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Wiese der Elfmeter-Killer.

Vor zehn Jahren nimmt Werder dem HSV fast alles: Frings und Schaaf erinnern sich

Nordderby-Wahnsinn: Wiese isst sich zum Elfer-Killer

Bremen – „Das war krass, das war unnormal, aber es war auch so geil, weil wir am Ende alles hatten – na ja, und der HSV . . .“

Wenn Torsten Frings auf diese vier Nordderbys zwischen dem SV Werder Bremen und dem Hamburger SV in nur 19 Tagen und in gleich drei Wettbewerben angesprochen wird, dann sprudeln die Erinnerungen sofort aus ihm heraus. Dann sind die zehn Jahre dazwischen wie weggeblasen, dann steht Frings quasi wieder im Stadion. Thomas Schaaf geht es genauso. Für die DeichStube blicken der Ex-Profi und der Ex-Trainer auf die einzelnen Spiele zurück. Den Anfang macht das DFB-Pokal-Halbfinale in Hamburg am 22. April 2009, das Werder mit 3:1 im Elfmeterschießen gewann.

Angst, dass Fans durchdrehen und es zu Ausschreitungen kommt

„Wir wussten, dass wir im Vorfeld dieser Spiele eine sehr große Verantwortung haben“, erzählt Schaaf. Die Angst war groß, dass die Fans durchdrehen und es zu Ausschreitungen kommt. Also hielten sich alle Offiziellen mit Kampfansagen und vor allem Provokationen zurück. „Wir hatten wirklich einen sehr respektvollen Umgang mit den Verantwortlichen vom HSV“, berichtet Schaaf. Dabei blieb es auch Jahre später. „Ich habe mal Martin Jol bei einer Trainertagung getroffen“, erzählt Schaaf: „Ich habe ihn nicht auf diese Geschichte mit den Nordderbys angesprochen – und er mich natürlich auch nicht.“ Jol hatte 2009 als HSV-Trainer die großen Triumphe vor Augen: die Meisterschaft, den Uefa-Pokal und den DFB-Pokal. Der Niederländer gewann nichts und verließ schwer getroffen den HSV Richtung Amsterdam.

Das Nordderby: Kuriose Fakten und spektakuläre Ereignisse

Symbolbild
Beim Nordderby im Jahr 1967 fand die erste Auswechslung der Bundesliga-Geschichte statt. Hamburgs Torhüter Arkoc Özcan hatte sich in der 18. Minute den kleinen Finger gebrochen – für ihn kam Ersatzkeeper Erhard Schwerin in den Kasten. Die Regel, die Auswechslungen ermöglichte, war erst kurz zuvor eingeführt worden. © imago sportfotodienst (Symbolbild)
Nordderby
Ende einer Serie: 36 Bundesligaspiele in Folge war der HSV zwischen den Jahren 1982 und 1983 ungeschlagen. Ausgerechnet Werder stoppte den Lauf des Rivalen. Die Grün-Weißen siegten 3:2. © imago sportfotodienst
Nordderby
Das Nordderby im Jahr 1972 wurde vor gerade einmal 8000 Zuschauern ausgetragen – Negativrekord. Weniger kamen davor und danach nie zum Duell der Nordrivalen. Ein Grund für das geringe Interesse: Kurz zuvor war der legendäre Bundesliga-Skandal aufgeflogen. © imago sportfotodienst
Nordderby
Ehrenrunde über dem Weserstadion: Nach Hamburgs Meisterschaft in der Saison 1982/1983 hatte Horst Hrubesch eine ganz besondere Idee. Auf dem Rückflug vom letzten Spieltag überredete der HSV-Profi den Piloten der Fokker-Maschine, eine Ehrenrunde über dem Weserstadion in Bremen zu drehen. © imago sportfotodienst
Nordderby
An diesen Tag erinnern sich die Bremer nur ungern. Am 27. November 1971 lässt Schiedsrichter-Legende Walter Eschweiler die Werder-Profis in der zweiten Halbzeit beim Auswärtsspiel in Hamburg mit HSV-Trikots auflaufen. Der Grund: Für Eschweiler waren sich Werder- und HSV-Trikots zu ähnlich – Verwechslungsgefahr! Weil Werder aber keine Ersatztrikots dabei hatte, mussten die Grün-Weißen die ungeliebte HSV-Raute auf der Brust tragen. © im ago/Future Image
Nordderby
Ailton ist eben doch ein Bremer! 2006 nagelte der Brasilianer im Trikot der Hamburger den Ball im Derby völlig freistehend aus acht Metern über das leere Tor. Der HSV unterlag 1:2. Durch die Pleite zog nicht Hamburg, sondern Bremen in die Königsklasse ein. Wenig später war Ailtons Zeit beim HSV beendet – er wurde verkauft. © imago images / Thorge Huter
Nordderby
Beim Derby 2008 versuchten die Hamburger im Kampf um die Champions-League-Plätze mit einem Psychotrick zu punkten: Beim Duell in Hamburg wurde die Gästekabine mit HSV-Flaggen ausstaffiert. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Die Bremer ließen sich nicht beeindrucken, gewannen und wurden am Ende Zweiter in der Tabelle – der HSV musste sich mit Rang vier begnügen. © imago images / HochZwei/Christians
Nordderby
Werders höchster Auswärtssieg in Hamburg gelang am 22. September 2001 mit einem 4:0. Bremens gefeierter Held: Marco Bode. Der Stürmer erzielte einen Treffer selbst und bereitete zwei weitere vor. Der höchste Heimsieg war in der Meistersaison 2004 sogar ein 6:0. © imago images / Kolvenbach
Nordderby
Das wohl berühmteste Tor der Nordderby-Geschichte: Frank Baumanns Kopfballtreffer bedeutet für Werder den Einzug ins UEFA-Cup-Finale 2009. Es sorgte auch für einen der drei Werder-Siege gegen den HSV in drei Wettbewerben binnen 19 Tagen. Kurios war aber auch die Entstehung der Ecke vor Baumanns Tor: Der Ball hoppelte über eine Papierkugel, die ein HSV-Fan auf den Rasen geworfen hatte. HSV-Abwehrmann Michael Graavgaard traf den Ball nicht richtig - es gab Ecke für Werder. © imago
Nordderby
Ausgerechnet ein Wahl-Hamburger ersteigerte die legendäre Papierkugel. Matthias Seidel, Gründer von „transfermarkt.de“, erwarb die Kugel, um sie später im Werder-Museum ausstellen zu lassen. © imago images / Philipp Szyza
Nordderby
Adrian Maleika. Der Name steht synonym für die größte Tragödie der Derby-Geschichte. Der Werder-Fan wurde vor dem Spiel am 16. Oktober 1982 auf dem Weg ins Volksparkstadion von Hamburger Hooligans brutal angegriffen. Bei einem Steinwurf erlitt der 16-jährige Lehrling einen Schädelbasisbruch und Gehirnblutungen. Einen Tag später starb er. Er gilt als erstes Todesopfer bei Hooligan-Übergriffen in Deutschland. © imago
Nordderby
Noch eine der ganz bitteren Geschichten des Nordderbys: Am 20. September 1989 spielte Ditmar Jakobs sein letztes Bundesliga-Spiel. Im Weserstadion rutschte der HSV-Verteidiger bei einer Rettungsaktion ins Tor. Dort bohrte sich ein defekter Karabinerhaken der Toraufhängung in seinem Rücken. Jakobs kam nicht mehr los, der Haken musste mit einem Skalpell herausgeschnitten werden. Dabei wurden seine Nerven so stark verletzt, dass an Profisport danach nicht mehr zu denken war. © imago
Nordderby
Niederlagen sind nie schön, die am 14. Mai 1988 gegen den HSV gilt aber als eine der schönsten Werder-Pleiten. Die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel ging zwar zu Hause mit 1:4 gegen die Hamburger baden. Aber das juckte keinen: Die Bremer hatten die zweite Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte schon perfekt gemacht - und durften nach dem Spiel die Schale vor den Augen des Rivalen in die Höhe recken. © imago
Nordderby
So unschön die Szene, so schnell wurde sie auch legendär: Werder-Keeper Tim Wiese verwechselte im Mai 2008 Fußball mit Kung Fu und senste beim Herauslaufen HSV-Stürmer Ivica Olic derart um, als wolle er ihm den Kopf abtreten. Ob Wiese da schon den Gedanken an eine Karriere im Wrestling entwickelt hat? Franz Beckenbauer sprach danach von Mordversuch, ein Unbekannter stellte sogar Strafanzeige wegen versuchten Totschlags. Der Schiedsrichter zeigte im Spiel jedenfalls nur Gelb. © imago
Nordderby
Klar ist: Werder Bremen gegen den Hamburger SV - es ist das ewige Duell der Bundesliga. Kein Spiel gab es häufiger. Zum 100. Nordderby präsentierten die Werder-Fans im Weserstadion eine beeindruckende Choreografie. „100 Spiele wie im Märchen“, schrieben die Fans und klappten das Geschichtsbuch auf. Am Ende stand: „Und die Moral von der Geschicht‘, Bremen ist geil, Hamburg nicht.“ © imago images / osnapix

Werder durfte sich dagegen als Pokalsieger feiern lassen. Der wohl wichtigste Schritt dorthin gelang in Hamburg. „Der HSV war Favorit – und wir hatten keine gute Saison gespielt“, erinnert sich Frings. Früh traf Per Mertesacker zum 1:0. „Da hatte er nach einem super Freistoß von Diego den richtigen Riecher“, lobt Frings. Doch Ivica Olic glich später aus. Es ging in die Verlängerung, dann ins Elfmeterschießen. „Da wussten wir, dass wir gewinnen“, sagt Frings. Warum? „Wir hatten doch den Elfer-Killer Tim Wiese. Der hat nach jedem Training einen gesucht, mit dem er noch ein Elfmeterschießen machen konnte. Natürlich mit einem kleinen Einsatz, meistens ging es um ein schönes Essen. Tim hat ja gerne gegessen. Er hat nicht immer gewonnen, aber oft.“

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Nach dem Schlusspfiff rennt Wiese in Richtung Bremer Fan-Kurve. 

Gegen den HSV ließ Wiese nur den ersten Versuch von Joris Mathijsen durch, dann parierte er gleich drei Mal gegen Jerome Boateng, Olic und Marcell Jansen. „Nach seiner letzten Tat ist Tim wie ein Irrer zu unserer Fan-Kurve gerannt, die 100 Meter waren unter zehn Sekunden, wir kamen überhaupt nicht hinterher. Wahnsinn!“, schwärmt Frings. Er selbst hatte zuvor wie auch Claudio Pizarro und Mesut Özil vom Punkt getroffen. „Natürlich war ich nervös“, gibt der heute 42-Jährige zu – und nicht nur das: „Ich hatte auch ganz schön Glück. Der Ball ist an die Unterkante der Latte und hat etwas gebraucht, bis er drin war.“ Frings lacht. „Dann ging die Party ab, erst draußen, dann in der Kabine. Natürlich waren wir lauter als anderswo, wir waren ja beim HSV“, betont Frings und verrät noch: „Ein paar Bierchen haben wir natürlich auch getrunken. Denn unser Traum von einem Titel lebte.“

In der Bundesliga ging es drei Tage später mit dem Heimspiel gegen den VfL Bochum (3:2) weiter. Dann hieß der Gegner am 30. April schon wieder HSV, diesmal im Weserstadion und diesmal im Uefa-Cup.

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Wie könnte die Aufstellung von Werder Bremen gegen Hertha BSC aussehen? Josh Sargent dürfte spielen, Philipp Bargfrede eher nicht und Claudio Pizarro sitzt wieder auf der Bank.

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