Ex-Werder-Profi Sebastian Prödl spricht im Interview über den Bundesliga-Restart, seinen neuen Club Udinese Calcio und die Folgen des Coronavirus für den Fußball.

Ex-Werder-Spieler im Interview

Sebastian Prödl: „Ich bin bei Werder im Abstiegskampf auch fürs Verlieren gut bezahlt worden – das wird sich nach Corona ändern“

Italien-Legionär und Ex-Werder-Profi Sebastian Prödl (32) spricht im Interview über den Bundesliga-Restart, seinen neuen Club Udinese Calcio, Gehaltsverzicht und die Folgen des Coronavirus für den Fußball.

Sebastian Prödl, Sie sind vor wenigen Tagen von ihrem Verein Udinese Calcio von Österreich nach Italien zurückbeordert worden. Wie hat es sich angefühlt, wieder in ein Land einzureisen, das wie kein anderes durch das Coronavirus gelitten hat und noch immer leidet?

Die Gefühle waren und sind noch immer sehr gemischt. Auf der einen Seite ist die Freude und Aufregung da, endlich wieder den Beruf ausüben zu können, den ich so liebe. Auf der anderen Seite ist mir schon beim ersten Tunnel auf der Autobahn von Graz nach Udine ein bedrückender Vergleich durch den Kopf gegangen: Ich kann zwar schon Licht am Ende des Tunnels sehen, aber es wird noch ewig dauern, bis ich durch bin. Und ich kann nur mit 10 km/h fahren, es kommen mir einige Geisterfahrer entgegen und es gibt Baustellen, an denen man zwei Stunden warten muss. Es lauern tausende Gefahren, bis wir wieder so Fußball spielen können, wie wir es bis vor zehn Wochen gewohnt waren.

Im Gegensatz zu Italien, wo das Coronavirus extrem viele Opfer gefordert hat, scheint sich die Lage in Deutschland und Österreich zu entspannen, das Leben biegt wieder auf normale Bahnen ein.

In diesen Ländern wurde vieles richtig gemacht. Ich habe mich in den letzten Wochen in Österreich gut aufgehoben gefühlt, die Heimat war wie ein sicherer Hafen. Die einschneidenden Maßnahmen sind rechtzeitig getroffen worden, es wurde klar kommuniziert, und das Gesundheitssystem hat sich im Coronasturm bewährt. Die Politik hat nachvollziehbar und intelligent agiert. Nachdem die Gesundheitskrise anfangs im Vordergrund stand, ist aber jetzt die wirtschaftliche Situation präsenter.

Ex-Werder-Profi Sebastian Prödl verdient sein Geld jetzt bei Udinese Calcio

Sie propagieren nicht nur als Spitzensportler einen ganzheitlich gesunden Lebensstil. Gibt es zu denken, dass vor allem Menschen mit Vorerkrankungen am Virus gestorben sind?

Wir leben in einer Gesellschaft, die ihre Entscheidungen frei und bewusst treffen kann. Fettleibigkeit, übermäßiger Alkoholgenuß und Rauchen sind Zeichen eines Suchtverhaltens, das unser Leben verkürzt. Ich bedaure es sehr, dass gewisse Lebensumstände bei vielen Menschen dazu geführt haben, dass sie an Vorerkrankungen leiden. Aber wer sich mutwillig in diese Lage gebracht hat, sollte schleunigst seinen Lebensstil ändern. Was würde passieren, wenn die Politik in zwei Wochen ein Alkohol- und Rauchverbot verhängt? Wenn die Regierung beschließen würde, dass Schnitzel, Schweinsbraten und Fastfood nicht mehr verkauft werden dürfen? Wäre da die Akzeptanz in der Bevölkerung genauso so hoch wie bei der Maskenpflicht und dem Halten von Abstand? Oder wäre die Reaktion nicht so: Alles, was wir uns selbst zufügen, geht okay. Nur dieses fremde Virus – das schadet uns? Ich glaube zwar, dass sich jetzt einige gesünder ernähren, aber wie lange wird das anhalten? Der Mensch sucht immer Schuldige. In Österreich ist es Ischgl, in Europa Italien.

Zurück zum Fußball. Was erwartet Sie in Italien?

Zunächst einmal gab es eine strikte Quarantäne bis zum 18. Mai. Wie es tatsächlich weitergeht, da bekommen wir Profis die wenigsten Informationen. Es ist für mich jedenfalls schwer vorstellbar, in absehbarer Zeit wieder Fußballevents zu veranstalten, die Spaß machen. Mit allem, was wir am Fußball lieben, mit Leidenschaft und vor allem mit Fans. Was jetzt hinter den Kulissen passiert, sind Notmaßnahmen, um die Saison noch zu retten. Dabei bleiben viele Fragen offen. Reicht die Zeit aus, lassen die Regierungen das überhaupt zu, was geschieht bei Infektionen von Spielern? Ich bin noch nie in den „Genuss“ eines Geisterspiels gekommen, aber das widerspricht allem, was die Popularität des Fußballs ausmacht. Wie eine Unterhaltung mit Maske – da werden alle Emotionen minimiert.

Ist ein baldiger Re-Start nicht ein absolutes Muss, um den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Systems zu verhindern?

Natürlich verstehe ich, dass die Fortsetzung der Ligen für viele Clubs ein Rettungsanker ist. Es fehlen Einnahmen, die budgetiert worden sind und dadurch ist eine wirtschaftliche Schieflage entstanden. Die Lufthansa bekommt offenbar von Deutschland und Österreich Subventionen in Milliardenhöhe – beim Fußball hört man sehr wenig von staatlicher Hilfe. Dabei ist der Profifußball genauso ein Wirtschaftsfaktor wie ein Unternehmen. Die englische Premier League zahlt pro Jahr 5 Milliarden Pfund an Steuern, sichert hunderttausende Arbeitsplätze in den Stadien, bei den Medien, in der Gastronomie und im Tourismus. Und Steuern aus dem Fußball stärken auch wiederum das Gesundheitssystem. Ich weiß schon, dass es derzeit angesichts der Katastrophe nicht opportun ist, das zu fordern. Fußball sollte nur fair behandelt werden.

Die Vereine stöhnen wegen der Flaute, schicken Profis und Angestellte in die Kurzarbeit - auch Champions-League-Sieger Liverpool wollte das beantragen, ehe ein öffentlicher Shitstorm losbrach.

Ich bin schwer irritiert, dass so viele Clubs keine Rücklagen und Substanz aufgebaut haben. Wie kann das sein, warum haben sich die Vereine nicht abgesichert und weshalb sind die Planungen nicht längerfristig ausgerichtet? Während kleinere Firmen oft wie die Löwen um ihr Überleben kämpfen, sind börsennotierte Unternehmen mit Milliardenumsätzen nach drei Wochen Stopp plötzlich in ihrer Existenz bedroht oder geben es zumindest vor? Warum investieren nicht Wirtschaftsbosse, die Boni in Millionenhöhe kassieren, in der Krise in ihre Unternehmen? Corona macht es leicht, alles kann auf das Virus geschoben werden.

Werder Bremen-Gehaltsverzicht: Ex-Spieler Sebastian Prödl sieht kein Ende der Neid-Debatte

Wie sehen Sie die Diskussion um den Gehaltsverzicht von Fußballprofis?

Fußballer sind halt ein dankbares Opfer, weil es in Zeiten wie diesen sehr einfach ist, dafür Zustimmung einfangen zu können. In der österreichischen Liga mit ihrer starken Abhängigkeit von Ticketeinnahmen mag ein Gehaltsverzicht für die Vereine vielleicht hilfreich sein, aber international ist das doch nur ein Etikettenschwindel. FC Bayern München hat ein Gehaltsbudget von rund 280 Millionen Euro pro Jahr. Wenn die Profis für drei Monate auf 20 Prozent verzichten, reden wir da von 14 Millionen Einsparung. Damit können die Bayern nicht einmal Robert Lewandowski bezahlen. Und stärkt es die Liquidität von Vereinen in der Premier League wirklich, wenn durch Gehaltsverzicht der Kronprinz von Abu Dhabi als Besitzer von Manchester City oder ein amerikanischer Immobilien-Gigant wie Arsenals Stan Kroenke profitieren? Die Neiddebatte hat es vor Corona gegeben und sie wird auch nachher nicht aufhören.

Wird sich durch Corona der Profifußball verändern, werden die Einnahmen aus TV-Rechten bzw. die Transfersummen und Spielergehälter dramatisch sinken?

Im internationalen Fußball ist es wie in der Wirtschaft auch schon vor Corona nur um eines gegangen: Ständiges Wachstum. Der Kuchen wird nicht kleiner werden, aber vielleicht anders verteilt. Es wird mehr Leistungsprinzip geben, die Spieler werden geringere Fixbeträge bekommen, die Gehälter werden erfolgsabhängiger. Im Laufe meiner Karriere war ich in Bremen mehrmals im Abstiegskampf und bin auch fürs Verlieren gut bezahlt worden. Das wird sich in Zukunft ändern.

Derzeit wird auch oft philosophiert, dass Corona der unmittelbare Anstoß dazu sein sollte, den Fußball wieder zu erden und zurück zur Basis zu führen.

Es wird nicht so weitergehen, wie es war. Um den Fußball nachhaltig zu retten, müssen die Gelder fairer verteilt werden. In Spanien und Italien sahnen Barcelona, Real oder Juventus den Großteil ab. In England ist man schon weiter, da bekommt auch der Tabellenletzte nicht wesentlich weniger TV-Gelder als der Champion – abgesehen von einem Erfolgsbestandteil. Wir müssen die nationalen Ligen stärken, indem wir durch gerechtere Aufteilung der Einnahmen mehr Konkurrenz schaffen. Der Marketing-Kuchen darf in Deutschland nicht nur unter den Branchenleadern Bayern und Dortmund verteilt werden, sondern auch finanzschwächere Clubs wie Paderborn oder Werder Bremen sollten mitprofitieren. Corona hat meiner Meinung nach eines beschleunigt: In wenigen Jahren wird es statt der Champions League eine weltweite Superliga mit 25 Topvereinen in einem geschlossenen System ohne Auf- und Abstieg geben, darunter die nationalen Ligen. Ähnlich wie in den USA mit der NFL oder NBA. Das wird nicht aufzuhalten sein.

Seit dem 18. Mai wird in der Serie A wieder unter Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen trainiert, um den Rest der Saison durchzupeitschen. Macht das für Sie Sinn?

Man spürt bei den Menschen die sehnsüchtige Hoffnung auf positive Emotionen und gemeinsame Verbundenheit durch den Sport – nach Wochenenden, die für viele Fans ohne Fußball traurig und leer waren. Ich habe trotzdem große Bedenken. Viele Spieler, die diese Woche aus der ganzen Welt wieder nach Italien gereist sind, haben Angst vor Ansteckung, fürchten um ihre Liebsten. Die Stimmung ist gespalten: In Deutschland geht es los, Spanien wird nachziehen. In England und Italien gibt es unter vielen Spielern großen Widerstand gegen die Fortsetzung der Saison. Wenn der Plan für den Restart beibehalten wird, befürchte ich zwei Szenarien: Der Fußball wird auf einem anderen physischen und mentalen Niveau stattfinden und das Verletzungsrisiko ist extrem hoch. In Eigenregie konnten fußballspezifische Übungen nicht wettkampfmäßig durchgezogen werden. Fußball ist ein Reaktions- und Improvisationssport – in jeder Sekunde des Spiels. Jeden Sommer werden im TV Testspiele übertragen, das Level ist meistens sehr gering. Wie es ist, wenn man ohne ausreichende Vorbereitung und Aufbau Hochleistungssport betreibt, weiß ich selbst aus eigener Erfahrung genau: Verletzungen sind vorprogrammiert. Die deutsche Bundesliga wird das Role Model sein – alle werden genau hinsehen, was da passiert.

Haben sie konkrete Vorschläge für eine Lösung im Sinne aller Stakeholder?

Mein Ansatz wäre, den Rest der Saison und die europäischen Club-Wettbewerbe bis Ende 2020 fertig zu spielen, damit jedes Land gleiche Bedingungen hat. Wenn alles gut geht, könnte man im Herbst auch wieder Spiele mit Fans andenken. Die Champions League könnte aktuell nicht mehr fair veranstaltet werden. Wenn die Bayern in der Champions League angenommen auf Paris St. Germain treffen würden, wäre das wettbewerbsverzerrend. Die eine Mannschaft hat zehn Ligaspiele in den Beinen, die andere seit März Home Office. Im Frühjahr sollten wir mit einer Ganzjahresmeisterschaft starten. Die Europameisterschaft könnte im Winter 2021 ausgetragen werden, ein Jahr vor der WM, die ja auch im Winter stattfindet. Die Problematik der Spielerverträge kann man so lösen: Die Verträge verlängern sich automatisch bis Jahresende. Die Clubs bezahlen den Spielern das gleiche Gehalt, dass sie bis zum Sommer erhalten hätten. Ich bin überzeugt, dem würden die Profis zustimmen. Und die Vereine hätten ein langes Zeitfenster, um sich zu konsolidieren – eine Win-Win-Situation für alle. Die UEFA spielt in dieser Situation leider keine rühmliche Rolle: Sie ist total passiv und agiert wie ein Trittbrettfahrer, der abwartet, was die Ligen auf die Beine stellen. Dabei sollte sie eigentlich vorgeben und gestalten.

Ex-Werder-Verteidiger Sebastian Prödl über den Transfermarkt: Schere zwischen arm und reich wird noch größer

Welche Entwicklung prognostizieren Sie für den Transfermarkt?

Der Terminplan wird in den nächsten beiden Jahren extrem dicht sein, die Ligen müssen die Saison im Sprint durchziehen. Alle drei Tage ein Spiel, die nächste Saison muss umgehend starten und die EM steht vor der Tür. Pause wird es keine mehr geben. Daher werden Top-Clubs wie Man City, Juve oder Liverpool ihre Kader noch breiter aufstellen. Und es spielt ihnen dabei in die Karten, dass die Transfersummen deutlich nach unten gehen werden. Die kleinen Clubs wollen überleben und können nicht pokern, weil sie auf das Geld angewiesen sind. Sie werden für ihre Stars nur noch wesentlich geringere Summen bekommen. Die Schere zwischen Reich und Arm geht also noch weiter auseinander. Und das Financial Fairplay ist aktuell sowieso kein Thema mehr.

Sie haben die EM 2020 als eines ihrer letzten Karriereziele formuliert. Die Euro, an der Sie verletzungsbedingt nicht hätten teilnehmen können, wurde verschoben.

Glauben Sie mir: Ich hätte die Corona-Krise gerne gegen eine planmäßig stattfindende Europameisterschaft eingetauscht.

Das Interview führte Michael Lorber

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der Transfer-Preis des Werder-Stars Milot Rashica befindet sich im Sinkflug. Unterdessen hat eine Vereinslegende einen Trainerwechsel von Florian Kohfeldt bei Werder Bremen gefordert. Jürgen Klopp oder Thomas Schaaf? In Wolfgang Rolff wünscht sich ein ehemaliger Co-Trainer von Werder Bremen einen namhaften Berater für Trainer Florian Kohfeldt.

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