Frank Baumann spricht im Interview der DeichStube über seine Zukunft beim SV Werder Bremen.
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Frank Baumann spricht im Interview der DeichStube über seine Zukunft beim SV Werder Bremen.

Werder-Sportchef im großen DeichStube-Interview

„So wichtig ist kein Sportchef“ - Frank Baumann über seine Zukunft beim SV Werder Bremen und eine unerfreuliche Studie

Bremen – Er war 2004 der Kapitän der Double-Gewinner, ist Ehrenspielführer und arbeitet seit fünf Jahren als Sportchef – Frank Baumann lebt den SV Werder Bremen. Doch nicht erst seit dem Abstieg ist der 46-Jährige in die Kritik geraten. Baumann stellt sich trotzdem in den Wind. Im Interview mit der DeichStube spricht er über eine unerfreuliche Studie, seine eigene Zukunft und seine Unterstützung für Trainer Markus Anfang.

Frank Baumann, was halten Sie von Diamanten?

(überlegt lange) Da fällt mir eigentlich nur ein Spruch vom ehemaligen Werder-Profi Michael Schulz ein, der mal im Spaß gesagt haben soll: „Geld ist nicht alles, es gibt auch Gold und Diamanten.“

Wir hatten da eher an Niclas Füllkrug gedacht, der nach dem späten Sieg in Nürnberg die Mannschaft als ungeschliffenen Diamanten bezeichnet hat. Wann wird Werder wieder ein Schmuckstück sein?

Wir sind noch am Schleifen, denn wir konnten uns in den vergangenen beiden Jahren keine fertigen Diamanten leisten. Dafür müssen wir jetzt Geduld aufbringen und viel arbeiten, damit wir wieder glänzen können.

Sie haben in dieser Saison sehr oft um Geduld geworben. Können Sie nachvollziehen, dass viele Fans und Medien das nicht mehr hören können?

Eine Enttäuschung bei den Fans kann ich absolut nachvollziehen, wenn wir so Spiele wie in Dresden und Darmstadt abliefern. Wir sind dann auch enttäuscht – Offizielle, Trainer, Spieler. Aber es ist unsere Aufgabe, Erklärungen zu liefern. Und es war vor der Saison klar, dass es nach dem Abstieg und den Umbau der Mannschaft holprig losgehen kann. Vor allem wenn auch noch wichtige Führungsspieler ausfallen.

Wird dann jetzt mit der Rückkehr von Leistungsträgern wie Leonardo Bittencourt, Ömer Toprak und Christian Groß alles gut?

Der Trend muss positiv bleiben, die Schwankungen sollten nicht mehr so extrem sein, da ist so eine Achse ganz wichtig. Und noch etwas: Wir sprechen ja viel von Wiederaufbau. Dann dürfen wir ein sportliches Fundament, das wir gerade aufgebaut haben, aber nicht sofort wieder durch einfache Fehler selbst einreißen.

Werder Bremen-Manager Frank Baumann: „Wir haben die jüngste Mannschaft in Deutschland“

Das Wort Wiederaufstieg steht dagegen auf dem Index. Und ausgerechnet der junge Manuel Mbom hat es nun in einem „kicker“-Interview in den Mund genommen und auch noch ein selbstbewussteres Auftreten von Werder gefordert. Wird er nun von Ihnen gerügt oder gelobt?

Ich finde es positiv, andere Spieler haben sich ähnlich geäußert. Wir wollen alle Erfolg haben. Als Verantwortliche müssen wir aber entscheiden, welche offizielle Zielsetzung die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg erhöht. Und da muss der Wiederaufbau vorne stehen. Denn wir haben die jüngste Mannschaft in Deutschland und in den Top-5-Ligen Europas, was die eingesetzten Spieler betrifft. Aber natürlich können wir auch nicht sagen, wir bauen erst mal etwas auf und in zwei, drei Jahren wird sich der Erfolg schon einstellen. So funktioniert das nicht.

Zumal die Gefahr besteht, dass sich die Fans bei anhaltender Erfolglosigkeit abwenden. Muss sich Werder nach dem Abstieg noch mehr um seine Anhänger kümmern?

Das sollte man grundsätzlich immer machen. Wir waren gerade in unserer Region immer sehr aktiv. Aber das können wir noch weiterentwickeln, und das machen wir zum Beispiel auch mit unserem Spielraum-Projekt und der Weiterentwicklung unseres bekannten Projekts „100 Schulen, 100 Vereine“. Was mich bei dem Thema allerdings wirklich stört: Eine Studie behauptet, dass wir der unbeliebteste Club der Bundesliga sein sollen. Das spiegelt überhaupt nicht unsere Erfahrungen wider.

Stellen Sie damit die Studie des Marktforschungsinstituts SLC Management, in Frage – immerhin sollen 30 000 Menschen im gesamten Bundesgebiet befragt worden sein?

Na ja, wenn wir speziell in der Rubrik soziales Engagement auf dem letzten Platz liegen sollen, dann sollte man schon die Kriterien hinterfragen. Denn unser großes soziales Engagement ist hinlänglich bekannt. Ich sehe Werder gerade in diesem Bereich in einer führenden Rolle.

Sind Sie die Studie komplett durchgegangen?

Das ist nicht so einfach, wir haben da nur einen ersten Überblick bekommen. Die Kriterien der Studie wurden im Vergleich zu den Vorjahren verändert. In den objektiven Rubriken, die nicht so stark in die Wertung kommen, schneiden wir gut ab, sind auch auf Platz sechs bei der Frage nach der allgemeinen Beliebtheit des Clubs. Also da gibt es schon einige Fragezeichen.

Allerdings: Schaut man in die Schulen in Bremen und umzu, sieht man tatsächlich immer seltener Kinder in Werder-Trikots, sondern eher im Dress des FC Bayern, Borussia Dortmund oder von internationalen Clubs. Wie kann Werder das ändern?

Diese Entwicklung betrifft nicht nur Werder. Als Kind ist man heute nicht mehr automatisch Fan des Vereins einer Region, sondern eher von den großen Stars wie Messi oder Ronaldo, egal, wo sie gerade spielen. Es ist eine Aufgabe von uns, die Kinder hier wieder zu Fans zu machen. Da helfen Erfolge, positive Schlagzeilen und echte Typen in einer Mannschaft.

Will Frank Baumann bei Werder Bremen weitermachen? „Habe mir noch keine großen Gedanken gemacht“

Wie intensiv können Sie aktuell solche Langzeit-Projekte angehen, wenn gar nicht klar ist, ob Ihr im Sommer auslaufender Vertrag überhaupt verlängert wird?

Das spielt keine Rolle. Meine Aufgabe ist es auch, Werder strategisch so weiterzuentwickeln, dass wir die Früchte auch in drei, vier, fünf Jahren ernten können.

Mit dem neuen Aufsichtsrat wurde vereinbart, dass im Winter über Ihren Vertrag gesprochen wird. Haben Sie für sich schon entschieden, ob Sie weitermachen wollen?

Nein, ich habe mir noch keine großen Gedanken gemacht. Das ist kein Kokettieren, sondern ein ganz normaler Prozess. Man muss für sich bewerten, was einem wichtig ist, ob man weitermachen oder mal etwas Neues machen will.

Sie haben in der Vergangenheit in ähnlichen Momenten aber oft betont, wie groß Ihre Lust auf diese Aufgabe ist, dass Sie sich so nicht verabschieden wollen. Ist das nun anders?

Die Schwerpunkte können sich verschieben. Mal denkt man sich, dass man erst wieder erfolgreich sein will, um sich möglicherweise anders zu orientieren. Dann reicht einem aber vielleicht schon, dass man zumindest ein Fundament gelegt hat, um dies dann einer anderen Person zu überlassen. Aber so weit bin ich wie gesagt in meinen Gedanken noch nicht.

Welchen Einfluss werden die „Baumann raus“-Rufe während der Spiele gegen Paderborn und Sandhausen auf Ihre Entscheidung haben?

Das kann ich so pauschal nicht beantworten. Es gibt noch andere Fragen: Kann ich noch etwas bewegen? Gibt es in den Gremien noch das Verständnis, für was Werder meiner Meinung nach stehen sollte? Wie viel Kritik gibt es wirklich, wie viel muss man ertragen?

Ist Frank Baumann als Sportchef des SV Werder Bremen noch erwünscht? „Die Frage muss ich mir stellen“

Sie sind für viele der Sündenbock für den sportlichen Niedergang des SV Werder. Stellen Sie sich die Frage, ob Sie hier noch als Sportchef erwünscht sind?

Ja, die Frage muss ich mir stellen. Die musste ich mir auch schon stellen – und habe sie damals so beantwortet, dass ich noch hier bin, auch weil ich viel Unterstützung von Menschen erhalten habe, die meine Arbeit wirklich beurteilen können. Der Aufsichtsrat muss sich diese Frage ebenfalls stellen, die ist auch völlig berechtigt.

Muss es spätestens im Januar eine Antwort geben, damit Sie wieder mit Klarheit arbeiten können oder ein Nachfolger die neue Saison planen kann?

Bis April, Mai sollte es nicht dauern, das wäre nicht ideal. Aber den Kader für die neue Saison planen wir längst schon. Das ist immer so. Da gibt es kein Problem. Ein Spieler entscheidet sich für einen Verein, für einen Trainer und für ein Projekt und doch nicht gegen Werder Bremen, weil meine Zukunft nicht geklärt ist. So wichtig ist kein Sportchef und diese Entscheidungen treffe ich auch nicht alleine.

Gemeinsam haben Sie im Sommer auch Markus Anfang als neuen Trainer geholt. Der späte Sieg in Nürnberg hat eine nicht ganz einfache Phase positiv beendet. Im Umfeld hatte es bereits Zweifel am Coach gegeben, wird Anfang zu kritisch gesehen?

Ich habe und werde den Trainer schützen – und das nicht nur aus Prinzip, sondern aus voller Überzeugung. Das wäre auch nach Niederlagen in Sandhausen oder in Nürnberg so gewesen. Denn Markus macht einfach eine gute Arbeit. Es gab einige Widrigkeiten in dieser Saison, erst die komplizierte Transferphase, dann der Ausfall wichtiger Spieler. Markus hat die Situation angenommen, war mutig genug, die jungen Spieler zu bringen. Er geht nach dem Leistungsprinzip und hat auch schwierige Entscheidungen nach innen und außen kommunikativ gut gehändelt. Alle Zahlen und Daten zu den Spielen – zum Beispiel Torchancen oder zugelassene Torchancen – zeigen, dass wir zu wenig Punkte haben. Wir müssen effektiver werden und weniger individuelle Fehler machen. Aber da bin ich optimistisch.

Müssen Sie nicht auch deshalb den Trainer so stark stützen, weil Sie ansonsten selbst mitgehen müssten?

Wenn ich der Überzeugung wäre, dass es für den Verein die richtige Entscheidung wäre, würde ich sie treffen – unabhängig von mir. Aber diese Frage stellt sich einfach nicht. Markus macht einen sehr guten Job und ist mit der Mannschaft auf einen guten Weg. (kni)

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