Ein besonderes Stück Bundesliga-Geschichte: Der Pfostenbruch vom Bökelberg am 3. April 1971 im Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen.
+
Ein besonderes Stück Bundesliga-Geschichte: Der Pfostenbruch vom Bökelberg am 3. April 1971 im Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen.

Pfostenbruch vom Bökelberg

„Der Pfostenbrecher“: Vor 50 Jahren schrieb Herbert Laumen mit Gladbach und Werder Fußball-Geschichte

Mönchengladbach/Bremen – Ein Witzbold fühlte sich bewogen, besonders originell zu sein. Der Zeitgenosse kreierte einen Spitznamen, der nicht sehr schmeichelhaft klingt. „Pfostenbrecher“, so lautete dieser Beiname, mehr spöttisch als scherzhaft gemeint. Herbert Laumen, einer aus der ruhmreichen „Fohlenelf“ der Gladbacher Borussia, wurde damals so gerufen. In diesen Tagen wird der Bundesliga-Star von einst öfter an diese Episode in seiner Laufbahn erinnert. Der 77-Jährige sitzt in seinem Haus am Niederrhein und muss viele Nachfragen zu einem Ereignis beantworten, das sich am Samstag zum 50. Mal jährt: Der legendäre Pfostenbruch am Bökelberg, das Kuriosum in der Liga-Historie mit Laumen und den Profis des Werder Bremen als Hauptdarstellern. 

„Ein Spektakel, wir waren alle perplex“, sagt Laumen im Gespräch mit der Deichstube über die Szene am 3. April 1971. Endphase der Partie zwischen Gladbach und Werder Bremen am 27. Spieltag. 1:1 der Zwischenstand. Die Borussia kämpft um den Titel, Werder, an diesem Tag von Ehrenspielführer Richard Ackerschott betreut, der den erkrankten Robert „Zapf“ Gebhardt vertrat, kämpft gegen den Abstieg. Und so passierte das Unheil: Flanke Günter Netzer, Werder-Keeper Günter Bernard fängt den Ball, Gladbachs Stürmer Laumen fliegt am Spielgerät vorbei, landet mit Schwung im Tornetz. 

„Wie ein Fisch im Netz gefangen“, schildert Laumen den legendären Moment, als beim Versuch, sich zu befreien, der morsche linke Torpfosten knickte. Er habe gesehen, so Laumen weiter, wie das Tor brach, und sei in Deckung gegangen. Beginn eines unvergleichlichen Szenarios in der folgenden, fast eine Viertelstunde dauernden Spielunterbrechung. „Wir wollten unbedingt weiterspielen“, erzählt Werder-Torwart Bernard.

Werder Bremen, Borussia Mönchengladbach und der Pfostenbruch vom Bökelberg

Ein Punkt am gefürchteten Bökelberg sei greifbar gewesen. Also packten die Bremer an. Bernard, die Mitspieler Egon Coordes und Bernd Schmidt als Handwerker, erfolglos bei der Reparatur wie auch der Platzwart namens Willi Evers, der mit untauglichen Hilfsmitteln wie Hammer, Holz und Nägeln anrückte. Bernards Eindruck: „Wir waren aktiv. Dagegen waren die Gladbacher Spieler untätig, sie haben nichts gemacht, waren auf den Abbruch aus.“

Für diese Version spricht die Kommunikation des Anführers der Borussen. „Da ist nichts zu machen“, urteilte Günter Netzer und forderte den Schiedsrichter auf. „Brechen Sie ab!“ Doch Gerdt Meuser aus Ingelheim, ein unerfahrener Spielleiter, bemühte sich, sein viertes Spiel in der höchsten Spielklasse ordnungsgemäß zu beenden. Was zu originellen Einfällen führte, wie Laumen berichtet: „Er schlug vor, dass Offizielle den abgeknickten Pfosten in der kurzen Restspielzeit festhalten sollten. Ein Witz!“

Werder Bremen gewinnt nach Pfostenbruch vom Bökelberg am Grünen Tisch

Kein Tor, kein Fußball – der bemitleidenswerte Unparteiische brach die Partie in der 88. Minute ab. Alle dachten, das Spiel werde nachgeholt. Vor allem die Gladbacher hatten darauf gehofft, wie Laumen bestätigt: „Wir hatten damit gerechnet. Und auch die Bremer wären mit einer Wiederholung einverstanden gewesen.“ Doch es kam anders. Das Sportgericht des DFB sprach am 29. April das Urteil: 2:0-Wertung für Werder Bremen, dazu eine Geldstrafe in Höhe von 1500 D-Mark. „Aufgetretene Unbespielbarkeit des Platzes, kein Ersatztor“, lautete die Begründung. Unterstrichen wurde dabei die „offenkundige Passivität“ der Hausherren, die ihnen zum Nachteil ausgelegt wurde. Gladbach, im Titelkampf mit den Bayern, zürnte, Gladbach tobte, Gladbach scheiterte mit dem Einspruch beim Bundesgericht.

Die Konsequenz: Es war eine Zäsur, das Ende für Tore aus Holz. Fortan war Aluminium für Pfosten und Latte vorgeschrieben. Eine Maßnahme, die nicht alle Pannen zu verhindern wusste. Zur Erinnerung: Der „Torfall“ im Bernabeu-Stadion von Madrid 1998 beim Gastspiel von Borussia Dortmund. Kein Aprilscherz, obwohl am 1. jenes Monats passiert, als sich der Anpfiff eines Spiels der Königsklasse um 76 Minuten verzögerte, weil lange kein Ersatztor herbeigeschafft werden konnte.

„Pfostenbrecher“ Herbert Laumen: „Ich wurde nicht glücklich bei Werder Bremen“

Zurück ins Jahr 1971, dem Kopf-an-Kopf-Rennen um die Meisterschale: Borussia Mönchengladbach, das zwei Punkte am grünen Tisch verloren hatte, schaffte die Titelverteidigung, erstmals in der Geschichte der Bundesliga. Vor dem Finish waren die Münchner punktgleich und um ein Tor besser platziert. Doch die Borussia siegte gegen Frankfurt, Bayern verlor in Duisburg. „Gott sei dank“, meint Gladbachs Horst Köppel heute, „für uns eine große Genugtuung.“ Oder mit anderen Worten: „Die Gerechtigkeit hat am Ende gesiegt.“

So sieht es auch Herbert Laumen, der „Pfostenbrecher“, der sich mit dem im Museum im Borussia-Park ausgestellten Corpus Delicti, dem ebenso historischen wie brüchigen Balken Holz, gern fotografieren lässt. Laumen bekam dazu noch seine ganz persönliche Geschichte mit Werder Bremen: Als das Pfosten-Desaster stattfand, hatte er den Bremern schon seine Zusage für die neue Saison gegeben. Der Stürmer schloss sich der „Millionenelf“ an, die an der Weser damals aufgebaut werden sollte. Es wurde eine kurze Stippvisite, ein Desaster, so katastrophal wie der Zusammenbuch des Bökelberg-Tores. Laumen: „Ich wurde nicht glücklich in Bremen, hatte dort in zwei Jahren exakt fünf Trainer, weitaus mehr als in meiner restlichen Profizeit.“ Er wechselte zum 1. FC Kaiserslautern und beendete 1975 nach einer Saison beim FC Metz in Frankreich seine Karriere. (hgk)

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare