Clemens Fritz, Werder Bremens Leiter Profi-Fußball, weiß um die Schwierigkeiten des Scoutings in Zeiten der Corona-Pandemie.
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Clemens Fritz, Werder Bremens Leiter Profi-Fußball, weiß um die Schwierigkeiten des Scoutings in Zeiten der Corona-Pandemie.

So läuft das Werder-Scouting in der Corona-Pandemie

Spezielle Zeiten für Werder-Scouts: Kaum Reisen, keine Transfers - Clemens Fritz erklärt veränderte Bedingungen

Bremen – Sie suchen die Zukunft des SV Werder Bremen – die zehn festangestellten Scouts der Grün-Weißen. Zwei Mal im Jahr wird das Ergebnis ihrer Arbeit dann öffentlich, wenn das Transferfenster öffnet. Doch diesmal gab es keinen einzigen Neuzugang für die Profis. Aus guten Gründen, der Kader ist stark besetzt, die finanzielle Lage weiter angespannt. Trotzdem dürfte so eine Nullnummer die Scouts nicht gerade glücklich machen. Die DeichStube hat bei Clemens Fritz, Werders Leiter Profi-Fußball und Scouting, nachgefragt, wie seine Mitarbeiter, die für die Profis, aber auch den Nachwuchs zuständig sind, mit der aktuellen Situation umgehen.

„Die Frustrationsgrenze eines Scouts muss schon sehr hoch sein“, sagt Clemens Fritz und meint damit nicht nur ausbleibende Transfers. Bei Beobachtungen von Spielern laufe längst nicht alles glatt. Zum Beispiel, wenn der ausgeguckte Spieler verletzt fehlt oder einfach nicht eingesetzt wird. Dann bleibt immerhin noch Zeit, andere Akteure unter die Lupe zu nehmen. Noch unbefriedigender sei es, wenn bei ernsthaften Kandidaten ein langer Bericht verfasst wird und sich wenig später herausstellt, dass dieser nicht zu Werder Bremen, sondern zu einem anderen Club wechselt. „Das ist schon viel Arbeit und deshalb auch ärgerlich, aber nur auf den ersten Blick“, sagt Fritz: „Das landet alles in unserer Datenbank. Es kommt nicht selten vor, dass wir diese Daten noch mal nutzen können.“ Oftmals werden Spieler eben erst im zweiten, dritten oder sogar vierten Anlauf verpflichtet.

„Wir müssen immer auf alle Eventualitäten vorbereitet sein“, nennt Fritz das Credo der Scouting-Abteilung des SV Werder Bremen. Für jede Position existiert daher so etwas wie eine Kandidatenliste, die stets überarbeitet wird. Normalerweise sind die Scouts fast das ganze Jahr über unterwegs, um sich Spieler anzuschauen. Seit zwei Jahren ist das durch die Corona-Pandemie nur eingeschränkt möglich. „Da haben wir das natürlich viel über Video gemacht“, sagt Fritz: „Aber ganz ehrlich: Als Scout kannst du nicht nur vor dem Bildschirm sitzen, du musst raus. Du willst die Spieler live vor Ort sehen, um ein Gefühl zu bekommen. Nichts kann dieses Live-Scouting ersetzen!“ Auch nicht die datenbasierte Analyse, auf die immer mehr Clubs setzen? „Das machen wir auch, das ist richtig und wichtig. Man muss die Daten aber auch sinnvoll einordnen. Und am Ende musst du den Spieler einfach live gesehen und auch kennengelernt haben.“

Werder Bremen scoutet in verschiedenen Märkten - auch in den USA, wie das Beispiel Josh Sargent zeigt

Werder Bremen hat dabei verschiedene Märkte im Blick – den deutschen natürlich vorneweg. Aber es wird gerne auch nach Skandinavien geguckt, nach Österreich, Belgien, die Niederlande, Polen, Tschechien, die Schweiz oder Portugal. Selbst auf der Insel wird vorbeigeschaut, aber selten in der Premier League, sondern eher eine Liga darunter. Afrika, so Fritz, sei für Werder ein eher schwieriger Markt, weil die jungen Spieler in der eigenen Regionalliga-Mannschaft keine Spielgenehmigung erhalten. Gleiches gilt oft auch für Südamerikaner. Soforthilfen für die Profis direkt aus diesen Regionen seien meistens zu teuer. Interessanter sind da schon die USA und Kanada, wie zuletzt das Beispiel Josh Sargent gezeigt hat. Der wurde mit 18 Jahren geholt, spielte erst in der U23, dann bei den Profis – und wechselte im vergangenen Sommer für eine Ablösesumme von über zehn Millionen Euro in die Premier League zu Norwich City.

Eine schöne Geschichte. Der damalige Werder-Scout Tim Steidten (heute Bayer Leverkusen) und Werder-Legende Wynton Rufer hatten Sargent bei einem Nachwuchsturnier in den USA entdeckt. Alleine waren sie dabei aber nicht. „Diese Zeiten sind lange vorbei. Die Tribünen sind voll mit Scouts“, berichtet Fritz, der selbst viel unterwegs war. Inzwischen ist er wegen seiner neuen Aufgabe nur noch punktuell beim Live-Scouting dabei.

Werder Bremens Leiter Profi-Fußball Clemens Fritz verspricht: „Im Sommer wird es wieder Transfers geben“

Schon vor der Nullnummer in diesem Winter wartete Werder Bremen nicht gerade mit großen Überraschungen auf. Es kamen eher erwartbare Spieler. Für die Verpflichtung eines Marvin Ducksch von Hannover 96 braucht es eigentlich keine Scouting-Abteilung. Doch da widerspricht Fritz: „Natürlich kennt man Marvin und dessen Qualitäten. Trotzdem schaut man ihn sich per Video noch einmal genau an.“ Den Eindruck, dass Werder im Sommer eher auf sichere Transfers gesetzt habe, also auf Spieler, die die Liga schon kennen, sei schon richtig, so Fritz: „Das war uns nach dem Abstieg sehr wichtig, um uns der Liga auch anzupassen.“

Für Experimente, also Spieler aus fremden Ligen, mit weniger Erfahrung oder weniger auffallenden Werten, ist offenbar nicht der optimale Zeitpunkt. Zum Sparkurs in der Corona-Pandemie gehört eben auch eine Risikominimierung auf dem Transfermarkt. Und Fritz verweist noch einmal auf die Bedeutung des Live-Scoutings: „Wenn du Spieler wie in den letzten zwei Jahren fast nur per Video sehen kannst, dann konzentrierst du dich schon mehr auf die, die du schon besser kennst.“ Dabei hofft der Ex-Profi des SV Werder Bremen, dass bald wieder mehr gereist werden kann. Die Planung für die nächste Transferperiode läuft bereits auf Hochtouren – mit einer bekannten Schwierigkeit. „Wir wissen nicht, in welcher Liga wir in der nächsten Saison spielen“, so Clemens Fritz. Also wird zweigleisig gedacht. Eines kann der 41-Jährige aber schon versprechen: „Im Sommer ist das schon anders als im Winter, es wird wieder Transfers geben.“ (kni)

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