Hubertus Hess-Grunewald, Präsident des SV Werder Bremen, gestikuliert mit den Händen bei einem Medientermin
+
Hubertus Hess-Grunewald, Präsident des SV Werder Bremen, feiert am Mittwoch seinen 60. Geburtstag.

Werder-Präsident im großen Gespräch

Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald im DeichStube-Interview zum 60. Geburtstag: „Der Campus ist meine Vision“

Bremen – Am Mittwoch feiert Hubertus Hess-Grunewald seinen 60. Geburtstag – aus diesem Anlass hat sich die DeichStube mit dem Präsidenten und Geschäftsführer des SV Werder Bremen zum Interview getroffen – in seinem Büro in Turm 1 am Weserstadion.

Das Büro ist allerdings kein reiner Arbeitsplatz, sondern eher so etwas wie eine kleinere Ausgabe des „Wuseum“. An den Wänden hängen Bildchen und Plakate von Werder Bremen, in einer Glasvitrine liegen Bälle und allerhand andere Erinnerungsstücke – wohin der Blick auch wandert, überall findet sich etwas, das Zeugnis darüber ablegt, wie sehr dieser Mann dem Verein verbunden ist. Aber es gibt auch Dinge, die nichts ins Bild passen: ein dicker Wälzer mit dem wenig einladenden Titel „Arbeitsrecht“ steht ganz unten in einem Regal, an der Wand nahe dem Fenster hängen zwei Werke afrikanischer Kunst – zusammen sind sie Zeugen eines anderen (Arbeits)Lebens des promovierten Juristen Hubertus Hess-Grunewald.

Herr Hess-Grunewald, klären Sie bitte auf, was Sie mit afrikanischer Kunst verbindet!

Ich habe in meiner Zeit als Anwalt häufiger auch Menschen aus schlecht bezahlten Berufen vertreten, darunter auch Menschen aus Ghana. Zwei von denen haben mir dann zum Dank diese Schnitzereien geschenkt – das eine ist der „Thinking Man“, weil sie meinten, ich sei so ein kluger Mann. Ich finde es nett, solche Geschenke zu bekommen, deshalb habe ich sie aus meiner Kanzlei mit rübergenommen.

Um kurz in der Vergangenheit zu bleiben: Sie haben vor sechs Jahren Ihre Arbeit als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei gegen die Arbeit als Geschäftsführer bei Werder Bremen getauscht. Wie sehr mussten Sie damals mit sich ringen?

Ich bin damals „all in“ gegangen, es gab für mich kein Netz und keinen doppelten Boden. Und ja, es war nicht leicht, meinen Mitarbeiterinnen und meinem Sozius die Entscheidung mitzuteilen. Für mich war aber klar, dass ich über diesen Graben springen wollte, weil mir die Chance, noch enger, noch intensiver an und mit diesem Verein arbeiten zu können, einmalig erschien.

Also nie wieder Anwalt?

Ich habe immer meine Zulassung als Anwalt behalten, mache auch regelmäßig die nötigen Fortbildungen, um mich weiter Fachanwalt für Arbeitsrecht nennen zu dürfen. Denn eines ist doch klar: Ich bin derzeit bis 2022 ins Amt des Präsidenten gewählt und als solcher in die Geschäftsführung entsendet. Falls die Mitglieder in zwei Jahren sagen sollten: ,Den Hess-Grunewald wollen wir nicht mehr’, wäre ich 62 Jahre alt und müsste bis zum Renteneintritt noch ein bisschen Geld für Brot und Milch verdienen. Ich spüre für mich die Freiheit und Sicherheit, nicht an dem Stuhl bei Werder kleben zu müssen.

Werder steht aktuell vor vielen Problemen, die Mannschaft wäre beinahe abgestiegen, die Kassen sind leer, die Fans dürfen derzeit nicht ins Stadion. Haben Sie da noch Spaß an der Arbeit?

Ja, weil ich mich als Werderaner fühle und auch in diesen Zeiten versuche, das Beste für den Verein zu erreichen. Mir geht es auch immer darum, eine gewisse Demut zu haben, weil mein Amt ein Amt ist, dass mir Kraft des Votums der Mitglieder gegeben ist. Es ist mir wichtig, guten Gewissens sagen zu können, dass ich in dieser Position bin, weil die Mitglieder des Vereins mich wollen und als ihren legitimen Vertreter sehen. Das klingt ein bisschen pathetisch, ist aber wirklich so.

Wenn Sie zum 60. Geburtstag einen Werder-Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Zum Geburtstag wünsche ich mir kurzfristig einen Bundesliga-Sieg unserer Frauen gegen den SV Meppen am selben Abend. Etwas größer gedacht, wünsche ich mir, dass wir den Sport-Campus in der Pauliner Marsch – also in direkter Nachbarschaft zum wohninvest Weserstadion – modernisieren können. Das ist meine Vision und ein so wichtiges Projekt – es wäre schön, wenn ich das noch wesentlich mitverantworten könnte.

Davon haben Sie auch schon vor sechs Jahren gesprochen, als Sie ins Amt des Präsidenten gerückt sind.

Ich hatte damals auch gedacht, dass es schneller gehen würde. Wir hatten auch eine Phase, in der wir politisch ziemlich Fahrt aufgenommen hatten. Dann kamen die Wahlen und politische Veränderungen in Bremen, wieder später kam Corona – beides hat uns zurückgeworfen. Im Moment hat die Fahrgeschwindigkeit deshalb abgenommen.

Hubertus Hess-Grunewald: Werder Bremen braucht ein modernes Leistungszentrum - oder „wir werden als Bundesliga-Club eingehen“

Wäre Stillstand nicht die treffendere Beschreibung? Werder kämpft aktuell bei den Banken um einen Kredit in Höhe von 15 Millionen Euro, um überhaupt weiter existieren zu können. Der Campus, besser: Leistungszentrum, würde aber 30 Millionen Euro kosten. Da ist es doch Utopie, an eine zeitnahe Umsetzung zu glauben.

Die Zahlen lasse ich mal unkommentiert. Aber es stimmt, von einer Realisierung sind wir aktuell weit weg. Wir müssen jetzt priorisieren und diese Krisenzeit durchschreiten, aber die Modernisierung des Sportcampus ist genauso existenziell wichtig und kommt sofort danach auf unserer Prioritätenliste. Und ja, darin enthalten sind unsere Pläne für ein moderneres Leistungszentrum, aber der Zeitdruck besteht auch darin, dass dort die Räumlichkeiten für Schulsport und Breitensport, auf die vor allem auch die Kinder aus der unmittelbaren Nachbarschaft angewiesen sind, wegschimmeln. Das wird mir von allen Kritikern immer viel zu schnell überhört. Wer die Räumlichkeiten kennt, weiß, wovon ich spreche. Diese Aufgabe möchte ich gern lösen und die Prozesse sind auch nicht so, dass es völlig ungewiss ist.

Was meinen Sie?

Wir schieben gerade die Moderationsgespräche mit den Anwohnern an. Alle Seiten haben sich auf einen neutralen Moderator verständigt und jetzt reden wir über die Besetzung und die Form des Moderationsverfahrens. Ich hoffe, dass wir die Zeit nutzen können, um gemeinsam entscheidende Schritte nach vorn zu kommen. Wir wollen keinen Alleingang, aber wir wollen als Nachbar, der hier seit Jahrzehnten auch viel für Nachwuchsarbeit und Schulsport und die Gesellschaft aktiv ist, ernst genommen werden. Ich freue mich auf diese Phase, auch wenn mir bewusst ist, dass es einige Bedenken gibt.

Und das Geld soll woher kommen?

Es kommt entscheidend darauf an, welche Prioritäten wir setzen. Wir sind uns in der Geschäftsführung einig, dass wir für die Zukunft sehr gute Bedingungen brauchen, um eigene Talente entwickeln zu können. Das ist ein Kernthema für die Zukunftssicherung und die eigene Kaderentwicklung. Mit der aktuell bestehenden Infrastruktur weiß ich nicht, wie lange wir noch durchhalten. Es muss das Grundverständnis dafür da sein, jährlich eine Summe, die dem eines überdurchschnittlichen Spielergehalts in der Bundesliga entspricht, zu investieren.

Das heißt konkret?

Zwei Millionen Euro pro Jahr – das ist ein Betrag, mit dem wir etwas anfangen können.

Und die von den Anwohnern der Pauliner Marsch viel diskutierte Standortfrage?

Wir wollen in unserem gewohnten Umfeld bleiben, in der Pauliner Marsch. Dort haben wir seit Jahrzehnten ein gutes Miteinander aus Breitensport, Leistungssport und Erholungsgebiet. Werder gehört dort für viele Bremerinnen und Bremer zum Inventar und wir wollen das gerne fortsetzen. Ich muss betonen: Wir wollen kein neues Leistungszentrum bauen, wir betreiben hier seit Jahrzehnten ein Leistungszentrum. Aber wir werden als Bundesliga-Club eingehen, wenn es keine Chance gibt, hier einiges zu modernisieren.

Sie haben als Kind und Jugendlicher selbst in der Pauliner Marsch gekickt, sind mit neun Jahren Mitglied geworden und folglich seit 50 Jahren dabei. Bei der Mitgliederversammlung im November steht die Ehrung an...

(lacht) Ich habe jetzt tatsächlich den Brief bekommen, dass ich für 50 Jahre Mitgliedschaft geehrt werden soll.

Einen Brief, den Sie als Präsident natürlich selbst unterschrieben haben? Kurios!

Ja, jede Ehrung wird auch vom Präsidenten unterschrieben. Der Brief kam sogar per Post (lacht).

Werder Bremen: „Dr. Hupe“? - Hubertus Hess-Grunewalds kuriose Anekdote über Franz Böhmert

Mitglied mit neun Jahren – wer hat denn Ihren ersten Mitgliedsbeitrag gezahlt?

Meine Mutter, nehme ich an. Ich bin ein Scheidungskind, und sie war damals froh, dass ich viel bei Werder war. Da wusste sie, der Junge ist unter vernünftigen Leuten und macht etwas Sinnvolles.

Woher stammt Ihr Doppelname?

Eine Folge meiner Eheschließung. Meine Frau wollte ihren Nachnamen nicht abgeben, so ist bei mir zum Hess noch der Grunewald dazugekommen.

Und später noch der Doktor der Rechtswissenschaften. Sind Sie stolz auf ihren akademischen Titel?

Ja, bin ich. Erstens, weil ich ihn mir selber erarbeitet habe. Zweitens weil ich aus Verhältnissen komme, in denen ein akademischer Werdegang nicht Normalität war. Mein Vater war Postbeamter, meine Mutter war Verwaltungsangestellte und ich bin Jahrgang 1960 – es war für Kinder wie mich in der Zeit nicht selbstverständlich, Abitur zu machen, zu studieren und am Ende sogar zu promovieren. Ich bin nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Deswegen bin ich mit meinem Lebensweg ganz zufrieden.

Umso erstaunlicher, dass Sie auf diesem Lebensweg noch mal Richtung Werder abgebogen sind.

Werder hat immer mein Leben geprägt, war immer ein Anker für mich.

Dr. Hubertus Hess-Grunewald ist nicht gerade ein kurzer Name – viele Leute nennen Sie auch „Hupe“ – mögen Sie diesen Spitznamen?

Ich finde, ein Spitzname macht aus einem irgendwie auch einen Typen. Bei mir war und ist es so, dass ich diesen Spitznamen nicht vor mir her trage. Viele Leute kannten den Spitznamen schon, bevor sie mich tatsächlich kennenlernten. ,Ach, du bist der Hupe? Ja, dann weiß ich schon...‘ Soll heißen: Der Spitzname war mir selbst immer ein bisschen voraus – fast so wie ein Markenzeichen.

Wer darf Sie so nennen?

Hupe nennen mich die Leute, die mich seit wirklich vielen Jahren oder gar Jahrzehnten kennen. Meine Frau nennt mich aber nicht so, die findet das eher blöd. Aber dazu noch eine Anekdote…

...nur zu!

Als Franz Böhmert (Werder-Präsident von 1970 bis 1999, anschließend bis zu seinem Tod im Dezember 2004 der Vorsitzende des Aufsichtsrates, d. Red.) und ich uns kennenlernten, wusste er nicht, dass Hupe mein Spitzname ist, und sprach auf der Mitgliederversammlung von „Dr. Hupe“ – da musste ich ihn erst mal aufklären.

Werder Bremen: Hubertus Hess-Grunewald fürchtet eine Fußball-Entwöhnung der Fans durch die Corona-Krise

Es gibt gewiss Menschen in vergleichbaren Positionen, die auf die Nutzung von Spitznamen gerne verzichten würden. Sind Sie nicht anfällig für diese Art von Standesdünkel?

Ich versuche, das nicht zu haben. Ich möchte keine Distanzen aufbauen, ich möchte ansprechbar sein für die Leute, weil ich weiß, wo ich herkomme.

Distanzen sind ein gutes Stichwort. Werder muss derzeit auf Distanz zu den Fans bleiben. Befürchten Sie, dass durch Geisterspiele und andere Corona-Einschränkungen nachhaltig Fan-Potenzial verloren geht?

Darauf müssen wir ganz genau schauen. Nachhaltiger als der wirtschaftliche Schaden könnte der gesellschaftliche Schaden für den Fußball sein. Jetzt ist die Distanz noch erzwungen, aber es kann dazu führen, dass die Menschen sich entwöhnen. Dagegen müssen wir arbeiten, die fehlende Nähe zwischen Verein und Fans ist ein großes Problem. Wir reden ja nicht nur über die Bundesliga-Spiele, sondern auch die Nähe bei den Trainingseinheiten. Trotzdem dürfen wir die Fans nicht verlieren. Unter „Fans verlieren“ verstehe ich auch, dass sie vielleicht nicht mehr mit vollem Herzen und ganzem Enthusiasmus zum SV Werder kommen.

Wie groß schätzen Sie diese Gefahr ein?

Ich glaube, dass viele Menschen sich ein bisschen abgekoppelt fühlen, weil der Fußball sich zu weit von ihrer eigenen Lebenswirklichkeit entfernt hat. Wir müssen immer wieder auf die Menschen zugehen. Ich führe in regelmäßigen Abständen Videogespräche mit Fanclubs durch, das ist nur eine Idee, die wir umsetzen, um trotz allem nahbar zu bleiben. Aber ein Ausgleich für Bundesliga-Heimspiele und Trainingseinheiten ohne Zuschauer ist es natürlich nicht. Wir müssen den Fans zeigen, dass wir für sie da sind, dass wir uns kümmern. Wir müssen unsere Fans pflegen – sie sind die Basis all dessen, was wir tun. Ohne ihre Zuneigung und Legitimation müssen wir das alles nicht machen.

Glauben Sie, dass in diesem Kalenderjahr noch mal vor Zuschauern im Weserstadion gespielt wird?

Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube, die Realität wird eine andere sein. Im Moment geben die Corona-Zahlen keinen Anlass zur Hoffnung.

Ihr Geburtstag findet dementsprechend auch ohne Gäste statt?

Ich würde ja einen ausgeben, aber wie soll’s gehen? Mit zehn Leuten muss ich auch nicht feiern. Aber ehrlich gesagt, stehe ich als Person auch gar nicht so gerne im Mittelpunkt.

Wie bitte? Sie stehen ständig vor Leuten, halten Reden, Referate.

In meiner Rolle als Präsident und Geschäftsführer habe ich damit auch kein Problem. Als Privatperson ist das anders. Ich fühle mich nicht wohl als derjenige, über den eine Rede gehalten wird. (csa)

Zur Person: Hubertus Hess-Grunewald bei Werder Bremen - eine grün-weiße Funktionärskarriere

Der Geburtsort war noch Varel, doch aufgewachsen ist Hubertus Hess-Grunewald in Bremen. 1970 tritt er dem SV Werder Bremen bei, spielt in den Jugendteams unter anderem mit Thomas Schaaf zusammen. Nach dem Abitur folgt das Jura-Studium in Göttingen. Trotz der Entfernung bleibt der Student für Werder aktiv, engagiert sich für die Jugendfreizeiten des Clubs. Hess (das Grunewald kommt erst später dazu) kehrt 1989 nach Bremen zurück, legt sein zweites Staatsexamen ab, wird Promotions-Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung und erlangt 1993 den Doktortitel der Rechtswissenschaften.

Parallel dazu immer Werder, Werder, Werder. Ebenfalls 1993 wird er Teil des Vorstands der Fußball-Amateurabteilung. 1999 steigt er als Vertreter des Vereins in den Aufsichtsrat der neugegründeten Kapitalgesellschaft auf und wird 2003 Vize-Präsident des Gesamtvereins. 2014 übernimmt er als Nachfolger von Klaus-Dieter Fischer das Amt des Präsidenten sowie den Posten in der dreiköpfigen Geschäftsführung. Hubertus Hess-Grunewald ist verheiratet und hat zwei Söhne. (csa)

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare