Ein Fan des SV Werder Bremen protestiert im Mini-Format! Das Thema um Sportchef Frank Baumann ist allerdings deutlich größer als der Zettel.
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Ein Fan des SV Werder Bremen protestiert im Mini-Format! Das Thema um Sportchef Frank Baumann ist allerdings deutlich größer als der Zettel.

Werder-Sportchef Frank Baumann in der Kritik

Werder Bremen sitzt auf einem Pulverfass

Bremen - Not macht erfinderisch. Das galt auch für den einen Fan des SV Werder Bremen, der auf seine Art das aktuelle Verbot von Bannern in deutschen Fußball-Stadien umging. Ein Zettel nur, kaum größer als eine Scheckkarte, hatte er am Sonntag ins Wohninvest Weserstadion mitgenommen, um seine Meinung kundzutun.

Und weil er dafür nur zwei Worte brauchte, reichte der Zettel auch völlig aus: „Baumann raus“ stand darauf geschrieben. Damit gab dieser eine Fan in Schriftform wieder, was im Laufe des 1:4-Debakels von Werder Bremen gegen den SC Paderborn ein ganzer Chor von enttäuschten und aufgebrachten Fans skandierte.

Sie sehen in Sportchef Frank Baumann den Grund, weshalb bei Werder Bremen der Kader für die 2. Liga auch zwei Wochen vor Transferschluss noch große Löcher aufweist und als Konsequenz nicht nur der Start in die neue Saison zu missraten droht, sondern auch der Gedanke an einen direkten Wiederaufstieg zu einem Hirngespinst wird. Der Kritisierte hält seinen Kopf zwar hin, fordert von den unzufriedenen Fans aber mehr Nachsicht – und zwar sowohl mit der Mannschaft als auch mit der eigenen Arbeit. Doch diese Appelle werden nur dann fruchten, wenn Baumann bis zum Spiel beim Karlsruher SC am Samstag (13.30 Uhr) Transferergebnisse präsentieren kann und das Team dann auch sportlich ein ganz anderes Gesicht zeigt. Aber für beides gibt es keine Garantie. Es ist ein Pulverfass, auf dem Werder Bremen sitzt.

Bei Werder Bremen steigt der Frust der Fans - Frank Baumann in der Kritik

Dass Werder Bremen nach dem Sturz in die 2. Liga und dem Chaos, das die Corona-Krise auf den Vereinskonten hinterlassen hat, die eigenen Ansprüche weit würde herunterschrauben müssen, haben die Clubverantwortlichen schon immer gepredigt. Doch jetzt, da mehr und mehr klar wird, wie tief es tatsächlich runtergeht, steigt der Fan-Frust. Er entzündet sich an der Person Baumann, der zwar bereits für knapp 30 Millionen Euro Spieler verkauft und dem Club damit die größten finanziellen Sorgen vom Hals geschafft hat, der das Team damit aber auch in einem Maße ausgedünnt hat, wie es offensichtlich sportlich nicht mehr zu vertreten ist. Es fehlen ein Mittelstürmer und ein Außenangreifer, es fehlt ein defensiver Mittelfeldspieler, der in der 2. Liga funktioniert, es fehlt mindestens ein Außenverteidiger. Ohne diese Verstärkungen ist Werder aus dem DFB-Pokal geflogen und hat gegen Paderborn aufgezeigt bekommen: So geht es nicht!

Als „ein Stück weit peinlich“ hat Baumann die Leistung des Sonntags bezeichnet. Als ein Stück weit peinlich bewerten indes auch Teile der Werder-Fangemeinde, dass in Aussicht gestellte Neuzugänge bislang nicht präsentiert wurden. Der Vorwurf: Baumann handelt nicht, liefert keine Resultate. Der 45-Jährige schluckt die Kritik, aber einfach so stehen lassen will er sie auch nicht. „Ich weiß nicht, wie oft wir kommunizieren sollen, dass das wirtschaftliche Überleben an komplett erster Stelle steht. Wir müssen sportlich den einen oder anderen Abstrich machen.“

Von Frank Baumann werden kreative Lösungen für Werder Bremen erwartet

Aber dass wochenlang kein Neuzugang kommt, bewegt sich außerhalb des Toleranzbereichs einer steigenden Zahl an Werder-Anhängern. Von Baumann wird erwartet, was der Zettel-Fan gezeigt hat: Kreative Lösungen, wenn das Große nicht möglich ist. Aber nicht mal das sei bisher umsetzbar gewesen, verteidigt sich Baumann und argumentiert, dass ihm – um im Bild zu bleiben – sowohl Stift als auch Zettel gefehlt hätten. „Wir hatten schon ganz viele Spieler, mit denen wir uns einig waren, mit deren Beratern schon alles geklärt war und deren Arbeitsverträge ausgehandelt waren. Aber ich kann doch nicht mit einem Verein final einen Transfer verhandeln und sagen: Wann ich selbst meine Spieler verkauft habe, kann ich nicht sagen, aber lass uns schon mal den Transfervertrag unterschreiben. Das funktioniert so nicht.“ Obwohl: In der Theorie funktioniert es schon, in der Praxis aber nicht. Baumann: „Was dann passiert, haben wir doch bei Josh Sargent gesehen.“ Er war schon an Norwich City verkauft, sollte aber noch ein letztes Mal für Werder Bremen auflaufen, verweigerte dann aber seinen Einsatz im DFB-Pokal gegen den VfL Osnabrück (0:2).

Transfers: Georgios Giakoumakis soll vom VVV Venlo zu Werder Bremen wechseln

Werder Bremen hat diese Situation riskiert, andere Clubs machen es offenbar nicht. So konnten die Bremer bei Marvin Ducksch nicht zuschlagen, weil für Verhandlungen mit Hannover 96 noch die finanzielle Basis fehlte. Jetzt hat sich Werder durch Verkäufe Handlungsspielraum geschaffen, doch nun ist es zu spät, weil Hannover selbst nicht mehr für Ersatz sorgen könnte. Baumann über verpasste Möglichkeiten: „Vor vier Wochen wäre es vielleicht leichter gewesen, wenn wir zu dem Zeitpunkt schon hätten handeln können.“ So scheiterten auch die Bemühungen, vom kommenden Gegner Karlsruher SC Torjäger Philipp Hofmann (schon drei Tore in drei Saisonspielen) loszueisen. Allerdings zeigt sich, dass Baumanns Liste möglicher neuer Mittelstürmer nicht mit Hofmann endet. Vom VVV Venlo soll Torjäger Georgios Giakoumakis (26) kommen. Der Grieche könnte das Ergebnis sein, das Baumann braucht, um die Fans vorerst zu besänftigen. Baumann will sich aber definitiv nicht treiben lassen – seine Grundhaltung: „Wenn wir den richtigen Mann nicht finden oder wenn es vom Preis nicht passt, dann werden wir den Spieler nicht verpflichten. Dann kann es auch sein, dass es noch zehn Tage dauert, bis ein Neuzugang kommt.“

Bei Werder Bremen ist man auffällig bemüht, Frank Baumann aus der Schusslinie zu nehmen

Im Club ist man derweil auffällig bemüht, den Sportchef aus der Schusslinie zu nehmen. Aber der Schutz, den derzeit noch Marco Bode bietet („Frank ist nicht der alleinige Sündenbock“) hat keine lange Halbwertszeit mehr. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates dankt am 5. September auf der Mitgliederversammlung ab, mit ihm drei weitere Mitglieder des sechsköpfigen Gremiums. Der Aufsichtsrat wird dann neu gewählt, Baumanns Zukunft ist danach völlig offen. Sein Vertrag läuft nur noch bis zum Saisonende.

Dass die Zeit unruhig wird, ist völlig klar. Weitere Verkäufe – wenn nicht bis zum 31. August, dann im Winter – sind bei Werder Bremen angedacht, „wir haben unsere wirtschaftlichen Ziele bei Transfererlösen und Gehaltsreduzierungen noch nicht erreicht“, sagt Baumann. Er wird also weiter Spieler abgeben (Kandidaten sind unter anderem Maximilian Eggestein, Marco Friedl und Milos Veljkovic) und vermutlich weitere Fan-Kritik ernten, falls auf Abgänge nicht zeitnah Zugänge folgen. Aber was muss, das muss, meint Baumann und ist bereit, „weiter Schläge zu kassieren“. Nur eines will er nicht: dass die Fans – wie am Sonntag geschehen – mit Pfiffen und Häme auf die Leistung der Mannschaft reagieren. „Oh, wie ist das schön“ hatten einige im Stadion voll bitterer Ironie gesungen. Ein No-Go für den Sportchef: „Wir befinden uns im Umbau des Kaders, da wird es auf dem Platz immer wieder rumpeln und Rückschläge geben. Die Fans sollen ruhig sauer auf mich sein und mich als Schuldigen ausmachen. Aber wenn wir die Einheit zwischen Fans und Mannschaft nicht hinbekommen, dann wird es schwer.“ (csa) Lest dazu: Nächste Delle oder Ruck in die richtige Richtung? Verfolgt das Auswärtsspiel von Werder Bremen gegen den Karlsruher SC im Liveticker der DeichStube.

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