Zwei Aufkleber kleben auf einer Metallbox am Weserstadion des SV Werder Bremen. Darauf steht „Fußball lebt nur durch Fans“ und „Geisterspiele stoppen“
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Der Fußball geht in Zeiten der Corona-Pandemie mit Geisterspielen weiter. Dagegen protestieren auch Fans des SV Werder Bremen.

Probleme in der Corona-Krise

Austauschbare Unterhaltung? Fußball in Sorge, dass sich Fans abwenden – Werder Bremen reagiert

Fußball-Clubs müssen in ernster Sorge sein, dass sich die Fans in der Corona-Krise vom Fußball abwenden. Das bestätigt ein Forscher der DeichStube*. Werder Bremen nimmt das ernst - und reagiert.

Bremen – Wie es klingt, weiß Johanna Göddecke noch ganz genau. Hören konnte sie es zwar lange nicht mehr, ihr Lieblingsgeräusch, aber vergessen hat sie es deshalb nicht: 40.000 Menschen, die im Weserstadion ein Tor von Werder Bremen bejubeln! Explosionsartig, erleichtert, erlöst. „Es gibt für mich nichts, das schöner klingt“, sagt die 28-Jährige, die dem Vorstand des Fanclubs „WFC #twerder“ angehört – und die wegen der Corona-Pandemie seit inzwischen neun Monaten nicht mehr im Stadion war. Liebe auf Distanz, sozusagen. Und das auch noch auf Dauer.

„Es ist anders geworden“, sagt Göddecke und umschreibt damit eine Problematik, die sowohl Fachleute als auch Vereine inzwischen als große Gefahr für den Fußball ausgemacht haben: die zunehmende Entfremdung der Fans von ihrer Lieblingssportart. In Chefetage des SV Werder Bremen wird dieses Thema mit Sorge betrachtet und entsprechend ernst genommen.

Werder Bremen in Sorge vor Fan-Rückzug – Fan-Forscher hat schlechte Nachrichten

„All das, was wir machen, lebt ja davon, dass die Menschen den Fußball lieben, dass sie sich stark für Werder interessieren und emotional dabei sind“, sagt Vereinspräsident Hubertus Hess-Grunewald. Und der 60-Jährige weiß, dass Liebe, Interesse und Emotionen der Fans während der Pandemie – also in Zeiten von Geisterspielen und gesellschaftlich kritischer Diskussionen rund um das System Profifußball – längst keine Selbstverständlichkeit mehr sind. „Ich habe die Sorge, dass sich Fans in relevanter Größenordnung entwöhnen und abwenden, weil sie momentan die Erfahrung machen, dass es ein Leben ohne Fußball gibt“, sagt Hess-Grunewald.

Prof. Dr. Harald Lange von der Universität Würzburg forscht genau zu diesem Thema und hat keine besonders erfreulichen Nachrichten für die Clubs. „Es lässt sich beobachten, dass sich die Fans emotional und kognitiv aus dem Fußball zurückziehen, dass sie enttäuscht und frustriert sind, weil gerade im Lichte der Corona-Krise die Differenz zwischen der Blase Profifußball und ihrer eigenen Lebensrealität deutlich sichtbar geworden ist“, sagt der 52-Jährige.

Werder Bremen und Co.: Fan-Entfremdung? „Dann ist der Fußball nur noch wenig wert“

Auch Werder-Fan Johanna Göddecke hat festgestellt, dass einige Mitglieder des „WFC #twerder“ die Spiele „weniger bis gar nicht mehr“ verfolgen. Für sie selbst gelte das zwar nicht („Ich fiebere immer noch total mit“), aber beim Blick auf die gesamte Fußballbranche mit immer mehr Spielen und immer höheren Gehältern hält sie fest: „Viele Dinge kann man als Normalsterblicher einfach nicht mehr nachvollziehen.“ Fällt dann auch noch der emotionale Stadionbesuch, sprich die direkte Nähe zu Verein und Spielern als eine Art Kompensator weg, wird es irgendwann kompliziert.

Fanforscher Lange sieht deswegen ein dauerhaftes Problem auf den Fußball zukommen. „Dass man im Profifußball so viel Geld verdienen kann, liegt einzig und allein an der Bedeutung, die die Fans in das System reinpumpen“, erklärt er. „Nur die millionenfache Bedeutungsauslegung in den Stadien, vor den Fernsehern, am Radio und in den Zeitungen macht das Produkt wertvoll. Sollte diese Währung wegfallen, dann ist der Fußball nur noch wenig wert.“ Er würde dann zu einem „mehr und mehr austauschbaren Unterhaltungsprodukt“ verkommen.

Werder Bremen Gewinner nach der Corona-Krise? Werte und Nähe im Alltag für Fans wichtig

Am Beispiel der Nationalmannschaft sei das kürzlich gut zu erkennen gewesen, sagt der Wissenschaftler und erinnert daran, dass das Länderspiel Deutschland gegen Tschechien Mitte November während der ersten Halbzeit eine schlechtere Einschaltquote hatte als die zeitgleich ausgestrahlte Trödel-TV-Show „Bares für Rares“. Bezogen auf Werder Bremen sagt Präsident Hess-Grunewald: „Ich sehe es als eine der wichtigsten Aufgaben an, dass wir für unsere gesellschaftliche Akzeptanz kämpfen, damit sie nicht verloren geht.“

An den Geisterspielen können die Clubs dabei freilich wenig ändern, aber Werder sieht durchaus Punkte, wo sich der Hebel ansetzen lässt. „Wir müssen nah an den Menschen dran sein, müssen wissen, was sie fühlen und denken, und wir müssen ihnen das Gefühl geben, dass wir ihnen auch in ihrem Alltag begegnen. Nicht nur alle 14 Tage im Idealfall in den Stadien. Wir müssen präsent sein und zeigen: Werder ist mehr als nur 90 Minuten Bundesliga“, fordert Hess-Grunewald und verweist auf die vielfältigen sozialen Projekte, die sein Verein in den Quartieren der Stadt und in Zusammenarbeit mit Schulen anbietet. Für Fanforscher Lange ist das genau der richtige Weg. „Alles, was man jetzt in Fan- und Wertearbeit investiert, zahlt sich nach der Krise aus. Der Verein sollte bestenfalls zum Leuchtturm in einer Wertedebatte werden.“

Werder Bremen: Bruch! In Corona-Zeiten geht eine neue Fan-Generation verloren

Dann ließe sich womöglich auch der Sorge entgegenwirken, dass während der Corona-Pandemie unter Umständen eine komplette nachwachsende Fan-Generation verloren geht. Lange: „Wir erleben gerade einen Bruch von fast einem Jahr, in dem Jugendliche nicht ihren ersten Stadionbesuch erleben können, stattdessen aber erfahren, dass der Fußball, über den sie hätten Identifikation finden können, plötzlich in Misskredit gerät.“

Hess-Grunewald nimmt es ähnlich wahr. „Es gibt doch immer ein Schlüsselerlebnis, ein besonderes Spiel, zu dem Opa, Papa oder Freunde einen mitgenommen haben“, sagt er – und hält fest: „Das fehlt jetzt. Ich hoffe, dass wir das nachholen können. Aber der eine oder andere wird vielleicht eine Chance verpassen, weil wir ihm genau in der Zeit, in der er nach Orientierung sucht, ein solches Live-Erlebnis leider nicht bieten konnten.“ Kennen- und vor allem liebenlernen werden es diese Personen also eher nicht, das Lieblingsgeräusch von Johanna Göddecke: 40.000 Menschen, die im Weserstadion ein Tor von Werder Bremen bejubeln! (dco) *DeichStube.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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