Vor dem Spiel des SV Werder Bremen gegen Paderborn sprachen wir mit SCP-Coach Steffen Baumgart. 
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Vor dem Spiel des SV Werder Bremen gegen Paderborn sprachen wir mit SCP-Coach Steffen Baumgart. 

Vor dem Abstiegskracher in der Bundesliga

Paderborn-Coach Baumgart verspricht vor dem Werder-Duell: „Immer mit offenem Visier“

Von Hans-Günter Klemm. Paderborn – Es ist der Abstiegskracher am Samstag zwischen dem SC Paderborn und dem SV Werder Bremen. Nur der Gewinner darf weiter auf den Klassenerhalt in der Bundesliga hoffen.

Die Trainer kennen sich bestens, Steffen Baumgart (48) und Florian Kohfeldt (37) haben vor fünf Jahren gemeinsam den Lehrgang zum DFB-Fußball-Lehrer absolviert. Es gibt immer noch regelmäßig Kontakt, wie Paderborns Baumgart im Interview mit der DeichStube verrät. Und er findet, dass sich die beiden Trainer in ihrer Art durchaus ähneln.

Wir erwischen Sie auf der Autobahn während der Fahrt von Ihrem Wohnort Berlin zu Ihrer Arbeitsstätte Paderborn, zwei Tage nach dem Spiel in Leipzig. Sind Sie schon wieder gut bei Stimme, Steffen Baumgart?

Sie zielen darauf ab, dass es bei mir während der Spiele immer rund geht und ich normalerweise danach ein wenig heiser bin. Es ist immer gleich, das ist normal bei mir. Doch es geht schnell, dass sich meine Stimme erholt.

Diese Art des intensives und lautstarken Coachings ist Ihre Eigenart.

Stimmt schon, doch ich bin ja nicht allein in der Liga. Wenn ich da den „Flo“ beobachte... Wir ähneln uns schon sehr.

Woran mag das liegen?

Wir wissen beide, wie wichtig es ist, an der Seitenlinie aktiv zu sein. Uns geht es um die Mannschaft, wir wollen unterstützen und helfen.

Dann müssen die Geisterspiele Ihnen ganz gelegen kommen. Bei der minimalen Geräuschkulisse können die Spieler die Anweisungen von außen besser verstehen.

Es sollte so sein. Schließlich hören sie alles ganz genau. Und momentan gibt es ja auch kaum etwas zu überhören...

Werder Bremen gegen SC Paderborn: Eines von vielen Endspielen

Im Fußball-Vokabular wird ein Begriff häufig überstrapaziert: Finale. Ist der Vergleich zwischen dem Tabellenletzten und dem Vorletzten ein Finale um den Klassenerhalt?

Es ist eins von vielen Endspielen, jedenfalls für uns. Es ist schon mehrfach davon gesprochen worden, dass wir unsere letzte Chance bekommen. Die Situation ist für beide Seiten nicht so schön: Werder Bremen geht es nicht so rosig, uns noch schlechter. Doch dies interessiert uns nicht so sehr. Wir lassen uns nicht daran messen, ob wir an letzter oder an erster Stelle stehen. Wir haben immer betont, dass es uns um die Art unserer Präsentation geht.

Wie sind Sie damit zufrieden?

Wir haben sportlich einiges erreicht, doch die Frage bleibt: Reicht es für die erste Liga?

Allerorten wird der Aufsteiger gelobt. Es entsteht der Eindruck, dass Paderborn mehr Sympathiepunkte ergattert hat als Punkte in der Tabelle. Stimmt das?

Ja, manchmal fehlte der Ertrag, stand in keinem Verhältnis zur erbrachten Leistung. Und natürlich bekommt man auch die Qualitätsfrage gestellt. Irgendwas fehlte, sonst hätten wir mehr Punkte.

Sie wollen sicher nicht als „Absteiger der Herzen“ in die Geschichte eingehen. Wie genau lautete das Saisonziel?

Ganz klar, wir sind noch nicht abgestiegen und wir streben den Klassenerhalt an. Doch von diesem Ziel sind wir momentan noch weit weg. Die oft gehörten Komplimente können kein Trost sein, doch wir haben – unabhängig vom Tabellenplatz – auch in anderer Hinsicht unsere internen Vorgaben erfüllen können.

Was meinen Sie?

Ich muss ein wenig ausholen, zurück in die Vergangenheit, als wir mit Markus Krösche das Projekt formuliert haben, Paderborn zu einer Marke zu machen, nicht auf den großen Zug aufzuspringen, sondern eine bestimmte Art des Fußballspielens zu verfolgen und eine Eigenart zu entwickeln, wie wir die Dinge angehen. Selbst bei einem Abstieg hätten wir ein schönes Jahr in der höchsten Spielklasse verbracht. Und wir konnten trotz Coronavirus-Krise auch Schulden abbauen.

Wie beschreiben Sie Ihre Fußballphilosophie?

Immer mit offenem Visier. Im Unterschied zu Spielweisen anderer Vereine, die sehr taktisch geprägt sind, gibt es bei uns stets diese offensive Ausrichtung. Bei allem Risiko, das damit notgedrungen verbunden ist, wollen wir jederzeit agieren, wollen Fußball im wahrsten Sinne des Wortes spielen.

Bei Werder Bremen gab es zu viele Verletzte

Auch in dieser Hinsicht zeichnen sich Parallelen zu Florian Kohfeldt ab, der auch das Spielerische betont und den Schwerpunkt auf Angriffsfußball zu legen bestrebt war. Was ist bei Werder schiefgelaufen?

Es gab viele Verletzte, zu viele, mitunter fehlten ja bis zu 13 Spieler, wichtige Stammspieler oder ein Neuzugang wie Niclas Füllkrug. Da ist es nicht so einfach, in den Rhythmus zu kommen. So kann sich eine Formation kaum einspielen. Vor allem, wenn ein Mann wie Kruse ersetzt werden muss. Das funktioniert nicht so einfach. Wir hatten ein gleichgelagertes Problem nach dem Abgang von Philipp Klement, der in der zweiten Liga unser Motor und Toremacher gewesen ist. So einen Verlust kann man nicht von heute auf morgen ausgleichen.

Ihre Mannschaft scheint momentan besser in Schuss als Bremen zu sein. Spricht vor dem Vergleich mit Werder das Momentum für Paderborn?

Warum? Das sehe ich anders. Werder ist gut aus der Coronavirus-Pause gekommen, hat Siege eingefahren. Ich habe, während der Spielbetrieb ruhte, mit Florian Kohfeldt gesprochen, weiß um die Voraussetzungen am Standort Bremen, die damaligen Einschränkungen im Trainingsbetrieb. Dafür hat es Werder gut gemacht, auch wenn in den letzten beiden Spielen der Erfolg ausblieb. Viele Verletzte sind zurückgekommen, die Elf hat sich stabilisiert. Zuletzt haben wiederum Bittencourt und Rashica gefehlt, zwei Spieler in der Offensive, die nicht so leicht zu ersetzen sind.

Sie haben davon gesprochen, dass das Spiel gegen Bremen ein Abenteuer sei...

...ich habe gesagt, dass jedes Bundesligaspiel für uns ein Abenteuer ist.

Was genau meinen Sie?

Es ist für den SC Paderborn immer eine gewaltige Herausforderung, Woche für Woche. Am Beispiel des SV Werder Bremen: Ich habe neulich gelesen, dass der Marktwert des Werder-Kaders, wer auch immer den wie errechnet, etwa 133 Millionen Euro beträgt. Der Wert für Paderborn wurde auf 25 Millionen taxiert.

Sollte der Verbleib nicht geschafft werden, ist Paderborn besser gerüstet als 2015, als das erste Erstligajahr endete und ein dramatischer Absturz folgte?

Ich kann das schwer vergleichen, weil ich damals nicht da war. Sicherlich wird es bei einem Abstieg einen größeren Umbruch geben. Wir werden uns neu aufstellen, doch anders als vor fünf Jahren. Wie in den letzten drei Spielzeiten schon praktiziert, werden wir auf junge und entwicklungsfähige Spieler setzen. 2015 wurde der Gang in die zweite Liga größtenteils mit älteren und teuren Profis angetreten.

Und ansonsten greift das Freiburger Modell. Soll sagen: Auch im Abstiegsfall bleibt der Trainer?

Ich habe noch ein Jahr Vertrag. Eine Trainerdiskussion hat es hier noch nicht gegeben. Es gibt klare Signale, dass wir in dieser Aufstellung weitermachen. Wir werden natürlich die Saison analysieren und dann wieder an die Arbeit gehen.

Werder Bremen gegen SC Paderborn: Beiden Teams droht der Abstieg in Liga 2

Paderborn droht der Abstieg, Rivale Bielefeld steht vor dem Aufstieg. Ein Machtwechsel in Ostwestfalen?

Vorweg bleibt festzuhalten: Ostwestfalen wäre in der ersten Liga vertreten, wenn es denn so käme. Das ist erfreulich. Ansonsten ist die Arminia seit jeher ein ambitionierter Verein, von der Tradition und den Zahlen her. Paderborn hatte sie überholt, weil wir optimal und nachhaltig gearbeitet haben. Doch momentan machen die Bielefelder unter Uwe Neuhaus einen guten Job, sie hätten sich den Aufstieg verdient.

Drei Verwarnungen für Sie bisher, die erste für einen Trainer gleich am ersten Spieltag. Was sagt das aus?

Nun ja, ich zähle nun mal zu der gefährdeten Spezies. Es kann immer mal wieder passieren, ich bin nicht davor gefeit, wieder Gelb zu sehen. Meine letzte Karte habe ich am 19. Spieltag in Freiburg gesehen.

Wie finden Sie diese Neuerung?

Eine Frage der Optik für mich, ich finde es weiterhin nicht in Ordnung. Es sollte mehr miteinander geredet werden zwischen den Beteiligten und den Schiedsrichtern. Am Anfang war es, wie immer, etwas Neues und wurde übertrieben. Es hat sich zum Glück etwas beruhigt im Laufe der Zeit.

Im März haben Sie eine Patenschaft am Gymnasium Theodorianum für die Aktion „Schule ohne Rassismus“ übernommen. Wie sehen Sie die aktuellen Proteste weltweit?

Ich finde gut, dass auch der Fußball sich positioniert hat, auch wenn es nur kleine Zeichen sind. Der Fußball, der Sport insgesamt, ist ein Bereich, der beispielhaft multikulturell geprägt ist. In jeder Hinsicht, ob Hautfarbe oder Religion, ob soziale Herkunft oder Bildungsniveau. Das Thema Rassismus war schon immer da, nicht erst seit dem Tod von George Floyd. Es gibt ihn tagtäglich in verschiedenen Spielarten, nicht nur nach Schwarz oder Weiß.

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