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Punkte futsch, Kaugummi auch: Trainer Florian Kohfeldt muss beim SV Werder Bremen ähnlich wie vor zwei Jahren aus einer schwierigen Situation befreien.

Werder Bremen in der Sieglos-Serie

Kohfeldts komplizierte Welt: An diesen sechs Stellschrauben muss der Werder-Trainer drehen

Bremen/Mönchengladbach – Beim SV Werder Bremen lösen sich die Probleme nicht von allein, Florian Kohfeldt ist gefordert. An diesen sechs Stellschrauben muss der Trainer drehen.

Rückblende: 10. November 2017, in Bremen wird Florian Kohfeldt beim SV Werder von der Interimslösung zum Cheftrainer auf Dauer befördert. Er hat ein Team zu führen, das mit fünf Punkten auf dem vorletzten Platz herumdümpelt. Zeitsprung: 10. November 2019, der SV Werder Bremen verliert bei Bundesliga-Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach mit 1:3, rutscht auf Tabellenrang 14 ab und bewegt sich nun wieder im Dunstkreis der Abstiegsregion. Also: Alles wie gehabt? Geht das jetzt wieder von vorne los?

Wer Werder Bremen Fußball spielen sieht, mag daran nicht glauben. Wer nur auf die Tabelle schaut, dagegen schon. Und Kohfeldt? Er hat das Team in zwei Jahren zwar vorangebracht und Offenbarungseide durch attraktiven Fußball ersetzt. Aber es fehlt seit Wochen der Ertrag. Weshalb der Coach heute wie damals einen Berg voller Probleme und Arbeit vor sich hat. Es sind sechs Stellschrauben, an denen der 37-Jährige vor den letzten sechs Partien der Hinrunde noch gewaltig drehen muss, damit sich eine Situation wie im November 2017 nicht wiederholt.

Werder Bremen muss: Kaltblütigkeit fördern!

Keine Frage, in erster Linie waren diese beiden Zahlen die aussagekräftigsten nach Werders Gastspiel in Gladbach: 1 und 3, das Ergebnis aus Bremer Sicht, gern auch fett gedruckt und nicht mehr verhandelbar. Alle anderen Werte und Statistiken, das ist klar, reihen sich brav dahinter ein, haben zum Teil aber dennoch große Aussagekraft. Und so gibt es noch zwei Zahlen, 16 und 17, die sehr viel über dieses Spiel vom Sonntag aussagen.

Sie beschreiben die Anzahl der Torschüsse und machen deutlich, dass für die Bremer bei besserer Ausbeute – wie so oft – mehr drin gewesen wäre, viel mehr. „Es hat nicht die bessere, sondern die effektivere Mannschaft gewonnen“, haderte Kohfeldt nach der Partie und hatte damit einerseits die tatsächlichen Kräfteverhältnisse auf dem Platz etwas verklärt, andererseits aber auch ein Problem angesprochen, das seine Mannschaft seit Wochen begleitet: Werder lässt es in den entscheidenden Momenten an der nötigen Kaltschnäuzigkeit vermissen.

Milot Rashica, Maximilian Eggestein und Davy Klaassen – sie alle hätten beim Spitzenreiter treffen können bis müssen und sind nur die jüngsten Beispiele für Werders mangelnde Chancenverwertung. Schon gegen Freiburg (21 Torschüsse/2 Tore), Leverkusen (11/2) und Hertha (16/1) hatte die Mannschaft zu viel liegen lassen, hatte sich auch deshalb um mögliche Siege gebracht. Aber wie die fehlende Kaltblütigkeit fördern? „Wir werden darüber reden und es nicht totschweigen“, sagt Kohfeldt und verweist mit einem kleinen Anflug von Genervtheit darauf, dass die Stürmer längst Zusatzschichten schieben, um den Torabschluss zu üben. Bisher mit sehr überschaubarem Erfolg.

Werder Bremen muss: Pavlenka stärken!

Auch wenn Torhüter Jiri Pavlenka im Interview vorgibt, Fehler dort zu lassen, wo sie passieren und nicht lange mit sich herumzutragen, ist doch klar, dass ihn die Ereignisse gegen Freiburg und Gladbach nicht kaltlassen. Für spielentscheidende Fehler gibt es schließlich auch bei Profis keinen psychologischen Lotus-Effekt, sie perlen nicht einfach ab. Deshalb muss Kohfeldt genau an diesem Punkt ansetzen.

Die Auseinandersetzung mit den Fehlern muss stattfinden – im positiven Sinn. Es geht nicht um Vorwürfe, nicht um Fertigmachen, vor allem nicht um eine Ablösung Pavlenkas. Das wäre nicht nur eine große Gemeinheit gegenüber einem der besten Bundesliga-Torhüter der vergangenen beiden Jahre, sondern auch ein Schnellschuss, der mehr schaden als helfen würde. Kohfeldts Auftrag: Vertrauen liefern, Aktionismus vermeiden.

Werder Bremen muss: Standards entschärfen!

Ramy Bensebaini hat die unheilvolle Serie fortgesetzt: Gladbachs Verteidiger hat Werder am Wochenende das achte Standard-Gegentor der Saison eingeschenkt – am elften Spieltag wohlgemerkt. Anfälliger ist keine Mannschaft in der Bundesliga nach ruhenden Bällen, und für die Bremer hat sich das anfangs latent nervende Thema längst zu einem handfesten Problem entwickelt. Eckball oder Freistoß für den Gegner – in dieser Saison bedeutet das viel zu oft Unheil, sprich ein Gegentor, was die fußballerische Qualität im eigenen Spiel, nun ja, unter dem Strich wertlos macht. „Die Mannschaft ärgert sich am meisten darüber“, berichtet Sportchef Frank Baumann.

Und die Mannschaft tut sich mit Erklärungen schwer. „Schwer zu beantworten. Das ist eine Phase, aus der wir rauskommen müssen“, sagt etwa Theodor Gebre Selassie. Am Ende muss Kohfeldt dafür Lösungen finden, gemeinsam mit seinem Trainerteam um den als Standard-Beauftragten empfangenen Ilia Gruev – und auch mit Team-Psychologe Andreas Marlovits. Denn dass hohe Bälle, die in den Strafraum fliegen, Kopfsache sind, ist bei Werder Bremen längst doppeldeutig zu verstehen. Kohfeldt mit Galgenhumor: „Ich habe keine Lust mehr auf das Thema und beantrage, dass wir zukünftig ohne Standards spielen.“ Wenn's so einfach wäre...

Der Gesichtsausdruck bildet ziemlich gut ab, wie es Maximilian Eggestein derzeit auf dem Platz geht. Werder Bremen ist seit sieben Spielen ohne Sieg.

Werder Bremen muss: Ruhe bewahren!

Leicht ist es ganz sicher nicht, und Florian Kohfeldt ist bewusst, dass er sich wiederholt, aber er tut es trotzdem: Er bleibt bei seiner Philosophie, sagte auch in Gladbach Sätze wie „Man darf auf gar keinen Fall den Weg ändern“ oder „Als Mannschaft halten wir die Wahrscheinlichkeit hoch, Spiele zu gewinnen. Nur in einzelnen Situationen schaffen wir es nicht.“ Der 37-Jährige klingt dabei trotz der Sieglos-Serie überzeugt und durchaus auch überzeugend, denn Kohfeldt hat einen Plan, und an dem hält er fest.

Richtig so? Jetzt an grundlegenden Dingen wie Spielsystem oder Ausrichtung zu rütteln, würde jedenfalls Gefahren bergen. Es könnte für Verunsicherung innerhalb der Mannschaft sorgen. Der Trainer tut also gut daran, die Ruhe zu bewahren, weiterhin an Details zu feilen und auf den Durchbruch zu hoffen. Angedeutet hatte er sich ja schon mehrfach (siehe die Führungen in Dortmund, Frankfurt, gegen Hertha, in Leverkusen und gegen Freiburg).

Intern sprechen sie bei Werder Bremen ohnehin eine Sprache: „Über die Philosophie gibt es keine Diskussion“, sagt Sportchef Baumann. Das dürfte sich auch erst ändern, wenn Kohfeldts Plan weiter an den Feinheiten scheitert, wenn Werder tatsächlich voll in den Abstiegskampf abrutscht. Denn auch Baumann weiß: „Wenn man nur das Spiel in Gladbach betrachtet, macht mir unsere Situation keine Sorgen, aber man muss es im Gesamtkontext sehen, und da haben wir in den letzten Wochen zu wenig Punkte geholt.“

Werder Bremen muss: Alternativen prüfen!

Maximilian Eggestein – dieser Name stand in der vergangenen Saison für eine hohe Qualität. In dieser Saison steht er für Stagnation auf einem sehr mittelmäßigen Level. Eggestein, der im Sommer die U21-EM absolviert hat, kommt überhaupt noch nicht in die Gänge. Und das obwohl er immer spielt. Oder weil er immer spielt? Möglicherweise täte ihm eine durch Kohfeldt verordnete Kunstpause gut.

In der aktuellen Länderspielphase wird Eggestein sicherlich nur sehr dosiert trainieren – aber reicht das schon, um ihn wieder zur alten Frische und Form zu führen? Alternativen für die kommenden Aufgaben ernsthaft zu prüfen, gehört zu Kohfeldts Pflicht. Zur Auswahl steht unter anderem eine Mittelfeld-Formation mit Edel-Reservist Philipp Bargfrede.

Andere Baustelle: Statt dauerhaft auf Linksverteidiger Marco Friedl zu vertrauen, ist auch eine Viererketten-Lösung mit Theo Gebre Selassie (links) und Michael Lang (rechts) vorstellbar.

„Eine Legende besagt: Hätte Herrmann nicht abgeschlossen, würde Friedl immer noch rückwärts laufen“

Marco Friedl von Werder Bremen sah beim Gegentor durch Gladbachs Patrick Herrmann nicht gut aus. Die Szene wurde auch von der Netzgemeinde kommentiert.
Marco Friedl von Werder Bremen sah beim Gegentor durch Gladbachs Patrick Herrmann nicht gut aus. Die Szene wurde auch von der Netzgemeinde kommentiert. © imago images / Jan Huebner
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Werder Bremen muss: Das Beste hoffen!

Das Beste hoffen – auch das gehört für einen Coach dazu. Speziell wenn es um die Rückkehr lange verletzter Spieler geht. Dann sind die Mediziner und Physiotherapeuten gefordert. Und Trainer Kohfeldt kann nur darauf warten, dass von ihnen während der Länderspielpause die Meldung kommt, dass die Abwehrspieler Niklas Moisander, Ömer Toprak und Ludwig Augustinsson für das Heimspiel gegen Schalke 04 wieder spielfähig sind.

Bei Kapitän Niklas Moisander gilt das als ziemlich sicher, bei Ömer Toprak und dessen schmerzender Wade wagt angesichts jüngster Erfahrungen kaum jemand eine Prognose. „Wir müssen schauen, dass wir ihn so stabil bekommen, dass er trainieren und komplett spielen kann“, umschreibt Sportchef Baumann den Auftrag für die anstehenden zehn Tage.

Bei Ludwig Augustinsson ist eigentlich schon klar, dass es für die Partie gegen Schalke nicht reichen wird. Kohfeldt: „Wir hoffen, dass er in der zweiten Woche der Länderspielpause ins Teamtraining zurückkehrt. Eine Startelf-Option wird er gegen Schalke noch nicht sein, vielleicht aber eine Woche später gegen Wolfsburg.“ Es ist also wie immer, wenn ein Trainer über die Situation der Verletzten spricht: Ein bisschen Wissen ist dabei und ganz viel Hoffnung. (csa/dco)

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