Die DeichBlick-Kolumnisten von links nach rechts: Rolf Fuhrmann, Sebastian Prödl, Thomas Schaaf, Nils Petersen und Andreas Herzog.

Kolumne: Sebastian Prödl schreibt für die DeichStube

„Ich habe heute noch Gänsehaut!“

Von Sebastian Prödl. Meine Bilanz in den Nordderbys gegen den HSV ist ganz okay – acht Siege, ein Remis und vier Niederlagen. Ein Derby dauert eigentlich nicht 90 Minuten, sondern zwei Wochen.

Eine Woche bereitest du dich intensiv auf dieses große Spiel vor, bist angespannt und nachher dauert es noch Tage, bis sich die Emotionen halbwegs gelegt haben.

Hier in England ist das ein wenig anders: Die Derbys in London kann man emotional nicht mit dem Nordderby gleichsetzen. Am größten ist noch die Rivalität mit Arsenal, weil das Trainingsgelände von Watford unmittelbar neben dem der Gunners liegt. Aber der Unterschied zwischen den Clubs ist noch immer groß, auch wenn wir gegen Arsenal eine gute Bilanz haben.

Unvergessen: Die Derby-Serie 2009

Zurück zu Werder: Nie vergessen werde ich die Derbys im April und Mai 2009, als wir innerhalb von 19 Tagen viermal gegen die Hamburger gespielt haben. Ich habe heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie wir den HSV damals aus dem DFB-Pokal und dem Uefa-Cup geworfen haben. Im Pokal hat Tim Wiese drei Elfmeter gehalten – und wir waren in Berlin. Nachdem wir das Hinspiel im Uefa-Cup 0:1 verloren hatten, konnten wir in Hamburg den Spieß noch umdrehen und ins Finale in Istanbul einziehen. Mit der legendären Szene, als eine auf dem Rasen liegende Papierkugel den Eckball verursachte, den Frank Baumann zum entscheidenden 3:1 verwandelte.

Heute ist diese Papierkugel eines der Prunkstücke im Werder-Museum. Ich kann mich noch erinnern, dass der Hamburger Trainer Martin Jol damals in einem Interview meinte: „Ich kann Werder nicht mehr sehen!“ Der HSV war nach diesen vier Matches gebrochen und demoralisiert. Aber auch für uns war es irgendwie der Abschied von einer großen Mannschaft, denn Spieler wie Mesut Özil oder Diego blieben nicht mehr lange.

Viele sehen den HSV schon am Boden – das ist gefährlich!

Ganz besonders war für mich zudem das 100. Nordderby 2014, als wir enorm unter Druck standen und mit dem 1:0 im Weserstadion einen Befreiungsschlag landeten. Das muss aber nicht immer so gut laufen: Viele sehen den HSV aktuell schon am Boden – das ist gefährlich, und Werder sollte primär auf sich selbst und nicht auf den Gegner schauen. 

Angeschlagene Boxer sollte man nie unterschätzen, und im Fußball ist es nicht viel anders. Alle Werder-Spieler werden natürlich bis in die Haarspitzen motiviert sein und versuchen, den Ärger von der Niederlage in Freiburg in positive Energie umzumünzen. Die Chance, einen unmittelbaren Gegner im Kampf um den Klassenerhalt deutlich zu distanzieren, muss unbedingt genutzt werden.

Aber ich warne: Der HSV wird alles tun, um Werder im wahrsten Sinn des Wortes weh zu tun. Werder muss elf Kapitäne auf dem Platz haben, die dem HSV auf dem gleichen Level körperlich und kämpferisch begegnen. Hamburg hat mit Bernd Hollerbach nicht umsonst einen Trainer auf der Bank, der als Spieler für diese Tugenden bekannt war.

Letzter Nordderby-Torschütze Kainz ist bei Werder angekommen

Und bei Werder? Sehr positiv ist mir die Entwicklung des letzten Nordderby-Torschützen und meines steirischen Landsmanns Florian Kainz aufgefallen, der in Bremen endgültig angekommen ist. Er wirkt jetzt körperlich viel stärker und abgehärteter. Mit seinem Stil sorgt Flo immer für Gefahr. Die Umstellung von der österreichischen auf die deutsche Liga hat ein bisschen gebraucht, ist mittlerweile aber wohl abgeschlossen.

Ich wünsche Werder wirklich von ganzem Herzen einen Derby-Sieg – dann könnte das Team den Rest der Saison etwas sorgenfreier angehen.

Sebastian Prödl

Zur Person: Der 30-Jährige hat von 2008 bis 2015 149 Bundesligaspiele für Werder bestritten und dabei zehn Tore erzielt. 2009 gewann der Abwehrspieler mit Werder den DFB-Pokal. Seit 2015 verteidigt der Österreicher für den FC Watford in der englischen Premier League - und wurde von den Fans seines Clubs zum besten Spieler der Saison 2016/17 gewählt. Prödl ist natürlich Nationalspieler (63 Einsätze) - und immer mal wieder zu Besuch in Bremen.

- Dieser Artikel wird unterstützt von Josef Prödl Tischlerei GmbH

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