+
Patrick Owomoyela spricht im DeichStube-Interview über den prekären Ist-Zustand bei Werder Bremen, das Duell mit Borussia Dortmund und die Titelchancen des BVB.

„Owo“ über Werders Lage im Abstiegskampf und das BVB-Spiel

Ex-Werderaner Patrick Owomoyela im Interview: „Es brennt lichterloh an der Weser“

Von Hans-Günter Klemm. Zwei Herzen schlagen in seiner Brust, denn Patrick Owomoyela (40) spielte für beide Clubs. Der Ex-Nationalspieler, der sich in seiner Jugend auch im Basketball versucht hat, absolvierte von 2005 bis 2008 genau 50 Bundesligapartien für Werder Bremen, ehe er bis 2013 für Borussia Dortmund aktiv war.

Heute lebt Patrick Owomoyela in Dortmund, ist bei der Borussia als Markenbotschafter eingesetzt und arbeitet als Experte und Co-Kommentator für diverse TV-Sender. „Owo“ darf als Fachmann gelten und beurteilt vor dem Bundesligaduell zwischen Werder Bremen und dem BVB (Samstag, 15.30 Uhr) für die DeichStube die Aussichten der Bremer im Abstiegskampf und die der Dortmunder im Titelrennen.

Herr Owomoyela, als wir uns zum Gespräch verabredet haben, haben Sie davon gesprochen, dass Sie noch zur Baustelle müssen. Waren Sie etwa zu Besuch bei Ihrem Ex-Club Werder Bremen?

Schön gesagt, doch ich war nicht in Bremen, sondern in Dortmund auf meiner Baustelle. Ich baue dort.

Ist Werder denn augenblicklich die größte Baustelle in der Bundesliga?

Gefühlt schon, jedenfalls existiert eine gehörige Menge Korrekturbedarf bei der Mannschaft. Es geht einiges daneben in dieser Saison, speziell in den letzten Wochen. Es kommt vieles zusammen.

Was meinen Sie konkret? Die Verletzungsmisere? Die Torflaute? Die Defensivschwäche?

Wo soll ich anfangen? Alles kommt zusammen. Was besonders tragisch und kritisch ist: Werder ist auf einmal enorm heimschwach. So schlecht haben Sie zu Hause noch nie gespielt. Das sollte sich rasch ändern, sonst lässt sich der Klassenerhalt kaum realisieren. Es brennt jedenfalls lichterloh an der Weser.

Hatten Sie diese Entwicklung erwartet?

Ich glaube, damit hat niemand gerechnet, die Verantwortlichen im Verein nicht, aber die Außenstehenden auch nicht. Und ich habe immer noch das Gefühl, dass die Mannschaft nicht so schlecht ist wie der aktuelle Tabellenstand. Die Elf ist besser als das, was sie auf dem Platz zeigt. Mit diesem Kader, mit Verlaub, hätten mehr Punkte geholt werden müssen.

Sie klingen schon wie die Bremer Bosse, die lange Zeit nicht einsehen wollten, dass es gegen den Abstieg geht…

Das ist meine Überzeugung, doch natürlich liegt auch eine Gefahr in diesem Glauben. Darauf sollten sich die Betroffenen nicht ausruhen, sonst steht am Ende der direkte Abstieg oder die Relegation. Es ist sehr ernst, viel Zeit hat Werder nicht mehr, um die Kurve zu kriegen.

Werder Bremen - Patrick Owomoyela über Maxi Eggestein: „Sind andere in der Verantwortung“

Sind in Ihren Augen Fehler in der Kaderplanung gemacht worden?

In der Offensive hat sich, natürlich auch durch die Verletzung von Füllkrug, eine immense Schwachstelle aufgetan. Die Jungen Josh Sargent und Jojo Eggestein konnten nicht einspringen, auch Altmeister Pizarro ist nicht mehr dynamisch genug, um das Manko aufzufangen. Alles dreht sich allein um Milot Rashica. Ich habe viele Werder-Partien live gesehen und für den englisch-sprachigen Dienst der DFL kommentiert. Werder war offensiv einfach zu harmlos. Im Winter haben sie reagiert mit dem Transfer von Davie Selke. Es bleibt die Krux für diesen Club: Mit der Spardose nachzujustieren, ist nicht einfach. Werder hat sich bemüht, hat versucht, mit Kevin Vogt auch die Deckung dicht zu bekommen. Pech, dass auch er sich verletzt hat.

Sind Sie enttäuscht von der Leistung eines Maximilian Eggesteins, der als kommender Nationalspieler galt und extrem abgetaucht ist?

Nein, man muss es realistisch sehen und darf nicht über die Maßen viel von Maxi oder auch von seinem Bruder erwarten. Beide sind noch in der Entwicklung und längst keine fertigen Spieler. Da stehen andere in der Verantwortung.

Wer?

Ein Davy Klaassen, ein Nuri Sahin, ein Theo Gebre Selassie oder ein Niklas Moisander, den es auch kräftig geschüttelt hat und der unter seinem Niveau agiert. Das sind die Führungsspieler, die mehr leisten müssen.

Sehen Sie den Verlust von Max Kruse im Sommer als das Kardinalproblem?

Ein Kruse in der Form der letzten Saison ist schwer zu ersetzen. Max und Werder – das passte zuletzt wie der Deckel auf dem Topf. Doch sein Weggang darf keine Ausrede sein. Von den genannten Spielern hätte einfach mehr kommen müssen, um das aufzufangen. Es ist nicht nur der Kruse-Abgang, der die missliche Lage herbeigeführt hat.

Yuya Osako sollte eine wesentliche Rolle spielen, um den Verlust auszugleichen. Ein Plan, der gescheitert ist?

Er hat sich nicht bewährt. Osako ist ein guter Bundesligaspieler, der in jeder Top-Elf eine Rolle spielen und wertvoll sein könnte. Doch er kann niemals der alleinige Macher sein, niemals derjenige, der das Spiel bestimmt. Osako ist eben kein Führungsspieler.

Mit Borussia Dortmund kommt nun Werders Lieblingsgegner aus der jüngeren Vergangenheit. Bei allen positiven Bremer Erinnerungen an die Pokalsiege gegen den BVB – steht das Ligaspiel unter anderen Vorzeichen?

Sicherlich, die Borussia geht als klarer Favorit in das Duell. Mit Wut im Bauch und mit einer ganz anderen Drucksituation im Titelkampf als zuletzt im Pokalspiel. Das Gefühl der Niederlage in Bremen ist noch frisch und existent. Die Dortmunder wollen diese Schmach unbedingt tilgen.

Patrick Owomoyela spielte sowohl für Borussia Dortmund als auch für Werder Bremen in der Bundesliga.

Wie sehen Sie die momentane Verfassung des BVB?

Nicht so kritisch wie manche Beobachter. Die Elf hat sich stabilisiert, Union, Augsburg und Köln klar bezwungen, zuletzt die Frankfurter souverän nach Hause geschickt, davor auch gegen Leverkusen eine Topleistung gezeigt, auch wenn das Spiel verloren ging. Die Borussia bekommt so langsam Konstanz in ihre Darbietungen.

Der Sieg gegen Tuchels Pariser Starensemble war der Beweis dafür, oder?

Es war jedenfalls eine sehr starke Leistung gegen eine Topmannschaft Europas.

Oft wird die Defensivschwäche der Mannschaft thematisiert. Ihre Meinung dazu als früherer Abwehrspieler?

Lange hat die Mannschaft nicht so stabil gestanden, wie es sich alle gewünscht haben. Doch die Zweifel sind inzwischen weitgehend ausgeräumt. Dortmund ist auf dem Weg zu einer absoluten Spitzenmannschaft in allen Mannschaftsteilen. Die Abwehrleistung gegen PSG hat gepasst.

Ihr Kumpel Norbert Dickel, der Dortmunder Stadionsprecher, hat unlängst behauptet, der aktuelle Kader sei der beste, den die Borussia je hatte. Stimmen Sie diesem Urteil zu?

Was die Qualität der Einzelspieler betrifft, auf jeden Fall. Doch die Mannschaften von früher haben ihre Erfolge errungen, weil sie andere Fähigkeiten aufgewiesen haben. Wie mannschaftliche Geschlossenheit, das bedingungslose Eintreten füreinander, das gegenseitige Helfen und dieser absolute Siegeswille. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Die aktuelle Truppe ist absolut intakt, doch es fehlten lange Zeit die genannten Momente, was sich in den letzten Wochen zum Positiven verändert hat. Der Auftritt in der Champions League ist ein Beleg dafür. Das sollte in der Liga gegen Werder bestätigt werden. Die Borussia ist gefordert, dieses Selbstvertrauen und den Willen, auch gegen einen Underdog bis an die Grenzen zu gehen, in Bremen zu zeigen, um drei wichtige Punkte im Meisterschaftskampf zu holen.

Patrick Owomoyela: „Ich hoffe, Werder Bremen schafft den Klassenerhalt“

Paradoxon: In Bremen wird der erfolglose Trainer Florian Kohfeldt gestärkt und gestützt, in Dortmund der erfolgreiche Coach, gelinde gesagt, hinterfragt und in Zweifel gezogen. Teilen Sie die Kritik an Lucien Favre?

Ich mag Favre, er ist ein guter Trainer für mich. Er hatte sicherlich in dieser Spielzeit schon gute, aber auch schlechte Phasen. Doch die Stimmung gegen ihn ist nicht gerechtfertigt. Favre ist ein akribischer Arbeiter, der sich, wie bekannt ist, um viele Details kümmert. Der so auch jeden Spieler formt und weiterbringt – und der der Mannschaft hilft und guttut.

Kann Dortmund Meister werden?

Ich erwarte einen Dreikampf bis zum Ende. Ein leichter Vorteil für die Borussia könnte sein, dass Bayern und Leipzig noch in drei Wettbewerben vertreten sind. Gladbach und Leverkusen werden auch ihr Ding machen wollen, doch die drei anderen Vereine sehe ich schon in Front.

Trauen Sie Werder zu, den Abstiegskampf zu meistern?

Ich hoffe es, schließlich hege ich immer noch starke Sympathien für den Club. Es wäre schade, wenn es Werder erwischen würde, wenn nach Stuttgart und dem HSV ein weiterer Traditionsverein weichen müsste. Werder gehört in die Bundesliga.

Früher haben Sie sich mit einigen Kampagnen im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus engagiert, sind dafür nicht nur gelobt, sondern auch mit Preisen ausgezeichnet worden. Wie sehen Sie die jüngsten Vorkommnisse und Skandale mit fremdenfeindlichen Botschaften in den Stadien?

Wir schreiben das Jahr 2020, da ist es erschütternd, dass heute noch Spieler aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft verunglimpft werden. Es ist eine riesige Schweinerei, dass dies im Fußball noch möglich ist. Es ist auch nicht hinnehmbar, dass viel zu wenig zum Schutz der Spieler getan wird. Gerade nach den jüngsten Vorfällen vom letzten Wochenende – ob in Münster oder in Portugal – müssten deutliche Zeichen gesetzt werden.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Kommentare