Der eine ist gebürtiger Bremer, der andere spielte für Werder Bremen - nun spielen sie beide gemeinsam beim BVB: Julian Brandt (l.) und Thomas Delaney.
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Der eine ist gebürtiger Bremer, der andere spielte für Werder Bremen - nun spielen sie beide gemeinsam beim BVB: Julian Brandt (l.) und Thomas Delaney.

Vor dem Bundesliga-Duell am Dienstag

So viel Werder steckt in Borussia Dortmund: Klingelnde Kassen, riesige Talente und ein waschechter Bremer

Einst galt der SV Werder Bremen als Ausbildungsclub, als Lehrstelle für Talente in der Bundesliga auf ganz hohem Niveau. Bremen war die bevorzugte Anlaufstelle für talentierte Ballartisten, die sich im Fußball-Oberhaus bewähren wollten, um sich für andere größere Vereine anzubieten – sowohl national als auch international. Was die Grün-Weißen in den von Otto Rehhagel und Thomas Schaaf geprägten Epochen darstellten, dafür steht heute Borussia Dortmund: Die Plattform für die Stars von morgen im europäischen Geschäft, die schon heute Rang und Namen haben.

„Boys of Borussia“ titelte der „Kicker“ in seinem Sonderheft vor dem Saisonstart und zielte damit auf die Ansammlung hochkarätiger Nachwuchsspieler ab, die durch die Bank ein Versprechen für die nahe Zukunft bilden, eine Zukunft, die nicht unbedingt am berühmten Borsigplatz stattfinden muss. Zurück zur glorreichen Bremer Vergangenheit, als Werder Bremen die Rolle eingenommen hat, die nun dem Rivalen Borussia Dortmund zukommt. Die Liste der Profis mit Perspektive, die sich an der Weser verbesserten und reiften, ist lang: Früher ein Karl-Heinz Riedle und ein Rudi Völler, beide aus der Provinz geholt und für die Gastspiele im Ausland ausgebildet und geschult. Danach ein Mesut Özil oder ein Diego, der eine eine Jahrhundertbegabung vom Schalker Markt, der andere ein Zauberer aus Brasilien, der bei Werder für den kontinentalen Markt nach gescheitertem Aufenthalt in Porto wiederentdeckt wurde.

Werder Bremen früher, Borussia Dortmund heute: Ausbilder der Top-Talente

Es war lange Zeit das Geschäftsmodell, mit dem sich die Bremer ihren Platz in der Liga-Spitze sicherten. Einnahmen aus spektakulären Transfers bildeten die Basis, um den Standortnachteil gegenüber dem Rivalen Bayern München auszugleichen. Ähnlich gehen auch die Dortmunder vor. Beeindruckende Zahlen: Im letzten Jahrzehnt machte der BVB im Transfergeschäft einen Gewinn von sage und schreibe über 340 Millionen Euro. Der Volltreffer bei den Verkaufsaktionen: Ousmane Dembele, einst für 15 Millionen aus Rennes gekommen, wechselte für ein Vielfaches zum FC Barcelona und brachte 145 Millionen ein. Ähnlich gut die Rendite bei Christian Pulisic. Für den ehedem ablösefreien Offensivmann erlöste Dortmund 64 Millionen Euro vom FC Chelsea. Und Pierre-Emerick Aubameyang kostete den FC Arsenal stolze 51 Millionen Euro.

Und die BVB-Kasse wird weiter klingeln, auch in den nächsten Transferperioden. Denn Borussia Dortmund hat sich eine wahre Rasselbande zugelegt in dieser Spielzeit, eine Gruppierung von Talenten, die auf dem Kontinent ihresgleichen sucht. „High Potentials“, sagt Sportdirektor Michael Zorc über dieses Ensemble von „Sehnsuchtsspielern“, die dem Champions-League-Gewinner von 1997 europaweit Respekt und Anerkennung bringen.

„Die jungen Wilden“: Werder Bremen-Gegner Borussia Dortmund wie einst der VfB Stuttgart

Die jungen Wilden aus Dortmund versprechen, die Helden von morgen zu werden, wenn nicht bei der Borussia, dann irgendwo anders. Der gut bestückte Talentschuppen im Einzelnen: Jude Bellingham (17), für 25 Millionen vom englischen Zweitligisten Birmingham geholt; Erling Haaland (20), der Toptorjäger des Kontinents, schon auf einer Stufe mit Robert Lewandowski, was Kaltschnäuzigkeit und Treffsicherheit betrifft; Jadon Sancho (20), der trickreiche Außenspieler; Reinier (18), der von Real Madrid ausgeliehene Brasilianer; Giovanni Reyna (18), der abgezockte US-Nationalspieler, schon jetzt häufig im Besitz des Dirigentenstabs bei den Borussen. Und dann noch Youssoufa Moukoko, erst 16 Jahre jung, unlängst der jüngste Debütant in der Liga-Historie, der im Nachwuchsbereich mehrere Altersstufen übersprungen hat.

Junge Wilde – einst wurde so auch die Formation des VfB Stuttgart getauft, die 2003 im Europacup aufhorchen ließ. Die Schwaben-Bubis um Aleksandr Hleb, Kevin Kuranyi, Timo Hildebrand und Andreas Hinkel feierten in der Champions League beachtenswerte Erfolge gerade gegen Manchester United, doch einen Titel gewannen sie nicht. Ähnliches Ungemach könnte auch der Dortmunder Generation drohen, weil die Übermacht der Bayern einfach zu gewaltig ist. Doch die Meisterschaft gilt als Ziel, wenn auch nicht so offensiv und vor allem öffentlich formuliert. Auch hier die Parallele zur Chronik bei Werder Bremen: Der BVB ist als Dauerrivale des Rekordmeisters meistens nur der zweite Sieger.

So schlägt sich Ex-Werder-Bremen-Profi Thomas Delaney bei Borussia Dortmund

Dass der achtmalige Meister, zuletzt 2012 gekrönt, einen weiteren Titelgewinn anstrebt, ist selbstverständlich. Die Verantwortlichen halten sich dabei gewohnt zurück, was sich nach der Entlassung von Trainer Lucien Favre kaum ändern dürfte. Doch ein Anführer wie Weltmeister Mats Hummels proklamierte vor der Saison offen und ehrlich den Traum. Seine Kampfansage: „Wir wollen in allen Wettbewerben ein Stück besser als in der Vorsaison sein.“ Zur Erinnerung: Borussia Dortmund war Zweiter hinter den Bayern.

Bei der Personalpolitik hat der BVB dabei schon entsprechende Signale ausgesandt. Der deutlichste Hinweis: Sancho, mit 40 Torbeteiligungen in der vergangenen Spielzeit einer der Unterschiedsspieler und begehrt auf der britischen Insel, wurde trotz aller Abwerbungsversuche gehalten. Nur der von Real Madrid ausgeliehene Achraf Hakimi musste abgegeben werden, spielt nun bei Inter Mailand. Dafür kam der belgische Nationalspieler Thomas Meunier ablösefrei von Paris St. Germain.

(Verfolgt das Spiel zwischen dem SV Werder Bremen und Borussia Dortmund im Liveticker der DeichStube)

Zum veranlagten Team, in dem Routiniers wie Hummels (31), Emre Can (26), Roman Bürki (29), Marco Reus (31) und Axel Witsel (31) die Führungsrollen übernehmen und die Jungen anleiten sollen, zählt auch ein erfahrener Spieler mit Werder-Vergangenheit. Im optimal besetzten Mittelfeld behauptet sich Thomas Delaney und verdient sich seine Einsatzzeiten. 2018 wechselte der Däne zur Borussia für eine Basis-Ablöse von 20 Millionen Euro. Dazu kommen noch Bonuszahlungen, die sich auf drei Millionen Euro belaufen und meist schon rechtswirksam geworden sind.

Werder Bremen: Zwei „Bremer“ im Kader des BVB

Bis 2022 steht Nationalspieler Delaney in Dortmund unter Vertrag, wo er momentan einen besseren Stand hat als ein anderer (sogar gebürtiger) Bremer Junge. Sein Name: Julian Brandt. Ein Juwel, das vor der eigenen Haustür zu finden gewesen wäre, von den Scouts des SV Werder Bremen allerdings zu spät entdeckt wurde. Der 24-Jährige, in der Nationalelf momentan auch nicht erste Wahl, spielte zunächst beim SC Borgfeld, danach von 2009 bis 2011 beim FC Oberneuland, beide Male unentdeckt vom heimischen Erstligisten. Zunächst in Wolfsburg, dann in Leverkusen avancierte Brandt zu einem überdurchschnittlichen Bundesligaspieler. Zu einem Mann mit dem gewissen Etwas, wodurch im Weserstadion so manche Träne über den entgangenen Coup verdrückt worden ist.

Eine solche Panne soll einmalig bleiben, ein derartiger Fehler nicht noch mal passieren. Jascha, der jüngere Brandt-Bruder, auch talentiert und Stammspieler in Werder Bremens U19, soll nicht verloren gehen an andere Vereine. Unlängst durfte der Nachwuchskicker eine Trainingseinheit bei den Profis mit Cheftrainer Florian Kohfeldt absolvieren. Die Bremer haben den „zweiten Brandt“ fest im Blick.

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