Peter Niemeyer ist 2012 mit Hertha BSC in der Relegtion in die Zweite Bundesliga abgestiegen. Der Ex-Profi warnt Werder Bremen vor Überheblichkeit: „Das war der dunkelste Moment meiner Karriere.“
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Peter Niemeyer ist 2012 mit Hertha BSC in der Relegtion in die Zweite Bundesliga abgestiegen. Der Ex-Profi warnt Werder Bremen vor Überheblichkeit: „Das war der dunkelste Moment meiner Karriere.“

Ex-Werderaner Peter Niemeyer im DeichStube-Interview

Ex-Bremer Peter Niemeyer warnt Werder: „Abstieg in der Relegation war der dunkelste Moment meiner Karriere“

Werder Bremen kämpft in der Relegation gegen den 1. FC Heidenheim um den Klassenerhalt – es geht um alles oder nichts! Peter Niemeyer (36) kennt sich mit solchen Finals aus - und nicht nur mit solchen: 2009 stand der Ex-Profi mit Werder im Endspiel des Uefa-Pokals (1:2 n.V. gegen Schachtjor Donezk) und im Endspiel des DFB-Pokals (1:0 gegen Bayer Leverkusen). 2012 spielte Niemeyer schließlich mit Hertha BSC die Relegation gegen Fortuna Düsseldorf – und stieg ab.

Im DeichStube-Interview erinnert sich der ehemalige Profi an diesen dunklen Moment seiner Karriere und warnt seinen Ex-Club Werder Bremen vor Überheblichkeit gegen Heidenheim. Zudem verrät Peter Niemeyer, der bis vor kurzem als Head of Development beim niederländischen Erstligisten Twente Enschede tätig war, warum die Bremer allein schon für die Erziehung seines Sohnes erstklassig bleiben müssen.

Herr Niemeyer, gelingt Werder jetzt doch noch der Klassenerhalt?

Ja, ich gehe davon aus. Das Momentum spricht jetzt wieder für Werder, die Qualität sowieso. Ich bin davon überzeugt, dass der gemeinsame Weg von Florian Kohfeldt und Frank Baumann in der Relegation belohnt wird. Auch bei mir gab es zwar einen Moment des Zweifelns am Klassenerhalt, aber ich bin ein Freund von Kontinuität. Nur auf äußerlichen Druck hin zu handeln, und nicht die Situation möglichst objektiv zu betrachten, halte ich für falsch.

Werder Bremen in der Relegation gegen Heidenheim: Laut Peter Niemeyer alles Kopfsache

Die Stimmung rund um Werder ist wieder ins Positive umgeschlagen, fast schon ins Euphorische. Sehen Sie die Gefahr, dass der Zweitligist unterschätzt wird?

Ja, die Gefahr besteht immer. Heidenheim geht zwar als Underdog in die Relegation, aber kicken können die auch – und wer hat nicht schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen? Werder muss seine Vorteile auf den Platz bringen. Der Druck ist immens, es geht für Bremen auch um die Existenz. Das wissen die Spieler aber auch. Kohfeldt wird dafür sorgen, dass alle fokussiert bleiben.

Sie haben 2012 mit Hertha BSC die wohl berüchtigste Relegation der Bundesliga-Geschichte gespielt – und sind abgestiegen. Unabhängig von Spielunterbrechungen und Platzsturm der Fortuna-Fans - hat die Hertha den Zweitligisten Düsseldorf damals auch zu leicht genommen?

Ich glaube nicht, dass wir Düsseldorf damals unterschätzt haben, das war nicht der Punkt. Die Negativ-Spirale hatte sich verselbstständigt: Wir hatten eine völlig verkorkste Saison gespielt und sind nach dem Abstieg zwei Jahre zuvor und dem direkten Wiederaufstieg mit enormem Druck in die Spiele (1:2 in Berlin, 2:2 in Düsseldorf, d. Red.) gegangen. Woche für Woche haben wir in Krisensitzungen Fehler analysiert, versucht uns wieder aufzurichten – und dann gab es den nächsten Nackenschlag. So ging es Werder auch, aber durch das 6:1 gegen Köln dürfte bei den Spielern auch etwas im Kopf passiert sein: Hey, wir können es ja doch! Das meine ich, wenn ich sage, dass das Momentum jetzt für Werder spricht: Die Gefühlslage der Mannschaft ist wieder eine positive, das war damals bei Hertha nicht so.

Werder Bremen: Ex-Profi Peter Niemeyer warnt vor Überheblichkeit in der Relegation gegen Heidenheim

Wie bereitet man sich am besten auf solche Alles-oder-Nichts-Endspiele vor?

Da hat jeder seine eigenen Methoden. Ich habe versucht, mich abzuschotten und mich auf die tägliche Arbeit, das Training zu fokussieren. Abseits des Fußballs hatte ich mich komplett isoliert.

Sie haben mit Werder 2009 im Uefa-Cup und im DFB-Pokal zwei Endspiele der völlig anderen Art gespielt. Ist der Druck in diesen Partien mit dem vor Relegationsspielen vergleichbar?

Nicht wirklich. Vor solchen Finals bist du gemeinsam mit einer Mannschaft einen langen Weg gegangen, bist von Erfolg zu Erfolg marschiert – das stärkt das Selbstbewusstsein. Natürlich stehst du auch unter Druck, aber der fühlt sich deutlich angenehmer an. Fußballspiele werden auch im Kopf entschieden.

Und für den Kopf ist es erträglicher, Zweiter zu sein als abzusteigen.

Natürlich. Der Druck ist ein ganz anderer. In der Relegation geht es um Existenzen. Vor der Reise nach Düsseldorf haben wir Spieler damals Mut machende Briefe von den Mitarbeitern des Vereins mitbekommen. Da steckten so viele Emotionen drin, da musste ich schon schlucken. Wir waren uns der Verantwortung bewusst und trotzdem hat es nicht geklappt. Ich war auch nach der Niederlage im Uefa-Pokal-Finale mega enttäuscht, aber es ging direkt weiter. Ein paar Tage später stand das DFB-Pokal-Endspiel an – eine neue Chance. Die bekommst du in der Relegation nicht, du musst mindestens ein Jahr darauf warten. Der Abstieg mit Hertha in der Relegation mit all seinen Umständen war der dunkelste Moment meiner Karriere, das wünsche ich niemandem.

Ist es für Werder gut, dass es nicht zum Nordderby gegen den HSV kommt?

Schwer zu sagen. Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, ohne Fans zu spielen. Dann sind die Spiele cleaner, die Emotionen werden ein Stück weit herausgenommen und der Ausgang ist wieder eher eine Frage der Qualität. Da hat Werder gegenüber Heidenheim die Nase vorn. Trotzdem ist im Fußball eins plus eins nicht immer zwei. Qualität erhöht zwar die Wahrscheinlichkeit, Spiele zu gewinnen, aber im Fußball geht es eben auch darum, Eventualitäten so gut es geht zu minimieren. Dafür wird Kohfeldt mit seinem Staff sorgen. Es muss einfach klappen, sonst habe ich zu Hause Drama.

Wieso?

Mein siebenjähriger Sohn ist ein Riesen-Werder-Fan! Nach dem 1:3 gegen Mainz hat er bitterlich geweint. Ich habe ihm daraufhin erklärt, dass es im Leben und im Fußball immer weiter geht, es immer Hoffnung gibt. Ich war sehr erleichtert, dass Werder seinen Teil zu dieser wichtigen Lektion beigetragen hat. Jetzt hoffe ich, dass Werder auch den letzten Schritt geht.

Werder Bremen: Ex Profi Peter Niemeyer sucht neue beruflichliche Herausforderung nach Aus bei Twente Enschede

Und wie geht es für Sie persönlich weiter? Die Saison in den Niederlanden wurde abgebrochen.

Rückblickend dann doch etwas zu früh, wie ich finde. In vielen Ligen Europas wird wieder gespielt, in Holland nicht. Nach einem guten Start sind wir mit Twente abgerutscht und mussten um den Klassenerhalt bangen. Wir wären gerne aus rein sportlichen Gründen drin geblieben. Außerdem hat der Saisonabbruch in der Coronavirus-Krise auch für mich persönlich Nachteile.

Inwiefern?

Der Aufsichtsrat hat sich nach dem Abbruch entschieden, unabhängig von Qualitäten Einzelner, einen gesamten Umbruch zu vollziehen und die komplette sportliche Führung auszutauschen: den technischen Direktor, das Trainer-Team, Video-Analysten, Leiter im Jugendbereich – eigentlich alle. Auch ich muss gehen, mein Vertrag ist ausgelaufen und wurde wegen des Umbruchs nicht verlängert.

Und nun?

Ich bin Twente sehr dankbar, weil ich viel lernen durfte. Ich durfte mich in einem Wahnsinns-Aufgabenfeld in verantwortlichen Positionen einbringen: Sowohl konzeptionell im Jugendbereich in der Akademie als auch bei der Profi-Mannschaft in der Kaderplanung. Daran möchte ich gerne anknüpfen. Ich habe einen sehr interessanten Markt kennengelernt, den ich jetzt auch für neue Aufgaben in meinem Rucksack habe. Insofern sehe ich mich für neue Herausforderungen gut aufgestellt.

Ist eine Rückkehr zum SV Werder Bremen vorstellbar?

Ich habe mich in Bremen immer sehr wohl gefühlt und noch immer gute Freunde und viele Bekannte dort. Werder hat aber erst mal eine existenzielle Aufgabe zu erledigen.

Werder Bremen: Das ist Ex-Profi Peter Niemeyer

Zur Person: Peter Niemeyer spielte von 2007 bis 2010 für den SV Werder Bremen mit dem er 2009 den DFB-Pokal gewann, ehe er zu Hertha BSC wechselte. In der Hauptstadt wurde der defensive Mittelfeldspieler Mannschaftskapitän, stieg mit der Hertha 2011 in die Bundesliga auf und 2012 wieder ab. 2013 folgte der erneute direkte Wiederaufstieg. 2015 ging Niemeyer zum SV Darmstadt 98, wo er 2018 seine aktive Karriere beendete. Bis zum 30. Juni 2020 war der heute 36-Jährige bei seinem Jugendverein Twente Enschede in den Niederlanden als Head of Development in den Bereichen Management, Kaderplanung, Jugendkoordination und als Co-Trainer tätig.

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