Kaum zu glauben, aber wahr: Rune Bratseth, Legende des SV Werder Bremen, feiert am Freitag seinen 60. Geburtstag.
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Kaum zu glauben, aber wahr: Rune Bratseth, Legende des SV Werder Bremen, feiert am Freitag seinen 60. Geburtstag.

Werder-Ikone im DeichStube-Interview

„Es muss etwas passieren“: Rune Bratseth wird 60 und will nie aufhören, an Werder Bremen zu glauben

Bremen/Trondheim – Für Spieler wie Rune Bratseth wurde der Begriff Werder-Legende erfunden. Der Norweger gehört zu den prägendsten Persönlichkeiten des Bundesligisten – nicht nur wegen seiner zahlreichen Erfolge, sondern auch als Mensch. Der Abwehrchef wurde mit Werder Bremen je zwei Mal Meister und Pokalsieger sowie ein Mal Europapokalsieger der Pokalsieger. An diesem Freitag feiert Bratseth seinen 60. Geburtstag. Und obwohl er diese Ehrentage überhaupt nicht mag, gab er der DeichStube ein Geburtstags-Interview – mit einem großen Glauben an Werder und einer Liebeserklärung an Bremen.

Herr Bratseth, wie lebt es sich in Coronazeiten in Norwegen?

Man wird sehr träge. Aber ich kann nicht klagen, denn für mich persönlich ist es kein großes Problem. Ich lebe und arbeite fast wie normal auch. Hier in Trondheim ist es im Vergleich zum Rest des Landes, wo es sehr schlimm ist, ganz okay. Wir haben keinen Lockdown oder so. Natürlich trägt man einen Mundschutz und hält Abstand.

Wie dürfen Sie denn Ihren Geburtstag feiern?

Es wird nicht viel los sein, es dürfen ja nicht so viele kommen. Meine Mutter, meine Brüder und meine Kinder werden da sein.

Hätten Sie gerne groß gefeiert?

Nein! Auf keinen Fall! Ich mag meine Geburtstage überhaupt nicht – und schon gar nicht die runden, also 30, 40 oder 50. Diese große Aufmerksamkeit brauche ich nicht.

Oder haben Sie Probleme mit dem Älterwerden?

Nein, überhaupt nicht. Es war immer so, seitdem ich erwachsen bin. Aber ich gebe zu: Die 60 kommt für mich jetzt schon etwas überraschend (lacht). Ich muss mich wohl damit beschäftigen, denn es werden sich bestimmt einige Leute melden. Aber am Samstag ist alles wieder vorbei und normal – und das mag ich (lacht).

Sie arbeiten nicht nur als TV-Experte für einen norwegischen Sender, sondern halten auch Vorträge. Müssen Sie das in der Pandemie jetzt online machen?

Nein, das will ich nicht. Ich muss mich mit den Menschen treffen können. Ich reise viel in Norwegen herum, besuche kleine Dörfer und Städte. Diese Begegnungen mit den Menschen machen einfach Spaß.

Werder Bremen-Legende Rune Bratseth: „Als TV-Experte schaue ich fast nur noch Borussia Dortmund“

Konnten Sie sich denn mit den Geisterspielen anfreunden?

Man gewöhnt sich an alles, obwohl man es nicht mag. So sind wir Menschen. Es wird gar nicht mehr darüber gesprochen, es ist jetzt einfach so – und trotzdem hoffentlich bald vorbei.

Wie oft gucken Sie noch Werder-Spiele?

Als TV-Experte sehe ich eigentlich nur noch Dortmund, weil Erling Haaland dort spielt. Um ihn dreht sich bei uns in Norwegen fast alles. Werder schaue ich dann eher privat.

Sind Sie mit Werders Entwicklung zufrieden?

Es ist nun natürlich viel angenehmer, wir müssen nicht so zittern. Aber ich hoffe, dass die Mannschaft noch ein paar Schritte nach vorne macht, damit wir irgendwann wieder richtig mitspielen. Es passt doch nicht, dass Werder keine feste Größe mehr oben in der Tabelle ist. Man darf sich einfach nicht daran gewöhnen, unten zu bleiben.

Ist es für Werder überhaupt noch realistisch, in den Kreis der finanzstarken Topclubs vorzudringen?

Es ist natürlich schwierig und wird von Jahr zu Jahr schwieriger, weil die Clubs dort oben eben sehr oft dort stehen und dadurch noch mehr Geld verdienen. Der Unterschied wird immer größer. Aber das Wichtigste ist: Man darf nie den Glauben daran verlieren, das es möglich ist. Sonst ist es auch nicht mehr möglich. Das habe ich so oft erlebt.

Rune Bratseth über den SV Werder Bremen: „Es muss etwas passieren!“

Ein Beispiel bitte.

Nehmen wir die Qualifikation zur WM 1994. Da waren wir mit Norwegen in einer Gruppe mit Holland, England, Polen, Türkei und San Marino. Wir haben die Gruppe gewonnen. Hat das jemand vorher geglaubt? Nein! Ich hätte nie gedacht, dass ich als Norweger mal an einer Weltmeisterschaft teilnehmen darf, und dann war ich tatsächlich dabei. Als ich ab 1995 bei Rosenborg als Sportdirektor angefangen habe, wer hätte da gedacht, dass wir fast zehn Mal in Folge in der Champions League spielen? Niemand! Und wir haben das geschafft. Warum ist uns das gelungen? Weil unsere Trainer und viele andere daran geglaubt haben, dass nichts unmöglich ist. So ist es auch mit Werder: Es ist möglich!

Wie wäre es damit, wenn Sie diesen Glauben nach Bremen bringen würden?

Das wäre schön, aber Sie wissen doch: Ich bin jetzt 60 (lacht). Aber ernsthaft: Es muss etwas passieren. Ich weiß aber auch nicht was. Vor einem Jahr hatte ich ja eine Diskussion wegen des Trainers.

Sie meinen Florian Kohfeldt. Im Abstiegskampf haben Sie Werder öffentlich eine Trennung vom Trainer empfohlen.

Da war ich damals vielleicht ein bisschen schnell, als ich das gesagt habe. Ich konnte es auch nicht wirklich beurteilen, weil ich nicht nah genug dran bin. Aber natürlich darf man die Frage stellen, ob ein Trainer noch der richtige Trainer ist. Die Antwort müssen dann die Verantwortlichen geben, die ihn jeden Tag erleben.

Haben Sie sich mal mit Florian Kohfeldt ausgesprochen?

Nein, aber das ist eine gute Idee. Das können wir gerne mal machen. Ich habe überhaupt nichts gegen ihn. Er ist ein guter Trainer, daran besteht kein Zweifel. Aber ich bin wirklich gespannt, was in Bremen passieren wird. Nur zur Erinnerung: Es ist gar nicht lange her, da ist Leicester City in England Meister geworden. Und in Norwegen hat das zuletzt Bodo/Glimt zum ersten Mal geschafft.

Rune Bratseth über eine Werder Bremen-Rückkehr: „Darüber kann ich ja mit Marco Bode sprechen“

Gegen den Club hat sich Werder 1999 in der ersten Runde des UEFA-Pokals durchgesetzt.

Das ist lange her. Bodo/Glimt war nie eine große Nummer in Norwegen, und dann sind sie tatsächlich Meister geworden. Und warum? Weil sie einen super Fußball gespielt haben – und das mit unbekannten Spielern. Solche Sachen passieren. Dafür braucht man manchmal nur einen einzigen Menschen, vielleicht auch zwei oder eine kleine Gruppe, die den richtigen Glauben daran haben. Es gibt solche Menschen, die richtig etwas bewegen können. Man muss sie nur finden.

Wer könnte das bei Werder sein?

Ich weiß es nicht.

Sie waren erfolgreicher Manager bei Rosenborg, wie wäre es also mit Ihnen?

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, um ehrlich zu sein. Ich kann darüber ja später mit Marco Bode sprechen. Als guter Freund und Ex-Kollege wird er mich an meinem Geburtstag bestimmt anrufen (lacht).

Und als Aufsichtsratschef ist er der perfekte Ansprechpartner. Hätten Sie denn Lust, wieder direkt ins Fußball-Geschäft einzusteigen?

Da muss ich jetzt aufpassen, dass ich keine Schlagzeile produziere (lacht). Aber es ist schon lustig: Ich habe in den letzten Tagen ein bisschen was über Werder im Internet gelesen. Dabei ist mir wieder bewusst geworden, was für eine unheimlich schöne Zeit das damals für mich und meine Familie war. Alle meine drei Kinder sind in Bremen geboren. Das ist meine zweite Heimat. Und immer wenn ich darüber spreche, werde ich ein bisschen traurig, weil es so schön war. Es geht da nicht nur um die Erfolge, sondern auch um die Menschen. Wir haben uns von der ersten bis zur letzten Sekunde in Bremen so wohlgefühlt. Da sehnt man sich schon zurück, obwohl ich auch danach ein tolles Leben hatte und auch noch habe.

Und was soll noch kommen?

Gute Frage, das beschäftigt mich tatsächlich gerade. Ich war 14 Jahre lang bei Rosenborg und bin nun seit 13 Jahren beim Fernseh-Sender Viasat. Leider haben wir die Rechte an der Übertragung der Champions League verloren. Die Arbeit für mich wird dort also weniger. Es ist ein guter Zeitpunkt, neben den Vorträgen noch einmal etwas Neues zu machen. (kni)

(Auch interessant: Als Rune Bratseth von seinem Sohn verkauft wurde - Marco Bode erzählt lustige Anekdote!)

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