ist, weiß ich noch nicht. Für mich sind es mentale Probleme, die ich mit meinem Psychologen aufarbeiten werde. Es ist wichtig für mich und vor allem für meine Familie, dass es mir in dieser Hinsicht gut geht.“

Niklas Schmidt von Werder Bremen über mentale Probleme: „Jeder sollte offen damit umgehen“

Und deshalb arbeitet er gerade ganz viel. Nicht nur am Ball, sondern auch abseits des harten Bundesligaalltages. Die Ursachenforschung ist dabei eher zweitrangig, spielt aber trotzdem eine Rolle. „Es hat mit vielem zu tun. Ob es aus der Vergangenheit kommt, mit dem Fußball oder dem Leben jetzt zu tun hat – da will ich gar nicht so weit ausholen“, meinte Niklas Schmidt von Werder Bremen. „Es gab keinen Auslöser, nicht diesen einen Moment, in dem alles zusammengekracht ist. Das entwickelte sich jahrelang, wahrscheinlich seit der Kindheit. Das arbeite ich gerade auf.“

Und der Mittelfeldspieler von Werder Bremen wiederholt kurz darauf noch einmal diese eine Botschaft, die ihm bei dem ganzen Thema so unendlich wichtig ist. „Es geht darum, offen damit umzugehen und zu zeigen, dass auch uns Fußballern, die immer eine Sonderrolle in der Gesellschaft einnehmen, sowas passieren kann. Das ist ganz wichtig und möchte ich auch jedem sagen, der vergleichbare Probleme hat: Ob Sportler oder Nicht-Sportler, jeder sollte damit offen umgehen.“ So wie es Niklas Schmidt in Murcia getan hat. Weil er diese Offenheit einfach brauchte. „Ich will einfach vom Kopf her wieder frei werden und meine Lebensfreude wieder erkennen. Das ist das Allerwichtigste, denn die sollte jeder Mensch haben“, hob er hervor. „Sportlich werde ich mein Ding machen und versuchen, mich auf mich zu fokussieren, wenn ich auf dem Platz bin. Was dann dabei herauskommt, weiß ich nicht. Ich kann leider nicht in die Zukunft gucken.“ Aber er kann sich sicher sein, dass er diesen Weg nicht allein gehen wird. (mbü)

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