Werder und die Standards

Zweite Bälle als erstklassige Waffe: Wie ausgerechnet Torwart-Trainer Christian Vander den SV Werder Bremen bei Standards gefährlicher macht

Bremen – Es war ein Geschenk, keine Frage. „Ein Eiertor“ nannte Ömer Toprak später den 4:3-Siegtreffer des SV Werder Bremen gegen den SC Paderborn. Weil dessen Torhüter Jannik Huth unter einem Bremer Eckball durchgetaucht war, fiel Toprak der Ball vor die Füße. Der Kapitän konnte gar nicht anders, als zu treffen. Das Tor war nicht nur die Schlusspointe eines völlig wilden Spiels, sondern auch eines mit grün-weißem Seltenheitswert.

Denn dass Werder Bremen direkt nach einem Eckball erfolgreich ist, kam in der laufenden Saison noch nicht sehr oft vor. 132 Eckbälle (Liga-Spitze) führten nur zu drei in direkter Folge erzielten Tore. Das mag man wenig nennen, sogar eine Bremer Schwäche könnte man darin sehen, denn die Formel 44 Ecken = 1 Tor ist alles andere als berauschend. Aber Trainer Ole Werner will von einer Schwäche nichts wissen. Er sagt: „Nach Toren pro Ecke gehören wir zu den besten Mannschaften der Liga.“

Und er hat recht – jedenfalls gilt die Behauptung, seit er bei Werder das Sagen hat. Und wenn die Definition „Tor nach Ecke“ auch Situationen über den zweiten oder dritten Ball mit einbezieht. In allen fünf Spielen unter Ole Werner hat Werder Bremen quasi im Nachsetzen nach Standardsituationen getroffen, viermal nach Ecken. Es ist ein Wert, an dem kurioserweise Torwarttrainer Christian Vander einen großen Anteil hat.

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Werder Bremen: Christian Vander ist bei der Vorbereitung der Standards federführend

„Er ist in der Vorbereitung der Standards bei uns federführend. Dass wir in den vergangenen Wochen damit sehr gefährlich waren, ist in erster Linie sein Verdienst“, sagt Ole Werner über seinen Assistenten. Dessen eigentlicher Job ist es, mit den Torhütern zu arbeiten, sie zu sicheren Schlussleuten zu machen. Aber Christian Vander kann offenbar viel mehr. Werner hat ihn damit betraut, das Verhalten des Gegners bei Standardsituationen zu erforschen und eigene Handlungsweisen zu entwickeln.

Gemeinsam mit Videoanalyst Sören Quittkat bereitet Christian Vander, Spitzname „Kiki“, bis Mitte der Woche vor, was dann im Trainerteam gemeinsam besprochen wird, so Ole Werner. Dabei erwartet der Chefcoach des SV Werder Bremen keine superneuen Tricks bei den Standards, sondern solide Analysen: „Wichtiger als zehn Varianten zu haben, ist eine klare Aufgabenverteilung – insbesondere die Fragen, in welchen Raum der Ball gespielt werden soll, wer als Zielspieler einläuft, wo sich die anderen Spieler positionieren, um die zweiten Bälle aufzunehmen. Die Vorbereitungsarbeit dafür liegt bei Kiki und Quittkat.“

Werder Bremen erzielte sechs Tore nach Standards in den vergangenen fünf Spielen

Dass der Torwart-Coach und der Videoanalyst dabei ein gutes Auge haben, verdeutlichen die vergangenen Spiele von Werder Bremen mit sechs Toren nach Standards. Beim 4:3 gegen den SC Paderborn traf nicht nur Toprak nach einer Ecke, auch Romano Schmids Anschlusstor zum 2:3 fiel nach einem zunächst abgewehrten Eckball. Ebenso die Tore von Niclas Füllkrug gegen Fortuna Düsseldorf (1:0 – Endstand 3:0), von Anthony Jung gegen Hannover 96 (3:1 – Endstand 4:1), von Milos Veljkovic gegen Erzgebirge Aue (2:0 – Endstand 4:0).

Bei Marco Friedls Tor gegen Jahn Regensburg (2:1- Endstand 3:2) war ein Freistoß der Ausgangspunkt gewesen. Das Muster ist dabei immer gleich: Abgewehrten Ball aufnehmen, wieder in die Mitte bringen, treffen. Die Beispiele lassen Ole Werner selbstbewusst sagen: „Ich glaube, dass wir auf diese Weise in den vergangenen Wochen sehr gefährlich waren. Mir ist es auch völlig egal, ob wir den Ball nach einer Ecke direkt reinköpfen oder über den zweiten Ball erfolgreich sind“, sagt der Trainer des SV Werder Bremen über die Standards.

Werder Bremen-Trainer Werner: „Nach Toren pro Ecke gehören wir zu den besten Mannschaften der Liga“

Mit Christian Vanders Hilfe hat Werder Bremen diesen „zweiten Ball“ zu einer erstklassigen Waffe für sich entwickelt. Werner behauptet gar: „Nach Toren pro Ecke gehören wir zu den besten Mannschaften der Liga.“ Wobei die Grenzen insgesamt fließend sind – wann geht das Tor noch auf den Eckball zurück, wann ist es eine völlig neue Spielsituation? Vergleiche in dieser Statistik sind schwierig, Ole Werner bleibt deshalb auch bei sich, sieht die eigene Qualität als „Schlüssel zum Erfolg“ und sagt mit Blick auf den Spitzenwert von 132 Eckbällen: „Wir haben diese zahlreichen Standardsituationen, weil wir häufig spielbestimmend sind und gegen tiefstehende Gegner spielen müssen. Dann sind ruhende Bälle immer ein Schlüssel zum Erfolg oder die Möglichkeit, eine Tür zu öffnen, die aus dem Spiel heraus schwer zu öffnen ist. Das ist uns in den letzten Wochen gelungen.“

Wenn Werder Bremen am Samstag den Karlsruher SC im Wohninvest Weserstadion empfängt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Team zum sechsten Mal in Folge nach einem ruhenden Ball treffen wird. Nicht nur wegen der eigenen Mittel, sondern auch wegen der Schwäche beim Gegner. Bis zum vergangenen Spieltag war der KSC mit elf Gegentoren das bei Standards anfälligste Team der 2. Liga. Christian Vander und Sören Quittkat werden sicher schon berichtet haben, wie das kommt, wo Werder ansetzen kann. Ole Werner, der trotz der zwischenzeitlichen Quarantäne des Karlsruher SC nicht mit einem geschwächten Gegner rechnet, vertraut jedenfalls voll auf das Duo. Und er sieht keinen Grund, seinem Torwarttrainer die Spezialaufgabe irgendwann wieder zu entziehen: „Es funktioniert gut, und was gut funktioniert, behalten wir bei.“ (csa)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Eibner

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