Peter Niemeyer ist ein Experte, was den direkten Wiederaufstieg aus der Zweiten Liga angeht. Der Ex-Profi des SV Werder Bremen schaffte das mit Hertha BSC zwei Mal.
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Peter Niemeyer ist ein Experte, was den direkten Wiederaufstieg aus der Zweiten Liga angeht. Der Ex-Profi des SV Werder Bremen schaffte das mit Hertha BSC zwei Mal.

Ex-Bremer im DeichStube-Interview

„Raus aus der Alles-ist-doof-Haltung“ - Ex-Werder-Profi Peter Niemeyer kennt das Rezept für einen schnellen Wiederaufstieg

Münster/Bremen – Wie funktioniert eigentlich so ein Wiederaufstieg? Das ist die Frage, die sich Werder Bremen aktuell stellt. Eine auf viel Erfahrung fußende Antwort könnte der Club von Peter Niemeyer erhalten.

Denn der ehemalige Profi des SV Werder Bremen und aktuelle Sportdirektor des Regionalligisten Preußen Münster hat es nach seiner Zeit in Bremen mit Hertha BSC geschafft, zweimal direkt wieder aufzusteigen. 2011 und 2013 war das, dazwischen lag 2012 der Abstieg in der Relegation mit der Bremer Trainerlegende Otto Rehhagel an der Seitenlinie. Kein schönes Hertha-Kapitel, aber die Aufstiege waren umso bemerkenswerter. Deshalb also jetzt tatsächlich die Frage:

Wiederaufstieg – wie geht das, Peter Niemeyer?

Der wichtigste Faktor war es jeweils, im Verein und im Umfeld nach dem Abstieg Ruhe zu bewahren. Wenn man es nach einem turbulenten Jahr des Abstiegs schafft, dass alle in die gleiche Richtung laufen – also Verein, Fans und Stadt –, dann hat man einen Faustpfand gegenüber anderen Aufstiegskandidaten. Wie zum Beispiel dem Hamburger SV.

Was ist beim HSV anders?

Beim HSV ist medial so unfassbar der Fokus drauf, da lauert an jeder Ecke neue Unruhe. So etwas prägt einen Verein. In Berlin war zwar auch immer viel los, was vor allem im Abstiegsjahr offensichtlich wurde, damit konnten wir jedoch gut umgehen. Aber natürlich hatten wir gerade im ersten Aufstiegsjahr auch eine sehr hohe Qualität im Kader.

Unter anderem gehörten die Brasilianer Raffael und Ronny zum Team – eher Ballzauberer als Fußball-Arbeiter. War die 2. Liga damals noch ein guter Ort für solche Fußballer? Heute hat man bei den Erzählungen abgestiegener Spieler den Eindruck, dass es im Unterhaus vor allem auf die Socken gibt.

Nein, so ist es nicht. Aber es ist schon ein etwas anderer Fußball. Technisch etwas unsauberer, taktisch etwas ungenauer. Damit muss man klarkommen. Wer in der 1. Liga ein guter Spieler ist, muss nicht auch in der 2. Liga gut sein.

Peter Niemeyer über den neuen Kader von Werder Bremen: „Frischer Wind und frische Zuversicht ins Team“

Werder muss zwangsläufig Spieler verkaufen, ein neues Team zusammenstellen. Worauf kommt es dabei an? Brauchen die Bremer jetzt mehr Akteure der Marke Kampfschwein?

Ich bin ja ein Fürsprecher der Mentalitätsspieler, weil Mentalität oft ein Stück weit auch Qualität schlägt. Aber natürlich kommt es wie immer auf den Mix an, aber da muss ich den Bremern keine Tipps geben. Ich bin überzeugt von den handelnden Personen bei Werder. Sie wissen: Leader, Kämpfer, Künstler und junge, hungrige Spieler – am besten hat eine Mannschaft von allem etwas. Ein Faktor ist auch, dass bei Werder jetzt frischer Wind rein muss ins Team, frische Zuversicht. Denn da sind schon ein paar Jungs dabei, die in den vergangenen beiden Jahren ganz schön etwas abbekommen haben. Und dann zählt es auch, Spieler zu holen, die immer das große Ganze im Blick haben, ihr Ego zurückstellen. Leute, die nur für sich spielen, brauchst du in der 2. Liga nicht.

Mit Geld kann Werder diese Spieler nur noch bedingt locken. Wie stark schätzen Sie die natürlichen Anziehungskräfte des Clubs ein?

Ich bin sicher, dass Werder auch als Zweitligist noch viele Spieler von sich überzeugen kann. Und ich kann auch nur jedem raten, zu Werder zu gehen, wenn er die Chance hat. Denn ein besseres Umfeld als in Bremen findest du nicht, um dich zu entwickeln. Als junger Spieler kannst du dort auch mal einen Schritt zur Seite machen, um später dann zwei nach vorne zu machen. Und überhaupt: Spieler mit einer hohen Eigenmotivation gucken nicht nur auf das Geld, sondern auf das Projekt, auf die Perspektive.

Was wäre der größte Fehler, den die Bremer jetzt bei der Planung des Kaders und der Zweitliga-Saison machen könnten?

Zu lange in der Vergangenheit hängen zu bleiben, wäre ein Fehler. Natürlich muss der Verein kritisch mit dem Abstieg umgehen, ihn aufarbeiten. Aber dann muss es mit einer Jetzt-erst-recht-Mentalität auch wieder nach vorne gehen und der Abstieg als Chance gesehen werden. Die Bremer müssen den Hebel finden, um schnell aus der Lethargie des Abstiegs aufzuwachen und diese Alles-ist-doof-Haltung abzulegen. Das Motto muss jetzt heißen: „Wir zeigen es allen!“ Aber klar: Die Aufbruchstimmung muss sich erst entwickeln.

Im Moment fällt es noch allen schwer, die 2. Liga anzunehmen. Auch den Fans.

Sie sind enttäuscht über den Abstieg, und das ist ja auch richtig so. Alle sind sauer, dass es nicht mehr gegen Bayern München geht, sondern gegen den SV Sandhausen. Aber wenn man es schafft, die ersten Spiele zu gewinnen, dann entsteht schnell eine Erfolgsstimmung. Dann sind die Fans auch wieder da. Sie wollen doch auch unterhalten werden, wollen jubeln, wollen die Mannschaft und manchmal auch sich selbst feiern. Eine kleine positive Serie kann da schon eine riesige Euphorie auslösen.

Peter Niemeyer über die Zweite Liga: Werder Bremen wird „nicht so extrem die Gejagten wie S04 und HSV“

Ist das Theorie oder eine gemachte Erfahrung?

Erfahrung. Ich kann mich noch genau an die Saison 12/13 erinnern, also die Saison nach dem Wiederabstieg der Hertha. Der Start war mit vier Punkten aus drei Spielen mäßig ausgefallen, im Pokal waren wir an Wormatia Worms gescheitert. Und dann kam das Berliner Derby gegen den 1. FC Union. Wir haben 2:1 gewonnen, und ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich dran denke. Solche Momente muss es einfach geben. Danach haben wir fast jede Mannschaft weggehauen und haben 76 Punkte geholt – ein Rekord seit Einführung der Drei-Punkte-Regel.

Wie fühlt es sich eigentlich an, mit einem Verein in der 2. Liga anzutreten, der vom Namen her zu groß ist für diese Spielklasse? Ist man dann ständig nur der Gejagte?

Mit der Hertha war das so, und auch damit muss man erstmal umzugehen lernen. Ich glaube aber, dass Werder zwei Vorteile hat...

... Schalke und den HSV?

Genau. Spiele gegen die beiden Clubs werden für die anderen Teams und deren Fans die Spiele des Jahres werden.

Und warum nicht auch gegen Werder?

Ich will Werder ja gar nicht kleiner machen als den HSV oder Schalke. Was ich sagen will: Werder wird überall in Deutschland viel Sympathie entgegengebracht. Und ich kann mir vorstellen, dass so mancher lieber Schalke oder den HSV stolpern sieht als Werder. Das heißt nicht, dass die Bremer in Ruhe gelassen werden, ganz bestimmt werden sie das nicht. Aber sie werden nicht so extrem die Gejagten sein wie S04 und HSV.

Werder Bremen: Neuer Trainer muss „aus der Umbruch- eine Aufbruchstimmung“ machen, sagt Peter Niemeyer

Glauben Sie daran, dass Werder die schnelle Rückkehr in die Bundesliga schaffen kann?

Ja! Ich glaube, dass Werder den Schulterschluss schafft und als Einheit Richtung Wiederaufstieg gehen kann. Der Zusammenhalt ist das Fundament, auf dem alles andere aufbaut.

Sportchef Frank Baumann ist bei vielen Fans arg umstritten. Der Aufsichtsrat zerfällt, dem Club steht vor den Wahlen im im September ein turbulenter Wahlkampf bevor. Von Zusammenhalt und dem von Ihnen gepriesenen ruhigen Umfeld kann derzeit nicht wirklich die Rede sein in Bremen.

Frank Baumann hat bestimmt alles gegeben, um den Abstieg zu vermeiden. Ich weiß, dass es jetzt aber viel Kritik an den Verantwortlichen gibt. Es ist sicher in der Vergangenheit auch nicht alles richtig gewesen, die Zahnräder haben bei Werder nicht ineinander gegriffen. Das muss reflektiert werden. Ich hoffe aber, Werder bekommt ohne viel Unruhe die von Ihnen angesprochenen Themen geregelt. Dann ist der direkte Wiederaufstieg möglich.

Nun soll Baumann den Wiederaufbau dirigieren – die erste und zugleich wichtigste Handlung ist die Verpflichtung von Trainer Markus Anfang gewesen. Wie bewerten Sie die Auswahl des neuen Coaches?

Werder braucht vor allem einen Trainer, der aus der Umbruch- eine Aufbruchstimmung macht, und ich glaube, dass Markus Anfang das hinbekommen kann. Er hat schon in einem schwierigen Umfeld wie dem beim 1. FC Köln gearbeitet, er kennt den Druck, wieder aufsteigen zu müssen. Ich glaube, dass er mit seiner klaren Idee vom Fußball Werder wieder nach vorne bringen kann. (csa)

Zur Person: Peter Niemeyer hat in seiner aktiven Karriere für Twente Enschede, Werder Bremen, Hertha BSC und Darmstadt 98 gespielt. Er bestritt 106 Spiele in der Eredivisie, 146 in der Bundesliga und 57 in der 2. Liga. 2009 gewann er mit Werder den DFB-Pokal, 2011 stieg er mit Hertha BSC auf und 2012 sofort wieder ab. 2013 führte er die Berliner als Kapitän zurück in die Beletage des deutschen Fußballs. Seit einem Jahr arbeitet der 37-Jährige als Sportdirektor beim West-Regionalligisten Preußen Münster. (csa)

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