Per Mertesacker spricht im DeichStube-Interview über die Transfer-Baustellen des SV Werder Bremen nach dem Aufstieg.
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Per Mertesacker spricht im DeichStube-Interview über die Transfer-Baustellen des SV Werder Bremen nach dem Aufstieg.

Per Mertesacker im DeichStube-Interview

„Ein Sechser, ein Zehner und mindestens ein Achter sollten noch kommen“: Per Mertesacker über Werders Baustellen nach der Bundesliga-Rückkehr

Natürlich hat Per Mertesacker auch in England mitverfolgt, wie der SV Werder die Bundesliga-Rückkehr geschafft hat. Weil er den Verein und die Stadt noch immer mag und viele gute Freunde an der Weser hat. Und deshalb geizt der Ex-Profi, der inzwischen die Nachwuchsakademie des FC Arsenal leitet, auch nicht mit Ratschlägen, wenn es um die sportliche Zukunft des Clubs geht. Schließlich will auch Mertesacker Werder wieder dauerhaft im Oberhaus sehen. Damit das langfristig gelingt, fordert er: „In den nächsten drei Jahren muss sich Bremen stabilisieren.“

Wo haben Sie das Bremer Aufstiegsfinale gegen Regensburg verfolgt, Per Mertesacker?

Bei mir zu Hause. Ich wollte dieses Spiel in Ruhe schauen, eigentlich wollte das meine ganze Familie, weil wir doch eine gewisse Werder-Affinität entwickelt haben. Ich habe fünf Jahre lang für den Club gespielt, zudem ist mein erster Sohn an der Weser geboren. Es ist einfach so: Ganz geht man nie.

Haben Sie Clemens Fritz, Ihrem Kumpel aus alten Werder-Zeiten, schon zum Aufstieg gratuliert?

Natürlich, wir haben schon gesprochen. Zu Clemens habe ich immer noch sehr intensiven Kontakt, wir sprechen oder schreiben uns regelmäßig. So habe ich alles miterlebt, habe auch mitgelitten in dieser Saison, die viele Höhen und Tiefen hatte, sowohl Freud als auch Leid. Wenn es am Ende des Tages so erfolgreich ausgeht, ist alles bestens. Der Aufstieg ist ein sensationeller Erfolg, zu dem auch Clemens beigetragen hat.

Per Mertesacker freut sich über den Aufstieg von Werder Bremen - und ganz besonders für seinen Freund Clemens Fritz

Bei Clemens Fritz sind nach dem entscheidenden Spiel gegen Regensburg Tränen geflossen. Haben Sie das mitbekommen?

Ja. Ich kenne ihn gut und kann einschätzen, was er in diesem Moment gefühlt hat. Die Emotionen mussten einfach raus. Es zeigt, wie sehr ihn die vergangenen Monate mitgenommen haben, angespannt er und die Kollegen aus der Geschäftsführung gewesen sind. Ich interpretiere seine Gemütsregung so: Es waren nicht nur Tränen der Freude, sondern auch der Erleichterung.

Zum Schluss wurde es für die Bremer noch mal eng. Haben Sie stets an den direkten Wiederaufstieg geglaubt?

Es gab dieses ständige Auf und Ab. Erst der Sieg gegen Schalke, als alles auf eine Vorentscheidung hindeutete, danach das vergeigte Spiel gegen Kiel, als vieles verspielt schien. Ich war aber immer zuversichtlich. Und ich habe auf die Grundtugend gebaut, für die der Verein nun mal steht: Werder lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Das ist ein Kennzeichen dieses Clubs, es ist eine Qualität, die sich ausgezahlt hat.

Welche anderen Pluspunkte sprachen für Werder? Was waren aus Ihrer Sicht die entscheidenden Faktoren für den Aufstieg?

Ole Werner war sicherlich einer der Schlüssel, um das Tor zur Bundesliga zu öffnen. Dazu kommt das Sturmduo. Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug haben kontinuierlich die Dinger reingemacht, mit ihnen hatte Werder gleich zwei Torjäger, die für 20 Treffer gut sind. Diese Torgefährlichkeit wurde zur Kernkompetenz der Mannschaft. Auf die beiden war Verlass, sie verkörperten in dem engen Aufstiegsrennen die Bremer Dominanz.

Was halten Sie von einem Ihrer Nachfolger als Abwehrchef? Wie bewerten Sie Ömer Toprak?

Er ist eine Stütze des Teams, die leider zu oft wegen Verletzungen ausfiel. Wenn er fit war, war er stark. Ein wichtiger Mann im Mannschaftsgefüge, gerade auch als Ansprechpartner für die jungen Spieler. Dazu zeichnet ihn aus, dass er in den entscheidenden Momenten da war und sich gestellt hat – wie beispielsweise am letzten Wochenende. Imponiert hat mir das Interview, das er nach dem Schlusspfiff gegeben hat. Er hat sich für den Abstieg vor einem Jahr verantwortlich gefühlt, er hat sich mit dieser Sache intensiv beschäftigt und alles daran gesetzt, es wieder gutzumachen. Ein Beweis dafür, wie er sich mit Mannschaft und Club identifiziert.

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Per Mertseacker empfiehlt Werder Bremen im DeichStube-Interview: „Ich würde weiter auf Ömer Toprak bauen“

Soll mit Toprak verlängert werden? Haben Sie einen Rat für Werders Sportchef, Ihren früheren Mannschaftskollegen Frank Baumann parat?

Frank weiß selbst, was er zu tun hat. Es geht darum, genau abzuwägen zwischen der Qualität als Innenverteidiger, Führungsspieler sowie Kapitän und der Gefahr längerer Pausen durch Verletzungen. Ich persönlich würde weiter auf Ömer Toprak bauen, ihn medizinisch so betreuen, dass er fit und einsatzfähig ist. Auch in der Bundesliga kann Toprak der Mannschaft viel Halt geben.

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Vor einem Jahr wurde Frank Baumann zum Sündenbock gemacht, nun wird er gefeiert und hat einen neuen Vertrag erhalten. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Ein großes Kompliment für Frank - wie für alle anderen auch, die in der Verantwortung stehen. Für Clemens Fritz und Klaus Filbry, sie haben einen tollen Job gemacht in der abgelaufenen Spielzeit. Dabei hat sich gezeigt, dass in Bremen die Eigenschaft, die oft als Schwäche ausgelegt wird, sich als Stärke erwiesen hat: Kontinuität und überlegtes Handeln, kein Aktionismus und wie gesagt bei allem Tun eine ruhige Hand. Es war ein Neuaufbau unter schweren Vorzeichen, ein neuer Trainer, Spieler mussten verkauft, Erlöse erzielt werden. Lange Zeit waren Werder die Hände gebunden bei der Aufstellung des Kaders. Erst spät konnte Ducksch verpflichtet werden. Baumann und die anderen haben aber alles richtig gemacht.

Kurz nach den Aufstiegsfeiern vermeldete Werder in Amos Pieper einen viel beachteten Transfer. Ist er eine Verstärkung?

Es ist ein guter Transfer, Pieper ist ablösefrei und jung, dabei schon recht erfahren mit 100 Spielen im Profigeschäft. Es ist ein Wechsel der Marke Werder: Ein junger hungriger Spieler, ein Junioren-Nationalspieler, der in Bremen reifen kann. Und ich schätze den neuen Trainer Ole Werner mit seiner ganzen Klarheit und Umsicht so ein, dass er Amos Pieper fördern und besser machen kann.

Per Mertseackers Transfer-Tipps für den SV Werder Bremen

Was muss noch passieren, damit Werder als Aufsteiger bestehen kann?

Viel Geld werden die Bremer wohl kaum in die Hand nehmen können. Nach dem Aufstieg befindet sich der Verein in einer Konsolidierungsphase. Wenn alles nach Plan läuft und Abwehrspieler wie Friedl und Veljkovic gehalten werden, ist die Mannschaft hinten gut aufgestellt. Vorne wohl auch, weil ich denke, dass sich Ducksch und Füllkrug eine Klasse höher beweisen und zeigen wollen, dass sie es in der 1. Liga schaffen. Der Versuch ist es allemal wert. Wo Handlungsbedarf besteht, liegt auf der Hand: in der Zentrale, im Mittelfeld sowohl defensiv als auch offensiv. Ein Sechser, ein Zehner und mindestens ein Achter sollten noch kommen. Da ist Clemens richtig gefordert. Doch er wird schon einen Plan haben, wie ich ihn einschätze.

„Tradition schießt keine Tore!“ lautet der Titel eines Buches über die jüngste Entwicklung bei Werder, bei dem Marco Bode als Autor mitgewirkt hat. Eine These in diesem Werk: Werder zählt nun nur noch namentlich zum Establishment der Bundesliga. Der erste Wiederaufstieg 1981 läutete Bremens „Goldene Ära“ ein. Ist eine solche Erfolgsserie heute noch denkbar?

Es sind andere Voraussetzungen als vor fast einem halben Jahrhundert. Es haben sich aktuell viele Mannschaften im Oberhaus etabliert, von denen damals noch nicht die Rede war. Leverkusen und Wolfsburg, Hoffenheim und Leipzig, Freiburg und Union Berlin. Da muss Werder erst einmal wieder aufschließen. Ich hoffe, dass dieser Schritt dahin nicht zu groß ausfällt. In den nächsten drei Jahren muss sich Bremen stabilisieren, sozusagen etablieren in der Bundesliga. Es wird schwer genug.

In dem Werder-Buch wird auch die provokante Behauptung aufgestellt, Werder Bremen könne niemals mehr Meister werden. Schließen Sie sich dieser Vorhersage an?

Eine derartige These würde ich als Romantiker des Fußballs nie unterschreiben. Natürlich ist es lange her, dass Werder zuletzt die Vizemeisterschaft errungen hat (2008, Anm. d. Red.). Doch es ist vieles möglich. Tradition kann ein Faktor sein, wie am Wochenende zu bestaunen war. Werder und die Stadt haben gefeiert, waren euphorisiert. Das Ganze kann einen Schub geben. „Lebenslang Grün-Weiß“, dieser Slogan kann gelebt werden. Doch die Herausforderung für Werder ist schon enorm. Der Abstand in finanzieller Hinsicht zu den heutigen Branchenführern ist recht üppig. Die anderen haben einen riesigen Vorsprung. Werder sollte sich aber auch nicht zu klein machen, sollte etwas aufbauen und so einen langsamen Prozess einleiten, um wieder ganz nach oben zu kommen. Dazu braucht es einen ehrgeizigen Plan und harte, bestmögliche Arbeit tagtäglich. Das Beispiel Frankfurt kann Mut machen. In der Meisterschaft haben die Hessen nur eine Nebenrolle gespielt, und nun stehen sie in der Champions League.

Ist Frankfurts Gewinn der Europa League eine Ehrenrettung für den deutschen Fußball?

Es ist ein sensationeller Erfolg für die Bundesliga und der Beweis dafür, was eine Mannschaft mit Moral und mentaler Stärke erreichen kann.

Ein kleines Ausrufezeichen aus der Bundesliga, doch die ungeheuerliche Dominanz der Premier League scheint zementiert, oder?

Die finanziellen Möglichkeiten hier auf der Insel sind immens, konkurrenzlos. Da kommen die deutschen Clubs bei Weitem nicht heran, auch die Bayern nicht. Manchester City und Liverpool sind das Nonplusultra, diese beiden Teams dominieren Europa.

50+1 in Deutschland abschaffen? Das sagt Werder Bremen-Legende Per Mertesacker

Bei Betrachtung dieser unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen: Würde Sie es begrüßen, wenn in Deutschland die 50+1-Regel fiele?

Ich setze auf das deutsche System. Ich finde es gut, dass im deutschen Profifußball noch auf die Kraft der Fans und der Vereine gebaut wird. Es hat Vorteile, sich nicht ganz von einer Person oder einem Konsortium abhängig zu machen. Welche Gefahren auftreten können, zeigt das Beispiel Chelsea in jüngster Vergangenheit.

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Schlussfrage zum Finale in der Champions League: Kann Liverpool mit einem Sieg die englische Vorherrschaft untermauern?

Ich denke, sie haben alle Chancen auf das Triple. Ich weiß nicht, ob Real - die Comeback-Mannschaft aus den letzten Runden - diese Qualität auch in einem Finale auf den Platz bringen kann. Hier Jürgen Klopp, dort Toni Kroos – es wird ein interessantes und spannendes Endspiel. Ich freue mich darauf.

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