Die Wunde von der Weser: Die Autoren Dirk Gieselmann (l.) und Paul Linke tauschen sich in einem Selbsthilfe-Chat über Werder Bremen aus.
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Die Wunde von der Weser: Die Autoren Dirk Gieselmann (l.) und Paul Linke tauschen sich in einem Selbsthilfe-Chat über Werder Bremen aus.

Dirk Gieselmann und Paul Linke im Gespräch

Die Wunde von der Weser: Ein Werder-Selbsthilfe-Chat - Wie lernt man eigentlich, zweitklassig zu denken?

Werder ist abgestiegen – wir wissen es alle. Aber wie um alles in der Welt gehen wir jetzt damit um? Die Autoren Paul Linke und Dirk Gieselmann, Freunde und Werder-Fans seit vielen Jahren, suchen nach einem Weg, ihre Liebe zum Verein zu bewahren, ihre Hoffnung nicht zu verlieren – und nach Heidenheim auf der Landkarte. Lest hier ab sofort den großen, fortlaufenden Werder-Selbsthilfe-Chat! Kleiner grün-weißer Tipp: Der aktuellste Chat-Eintrag steht immer oben, es lohnt sich also, zuerst etwas runter zu scrollen.

Dienstag, 27. Juli

Lieber Paul. Natürlich erinnere ich mich an jenen Tag im Sommer 1993. Ich trug wie immer mein dbv-Trikot, in dem Werder gerade Meister geworden war. Weißt Du noch, wie Torsten Legat halbnackt mit der Schale posierte? Ich stellte mir vor, mein Trikot wäre das, das er sich vom Leib gerissen hatte. Meine Mutter wusch es über Nacht, damit ich es tags darauf wieder anziehen konnte. Ich war so eins mit Werder, dem Sommer, mir selbst und dem Leben wie danach nie wieder.

Wie gelangten eigentlich Nachrichten von außen in diesen geschlossenen Kosmos? Ich muss es im „Kicker“ gelesen haben, den mein Vater, wenn alle Kollegen ihn durchgeackert hatten, am Dienstag oder Mittwoch von der Arbeit mitbrachte: Mario Basler wechselt zu uns! Ich weiß nicht mehr, was ich über ihn wusste, den jungen, irgendwie halunkenhaft wirkenden Mittelfeldtypen von Hertha BSC. Vielleicht ahnte ich, welche Freude er uns noch bereiten würde, vielleicht sah ich aus dem datumslosen Sommer heraus plötzlich die Zukunft aufscheinen.

Anders ist es ja kaum zu erklären, dass ich vor Euphorie aufsprang, losrannte und mit den Knien über den Teppich meines Zimmers rutschte, als hätte ich soeben das alles für immer entscheidende Tor geschossen. Allein: Der Teppich war so stumpf, dass ich mir die Knie aufschürfte, zwei riesige Wunden klafften dort für den Rest des Sommers. Jetzt klafft hier eine ganz andere Wunde, die Wunde des Abstiegs, und Du fragst mich zu allem Überfluss, wie man zweitklassig denkt.

Paul, ganz ehrlich: Damit fange ich lieber gar nicht erst an. Denn sonst werde ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachen und mich in meinem Bett zu einem ungeheuren Willi Landgraf verwandelt finden. Nein, ich will mich nicht daran gewöhnen, dass wir vorübergehend im Unterhaus wohnen, weil wir einen Wasserschaden im Penthouse haben, und halte es mit dem Boxer René Weller, der einst sagte: „Ich bin immer oben, und wenn ich unten bin, ist unten oben.“

So gesehen, war das Spiel gegen 96 ein echter Höhenflug. Aber ich möchte jetzt nicht ins Schwärmen geraten, nicht dass Du noch bereust, das Spiel verpasst zu haben. Ich nehme an, Du scoutest in den USA und bringst uns einen Top-Stürmer mit, für den es sich lohnt, sich die Knie aufzureißen. Vergiss bitte nicht, ihm das Video vom 3:1 in München vorzuspielen, aber sag ihm, das sei neulich gewesen. Erstklassig denken, lieber Paul, bedeutet auch, dass man die zermürbende Aktualität einfach mal außen vor lässt und sich auf Sternstunden konzentriert. Dein Dirk

Montag, 26. Juli

Lieber Dirk, ich habe das erste Zweitligaspiel meiner Fangeschichte, so erstmals als Betroffener, nicht gesehen. Keinen Querpass, keine Ecke, keine Eigentorerpressung von Toprak, keinen Lupfer von Ducksch. Laut meiner Autokorrektur heißt der Mann übrigens: „Dickschädel“.

Du erinnerst Dich vielleicht, dass wir neulich über Typen bei Werder sprachen. Die alten, die es gab. Und ob es nicht wieder neue geben könnte. Du sehntest Dich nach einem Werder-Spieler, für den du auf Knien rutschen würdest, wie früher über den Teppichboden in deinem Kinderzimmer, als Basler von Hertha kam, von einem Zweitligisten, weißt Du noch? Und ich erzählte Dir von diesem Ducksch.

Wie gesagt, ich habe das Spiel gegen Hannover, diesen ersten Zweitligaspieltag, nicht gesehen, keine Sekunde live. Aber aus 9.000 Kilometern Entfernung, Anpfiff 11.30 Uhr Ortszeit, begriff ich trotzdem, dass wir unwiderlegbar zweitklassig sind. Wie eine Dose Champignons, aber nur noch zweite Wahl. Und als Du neulich also fragtest, ob Werder bald einen Typen verpflichtet, der uns da wieder rausholt, raushaut, rausballert, sagte ich: Ducksch.

Das klang vor ein paar Wochen nach Auffahrunfall und Nasenbeinbruch und nach einem Stürmer, der nicht mehr Gefühl hat im Fuß als ein Stück Holz. Ein „Dickschädel“ eben, der immer nur Kopfballduelle gewinnen will. Jedenfalls keiner, der lupfen kann. Was für ein unfassbar arroganter Irrtum!

Ducksch, Marvin, war aber nun mal vor ein paar Wochen, als meine innere Saisonvorbereitung begann, der erste Name, der mir aus der Gerüchteküche entgegenschwappte. Die Aufstiegswunde klaffte noch. Gefühlt war ich ein Erstligafan mit verdeckten Ambitionen auf Europa. Und von Stürmersuche habe ich ohnehin weniger Ahnung als Baumann. Da konnte ich doch nicht wissen, dass dieser Ducksch ein Typ ist, über den sich die Kinderzimmerteppichindustrie freuen müsste!

Daher frage ich Dich, lieber weit entfernter Dirk, um nicht wieder so daneben zu liegen, in der Bewertung eines Transfergerüchts: Wie lernt man eigentlich, richtig zweitklassig zu denken? Liebe Grüße aus Venice Beach, Dein Paul

Mittwoch, 22. Juli:

Dirk:

Lieber Paul, in einem Interview sagte neulich Hermann Gerland, der nunmehr pensionierte Co-Trainer des FC Bayern, er habe damals verzweifelt versucht, Pep Guardiola zum Bleiben zu überreden – aber der habe schlichtweg keine Lust gehabt, sich noch mal auf ein Spiel gegen Werder vorzubereiten. Das war die schlimmste Beleidigung, die ich hinnehmen musste, seit meine Frau nach einem Friseurbesuch zu mir sagte, ich sähe aus wie Oliver Welke. Auch wenn es mir für den armen 96-Jungen, von dem Du erzählst, sehr leid tut:

Es ist doch tröstlich, dass es offenbar noch Menschen gibt, die voller Ehrfurcht zu uns aufblicken. Werder, die Weltmacht! Ich fühle mich jetzt so stark wie seit langem nicht mehr. Danke dafür. Mein Tipp gegen 96: 4:1 für uns. Dein Dirk

Montag, 19. Juli:

Paul:

Lieber Dirk, ich habe am Wochenende mein erstes Zweitligagespräch geführt, so von Zweiligaklubfan zu Zweitligaklubfan, es war auf einer Geburtstagsgartenfeier. Die Erwachsenen tranken Weißwein und unterhielten sich über die Verheißungen des Sommers, die Kinder spritzen mit Wasser und stolperten über aufgespannte Zeltschnüre. Kurzum: Es war ein schöner Tag.

Nur dieser eine Junge, acht oder neun Jahre alt, machte so ein Gesicht, als würde er es hassen, in diese gemeine Geburtstagsgartenfeierwelt geworfen worden zu sein. Vielleicht war er auch beleidigt, weil keiner mit ihm Fußball spielen wollte. An ihm lag es nicht, er war bereit. Er trug Schraubstolllen und Stutzen, ein gepolsterte Torwarthose und Handschuhe, auf seinem Trikot prangte das Logo von Hannover 96.

Mein erstes Zweitligagespräch begann ich rhetorisch plump: „Bist du Hannover-Fan?“ Und bekam zu Recht keine Antwort. „Ich bin Werder-Fan“, legte ich also nach, „wir spielen gegeneinander am ersten Spieltag.“ Er dann: „Ich mag Werder nicht.“ Und ich: „Warum das denn?“ Er: „Weil Werder scheiße ist.“ Aha. Ob es einen anderen Grund gäbe, wollte ich wissen, und dann schaute mir der Junge zum ersten Mal in die Augen und sagte: „Weil ihr immer gegen uns gewinnt!“ Danach war das Gespräch zu Ende.

Ich hätte den Jungen in den Arm nehmen können, ich hätte mit ihm Fußball spielen sollen. Aber nein, ich holte mir lieber einen Weißwein, stolperte über eine Zeltschnur, verhinderte gerade noch so einen Sturz, das Glas blieb halb voll. Mehr Optimismus geht nicht. Dein Paul

Dirk:

Lieber Paul. Ich habe am Wochenende Tabellen studiert - die ewigen, das erschien mir erbaulicher als die gerade zurückliegende. Werder ist in der ewigen Tabelle der 1. Liga Dritter, das wusstest Du bestimmt. Wusstest Du auch, dass Werder in der ewigen Tabelle der 2. Liga nur 97. ist? Das heißt aber auch: Wenn wir 60 Punkte holen, dann katapultieren wir uns an Lüttringhausen, Baunatal, Schweinfurt und anderen Giganten der Bedeutungslosigkeit vorbei in die 80er-Ränge. Falls Du nicht auf Anhieb verstehst, was ich Dir damit sagen will: Ich will Optimismus ausstrahlen! Und? Klappt’s? Dein Dirk

16. Juli:

Dirk:

Lieber Paul. Ich erinnere mich an Björn, einen Klassenkameraden in der 5. und 6. Klasse. Wir hatten nicht viel miteinander gemeinsam, im Gegenteil: Er war Bayern-Fan. Kann einem ein Mensch fremder sein? Trotzdem oder deswegen (wie kommt es eigentlich, dass die beiden widersprüchlichen Konjunktionen so oft Hand in Hand gehen?), verbrachten wir im Sommer 1990 eine ganze Ferienwoche miteinander: Wir zelteten im Garten meiner Eltern und spielten den lieben, langen Tag »Bayern gegen Werder«. Er war Brian Laudrup, den sein Verein gerade aus Uerdingen geholt hatte, ich war Klaus Allofs, unser Neuzugang von Girondins Bordeaux.

Ich weiß noch, dass dem Duell ein heiliger Ernst innewohnte, der für mich ganz neu war: Unter der sengenden Sonne jenes Julis kämpften er und ich für das, was wir jeweils für das Gute hielten. Für etwas, das größer war als wir selbst. Die Gesamtwertung gewann schließlich er. Ich sehe ihn nach dem entscheidenden Treffer noch immer jubelnd um den Rhododendron tanzen. Björn wollte gern noch bleiben und weiterzelten, ich wollte ihn loswerden, lieber jetzt als gleich, und allein sein mit meinem Schmerz und meiner Wut.

Als ich ein paar Wochen später Geburtstag hatte, lud ich ihn nicht ein. Er hatte aber Wind davon bekommen und rief mich an, um zu fragen, ob er nicht doch dabei sein könne. »Du bist nicht vorgesehen«, sagte ich im Tonfall eines Bundesligatrainers, der jemanden auf die Tribünen setzt, und legte auf. Meine Eltern hörten mit. »Du bist nicht vorgesehen« wurde für eine ganze Weile zum geflügelten Wort in unserer Familie. So tat mein Vater allen Nachtisch auf, nur mir nicht. »Du bist nicht vorgesehen, hahaha.«

Oder er teilte uns Kindern das Taschengeld aus, nur mir nicht. »Du bist nicht vorgesehen, hahaha.« Ich konnte nicht mitlachen, denn ich bereute meine Härte längst. Was konnte Björn dafür, dass das Schicksal ihn zum Bayern-Fan verformt hatte? Durfte ich ihm wirklich übelnehmen, dass er seinen Verein genauso liebte wie ich meinen? Wir saßen danach noch ein Jahr jeden Tag zusammen in einem Klassenraum, aber haben nie wieder miteinander gesprochen. Er hat mich geghostet und ich ihn, und zugleich war etwas zwischen uns, ein großer Hass oder noch schlimmer: eine große enttäuschte Liebe.

Ich denke oft an Björn, gerade jetzt, im Sommer des Abstiegs. Ich würde gern noch mal gegen ihn spielen, unter der sengenden Sonne des Julis, Laudrup gegen Allofs, Bayern gegen Werder. Aber wie weit ist das weg, Paul? 31 Jahre ist es her – und vielleicht 31 Jahre hin. Um Deine Frage zu beantworten: Ich würde sofort rangehen, wenn Werder mich anriefe. Und wenn Björn anriefe, erst recht. Dein Dirk
 

Paul:

Lieber Dirk,
korrigiere mich notfalls nach unten, wenn ich falsch liegen sollte, aber ich glaube, du hast mehr Philosophen im Kopf als Niclas Füllkrug Knorpel im Knie. Die Sache mit dem Freundschaftsanker, die fand ich gut. Und dann fiel mir etwas ein. Neulich rief mich ein Freund an, vor vielen Jahren war er mein bester, gesehen haben wir uns zuletzt im vergangenen August. Lebensläufe seitdem: aneinander vorbei. Nach zwei Pandemiewellen, einer fast havarierten Saison und in der Hoffnung, da schon das jeweils Schlimmste überstanden zu haben, saß ich ihm mit Bier und einem vorsichtig in der Abendsonne schmelzenden Abstand gegenüber, als er mich beiläufig fragte: „Bist du eigentlich noch Werder-Fan?“

Ich suchte den Flaschenboden der Tatsachen ab, hatte das Gefühl, das dort irgendetwas verrutschte. War das dieser Anker, von dem dir die Philosophenstimme im Kopf erzählt? Dann riss etwas, das Kreuzband der Freundschaft womöglich. Und am liebsten hätte ich zurückgefragt: „Sind wir eigentlich noch befreundet?“ Als er also neulich anrief, ging ich nicht ran. Sag mal, Dirk, ghostest du auch manchmal Leute? Tust so, als gäbe es sie nicht mehr? Nicht mit Absicht, nicht aus Bosheit, eher, weil es gerade so viel Anstrengung kostet, ein lähmendes Gewicht hat, einen Knopf zu drücken, überhaupt ein Wort zu sprechen. Geisterspiele kann ich ertragen, Geisterfreundschaften nicht.

Trotzdem ghoste ich einen Freund, der mich mal besser kannte als ich mich selbst. Was sind Freundschaftsschwüre überhaupt noch wert? Manchmal denke ich, ob ich rangehen würde, wenn Werder anruft. Findest du nicht auch, dass wir Fans das verdient hätten nach all den Hundejahren der treudoofen Hingabe: einen persönlichen Anruf? „Hallo, wie geht es dir? Wie läuft deine Vorbereitung auf die neue Saison? Und sorry noch mal, du weißt schon, warum.“ Muss ja nicht Baumann sein, aber vielleicht Füllkrug, der hat doch immer viel Zeit in der Reha. Oder wenigstens ein Bot mit Klubhintergrund. Hättest du, lieber Dirk, zurzeit die Kraft, mit Werder zu sprechen? Was würdest du sagen? Lass uns zusammenhalten, so lange es hält. Dein Paul

Dirk:

 
Lieber Paul.
Ich beneide Dich darum, dass Du nicht mehr zitterst. Ich zittere den ganzen Tag. Denn ich habe Angst. Vor mir tut sich eine entsetzliche Leere auf im Angesicht von Zeit (Saison 2021/21) und Raum (2. Liga). Weißt Du, manchmal denke ich, die letzten 500 Jahre sind für den Menschen, trotz allen Fortschritts, in gewisser Hinsicht eine einzige Geschichte des Verlusts und der Kränkung: erst Kopernikus (wir sind nicht das Zentrum des Universums), dann Darwin (wir stammen nicht von Gott, sondern vom Affen ab), dann Freud (wir sind nicht mal Herr unserer selbst) – und jetzt ist auch noch Werder abgestiegen.

So eine Scheiße, Paul. Was soll der Sinn des Lebens sein, wenn wir mit 1670 Kilometern pro Stunde auf einem winzigen Planeten durchs All rasen, ein recht zufälliges Produkt der Evolution sind, Liebe auch nur ein Trieb ist und wir, mit diesem Wissen beladen, im Interregio nach Heidenheim sitzen? Der Philosoph Hans Blumenberg nannte all das zusammengefasst den »Absolutismus des Seins«. Er machte aber auch einen Vorschlag, wie wir uns davor schützen können, in ein existentielles Nichts davon gerissen zu werden: Wir sollten, sagte Blumenberg, uns in der Freundschaft verankern. Dazu fällt mir eine Geschichte ein.

Nach der Niederlage gegen Mainz letztes Jahr sah ich in einer Gasse einen Mann mit Werder-Hut. Er hatte Mühe, sein Fahrrad anzuschließen, vor Angetrunkenheit, aber auch vor Trauer. Ich konnte nicht anders, als zu ihm zu gehen, es zog mich gleichsam zu ihm wie an einem unsichtbaren elastischen Band. »Es tut weh, oder?«, sagte ich. Er blickte auf, mit feuchten Augen. »Ja«, sagte er und trat näher. »Aber wir... Wir müssen zusammenhalten.« Dann legte er seinen Kopf auf meine Schulter und ich meine Hand auf seinen Werder-Hut. Und wir, lieber Paul... wir halten auch zusammen, nicht wahr? Bitte erzähl mir alles über dunstete Neuzugänge, was Du weißt. Es könnte ein Junge darunter sein, der uns für die Kränkungen der letzten 500 Jahre rächt, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Dein Dirk

15. Juli:

Paul:

Lieber Dirk, dein Onkel scheint ein Mann zu sein, der nicht dazu neigt, die Dinge schönzureden, nicht einmal die hässlichste Fratze des Fußballs, einen Abstieg. (Gibt es eigentlich Schönheitschirurgen, die Abstiegsfrust absaugen können?) Und in Kombination mit seiner Fähigkeit, die Dinge präzise benennen zu können, ist er wohl der Richtige für mich, denn ich habe ein Problem, mir fehlt etwas, es ist weg: mein Werder-Zittern. Vielleicht kannst du ja deinen Onkel bitten, eine Ferndiagnose zu stellen.

Ich weiß gar nicht, wann ich es bemerkt habe. Es muss irgendwann in dieser Geisterspielsaison gewesen sein, als der Fußball sich noch wichtiger nahm als sonst, Bundesliga wie Bezirksklasse klang und das emotionale Band zwischen Werder und mir sich zu einem seidenen Alpakawollfaden verdünnisierte. Nur aus Gewohnheit saß ich vor dem Bildschirm, Friedl köpfte zum Gegner, Bittencourt grätschte ins Nichts oder Selke... ach, Selke, das Synonym für Missverständnis zwischen Fuß und Ball.

Jedenfalls zitterte ich plötzlich nicht mehr, obwohl ich eigentlich immer gezittert habe, wenn Werder spielte. Erst schlackerten die Beine, dann begann mein Oberkörper nervös zu schunkeln, bis in die Nachspielzeit hinein, auch bei einem Zweitorerückstand. So lange ich zitterte, gab es Hoffnung. So lange ich das Werder-Zittern hatte, fühlte ich mich lebendig. Zuletzt fühlte ich immer weniger.

Lieber Dirk, was ist los mit mir? Wo ist mein Werder-Zittern geblieben? Und wie reißfest ist eigentlich Alpakawolle? Frag bitte deinen Onkel, ob er mir helfen kann. Dein Paul.

PS: Patient: „Sehen Sie Herr Doktor, wie meine Hände zittern.” Arzt: „Trinken Sie viel?“ Patient: „Nein, das meiste verschütte ich.”

14. Juli:

Dirk:

Lieber Paul. Ich mache mir Sorgen! Du meldest Dich gar nicht mehr bei mir. Bist Du etwa an einen mittelmäßigen englischen Klub verkauft worden? Gut für die Transferbilanz, traurig für mich. Dann erzähle ich mir den Arztwitz eben selbst. Der Arzt sagt zu seinem Patienten: „Es täte Ihnen gut, wenn Sie nach der Arbeit eine Stunde spazieren gehen würden. Was machen Sie denn beruflich?“ Darauf der Patient: „Ich bin Briefträger!“ Naja, vielleicht nicht der lustigste Witz aller Zeiten, aber die Moral ist doch: Ausruhen kommt nicht in Frage. Nicht für die Mannschaft, nicht für uns, auch wenn der Abstiegskampf so irre anstrengend war, dass mir immer noch nach 365 Tagen Schlaf zumute wäre.

Gut, dass Werder sich nicht schlafen legt: Gestern Testspiel in Oberneuland, zweimal 60 Minuten. Das Ergebnis von 12:0 stimmt mich schon optimistisch, doch mehr noch die Nachricht, dass Fabio Chiarodia sein Debut für die Erste Mannschaft gegeben hat. Paul, der Junge ist 16! Das heißt, er war noch nicht geboren, als Werder zuletzt Deutscher Meister wurde. Der rennt nicht mit diesem schweren Rucksack voller Erinnerungen herum wie wir. Der macht nach der Arbeit nicht nur einen Spaziergang, der absolviert wahrscheinlich einen Triathlon und ist dann immer noch nicht müde. Vielleicht motiviert Dich diese Nachricht, aus Derby, Wolverhampton oder Hull zurückzukehren, oder wo auch immer Dich das Transferkarussell ausgespuckt hat. Werder braucht Dich! Gib uns ein Zeichen. Dirk

12. Juli:

Dirk:

Lieber Paul, ich schrieb Dir unlängst, dass ich mich unbedingt auf die Zukunft freuen will. Tja. Was soll ich sagen? Es klappt nicht so gut. Am Wochenende habe ich meinen Onkel getroffen. Er ist seit sechzig Jahren Werder-Fan. Vor allem aber ist er Arzt und sehr erfahren im Stellen von Diagnosen. Er sagt, Werder steigt frühestens in sechs Jahren wieder auf. Diagnosen lauten ja oft so: „Sie haben noch x Jahre zu leben.“ Das ist zwar bitter, aber man kann sich darauf einstellen, Dinge regeln, letzte Pläne schmieden. Was nun, wenn die Diagnose lautet: „Sie werden erst in sechs Jahren wieder leben?“ Was ist denn das dann für ein Leben? Das Jenseits im Diesseits? Die einstweilige Hölle? Manche nennen es schlicht „zweite Liga“. Ob die Kasse uns die Auswärtsfahrt nach Sandhausen zahlt, Paul? Bitte erzähl mir schnell einen Arztwitz, ich hab das dringende Bedürfnis zu lachen. Dein Dirk

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