Vor und in seinem Tunnel war immer viel los, doch Michael Grimm behielt in seiner roten Ordner-Jacke (links) stets den Überblick und sorgte dafür, dass bei Heimspielen des SV Werder Bremen alles glatt lief.
+
Vor und in seinem Tunnel war immer viel los, doch Michael Grimm behielt in seiner roten Ordner-Jacke (links) stets den Überblick und sorgte dafür, dass bei Heimspielen des SV Werder Bremen alles glatt lief.

20 Jahre Dienst im Weserstadion

Der Mann vor dem Werder-Tunnel: Ordner Michael Grimm hört auf - und hat eine Menge zu erzählen

Bremen – 13. November 2004, die Volksseele kocht im Weserstadion. Schiedsrichter Dr. Felix Brych hat aus Sicht des SV Werder Bremen und dessen Fans die Partie gegen Bayer Leverkusen beim Stand von 2:2 zu früh abgepfiffen und Werder so die Chance auf einen Sieg genommen. Aus der Ostkurve fliegen Gegenstände. „Münzen und Feuerzeuge“, erinnert sich Michael Grimm. Sein Job ist es, den Schiedsrichter auf dem Weg in den Spielertunnel zu schützen.

Dafür spannt der Ordner wie immer seinen großen Schirm auf. Alles geht gut, Brych kommt unversehrt rein. Dann der Schock. „Wir haben neben dem Tunnel einen Schulzirkel gefunden“, erinnert sich Michael Grimm: „Danach wurde aus Sicherheitsgründen der Tunnel verlängert.“ Vor dem steht Grimm 20 Jahre lang bei fast jedem Heimspiel des SV Werder Bremen – nun hört der 61-Jährige auf.

„Gott sei Dank hat sich nie jemand ernsthaft verletzt“, sagt Grimm: „Okay, ich habe schon die eine oder andere Bierdusche abbekommen, aber nach Toren passiert das schon mal.“ Er lacht. Mit den Fans in der Ostkurve kam Grimm immer gut klar, schließlich hat er dort selbst jahrelang gestanden. Und einige Wurfgeschosse waren durchaus lohnenswert. „Da kamen schnell mal zehn Mark an Münzen zusammen. Das war viel Geld, so viel haben wir als Ordner ja nicht verdient“, berichtet Grimm und erzählt von den Papiertüten, die es Ende der 1980er Jahre nach den Spielen für ihn und seine Kollegen gab: „32 Mark waren da drin.“ Dafür hatte er während des Spiels in einer alten Polizeiuniform im Innenraum gestanden.

Werder Bremen-Ordner Michael Grimm plauderte mit Weltstars wie Ronaldinho und Rudi Völler

Nach acht Jahren Pause kehrte Grimm 1998 als Ordner ins Weserstadion zurück. Ab 2000 war sein Platz am Spielertunnel – und er wurde zu einer kleinen Institution. Alle kannten ihn – Trainer, Spieler, Funktionäre und Journalisten, die in diesem Bereich ihre Interviews führten und durchaus auf Grimms Hilfe angewiesen waren. „Er gehört zu den Unverzichtbaren“, adelt Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer einen der wohl bekanntesten und beliebtesten Ordner im Weserstadion. Immer pflichtbewusst, aber eben auch in der Lage, situativ zu entscheiden.

Bei einigen Spielen wurde Michael Grimm als Ordner auch mit Sakko und Krawatte ausgestattet.

„Mir hat das unglaublich viel Spaß gemacht. Ich habe so viele tolle Menschen kennengelernt“, schwärmt Grimm. Da wäre zum Beispiel Ronaldinho, der 2005 und 2006 in der Champions League gleich zwei Mal mit dem FC Barcelona im Weserstadion gastierte. „Beim Abschlusstraining am Abend vor dem Spiel sind ein, zwei Bälle bei mir gelandet, die habe ich zurückgeschossen. Anschließend kam er zu mir, hat total nett mit mir geplaudert.“ Noch netter war Rudi Völler. Der Ex-Bremer sollte 2004 als damaliger Teamchef der Nationalmannschaft dem SV Werder Bremen nach dem Heimspiel gegen Leverkusen die Meisterschale überreichen. „Wir kannten uns schon ein bisschen von früher. Und plötzlich sagte er zu mir: Komm’ mal mit.“ Ehe sich Michael Grimm versah, hatte er in den Katakomben des Stadions die Meisterschale in der Hand – für ein ganz besonderes Erinnerungsfoto.

Als es bei Werder Bremen 2016 unter Viktor Skripnik mal nicht so gut lief, da wurde aus dem Ordner Grimm kurzzeitig auch der Glücksbringer Grimm. „Ich hatte einfach mal mein altes Werder-Trikot von Christian Schulz untergezogen, und prompt haben wir gewonnen. Das nächste Spiel dann auch.“ Skripnik habe von der Geschichte Wind bekommen und sich vor dem nächsten Spiel bei ihm persönlich erkundigt, ob er das Siegertrikot wieder trage. Lange hielt der Zauber allerdings nicht an - Skripnik ist als Trainer längst Geschichte bei Werder, und Grimm nun auch als Ordner.

Werder Bremen: Ordner Michael Grimm wird bei Geisterspielen in der Corona-Pandemie nicht mehr gebraucht

In seinem Hauptjob als Sachbearbeiter bei der Metro Logistic in Bremen geht er bald in den Vorruhestand. Und seit einem Jahr lebt der Vater einer Tochter mit seiner zweiten Frau in Zeven. Durch die Fahrten würde sein Nebenjob als Ordner im Weserstadion und auf Platz 11, wo er auch bei den Spielen der Bundesliga-Frauen und der U23 im Einsatz war, zum Zuschussgeschäft. „Es ist Zeit zu gehen“, sagt Michael Grimm. Natürlich sei es traurig, dass er bereits seit dem Heimspiel gegen Borussia Dortmund im Februar nicht mehr vor seinem Tunnel stehen durfte. In der Corona-Pandemie wird er bei den Geisterspielen nicht mehr gebraucht.

„Es ist schade, aber nicht zu ändern“, will der scheidende Ordner nicht klagen, sondern freut sich schon auf seine neue Aufgabe: Er will seine Sammlung von 1 593 Pins sortieren und auf Korkwänden anbringen. Die Anstecknadeln der Clubs aus der ganzen Welt – viele davon gesammelt vor und nach den Werder-Spielen – werden ihn dann immer an seinen Job im Weserstadion erinnern. Und der Pin von Bayer Leverkusen ganz sicher an den 13. November 2004, als Schiedsrichter Brych die Partie vier Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit abgepfiffen hatte, obwohl eine Nachspielzeit von zwei Minuten angezeigt worden war. (kni) Auch interessant: Alles zum Bundesliga-Spiel des SV Werder Bremen gegen den 1. FC Union Berlin! Darf Romano #Schmid erneut von Beginn an ran? So könnte die Werder-Aufstellung gegen Union Berlin aussehen.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare