Rodolfo Cardoso spielte als Fußballprofi für Werder Bremen und den HSV, außerdem war er von 2008 bis 2018 in verschiedenen Funktionen für den Hamburger SV tätig.
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Rodolfo Cardoso spielte als Fußballprofi für Werder Bremen und den HSV, außerdem war er von 2008 bis 2018 in verschiedenen Funktionen für den Hamburger SV tätig.

Ex-Werder-Spieler im DeichStube-Gespräch

Ex-Werder- und HSV-Profi Rodolfo Cardoso: „Leonardo Bittencourt ist eine Drecksau im positiven Sinne“

Bremen – Was ein Nordderby mit ihm gemacht hat und immer noch macht, gibt er freimütig zu: „Wenn Hamburg und Werder gegeneinander spielen, steigert dies schon im Vorfeld das Adrenalin“, erklärt Rodolfo Esteban Cardoso. So auch in dieser Woche, in der der 53-Jährige dem Match am Sonntag (13.30 Uhr) entgegenfiebert. Der seit 1989 in Deutschland beheimatete Argentinier, der nach seiner Zeit in Freiburg eine Saison lang bis 1996 für Werder Bremen auflief, bevor er bis 2004 für den HSV agierte, ist momentan Angestellter im Nachwuchsleistungszentrum beim Club an der Elbe. Natürlich verfolgt er auch das Geschehen in der 2. Liga und wünscht den beiden Rivalen den Aufstieg, wie er im Gespräch mit der DeichStube erklärt.

Wer über Sie bei Wikipedia nachforscht, entdeckt einen interessanten Werdegang als Trainer. Sie haben schon alle möglichen Positionen im Nachwuchsbereich oder bei den Profis ausgeübt. Was machen Sie momentan konkret?

Rodolfo Cardoso: Ich fungiere als Co-Trainer bei der U 16, zudem kümmere ich mich als Individualtrainer um Nachwuchsspieler in kleinen Gruppen.

Techniktrainer – so steht es in Ihrer Vita. Was genau bedeutet das?

Es geht um die Förderung einzelner Spieler oder bestimmter Mannschaftsteile in den Jugendmannschaften. Beim HSV gibt es außer mir in dieser Funktion noch die beiden Ex-Profis Mehdi Mahdavikia und Christian Rahn.

Träumen Sie aber nicht mal davon, eine erste Mannschaft, eine Elf in den Profiligen, betreuen zu dürfen?

Dieser Traum ist im Augenblick weit weg. Es ist schwer, einen Einstieg in dieses Geschäft zu finden. Doch ich muss auch sagen, dass ich sehr glücklich bin mit meiner derzeitigen Aufgabe. Es macht Spaß, junge Spieler zu fördern und auf ihrem Weg zu begleiten. Und es freut mich, wenn die von mir ausgebildeten Spieler nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen Clubs erfolgreich sind.

Welche Profis meinen Sie?

Ich habe damals Heung-min Son, der lange im Internat gelebt hat und inzwischen bei Tottenham spielt, in der U23 ausgebildet. In der A-Jugend habe ich Shkrodan Mustafi betreut, einen deutschen Weltmeister. Eric Maxim Choupo-Moting ebenfalls. Oder Jonathan Tah, dem ich damals zu seinem Debüt in der Profi-Elf verholfen habe.

Werder Bremen: Ex-Profi Rodolfo Cardoso über das verlorene Nordderby gegen den SVW als Interimstrainer des HSV

Beim zweiten Einsatz als Interimstrainer in der Bundesliga...

Richtig, es war im September 2013, als ich gemeinsam mit Otto Addo nach der Beurlaubung von Thorsten Fink einspringen durfte. Zuvor saß ich schon mal kurzzeitig auf der Bank, als Michael Oenning gehen musste. Es waren nur Episoden, da ich damals noch keinen Trainerschein hatte und es nicht erlaubt war, dass ich länger bei den Profis als Cheftrainer arbeiten durfte. Zu dem Zeitpunkt absolvierte ich zwar schon den Lehrgang, hatte aber noch nicht das Diplom.

Wissen Sie noch, wie der Gegner hieß?

Natürlich, so etwas vergisst man nicht. Es war ein Nordderby, das Spiel gegen Werder Bremen, das von Robin Dutt betreut worden ist. Wir haben leider verloren – 0:2.

Was ist für Sie das Besondere bei dieser Paarung?

Ein Derby ist ein Derby. Die Zuschauer auf beiden Seiten fiebern dem entgegen. Die Fans in beiden Städten sind elektrisiert. Auch bei den Spielern steigt im Vorfeld das Adrenalin. Die Konkurrenz dieser beiden Traditionsclubs, eine Rivalität, die manchmal sogar an der Grenze des Erträglichen kratzt, macht das Besondere aus, macht dieses Spiel so interessant.

Werder Bremen-Ex-Profi Rodolfo Cardoso: Das Nordderby gegen den HSV elektrisiert die Fans in beiden Städten

Werden Sie am Wochenende im Stadion sein?

Wenn es die Bedingungen in Zeiten der Pandemie zulassen, ganz gewiss. Zuletzt war ich beim Stadtderby gegen den FC St. Pauli vor Ort. Gegen Werder wird es auch heiß hergehen. Diesmal geht es nicht nur ums Prestige, sondern vor dem Hintergrund des Aufstiegskampfes um drei ganz wichtige Punkte.

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Wie bewerten Sie die Lage beim HSV?

Sehr positiv, die Mannschaft hat sich mehr und mehr gesteigert. Ich spüre, dass sie an Sicherheit gewonnen hat. Mehr noch als zu Saisonbeginn tritt sie seit dem Ende der Hinserie als eine Einheit auf. Das Weiterkommen im Pokal sowie der Erfolg gegen den Lokalrivalen St. Pauli sind der beste Beweis für die neu gewonnene Stärke.

Viele Experten, die sich um die 2. Liga kümmern, rühmen Sonny Kittel, den Spielmacher. Er sei ein Unterschiedsspieler, wie es so schön heißt. Ist Kittel ein neuer Cardoso?

(schmunzelt) Das ist zu viel der Ehre – für mich. Sonny ist ein ganz wichtiger Spieler, der der Mannschaft guttut. Wichtig ist, dass ein Spieler seiner Qualität im richtigen Moment da ist, dass er in wichtigen Spielen liefert mit Vorlagen oder Toren – wie im letzten Spiel in Sandhausen. Dass er das kann, hat er immer wieder bewiesen.

Wie sehen Sie Werder?

Bremen hat sich gefangen nach dem Trainerwechsel. Die Mannschaft spielt befreit auf, sie scheint mir viel Sicherheit gewonnen zu haben. Die Abläufe stimmen, es haben sich einige Automatismen entwickelt. Ich halte Ole Werner für einen guten Trainer. Schon bei Holstein Kiel hat er bewiesen, dass er sein Handwerk versteht.

Werder Bremen-Ex-Profi Rodolfo Cardoso: „Ich wünsche mir, dass der HSV und Werder hochgehen“

Als bestes Sturmduo der Liga werden Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug eingeschätzt. Sind Sie auch dieser Meinung?

Es gibt viele gute Stürmer, beispielsweise auch den Schalker Torjäger Simon Terodde. Die beiden Bremer treffen nun über die Maßen. Es ist wichtig und wertvoll, solche Angreifer zu haben, die aus wenigen Möglichkeiten viele Treffer markieren.

Ein Erfolgsgarant im Aufstiegsrennen?

Sicherlich, doch noch ein anderer Werder-Spieler gefällt mir: der kleine Bittencourt. Ich sage immer: eine Drecksau im positiven Sinne. Einer, der immer alles versucht, der nie aufgibt. Und noch einen möchten ich erwähnen.

Wen?

Christian Groß, „mein Spieler“, den ich lange in der HSV-Reserve betreut habe. Es freut mich, dass er in späten Jahren den Sprung nach ganz oben geschafft hat. Hut ab vor diesem Mann. Ein guter Junge, ein Teamplayer, der fußballerisch nicht zu den ganz Großen zählt, aber durch Laufbereitschaft und Willen besticht.

Zum Schluss die Königsfrage: Wer steigt auf?

Es ist schwer zu sagen. Am Ende wird die Nervenstärke ausschlaggebend sein. St. Pauli mischt mit, Darmstadt auch. Ich wage keinen konkreten Tipp. Doch ich wünsche, dass es am Ende die großen Drei machen. Und ich wünsche mir noch mehr, dass es der Norden macht, dass der HSV und Werder hochgehen. Ich habe für beide Vereine gespielt, daher drücke ich für sie die Daumen. Vielleicht halte ich, die Werder-Anhänger mögen es verzeihen, noch ein bisschen mehr zu Hamburg als zu Bremen. (hgk)

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