Die Taktik von Cheftrainer Florian Kohfeldt (li.) ging gegen den 1. FC Köln nicht ganz auf: Werder Bremen war offensiv viel zu harmlos.
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Die Taktik von Cheftrainer Florian Kohfeldt (li.) ging gegen den 1. FC Köln nicht ganz auf: Werder Bremen war offensiv viel zu harmlos.

Werder gegen Köln offensiv harmlos

Totale Defensive: Köln lässt Werder Bremen eigene Medizin schlucken – die Taktik-Analyse

Bremen - Bisher setzte Werder Bremen in dieser Saison auf eine stabile Defensive. Gegen den 1. FC Köln erlebte die Mannschaft von Cheftrainer Florian Kohfeldt, wie es ist, wenn sich der Gegner dem Spiel komplett verweigert. Die Kölner deckten Bremens Schwächen im Spielaufbau auf, meint unser Taktikanalyst Tobias Escher.

Die Defensive war bislang in dieser Saison Werders Erfolgsgarant. Die Strategie der Bremer: kompakt stehen, dem Gegner den Ball überlassen und schnell kontern. An den ersten sechs Spieltagen hatten die Bremer stets weniger Ballbesitz als der Gegner, in drei Spielen lagen ihre Spielanteile sogar unter 40 Prozent. Gegen den bisher sieglosen 1. FC Köln standen die Bremer plötzlich vor einer anderen Aufgabe: Der Gegner verschanzte sich am eigenen Strafraum. Plötzlich hatte Werder Bremen einen Ballbesitzanteil von 67% - und tat sich äußerst schwer damit, das gegnerische Abwehr-Bollwerk zu knacken.

Werder Bremen in der Taktik-Analyse Köln verteidigt mit Mann und Maus

Kölns Taktik lässt sich in wenigen Worten erklären: Sie zogen sich bei gegnerischem Ballbesitz geschlossen in die eigene Hälfte zurück. Alle zehn Feldspieler verteidigten hinter der Mittellinie in einem 4-1-4-1-System. Die Kölner übten praktisch keinen Druck auf den Spielaufbau der Bremer aus. Einzige Besonderheit ihres totaldefensiven Systems: Die Abwehrkette stand äußerst breit. So sicherten sie die Flügel ab für den Fall, dass Bremen das Spiel von einer Seite zur anderen verlagerte.

Werder Bremen stand praktisch von der ersten Minute an vor der Aufgabe, das Bollwerk des Gegners zu bespielen. Florian Kohfeldt hatte seine Mannschaft dazu in einer flexiblen 3-4-3-Formation aufgestellt. Jean-Manuel Mbom bot sich häufig auf dem linken Flügel an. Gegen den Ball bewegte er sich aber auch schon einmal ins Mittelfeldzentrum, um für den vorrückenden Maximilian Eggestein abzusichern. Solche Rochaden probierte Bremen auf der linken Seite ständig. Im Spielaufbau rückte der einzige Sechser Christian Groß häufig auf die linke Seite, Mbom bewegte sich dann ins Zentrum. Auch Leonardo Bittencourt wich immer wieder auf den Flügel aus. So konzentrierten sich die Aufbaubemühungen der Bremer lange Zeit auf die linke Seite.

Werder Bremen gegen den 1. FC Köln in der Taktik-Analyse: Die Grafik zeigt Werders fruchtlose Versuche im Spielaufbau. Auf der linken Seite gab es viele Rochaden und Bewegungen. Doch insgesamt war Bremens Ansatz zu risikoarm, was sich an der tiefen Position der Dreierkette plus Groß zeigt.

Werder Bremen in der Taktik-Analyse gegen den 1. FC Köln: Zu wenig Risiko, Passschärfe und Tiefe

Wirklich fruchtbar waren diese Ansätze jedoch nicht. Werder Bremen mangelte es an vielem, um die tiefstehenden Kölner zu knacken. Es begann bei der fehlenden Passschärfe: Der Ball lief viel zu langsam durch die eigene Dreierkette. Köln konnte ohne große Mühe nachschieben, ehe der Ball von einem auf den anderen Flügel gespielt wurde. Das zweite große Problem war die fehlende Risikobereitschaft der Bremer. Schon die Grundformation war äußerst defensiv gewählt: Hinten sicherten zu jeder Zeit die Dreierkette plus Sechser Groß ab – und das, obwohl bei den Kölnern mit Sebastian Andersson gerade einmal ein Stürmer für Konter bereitstand. Gerade die äußeren Innenverteidiger wagten es nie, mit dem Ball am Fuß anzudribbeln oder ohne Ball nach vorne aufzurücken. Somit war Bremen in der gegnerischen Hälfte durchgehend in Unterzahl.

Das dritte Problem begleitet Werder Bremen bereits seit vielen Monaten: Es mangelt an Tiefe im eigenen Spiel. Bittencourt, Eggestein und teils auch Milot Rashica kamen häufig dem Spielaufbau entgegen. Das erleichterte Köln die Abwehrarbeit, gab es doch keine Präsenz in der letzten Linie, die sie hätten verteidigen müssen.

Werder Bremen: Risiko erst nach Rückstand – die Taktik-Analyse

Das Spiel gestaltete sich entsprechend einschläfernd: Köln konzentrierte sich ganz auf die Defensive, Werder Bremen schob sich den Ball hin und her. Werders Versuch, das Spiel mit Diagonalbällen von der linken auf die rechte Seite zu verlagern, konterte Köln mit der breiten Abwehrkette. Nach der Pause blieben die Bremer ihrer Strategie treu. Nun verschob auch die Dreierkette auf die linke Seite, der Fokus auf diese Spielseite verstärkte sich noch. Zu Chancen kamen die Bremer aber praktisch nur nach Ballverlusten. Dann konnten sie mit ihrer Offensivformation den Ball schnell zurückerobern. Solche Ballverluste waren angesichts des langsamen Ballbesitzspiels aber selten.

Risiko wagte Florian Kohfeldt erst, nachdem die Kölner in Führung gegangen waren (67.). Mit der Einwechslung von Tahith Chong (74., für Mbom) kam ein schneller Dribbler für die linke Seite. Er versuchte häufig, auf dem Flügel in Eins-gegen-eins-Situationen zu gelangen. Torgefahr versprühten die Bremer weiterhin nicht; immerhin leiteten sie den Elfmeter zum Ausgleichstreffer über die linke Seite ein (82.). Im Endeffekt war aber Bremens Treffer genauso ein Zufallsprodukt, wie es bereits Kölns Führungstreffer gewesen war. Die Kölner machten nicht mehr, als sie mussten – und legten dennoch die Schwächen des SV Werder Bremen offen. Das Ballbesitzspiel bleibt der Bereich, in dem die Bremer massiv zulegen müssen. Sonst werden bald mehr Gegner die Bremer schachmatt setzen, wie die Kölner es taten – indem sie einfach nichts tun.

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