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Simon Rolfes, einst Spieler des SV Werder Bremen, steht seit knapp einem Jahr als Sportlicher Leiter bei Bayer Leverkusen in der Verantwortung.

Drei Ex-Bremer in Führungspositionen

Bayer-Sportdirektor Simon Rolfes im Interview: „Werder-Mentalität tut Bayer gut“

Von Hans-Günter Klemm. Leverkusen – Früher war er ein Talent des SV Werder Bremen, vielleicht sogar ein verkanntes. Denn die Karriere des Simon Rolfes kam erst so richtig in Gang, nachdem er Bremen im Alter von 21 Jahren verlassen hatte. Auf 26 Länderspiele für Deutschland brachte er es in der Folge.

Simon Rolfes, gebürtig aus Ibbenbüren stammend, war ein Muster-Profi und wird nun bei Bayer Leverkusen zum Muster-Manager aufgebaut. Seit rund einem Jahr ist der 37-Jährige der Sportdirektor der Werkself – und in dieser Funktion hat er auch schon im alten Revier gewildert, hat Kaderplaner Tim Steidten vom SV Werder Bremen nach Leverkusen geholt. Vor dem Duell beider Teams heute (18.30 Uhr, BayArena) sprach Rolfes mit der DeichStube über seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Wie lebt und arbeitet es sich in der Werder-Filiale am Rhein, Simon Rolfes?

Ganz gut, im Rheinland lässt es sich gut leben. Und worauf Sie abzielen: Dass mittlerweile drei ehemalige Bremer in Leverkusen am Werk sind, ist auch nicht von Nachteil. Die Werder-Mentalität, die wir alle ein wenig mitbekommen haben, tut auch Bayer ganz gut. Ich sehe viele Gemeinsamkeiten bei den beiden Clubs.

Rudi Völler hat Sie ins Management geholt. Waren Sie ausschlaggebend dafür, dass Tim Steidten von der Weser zu Bayer 04 gewechselt ist?

Ich habe mich für diese Personalie stark gemacht. Ich wollte hier einige Dinge bezüglich Scouting und Kaderplanung verändern. Das Anforderungsprofil passte genau auf Tim Steidten, so dass ich ihn für dieses Projekt gewinnen konnte. Ich kannte ihn gut von Werder, ich habe seinen Weg verfolgt, er hat sehr gute Arbeit geleistet. Ich bin froh, dass er nun in unserem Team ist.

Wie sind in dem Führungsgremium, zu dem auch noch der Ex-Nationalspieler Stefan Kießling zählt, die Aufgaben verteilt?

Stefan arbeitet Rudi und mir zu, in Dingen, die rund um die Mannschaft anfallen. Er hat zudem vielfältige Aufgaben, kümmert sich um die Schnittstellen zu Bereichen wie Marketing und Kommunikation. Tim steht in erster Linie für das Scouting und leistet für uns viel effektive Vorarbeit. Gemeinsam besprechen und beraten wir dann die Maßnahmen, wobei Rudi Völler und ich die finale Entscheidung zu verantworten haben – natürlich immer auch in enger Kooperation mit Fernando Carro als Vorsitzendem der Geschäftsführung.

Werder Bremen: Nach dreijähriger Auszeit fing es bei Simon Rolfes wieder an „zu kribbeln“

Rudi Völler hat als Geschäftsführer Sport einen Stern mehr als Sie. Also Ihr Vorgesetzter?

So sieht es aus, Rudi hat die letzte Entscheidung und ist im sportlichen Sektor für alles verantwortlich. Doch ich darf sagen, dass wir sehr gut kooperieren und gemeinschaftlich handeln.

Es heißt, Sie sollen in naher Zukunft seine Rolle übernehmen. Ist Rudi Völler ein guter Lehrmeister?

Die Konstellation ist nahezu optimal. Einen so erfahrenen Experten an meiner Seite zu haben, dies schätze ich sehr. Der Austausch mit Rudi ist für mich enorm gewinnbringend. Wobei ich auch honoriere, dass ich schon jetzt sehr viel Verantwortung übertragen bekommen habe und eigenständig arbeiten kann. Ich bemühe mich, dies zu nutzen und möglichst erfolgreich im Sportbereich zu agieren.

Manager eines Bundesligisten – war dies schon immer ihr Traumberuf?

Es war mein Berufsziel. Nach dem Ende meiner aktiven Laufbahn habe ich ganz bewusst eine Pause von drei Jahren eingelegt. Ich habe mich selbständig gemacht. Doch recht rasch habe ich bemerkt, dass es wieder in mir gekribbelt hat, als ich Fußballspiele nur auf der Tribüne verfolgt habe.

Vor elf Monaten sind Sie vom Nachwuchsleiter zum Leiter der Direktion Sport befördert worden. Im Sommer haben Sie die erste Transferphase richtig mitgestaltet. Wie sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden. Wir haben unseren Kader verstärken können. Alle Neuzugänge haben Potenzial, sind oder werden noch wichtig für uns. Es ist normal, dass bei dem einen die Integration schneller verläuft als bei dem anderen. Daley Sinkgraven hat sich leider verletzt, das war unglücklich. Doch wir haben die Neuen auf lange Sicht verpflichtet, nicht nur für zwei Monate.

Gibt es einen Spieler, der ganz besonders als Ihr Einkauf gelten darf?

Nein, wir haben alle Personalentscheidungen gemeinschaftlich getroffen, alles ist mit Rudi Völler abgesprochen. Es kann und darf nicht sein, dass jemand sich da einen herauspickt.

Abgesehen von der exorbitanten Preisentwicklung, wie sehen Sie den aktuellen Transfermarkt im Vergleich zu früher?

Der Markt ist globaler geworden, insgesamt übersichtlicher, der Zugang zu den Ligen auf den verschiedenen Kontinenten ist leichter. Videoportale erleichtern es, den Fußball von China bis Afrika und Südamerika intensiv zu verfolgen.

Erleichtert oder erschwert dies die Arbeit bei der Spielersuche?

Die Arbeit wird dadurch nicht einfacher, weil der internationale Markt umkämpfter ist. Der Zugang zu den einzelnen Märkten ist leichter, doch die Konkurrenz ist gewachsen.

Wie wichtig bleibt das Scouting vor Ort, das persönliche Sichten von potenziellen Spielern? Schaut Sportdirektor Rolfes sich die Favoriten an, bevor ein Transfer getätigt wird?

Natürlich, das ist und bleibt unerlässlich. Unser Team von Scouts leistet die Vorarbeit, doch dann muss ich mir und oftmals auch der Trainer sich einen persönlichen Eindruck verschaffen, bevor die endgültige Entscheidung getroffen wird. Ohne dieses Vorgehen wird es keinen Transfer geben.

Wie sind Sie mit dem bisherigen Abschneiden von Bayer 04 in der Bundesliga zufrieden?

Wir haben in der Liga bislang eine ordentliche Vorstellung abgeliefert – zwei Punkte hinter Platz eins. Zweifellos enttäuschend sind dagegen die Resultate in der Champions League.

Drei Niederlagen in drei Spielen – Ihr Chef Rudi Völler hat international nun Platz drei in der Gruppe als anstrebenswertes Ziel ausgemacht.

Ich sage es so: Unsere Ausgangslage ist alles anderes als gut. Doch wir müssen national sowohl in der Liga als auch im Pokal noch eine Schippe drauflegen, wir müssen versuchen, Topergebnisse und Topleistungen zu liefern, dann könnte das auch Auswirkungen auf die Champions League haben. Mal sehen, was dann noch möglich ist.

Simon Rolfes: „Florian Kohfeldt hat bei Werder Bremen einen Spielstil entwickelt, der mir gefällt“

Eine immens große Spitzengruppe in der Liga, somit unverhoffte Spannung. Wie sehen Sie die Tabellenlage? Ein Zeichen von Stärke? Oder eher von Ausgeglichenheit und Schwäche?

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Es ist für mich eine Momentaufnahme, die aus meiner Sicht nicht lange Bestand haben wird. Oben wird es nicht so eng bleiben. Es ist auch an uns, dafür zu sorgen, dass das Feld auseinandergezogen wird.

Trainer Peter Bosz gilt als ein Anhänger des Offensivfußballs. Ist es richtig, dass er zuletzt etwas defensiver hat agieren lassen?

Nein, wir haben die Spielweise etwas angepasst. Wir müssen flexibel agieren, unsere Spielidee nach den jeweiligen Konstellationen ausrichten, wie beispielsweise bei dem Auswärtsspiel bei Atletico Madrid. Doch wir wollen weiterhin einen offensiven Fußball spielen.

Hat Sie überrascht, wie Ihr Ex-Club Bremen die unglaubliche Verletzungsmisere verkraftet hat?

Nein, Werder agiert taktisch klug, kommt stark über den Zusammenhalt. Mit diesem Gemeinschaftssinn, diesem bekannten Werder-Teamgeist können auch schwere Situationen wie zu Saisonbeginn gelöst werden.

Wie gefällt Ihnen Florian Kohfeldt?

Er macht es richtig gut. Und er hat einen Stil kreiert, der mir gefällt. Werder bevorzugt die Offensive, versucht Fußball zu spielen. Das ist lobenswert und kommt bei den Fans gut an. Zudem ist Florian ein echter Sympathieträger. Ich freue mich für ihn, einen ehemaligen Mannschaftskollegen. Bei der U23 haben wir mal „halb zusammengespielt“ – ich als Stammspieler und er als junger Torwart auf der Bank.

Kein Bundesliga-Einsatz in Bremen, erst später und woanders sind Sie ein gefragter Profi und Nationalspieler geworden. Wie denken Sie heute über Ihre Werder-Zeit?

Wahnsinn, nicht wahr? Ich stand drei Jahre im Profikader und hatte nicht einen Einsatz. In den ersten beiden Spielzeiten war ich nicht gut genug, physisch noch nicht so weit. Dann habe ich einen großen Sprung gemacht, hätte von der Qualität her sicherlich eine Chance verdient gehabt. Doch mein Pech: Es war das Double-Jahr, die Elf stand, es lief vom ersten Spieltag an. Mit Baumann und Micoud, mit Ernst und Borowski war das Mittelfeld optimal besetzt. Heute kann ich schon nachvollziehen, dass ich nicht zum Zuge gekommen bin. Thomas Schaaf hat mir damals bei meinem Abschied ein schönes Kompliment gemacht, indem er mir bescheinigt hat, dass ich eine gute Entwicklung genommen hätte.

Mit einem Partner sind Sie einst bei „Goal Control“, der Firma, die die Torlinientechnologie entwickelt hat, eingestiegen. Technik im Fußball – wie sehen Sie den Videobeweis?

Wir haben Schritte nach vorn gemacht, die Akzeptanz nimmt mehr und mehr zu. Dennoch sehe ich uns noch in einer Anpassungsphase, weitere Verbesserungen sind möglich. Ich denke an technologische Entwicklungen, die den ganzen Prozess der Entscheidungsfindung schneller machen werden. Dieser Punkt ist für mich wichtiger als die oft beklagte mangelnde Transparenz bei den Entscheidungen.

Ein geflügeltes Wort in der Branche: Ein Fußballlehrer müsse erst einmal gefeuert worden sein, um als richtiger Trainer anerkannt zu sein. Auf den Manager bezogen: Müssen Sie zunächst mal einen Coach beurlaubt haben, um im Job angekommen zu sein?

Es ist ganz gewiss nicht das Ziel, einen Trainer zu entlassen. Doch es gehört zum Jobprofil dazu, dass eine solche schwerwiegende Entscheidung zuweilen getroffen werden muss. Wer für den sportlichen Bereich die Verantwortung trägt, muss auch entsprechend handeln, wenn es notwendig ist. (hgk)

Werder Bremen: Mehr grün-weiße News

Heißer Herbst mit frischen Kräften: Der SV Werder Bremen muss gegen Bayer Leverkusen seine Aufholjagd starten - der Vorbericht. Strittige Szene in der Nachspielzeit, aber es gab keinen Elfmeter für die Grün-Weißen - Werder Bremens großer Hand-Ärger in Leverkusen. Nach dem 2:2 bei Bayer Leverkusen: Florian Kohfeldt hat als Trainer von Werder Bremen den 100. Punkt eingefahren und stürmt in weitere Statistik-Ranglisten.

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