Rüdiger Abramczik, Legende des FC Schalke 04, wünscht Werder Bremen den Klassenerhalt, glaubt aber, dass es eng wird.
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Rüdiger Abramczik, Legende des FC Schalke 04, wünscht Werder Bremen den Klassenerhalt, glaubt aber, dass es eng wird.

Vor Werder-Spiel gegen S04

Schalke-Legende Abramczik im Interview: „ …dann wären die Bremer die Sieger dieser Tage“

Von Hans-Günter Klemm. Der Flankengott hat Werder Bremen noch nicht abgeschrieben. Rüdiger Abramczik, einst ein begnadeter Flügelstürmer, der mit Torjäger Klaus Fischer bei Schalke 04 ein optimales Duo bildete, beleuchtet die Lage bei den kriselnden Gelsenkirchenern und macht den Bremern Mut. „Sie sind hier nicht chancenlos.“

Der 64-Jährige, der außer auf Schalke auch für den Erzrivalen Borussia Dortmund, den 1. FC Nürnberg und RW Oberhausen sowie bei Galatasaray Istanbul spielte und 19 Länderspiele bestritt, sieht im Gespräch mit der DeichStube den Grund für das Tief bei Werder Bremen in der Personalpolitik: „Es ist schlecht geplant worden.“ Das Spiel von Werder Bremen gegen Schalke 04 steigt am Samstag um 15.30 Uhr.

Wie geht es Ihnen in Coronavirus-Zeiten, Rüdiger Abramczik?

Mir persönlich geht es sehr gut, ich bin virenfrei. Es geht mir gesundheitlich besser als Schalke, meinem angeschlagenen Club.

Machen Sie sich ernsthafte Sorgen?

Wer von einer Krankheit spricht, wird bei Schalke eine schwere Grippe ansetzen müssen.

Nur diese relativ leichte Erkrankung? Einige diagnostizieren schon einen Herzinfarkt. So weit gehen Sie nicht?

Nein, das geht zu weit. Es würde bedeuten, dass die Mannschaft sich in Abstiegsgefahr befindet. Zum Glück haben wir schon 37 Punkte auf dem Konto, stehen auf Platz 9 in der gesicherten Zone. Und dies alles nach den schlechten Leistungen zuletzt, nach zehn sieglosen Spielen.

Woran liegt der Leistungseinbruch aus Ihrer Sicht?

Es gab es viele Verletzte, zu viele Ausfälle mit Stambouli, Sané und Mascarell. Jetzt fehlen mit Harit und Serdar auch noch die Besten. Es hat die Elf zurückgeworfen, das kann sie nicht verkraften. Nun sind zwar einige wie beispielsweise Salif Sané zurückgekommen, doch ihnen mangelt es an Spielpraxis. Und außerdem war die Pause durch das Virus nicht gut für die Mannschaft, sie ist ganz und gar aus dem Rhythmus gekommen, wie die blamablen Vorstellungen im Derby in Dortmund, im enttäuschenden Heimspiel gegen Augsburg und nun auch in Düsseldorf gezeigt haben.

Obwohl Sportvorstand Jochen Schneider eine Jobgarantie für den Trainer ausgesprochen hat, werden im Umfeld die Zweifel an David Wagner immer lauter. Stimmen Sie den Wagner-Kritikern zu?

Ich möchte nicht so auf den Trainer draufhauen. In der Hinrunde hat er einiges bewirkt, da hat er gut gearbeitet und bewiesen, dass er eine Mannschaft führen kann.

Werder Bremen „kämpft ums Überleben“, sagt Schalke-Legende Rüdiger Abramczik

Sportlich im Tief und auch finanziell am Ende. Wie bewerten Sie die finanzielle Situation des Vereins?

Nach allem, was ich höre, sieht es nicht so gut aus. Der Schuldenberg ist seit Langem bekannt. Nun auch noch Corona. Zum Glück wird die Saison fortgesetzt, wichtig für das Überleben von Schalke.

Neben Mainz und Freiburg ist Schalke der einzige Erstligist, der noch als eingetragener Verein firmiert. Clemens Tönnies, der Aufsichtsratsboss, hat jüngst wieder die Diskussion um eine Ausgliederung der Fußballabteilung zur Debatte gestellt. Befürworten Sie dieses Vorhaben?

Es hört sich zunächst einmal gut an. Ideal wäre es, wenn Schalke auf diesem Weg neues Geld erhielte, das dann auch vernünftig angelegt werden kann. Was ich damit meine: Das Geld muss in sinnvoll in Spieler investiert werden, nicht so aus dem Fenster geworfen werden wie zuletzt in der Ära unter Manager Heidel.

Ist nun der ideale Zeitpunkt, um über die Umwandlung der Struktur in eine wie auch immer geartete Aktiengesellschaft zu reden?

Vielleicht ist es im Moment nicht gerade die beste Zeit. Die Wirtschaft liegt durch die Pandemie auch am Boden. Es könnte schwer werden, finanzkräftige Investoren zu finden. Der Schritt müsste gut vorbereitet werden, um dann zu erfolgen, wenn die Krise überstanden ist.

Bei den Mitgliedern soll es Widerstände geben. Wie beurteilen Sie dies?

Ich denke, dass die Mitglieder im Endeffekt doch zustimmen werden, wenn alles vernünftig erklärt und eingeleitet wird.

Um darauf zurückzukommen: Wenn Schalke unter einer hartnäckigen Grippe leidet, welche Malaise hat Werder dann befallen? Bremen auf der Intensivstation?

Richtig, die Bremer kämpfen ums Überleben, sie sind richtig angeknockt. Sie spielen eine ganz enttäuschende Saison.

Werder Bremen: Schalke-04-Legende Rüdiger Abramczik kritisiert Kaderplanung

Welche Ursachen für den Leistungsabfall sehen Sie?

Ähnlich wie bei Schalke hat ein unglaubliches Verletzungspech die Truppe gebeutelt. Gerade die vielen Langzeitverletzten wie Füllkrug, Toprak, Moisander oder Augustinsson waren eine erhebliche Schwächung. Es waren die Schlüsselpositionen betroffen. Das konnte Werder nicht auffangen.

Hat Bremen den Verlust eines Leistungsträgers wie Max Kruse unterschätzt?

Weiß ich nicht, dafür bin ich zu weit weg. Doch Tatsache ist, dass Kruse ein enorm wichtiger Spieler war, einer, der eine Mannschaft mitreißen kann. Zuletzt habe ich von ihm einige Spiele in Istanbul gesehen, in denen er seine Qualitäten bewiesen hat. Spieler vom Schlage eines Kruse erkenne ich momentan bei Werder nicht.

Kritik an der Personalpolitik von Sportchef Frank Baumann?

Ich habe Verständnis dafür, dass die Bremer wegen der geringen Finanzmittel auf dem Transfermarkt sehr eingeschränkt sind. Doch der Kader ist für mich in dieser Spielzeit nicht optimal zusammengestellt, da ist eher schlecht geplant worden.

Schaffen die Bremer noch den Klassenerhalt?

Es wird eng. Sie müssen Gas geben, wie es andere Vereine vorgemacht haben. Köln und Hertha haben sich so freigeschwommen. Werder muss kämpfen. Das Team hat damit gegen Gladbach eindrucksvoll begonnen. Da Schalke momentan auch kriselt, ergibt sich am Samstag eine große Chance, weiter Boden gut zu machen. Wenn dann das Nachholspiel gegen Frankfurt gewonnen werden sollte, wären die Bremer die Sieger dieser Tage. Auch die Hessen wie auch die schwächelnden Mainzer wären wieder unten drin. Es wäre das Signal für einen spannenden Abstiegskampf.

Drücken Sie Werder die Daumen?

Auf jeden Fall, ich mag den Club. Bremen ist ein fester Bestandteil der Bundesliga und soll es auch bleiben.

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