Eine Bildcollage zu Werder Bremen und dem SC Freiburg: das linke Bild zeigt Max Kruse im SCF-Trikot, im rechten Bild diskutieren Thomas Schaaf und Volker Finke
+
Werder Bremen und den SC Freiburg verbinden viele Gemeinsamkeiten: lange Trainer-Amtszeiten wie bei Thomas Schaaf (Mitte) und Volker Finke (r.) oder auch notgedrungene Transfers, weil die Clubs ihre Stars wie Max Kruse (l.) nicht halten können.

Vor dem 4. Spieltag in der Bundesliga

So viel Werder steckt im SC Freiburg: langjährige Trainer, wenig Geld und viele Star-Abgänge

Da kamen bei ihm, dem von Emotionen geleiteten Zeitgenossen, sogar die Tränen. „Ich bin gern Trainer hier“, betonte Christian Streich im Juni 2020, am Tag der Verlängerung seines Vertrags beim SC Freiburg, der am Samstag gegen Werder Bremen spielt.

Die Stimme des Mannes, der so unverfälscht redet, häufig so arg ins Badische wechselt, dass seine meist originellen Aussagen normalerweise mit Untertiteln unterlegt werden müssten, stockte plötzlich. Beobachter registrierten, wie seine Augen feucht wurden. Streich sprach weiter in seinem Dialekt: „Und ich hoff, dass i noch e paar Jahr Trainer sein kann. Und das war‘s auch irgendwie.“

„Mister Freiburg“ wie gehabt: Authentisch und unverstellt, ungewöhnlich allemal. Der 55-Jährige, dieses Original aus dem Schwarzwald, spielte somit auf die besondere Beziehung an, die ihn mit dem Verein aus Südbaden verbindet. Der Ex-Profi, auch mal für den Lokalrivalen Freiburger FC aktiv, arbeitet seit 1995 für den Sport-Club, der in sein 21. Jahr in der 1. Liga geht. Erst als Coach der U19 und im Nachwuchsleistungszentrum, danach als Co-Trainer, schließlich seit Ende 2011 als absoluter Boss auf der Bank der Profi-Mannschaft. Sportvorstand Jochen Saier: „Christian lebt diesen Verein und trägt die Philosophie des SC im Herzen.“

Verfolgt das aktuelle Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen den SC Freiburg im Live-Ticker der DeichStube!

Werder Bremen und SC Freiburg: Gemeinsamkeiten auffällig - aber der SCF überflügelt den SVW

Ein Werdegang, wie ihn bei Werder Bremen der nun mehr als Technischer Direktor agierende Thomas Schaaf hingelegt hat. Ein Lebenslauf nach gleichem Muster: Spieler und Coach im Nachwuchsbereich, danach zu höheren Ehren berufen. Christian Streich und Thomas Schaaf, zwei Eigengewächse, die unten angefangen haben und sich sukzessive ganz nach oben gearbeitet und festgesetzt haben. Mit Erfolg: Wie Schaaf, dem 2004 mit dem Double der größte Erfolg der Vereinsgeschichte glückte, steht auch Streich für den Erfolg auf ganzer Linie. In der Corona-Spielzeit landete der SC Freiburg auf Platz acht, nur einen Punkt von den Rängen entfernt, die die Qualifikation für Europa bedeuteten. Was Werder vorhatte, nämlich am internationalen Geschäft zu schnuppern, gelang den Süddeutschen vortrefflich.

Der achte Rang ist das drittbeste Resultat, das Dauerbrenner Streich mit Unterstützung seines bei Werder seinerzeit abservierten Assistenten Florian Bruns eingefahren hat in den achteinhalb Jahren seines Wirkens. Zweimal gelang sogar noch mehr: 2013 als Fünfter berechtigt für die Gruppenphase der Europa League, 2017 als Siebter in der ersten Qualifikationsrunde des zweitwichtigsten Europacups gescheitert. Längst sieht es so aus, als hätten die aufstrebenden und sich im vorderen Mittelfeld der Bundesliga etablierten Freiburger die abgesackten und mehrfach ums Überleben kämpfenden Bremer überflügelt.

Freiburg in der Werder-Rolle, wobei die Gemeinsamkeiten der Vereine auffällig sind. Signifikant ist besonders die Halbwertzeit der Trainer. Nach dem Abstieg 2015 hielt die Führung des Sport-Clubs an Streich fest, nach den missglückten Versuchen mit dem nun als Löw-Co amtierenden Marcus Sorg und dem späteren Bremer Robin Dutt sollte Kontinuität her. Wie auch schon beim Vor-Vorgänger Volker Finke. Der in Nienburg geborene Niedersachse, früher in Zeiten des legendären Präsidenten Dr. Franz Böhmert mal als Werder-Coach auf der Wunschliste, bekam ebenfalls mehrfach das Vertrauen ausgesprochen.

Werder Bremen und SC Freiburg halten lange an Trainern fest - beim SCF sogar über Abstiege hinweg

Der Studienrat für Sport, Gemeinschaftskunde und Geschichte, der sich einen Namen in der Fußballbranche erarbeitete und zuletzt als Nationaltrainer von Kamerun und als Manager beim 1. FC Köln fungierte, stieg dreimal mit Freiburg auf, durfte auch dreimal absteigen, ohne gefeuert zu werden. Achim Stocker, der verstorbene Freiburger Präsident, ein Patriarch im positiven Sinne wie „der Doktor“ Böhmert an der Weser, hielt in Nibelungentreue zum oft auch eigenwilligen Finke, der schon damals für einen Offensivfußball stand. „Breisgau-Brasilianer“ – diesen Ehrentitel erwarben sich seine Kicker.

Von 1991 bis 2007 leitete Finke die Geschicke des Clubs an der Grenze zu Frankreich. 16 Jahre lang – er ist damit der Rekordhalter im deutschen Profifußball. Die „Unverwüstlichen“ von Werder Bremen kommen nicht an diese Marke. Otto Rehhagel amtierte von 1981 bis 1995, ehe er dem Lockruf von Bayern München erlag, wo er gnadenlos scheiterte. Thomas Schaaf, von seinem kongenialen Partner Klaus Allofs in krisenhaften Momenten stets gestützt, wankte ohne die Assistenz des Managers und wurde 2013 beurlaubt vom Allofs-Nachfolger Thomas Eichin, nachdem er zuvor seinen Rücktritt angeboten hatte. Sein Kontrakt lief noch bis 2014, Schaaf fehlten nur Monate, um seinen früheren Trainer hinsichtlich der Zeit auf der Bremer Trainerbank zu überholen. Finke, den Spitzenreiter aus Freiburg, einzuholen, dafür hätte es (zunächst) nicht gelangt.

„Biotop“, diese Vokabel ist ins Fußball-Deutsch eingeführt worden, um die besondere Situation sowohl in Freiburg als auch in Bremen zu beschreiben. Was damit gemeint ist. Beide Vereine stehen für spezielle Verhaltensweisen, dieses besondere Klima und den außergewöhnlich fairen Umgang im Innenverhältnis: bodenständig, familiär und ehrlich, geerdet. Mit Hochachtung sprechen auch Vertreter der Konkurrenz von diesen Tugenden, die die Macher immer wieder verkörpern. Die Bremer Bosse zuletzt, als sie im wild tobenden Abstiegskampf an dem angeschlagenen Florian Kohfeldt festhielten. Ein Muster, das an der Weser gepflegt wird und auch am Oberrhein - wie beschrieben - zu beobachten ist.

Werder Bremen und SC Freiburg: Leistungsträger müssen verkauft werden - Max Kruse und Nils Petersen wechseln die Seiten

Es mag auch daran liegen, dass beide Clubs im Vergleich zu den potenten Klassenrivalen seit jeher über eine überschaubare Basis in wirtschaftlicher Hinsicht verfügen. Trotz der finanziellen miserablen Startrampe haben sich Freiburg aktuell, Werder in früheren Glanzzeiten, die schon länger Legende sind, viel Respekt erworben. Oft greift dabei der gleiche Mechanismus: Um das finanzielle Minus auszugleichen und den Etat sicherzustellen, müssen zumeist die Leistungsträger verkauft werden. Der Prozess in Freiburg: In der jüngsten Vergangenheit wurden Daniel Caligiuri, Jan Rosenthal und Johannes Flum sowie die bei Werder Bremen gelandeten Max Kruse oder Cedrick Makiadi aus diesem Grund veräußert.

In diesem Sommer trug der Aderlass diese Namen: Torwart Alexander Schwolow (für 7 Millionen Euro nach Berlin) sowie die Nationalspieler Luca Waldschmidt (für 15 Millionen zu Benfica Lissabon) und Robin Koch (für 13 Millionen zu Leeds United). In Bremen kennen Sie dies auch. Aktuell sollte ein Transfer von Milot Rashica die auch durch Corona bedingten Einbußen ausgleichen, was nicht funktionierte. Dafür brachte der zu seinem Stammclub Ajax Amsterdam veräußerte Davy Klaassen ein bisschen Bares in die ausgedörrte Kasse . Früher wechselten Stars wie Rudi Völler oder Miroslav Klose, Kalle Riedle und Andreas Herzog, Tim Borowski oder Torsten Frings, Diego oder Mesut Özil.

Zur Gegenwart: Der SC Freiburg wird nicht als einer der ersten Abstiegskandidaten gehandelt, für Bremen gilt dies nicht gerade. Doch auch die Badener wissen, dass alles für sie laufen muss, um eine erfolgreiche Saison zu spielen. Nils Petersen, nach seinem Wechsel im Winter 2014/15 längst zu einem Idol geworden, mit 55 Treffern in 136 Spielen an der Spitze der internen Torschützenliste, formuliert es so: „Wir wissen, dass wir davon leben, dass die anderen schwächeln, Pech oder viele Verletzte haben, dass es Gründe gibt, warum besser besetzte Mannschaften hinter uns landen.“ Bei Christian Streich auf der Zielgeraden vor seinem zehnjährigen Jubiläum klingt das so: „Wenn wir nicht alles abarbeiten und fighten, wird es saumäßig schwierig für uns.“ Seine Losung in seinem typischen badischen Tonfall: „Am beschte: Machsch‘ de Fernseher aus, schausch‘ de Tabelle nit an, bringt eh alles nix. Spielsch‘! Übsch‘ !“ (hgk)

Werder Bremen gegen SC Freiburg: Rodolfo Esteban Cardoso im Kurz-Interview

SC Freiburg gegen Werder BremenRodolfo Esteban Cardoso kennt beide Clubs aus eigener Anschauung. Von 1993 bis 1995 für den SC Freiburg, im Jahr darauf eine Saison lang für Werder – 32 Einsätze, zwei Treffer stehen für diese Zeit in seiner Bilanz. Der 51-jährige Argentinier über seine Erfahrungen an den beiden Standorten.

Wo haben Sie sich als Profi wohler gefühlt, Herr Cardoso?

Eindeutig in Freiburg, da hat es für mich richtig gepasst. Weil mir die Art, wie wir Fußball gespielt haben, zugesagt hat. Zudem hatten wir viele junge Spieler im Kader.

Welche Unterschiede zwischen dem Sport-Club und Werder fallen Ihnen auf?

Werder ist ein großer Verein, insofern bedeutender als Freiburg. Eine große Nummer, gerade in der Ära mit Otto Rehhagel, nach der ich gekommen bin. Die Zeit danach war extrem schwierig, die Zeit mit Dixie Dörner und Aad de Mos. Vielleicht habe ich mich daher schwergetan.

Was schätzen Sie an Freiburg aktuell?

Es ist beeindruckend, wie sie sich immer wieder präsentieren. Sie sind jedes Jahr recht stabil und steigern sich. Dabei bringen sie stets junge Spieler und Talente heraus. Eine Philosophie, die mir gefällt. (hgk)

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare