Linkes Foto: Spieler Ailton will in der Luft einen Ball annehmen. Rechtes Foto: Boss Thomas Hitzlsperger und Trainer Pellegrino Matarazzo vom VfB Stuttgart.
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Trainer Pellegrino Matarazzo (r.) hat beim VfB Stuttgart das Vertrauen von Boss Thomas Hitzlsperger. Kein Vertrauen genießt beim Trainer derweil Ailton (l.), der Namensvetter der Werder-Bremen-Legende.

Vor dem Bundesliga-Spiel am Sonntag

So viel Werder steckt im VfB Stuttgart: Bremer Muster und ein neuer Ailton

Beobachter der Szene könnten schon auf die Idee kommen, dass sich die Schwaben eines Rezeptes bedient hätten, das schon immer und auch in jüngster Vergangenheit als Richtschnur des Handelns an der Weser gedient hat. Der VfB Stuttgart nach dem Werder-Bremen-Muster.

Das beste Beispiel: Es war im Frühjahr beim Wiederbeginn nach der Corona-Pause. Der VfB bangte um den Aufstieg. Ein Niedergang im Mai, festzumachen an deprimierenden Niederlagen gegen Wehen Wiesbaden und Holstein Kiel. Es drohte in jener Zeit, dass eine Trainerdiskussion gewaltig Fahrt aufnehmen könnte.

Da sorgte Thomas Hitzlsperger, der frühere Nationalspieler, inzwischen als Vorsitzender des Aufsichtsrats zum starken Mann des VfB Stuttgart avanciert, für die überraschende Wende und erstickte alle Spekulationen im Keim: Er sprach dem Trainer das Vertrauen aus, verlängerte den Vertrag des in Zweifel gezogenen Pellegrino Matarazzo bis 2022, das Ganze sogar unabhängig von der Liga-Zugehörigkeit. Im Klartext: Ein Freibrief für den 42-jährigen Coach, der auch bei einem gescheiterten Aufstiegsprojekt und einem Verbleib in der Zweitklassigkeit hätte weiterarbeiten dürfen.

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Werder Bremen und VfB Stuttgart: Trainer-Rückhalt statt Rauswurf in der Vorsaison

Genauso haben sie immer bei Werder Bremen reagiert. Früher Dr. Franz Böhmert, der legendäre Präsident, im Verein mit Willi Lemke, dem nicht minder bekannten Manager. Wenn die Debatte um Otto Rehhagel anfing, was trotz aller seiner Erfolge nicht selten vorkam, bedeutete ein schnell ausgehandelter neuer Kontrakt für den Star-Trainer ein sofortiges Ende aller Spekulationen. Heute tun dies die Macher bei den Grün-Weißen ebenso. Marco Bode, der Chef des Aufsichtsrats, und Frank Baumann, der Boss im operativen Geschäft, handeln wie die berühmten Vorhänger und stärkten zuletzt Florian Kohfeldt den Rücken, als dieser in die Bredouille geriet.

Parallelität der Ereignisse in der letzten Spielzeit: Fast zu gleicher Zeit wie Matarazzo im Süden mehrten sich die Zweifel an Kohfeldt im Norden. Doch beide angezählten Sportlehrer erhielten das Vertrauen der Vereinsspitze. Rückhalt statt Rauswurf, ein starkes Signal nach innen zum Profiteam sowie nach außen an die Öffentlichkeit.

Es ging gut. Beide Male, beim VfB Stuttgart wie auch bei Werder Bremen. Der VfB stieg als Tabellenzweiter auf, im Endeffekt sehr glücklich. Der sofortige Wiederaufstieg klappte, wie 2017, als zuletzt nach einem einjährigen Betriebsunfall der Gang in die Erstklassigkeit geglückt war. Der VfB, viermal insgesamt Meister und zuletzt völlig überraschend 2007 an der Spitze, übrigens mit Hitzlsperger im Kader und einem gewissen Armin Veh auf der Trainerbank, spielt somit seine 54. Saison in der höchsten deutschen Spielklasse. Und auch Werder sicherte sich die Klasse im Entscheid gegen Heidenheim.

Wie Werder Bremen? Keine hohe Trainer-Fluktuation mehr beim VfB Stuttgart

Die Duplizität der Ereignisse: Beide Trainer, die das Kommando führen, zählen zur neuen, jungen Generation in der sich zuletzt arg wandelnden Zunft. Und beide standen beim Beginn dieser Spielzeit vom Start an unter Beobachtung. Druck sowohl für Florian Kohfeldt als auch für den Kollegen Pellegrino Matarazzo, noch bevor der erste Anpfiff erfolgt war. „Ich habe sicherlich auch Fehler gemacht“, gab der US-Amerikaner mit italienischem Pass zu, der im Nachwuchsbereich in Nürnberg und Hoffenheim als Coach groß geworden war und später als Co-Trainer bei der TSG 1899 amtierte. Ende 2019 stieg er als Nachfolger vom Tim Walter beim VfB Stuttgart als Chef ein, als 17. Fußballlehrer im letzten Jahrzehnt.

Eine wahrhaft hohe Fluktuation, die beweist, dass die als sparsam verschrienen Schwaben sich eher und oft dem kostspieligen Heuern und Feuern bei dieser Personalie bedient hatten. Wie die jüngste Entwicklung zeigt, ist in der Ära Hitzlsperger, der mit dem ehemaligen Dortmunder Chefscout Sven Mislintat als Sportdirektor das neue Machtzentrum verkörpert, ein Umdenken erfolgt.

Werder Bremen und VfB Stuttgart fast gleichauf: Aufsteiger ist in jeder Hinsicht konkurrenzfähig

Ein neuer VfB tritt also diesmal an. Dass es wiederum für den gewandelten Traditionsverein eine Abenteuerreise im Oberhaus wird, darauf haben sich die Macher in der schwäbischen Landeshauptstadt eingestellt. Jedenfalls war von der Aufbruchstimmung und der in Fankreisen so gerühmten Euphorie von vor drei Jahren nichts mehr zu spüren. Umso besser schlägt sich der „neue VfB“: passabler Start, auch spielerisch durchaus ansprechend, in jeder Hinsicht konkurrenzfähig, jedenfalls ganz anders als die Bielefelder Arminia, den zweiten Neuling, der in der Ersten Liga noch ein wenig fremdelt. Zwischenstand in Stuttgart: ein gesicherter Mittelplatz nach einem Viertel der Saison, elf Punkte nach neun Spieltagen, punktgleich mit Werder Bremen, dank der besseren Tordifferenz sogar einen Rang höher platziert, auf Platz 10.

Die Vereinsspitze liegt mit ihrer Linie bis dato richtig. „Wir haben bewusst so eine Truppe: jung, aber mit Qualität“, verkündet Sportdirektor Mislintat. Aus seinen Worten klang die Vorfreude, die auch der Trainer formulierte. „Mit Optimismus“, so Matarazzo, gehe er seine Debütsaison als Chefcoach eines Erstligisten an. Klares Saisonziel: Die Klasse soll erhalten werden, mehr ist naturgemäß nicht drin.

Werder Bremen-Gegner: Auch VfB Stuttgart hat einen Ailton - aber einen bisher erfolglosen

Matarazzos Vorgehensweise? Eine Mischung zwischen jung und alt soll es richten. Mit Waldemar Anton (vier Millionen Euro von Hannover 96), Wataru Endo (1,7 Mio. aus St. Truiden), Gregor Kobel (4 Mio. aus Hoffenheim), Konstantinos Mavropanos (0,25 Mio, aus Nürnberg) und Pascal Stenzel (1,3 Mio. vom SC Freiburg) wurden ausnahmslos Talente verpflichtet. Oldtimer wie der nun wegen einer schweren Verletzung an der Hüfte ausfallende Daniel Didavi, Gonzalo Castro und Marcin Kaminski sollen diese Youngster leiten. Als Anführer dieser Truppe, die das Redaktionsnetzwerk Deutschland als „keinen gewöhnlichen Aufsteiger“ einstufte, fungiert dabei Ex-Nationalspieler Castro (früher in Leverkusen und Dortmund). Obwohl nicht unumstritten und nicht immer als Stammkraft gesetzt, beförderte der Trainer den 33-Jährigen zum Kapitän. Ein Vertrauensbeweis für den Mann, der 2018 nach Stuttgart kam.

Im berühmten Trikot mit dem roten Brustring taucht auch ein Profi auf, der auf einen Namen hört, der bei Werder Bremen einen gewissen Klang ausübt. Sein Name: Ailton, 25 Jahre alt, Brasilianer. Mit der Werder-Legende gleichen Namens hat der Stuttgarter nicht viel, eigentlich nur die Staatsangehörigkeit gemein. Sie sind weder verwandt noch verschwägert. Ailton Ferreira Silva, bei Fluminense Rio de Janeiro im Fußball sozialisiert, kam 2017 zum VfB, konnte sich indes nicht durchsetzen. Ausgeliehen nach Portugal und zuletzt nach Aserbaidschan, zu Qarabag Agdam, versucht der Brasilianer nun einen erneuten Anlauf – bisher ohne merkbaren Erfolg. Aktuell ist er auf der Internetseite des VfB Stuttgart nicht mal als Spieler des Kaders gelistet. (hgk) So seht Ihr das Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart live im TV und im Live-Stream.

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