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Tim Wiese steigt auf den Zaun und brüllt „Scheiß HSV“ ins Megafon. Es war der große Misston in den vier Nordderby-Akten 2009.

Nordderby-Wochen 2009 - Teil 4

Derby-Wahnsinn, letzter Akt: „Das war nochmal geil“

Bremen – 10. Mai 2009, schon wieder trifft Werder Bremen auf den Hamburger SV. Zum vierten Mal binnen 19 Tagen. Nach DFB-Pokal und Uefa-Pokal ist nun das Bundesliga-Spiel an der Reihe.

Es ist der Abschluss des Derby-Wahnsinns, und eigentlich ist aus Bremer Sicht die Luft nach den Triumphen in den anderen beiden Wettbewerben ziemlich raus. „Man war einfach kaputt und wusste morgens beim Aufwachen manchmal gar nicht, wo man gerade war“, erzählt Thomas Schaaf, damals Werder-Trainer.

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Im Hotel in Hamburg? Oder in Bremen? Egal. Was zählt, ist dies: Werder ist immer auf der Siegerstraße. Durch zwei Tore von Hugo Almeida gewinnen die Bremer auch dieses Spiel, rauben dem HSV damit die Chance auf Meisterschaft und letztlich auch auf die Champions League. Im Überschwang der Gefühle klettert Keeper Tim Wiese vor der Ostkurve des Weserstadions auf den Zaun und brüllt „Scheißt HSV“ ins Megafon. Es ist der große Misston in den vier Nordderby-Akten, die Torsten Frings so bilanziert: „Wir haben dem HSV alles genommen.“

Nordderby-Serie - Teil 2: Allofs jagt die Verlierer aus der Kabine

Das Nordderby: Kuriose Fakten und spektakuläre Ereignisse

Symbolbild
Beim Nordderby im Jahr 1967 fand die erste Auswechslung der Bundesliga-Geschichte statt. Hamburgs Torhüter Arkoc Özcan hatte sich in der 18. Minute den kleinen Finger gebrochen – für ihn kam Ersatzkeeper Erhard Schwerin in den Kasten. Die Regel, die Auswechslungen ermöglichte, war erst kurz zuvor eingeführt worden. © imago sportfotodienst (Symbolbild)
Nordderby
Ende einer Serie: 36 Bundesligaspiele in Folge war der HSV zwischen den Jahren 1982 und 1983 ungeschlagen. Ausgerechnet Werder stoppte den Lauf des Rivalen. Die Grün-Weißen siegten 3:2. © imago sportfotodienst
Nordderby
Das Nordderby im Jahr 1972 wurde vor gerade einmal 8000 Zuschauern ausgetragen – Negativrekord. Weniger kamen davor und danach nie zum Duell der Nordrivalen. Ein Grund für das geringe Interesse: Kurz zuvor war der legendäre Bundesliga-Skandal aufgeflogen. © imago sportfotodienst
Nordderby
Ehrenrunde über dem Weserstadion: Nach Hamburgs Meisterschaft in der Saison 1982/1983 hatte Horst Hrubesch eine ganz besondere Idee. Auf dem Rückflug vom letzten Spieltag überredete der HSV-Profi den Piloten der Fokker-Maschine, eine Ehrenrunde über dem Weserstadion in Bremen zu drehen. © imago sportfotodienst
Nordderby
An diesen Tag erinnern sich die Bremer nur ungern. Am 27. November 1971 lässt Schiedsrichter-Legende Walter Eschweiler die Werder-Profis in der zweiten Halbzeit beim Auswärtsspiel in Hamburg mit HSV-Trikots auflaufen. Der Grund: Für Eschweiler waren sich Werder- und HSV-Trikots zu ähnlich – Verwechslungsgefahr! Weil Werder aber keine Ersatztrikots dabei hatte, mussten die Grün-Weißen die ungeliebte HSV-Raute auf der Brust tragen. © im ago/Future Image
Nordderby
Ailton ist eben doch ein Bremer! 2006 nagelte der Brasilianer im Trikot der Hamburger den Ball im Derby völlig freistehend aus acht Metern über das leere Tor. Der HSV unterlag 1:2. Durch die Pleite zog nicht Hamburg, sondern Bremen in die Königsklasse ein. Wenig später war Ailtons Zeit beim HSV beendet – er wurde verkauft. © imago images / Thorge Huter
Nordderby
Beim Derby 2008 versuchten die Hamburger im Kampf um die Champions-League-Plätze mit einem Psychotrick zu punkten: Beim Duell in Hamburg wurde die Gästekabine mit HSV-Flaggen ausstaffiert. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Die Bremer ließen sich nicht beeindrucken, gewannen und wurden am Ende Zweiter in der Tabelle – der HSV musste sich mit Rang vier begnügen. © imago images / HochZwei/Christians
Nordderby
Werders höchster Auswärtssieg in Hamburg gelang am 22. September 2001 mit einem 4:0. Bremens gefeierter Held: Marco Bode. Der Stürmer erzielte einen Treffer selbst und bereitete zwei weitere vor. Der höchste Heimsieg war in der Meistersaison 2004 sogar ein 6:0. © imago images / Kolvenbach
Nordderby
Das wohl berühmteste Tor der Nordderby-Geschichte: Frank Baumanns Kopfballtreffer bedeutet für Werder den Einzug ins UEFA-Cup-Finale 2009. Es sorgte auch für einen der drei Werder-Siege gegen den HSV in drei Wettbewerben binnen 19 Tagen. Kurios war aber auch die Entstehung der Ecke vor Baumanns Tor: Der Ball hoppelte über eine Papierkugel, die ein HSV-Fan auf den Rasen geworfen hatte. HSV-Abwehrmann Michael Graavgaard traf den Ball nicht richtig - es gab Ecke für Werder. © imago
Nordderby
Ausgerechnet ein Wahl-Hamburger ersteigerte die legendäre Papierkugel. Matthias Seidel, Gründer von „transfermarkt.de“, erwarb die Kugel, um sie später im Werder-Museum ausstellen zu lassen. © imago images / Philipp Szyza
Nordderby
Adrian Maleika. Der Name steht synonym für die größte Tragödie der Derby-Geschichte. Der Werder-Fan wurde vor dem Spiel am 16. Oktober 1982 auf dem Weg ins Volksparkstadion von Hamburger Hooligans brutal angegriffen. Bei einem Steinwurf erlitt der 16-jährige Lehrling einen Schädelbasisbruch und Gehirnblutungen. Einen Tag später starb er. Er gilt als erstes Todesopfer bei Hooligan-Übergriffen in Deutschland. © imago
Nordderby
Noch eine der ganz bitteren Geschichten des Nordderbys: Am 20. September 1989 spielte Ditmar Jakobs sein letztes Bundesliga-Spiel. Im Weserstadion rutschte der HSV-Verteidiger bei einer Rettungsaktion ins Tor. Dort bohrte sich ein defekter Karabinerhaken der Toraufhängung in seinem Rücken. Jakobs kam nicht mehr los, der Haken musste mit einem Skalpell herausgeschnitten werden. Dabei wurden seine Nerven so stark verletzt, dass an Profisport danach nicht mehr zu denken war. © imago
Nordderby
Niederlagen sind nie schön, die am 14. Mai 1988 gegen den HSV gilt aber als eine der schönsten Werder-Pleiten. Die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel ging zwar zu Hause mit 1:4 gegen die Hamburger baden. Aber das juckte keinen: Die Bremer hatten die zweite Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte schon perfekt gemacht - und durften nach dem Spiel die Schale vor den Augen des Rivalen in die Höhe recken. © imago
Nordderby
So unschön die Szene, so schnell wurde sie auch legendär: Werder-Keeper Tim Wiese verwechselte im Mai 2008 Fußball mit Kung Fu und senste beim Herauslaufen HSV-Stürmer Ivica Olic derart um, als wolle er ihm den Kopf abtreten. Ob Wiese da schon den Gedanken an eine Karriere im Wrestling entwickelt hat? Franz Beckenbauer sprach danach von Mordversuch, ein Unbekannter stellte sogar Strafanzeige wegen versuchten Totschlags. Der Schiedsrichter zeigte im Spiel jedenfalls nur Gelb. © imago
Nordderby
Klar ist: Werder Bremen gegen den Hamburger SV - es ist das ewige Duell der Bundesliga. Kein Spiel gab es häufiger. Zum 100. Nordderby präsentierten die Werder-Fans im Weserstadion eine beeindruckende Choreografie. „100 Spiele wie im Märchen“, schrieben die Fans und klappten das Geschichtsbuch auf. Am Ende stand: „Und die Moral von der Geschicht‘, Bremen ist geil, Hamburg nicht.“ © imago images / osnapix

Zehn Jahre später ist die Euphorie bei ihm immer noch nicht völlig verflogen. „Das Spiel war nochmal geil“, schwärmt er. Wobei von einem Sieg im Vorfeld wirklich nicht auszugehen ist. Diego, Per Mertesacker, Clemens Fritz sowie Sebastian Prödl fehlen allesamt, und die Vorbereitung läuft auch irgendwie anders als sonst. Frings lachend: „Die Analysen von Thomas Schaaf wurden immer langweiliger. Wir wussten nach drei Duellen ja schon alles über den HSV. Thomas hat dann auch irgendwann damit aufgehört.“

Nordderby-Serie - Teil 3: „Die Papierkugel hatten wir uns verdient“

Aber die Mannschaft hört nicht auf. „Wir wollen dem HSV den Rest geben“, posaunt Frings vor dem Spiel. Tatsächlich erklären die Hamburger das 0:2 später zum Anfang der großen Club-Krise. Statt Champions League wird es 2009 nur die Europa League, statt Zufriedenheit über die beste Saison seit Langem (und für lange) zerfleischt sich die Führung des Clubs selbst. „Nach den Werder-Wochen lagen die Nerven blank“, gesteht Vorstandsboss Bernd Hoffmann Jahre später. Konsequenz des Krachs : Trainer Martin Jol geht, Sportchef Dietmar Beiersdorfer auch. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen - angerichtet vom Erzrivalen aus Bremen.

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