+
Trainer Florian Kohfeldt verzweifelte aufgrund der Passivität seines SV Werder Bremen gegen Hertha BSC.

Nach 2:2 gegen Hertha BSC

Taktik-Analyse: Formationsgewitter in Berlin – auch Systemwechsel bringen Werder keinen Sieg

Bremen - Mit Kevin Vogt auf der Sechs zeigte sich Werder Bremen in vielen Belangen verbessert – und doch gelang gegen Hertha BSC kein Sieg. Beim 2:2-Unentschieden wechselte Trainer Florian Kohfeldt gleich mehrfach die Formation. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert die Partie.

Nach fünf Bundesliga-Niederlagen in Folge war eins klar: Werder Bremen kann so nicht weitermachen. Einem Außenstehenden mag dieser Satz leicht von den Lippen gehen. Trainer Florian Kohfeldt muss ihn jedoch mit Leben füllen. Keine leichte Aufgabe angesichts der monumentalen Krise, in der sich Werder empfindet. Und doch konnte Kohfeldt mit seiner Aufstellung gegen Hertha BSC neue Impulse setzen.

Vorteile für Werder Bremen im Mittelfeld

Kohfeldt überraschte mit seiner Startformation. Kevin Vogt begann nicht in der Innenverteidigung, sondern im zentralen Mittelfeld. Bereits gegen Borussia Dortmund war er im Spielaufbau auf die Sechser-Position vorgerückt. In Berlin agierte er auch bei gegnerischem Ballbesitz vor der Abwehr.

Im Angriff ersetzte Joshua Sargent Stoßstürmer Davie Selke. Letzterer durfte aufgrund einer Vereinbarung nicht gegen seinen Ex-Klub Hertha auflaufen. Sargent startete jedoch nicht im Sturmzentrum. Stattdessen agierte er hinter der Doppelspitze aus Milot Rashica und Leonardo Bittencourt. Bremen begann also in einer Raute mit Vogt als Sechser und Sargent als Zehner.

Die Grafik zeigt, wieso Kohfeldt mit seiner Startformation richtig gelegen hat: Gegen Herthas 4-4-2-Formation erarbeitete sich Werder im Zentrum eine Überzahl. Kevin Vogt und Joshua Sargent standen zwischen den gegnerischen Linien frei.

Diese Variante überrumpelte Hertha. BSC-Trainer Alexander Nouri hatte seine Elf in einem 4-4-2 aufgestellt. Werder hatte gegen diese Variante eine klare Überzahl im Zentrum: Herthas Doppelsechs sah sich vier Werderaner Spielern entgegen. Vor allem Vogt und Sargent half dies. Sie standen jeweils zwischen den gegnerischen Linien frei. Josh Sargent kam vor dem 1:0 freistehend zwischen Berliner Abwehr- und Mittefeldlinie an den Ball (3.). Vogt wiederum durfte vor Herthas Mittelfeldlinie frei schalten und walten. Abstiegskandidat Werder Bremen ging nicht nur früh 2:0 (6.) in Führung, sie hatten auch die totale Dominanz über die Partie.

Werder Bremen zieht sich nach der frühen Führung gegen Hertha BSC zurück

Hertha BSC brauchte eine Viertelstunde, ehe sie ins Spiel fanden. Werder zog sich nun etwas weiter zurück. Die Berliner durften das Spiel aufbauen. Ihre Angriffsbemühungen waren für Werder aber leicht auszurechnen. Dadurch dass sowohl die Doppelsechs als auch die Außenverteidiger tief agierten, hatte Hertha keine Präsenz im offensiven Mittelfeld. Vogt dominierte diesen Raum.

Hertha versuchte mit zwei taktischen Mitteln, trotz dieser Defizite vor das Bremer Tor zu gelangen. Ihre vorrangige Option waren lange Bälle. Wieder und wieder versuchten die Berliner Verteidiger, Stürmer Krzysztof Piatek mit hohen Bällen zu füttern. Kohfeldt reagierte auf dieses taktische Mittel und beorderte Vogt in die Abwehr zurück. Im entstehenden 5-2-3 verteidigte Bremen die langen Bälle der Gastgeber stabil.

Das zweite Berliner Mittel war effektiver: Stürmer Matheus Cunha hielt seine Position nicht, sondern ließ sich immer wieder fallen. Gerade wenn er sich in die Lücken hinter Davy Klaassen oder Maximilian Eggestein bewegte, fand er Raum vor sich. Dies nutzte er, um direkt Richtung Tor zu dribbeln. Werder hatte diese Gefahr nicht immer in Griff. So holte Cunha den Freistoß heraus, den Hertha zum Anschlusstreffer nutzte (41.). Es war Bremens 19. Gegentreffer nach ruhenden Bällen in dieser Saison; das ist der schlechteste Wert der Liga.

Werder Bremen gegen Hertha BSC: Formationswechsel auf beiden Seiten

Kohfeldts Umstellung auf ein 5-2-3 hatte seine Mannschaft zwar defensiv stabilisiert. Dafür fehlte nun jeglicher Zug nach vorne. Bremen gelang es nicht mehr, den Ball in den eigenen Reihen laufen zu lassen. Vorne fehlte eine Präsenz, um Bälle festzumachen. Die zurückgezogene Rolle von Vogt sorgte wiederum dafür, dass er nicht hinter Herthas erster Pressinglinie anspielbar war.

Entsprechend änderte Kohfeldt in der Pause seine Marschroute: Vogt kehrte ins Mittelfeld zurück. Allerdings stellte auch Nouri in der Pause um. Zunächst beorderte er Vladimir Darida ins offensive Mittelfeld. Er sollte Vogt in Manndeckung nehmen und gleichzeitig als Zehner in die Spitze starten. Später stellte er auf ein 5-2-1-2-System um.

Hertha bekam nun mehr Zugriff auf den Bremer Spielaufbau. Ihre Art der Verteidigung war häufig chaotisch. So rückten etwa die Innenverteidiger weit vor, um Bremens Angreifer zu decken. Nur selten konnte Bremen diese Unordnung jedoch ausnutzen. Die Berliner gewannen schlichtweg die Mehrzahl der Zweikämpfe. Da Bremen zudem mit der Viererkette defensiv anfälliger auftrat, war der Ausgleichstreffer nur eine Frage der Zeit. Herthas bester Akteur Cunha traf zum 2:2 (60.).

Werder Bremen stabiler, aber nicht mehr gefährlich

Kohfeldt änderte danach abermals seine Formation. Mit der Einwechslung von Marco Friedl (65., für Bittencourt) stellte er erneut auf eine Fünferkette um. Vogt verblieb jedoch vor der Abwehr. Bremen agierte folglich in einem 5-3-2. Diese Variante stabilisierte Bremen defensiv enorm.

Allerdings bündelte sie die Kräfte auch stark in der eigenen Hälfte. Mit der Fünferkette plus Sechser Vogt dachten sechs Spieler vorwiegend defensiv. Da auch Eggestein und Klaassen immer seltener nach vorne rückten, fehlten Bremen Spieler, welche Herthas Mittelfeld nach hinten drückten. So konnte Bremen zwar den Ballbesitz in der Schlussphase hochtreiben, die Kugel passten sie sich aber vornehmlich außerhalb der gefährlichen Zonen zu.

Die Schlussphase prägten nicht mehr taktische Wechsel, sondern zahlreiche kleine und größere Fouls. Werder rettete das 2:2 ins Ziel. Florian Kohfeldt hatte mit seiner Aufstellung viel gewagt – und am Ende wenig gewonnen.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Kommentare