Peer Jaekel war früher Scout und Co-Trainer bei Werder Bremen, jetzt ist er Geschäftsführer von Drittligist Viktoria Berlin.
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Peer Jaekel war früher Scout und Co-Trainer bei Werder Bremen, jetzt ist er Geschäftsführer von Drittligist Viktoria Berlin.

Früher Scout, heute Geschäftsführer

Viktoria im Kopf, Werder Bremen im Herzen: Der besondere Weg von Ex-Scout Peer Jaekel

Bremen/Berlin – Zu Saisonbeginn sorgte in der 3. Liga ein Club für Aufsehen, der zwar einen klangvollen Namen besitzt, aber dennoch kaum bekannt ist: Viktoria Berlin. Bei den „Himmelblauen“ spielt „Grün-Weiß“ eine große Rolle. Das gilt speziell für Peer Jaekel. Der ehemalige Scout des SV Werder Bremen ist Geschäftsführer von Viktoria Berlin und hat trotz seiner erst 39 Jahre schon einen spannenden Weg im Profi-Fußball hinter sich. Jetzt versucht Jaekel, mithilfe von zwei Investoren den zweifachen Deutschen Meister (1908 und 1911) als Nummer drei im Berliner Profi-Fußball zu etablieren.

„Ich habe in der Tat schon einiges gesehen“, bestätigt Peer Jaekel den Eindruck seines Gesprächspartners. Eigentlich sollte der gebürtige Bremerhavener zum Auftakt des Gesprächs mit der DeichStube nur kurz seinen Werdegang schildern, doch daraus wurden dann 30 ziemlich interessante Minuten.

Bei Werder Bremen ist er eigentlich nur durch den Umzug der Eltern vom nördlichen Bremer Stadtteil Lesum in die Nähe des Weserstadions gelandet. Der 18-Jährige versuchte sein Glück in der dritten Mannschaft, erhielt später sogar einen Vertrag für die U23, kam in der Regionalliga aber nur einmal zum Einsatz. „Ich war einfach zu langsam, um weiter nach oben zu kommen.“ Ein gewisser Johan Micoud habe ihm endgültig die Augen geöffnet. „In einer Länderspielpause haben wir mit den Profis trainiert – und Micoud war einfach unglaublich. Da wusste ich, dass ich besser einen anderen Weg einschlage.“

Peer Jaekel: Vom Praktikanten zum Scout und Co-Trainer bei Werder Bremen

Peer Jaekel studierte und kickte ab 2003 nur noch nebenbei in der Oberliga beim VSK Osterholz-Scharmbeck und beim Brinkumer SV. Für seinen Master-Abschluss in Sport in den USA benötigte er 2008 ein Praktikum. Da halfen die alten Kontakte zu Werder Bremen. „Ich bin dann wie die Jungfrau zum Kinde in die Scoutingabteilung gekommen“, erinnert sich ein lachender Jaekel. Denn schon nach seinem ersten Praktikumstag bekam er eine Festanstellung angeboten.

„Man wird nicht als Scout geboren, man wächst da rein. Und ich sollte ja nicht von Tag eins an den nächsten Königstransfer einfädeln.“ Jaekel wurde in die Spieltagsvorbereitung des Profiteams eingebunden, arbeitete dabei eng mit Cheftrainer Thomas Schaaf zusammen. „Eine tolle Zeit, gerade in der Champions League“, schwärmt Jaekel. Unter Schaaf-Nachfolger Robin Dutt stieg er 2013 sogar zum Co-Trainer auf, um sich noch intensiver mit der Gegneranalyse zu beschäftigen.

Peer Jaekel: Schneller Abschied beim VfB Stuttgart - Großer Ärger beim TSV 1860 München

Das Kapitel Dutt endete bei Werder schon nach gut einem Jahr, nach einer 0:1-Heimniederlage gegen Köln wurde der Coach entlassen. „Da habe ich zum ersten Mal gespürt, wie hart das Geschäft sein kann, wie unangenehm es ist, wenn das Stadion gegen einen Trainer ist“, erzählt Peer Jaekel. Er durfte damals zwar bleiben, aber nur noch als Scout. So wirklich erwünscht fühlte er sich nicht mehr und zog im Frühjahr 2016 die Konsequenzen. Jaekel kündigte und unterschrieb beim VfB Stuttgart, wo Dutt inzwischen als Sportvorstand arbeitete. „Nach meiner Unterschrift hat der VfB kein Spiel mehr gewonnen und ist abgestiegen. Dutt musste gehen, und irgendwie passte ich da nicht mehr hin“, so Jaekel, der noch im selben Atemzug von einer „glücklichen Fügung“ berichtet.

Denn Thomas Eichin, sein einstiger Chef bei Werder Bremen, hatte beim Zweitligisten 1860 München angeheuert und wollte ihn unbedingt haben. Investor Hasan Ismaik hatte große Pläne mit dem Traditionsclub, aber auch schnell keine Lust mehr auf Eichin, Trainer Kosta Runjaic und Jaekel. Er schmiss das Trio nach wenigen Monaten raus, stellte sofort sämtliche Gehaltszahlungen ein. „Eine schlimme Zeit. Man wollte uns mürbe machen und finanziell ausbluten lassen“, ärgert sich Jaekel noch immer ein bisschen. Das Trio zog gemeinsam vor Gericht und setzte sich durch.

Werder Bremen-Ex-Scout Peer Jaekel kommt dank Thomas Eichin zu Viktoria Berlin

Eichin nahm Jaekel mit zur Münchner Agentur „Sam Sports“ des Pro7/Sat.1-Konzerns. „Es ging um Spielerberatung und Vereinsconsulting. Darüber bin ich auch an das Beratungsmandat von Viktoria Berlin gekommen“, so Jaekel. Ein chinesischer Investor sollte den Regionalligisten vor der Insolvenz retten und Jaekel die dafür nötige Fußball GmbH gründen sowie rechtliche Themen wie die 50+1-Regel im Auge behalten. „Die Chinesen hatten ihr Büro in London direkt neben dem Buckingham Palace. Da kam ich mir vor wie ein kleiner Goldfisch in einem Haifischbecken“, schmunzelt Jaekel. Es war nur ein kurzes Vergnügen, die Chinesen stiegen schnell wieder aus.

Für Peer Jaekel ging die Reise in Berlin dagegen weiter, weil der ehemalige Pro7/Sat.1-Geschäftsführer Zeljko Karajica gemeinsam mit seinem Bruder Tomislav das Investment übernahm. „Das Ziel ist es, eine Fußball-Marke in Berlin zu etablieren, die sowohl für neue digitale Strukturen steht, aber auch einen Berliner Weg in den Profifußball bietet. Bei einem Drittligisten ist das vielleicht etwas einfacher“, sagt Jaekel mit Blick auf die beiden Bundesligisten Hertha BSC und 1. FC Union. „Viktoria ist ein riesiger Verein. Unser Einzugsgebiet umfasst vier Bezirke. Im Umkreis von drei Kilometern davon leben 1,5 Millionen Menschen. Das ist als Bremer kaum zu greifen“, staunt der Norddeutsche noch immer über die Dimensionen in der Hauptstadt. Sowohl die U19 als auch die U17 spielen in der Junioren-Bundesliga. Für ein neues Trainingszentrum haben die Investoren gerade erst ein altes Betriebssportgelände mit einer Fläche von insgesamt 75.000 Quadratmetern erworben.

Peer Jaekel hat mit Viktoria Berlin noch viel vor - Rückkehr zu Werder Bremen klingt „wirklich charmant“

Die Spiele der 3. Liga werden im wiederbelebten Jahn-Sportpark ausgetragen. Gegen den 1. FC Kaiserslautern kamen im Sommer 4.500 Zuschauer – die meisten allerdings wegen der „Roten Teufel“ und nicht wegen der „Himmelblauen“. „Es leben so viele Zugezogene in Berlin, die wollen wir begeistern und für uns gewinnen“, sagt Jaekel und nimmt dabei seinen Trainer Benedetto Muzzicato in die Pflicht: „Wir wollen immer attraktiven Fußball bieten.“ Auch da soll das Werder-Gen helfen, denn Muzzicato hat wie Jaekel eine grün-weiße Vergangenheit – als Amateurspieler und Trainer im Nachwuchsbereich. Dass in Jakob Lewald und Yannis Becker zwei weitere Ex-Werderaner im Kader stehen, passt da ins Bild. Und Viktoria Berlin ist erfolgreich. Erst gelang der Aufstieg in die 3. Liga, dann der beste Saisonstart eines Drittligisten überhaupt (drei Siege, 10:1-Tore). In die Winterpause ging es als Tabellenelfter, was für einen Aufsteiger okay ist.

Kraft für das neue Jahr tankt Jaekel in Bremen, wo die Familie wohnt. Wie lange der Vater von zwei Kindern noch pendeln muss, mag er nicht sagen. „Mein Weg in Berlin ist noch nicht zu Ende“, betont der 39-Jährige und erklärt angesprochen auf eine mögliche Rückkehr zu Werder Bremen: „Es wäre vermessen, das auszuschließen. Werder ist mein Verein, weil ich hier groß geworden bin, weil mein Freundeskreis zu 100 Prozent aus Werder-Fans besteht, weil ich von zu Hause aus mit dem Rad zum Weserstadion fahren kann. Das klingt wirklich charmant, aber im Fußball weiß man eben nie, was alles noch so kommt.“ (kni)

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