Trainer Florian Kohfeldt läuft mit einem Ball unter dem Arm über den Trainingsplatz des SV Werder Bremen und streckt den Daumen hoch
+
Gute Arbeit im Training: Trainer Florian Kohfeldt hat Werder Bremen defensiv stabilisiert.

Abwehr deutlich stabiler

Die Null muss stehen: Werders neu gewonnene Defensiv-Stärke in der Taktik-Analyse

Nur zehn Gegentore in acht Spielen: Werder Bremen hat sich in dieser Saison defensiv stabilisiert. Trainer Florian Kohfeldt hat das Team in vielen Details verbessert – und die Spieler haben weniger Angst, Fehler zu begehen. Eine Taktik-Analyse von Tobias Escher.

Fans des SV Werder Bremen brauchten in der vergangenen Saison verdammt starke Nerven. Jeder gegnerische Angriff, jeder Eckball und jeder Freistoß brachten das Bremer Publikum ins Schwitzen. 69 Gegentore kassierten die Bremer in der vergangenen Spielzeit; ein gewichtiger Grund, warum sie am Ende fast abgestiegen wären.

In dieser Spielzeit lebt es sich leichter als Fan. Während Werder Bremen in der vergangenen Saison 2,02 Tore pro Spiel kassiert hat, liegt dieser Wert nach acht Spieltagen der neuen Saison bei 1,25. Seit dem 1:4 am ersten Spieltag gegen Hertha BSC mussten die Bremer nie mehr als einen Gegentreffer pro Spiel hinnehmen. Nicht nur die nackten Zahlen sprechen für das Team von Trainer Florian Kohfeldt. Die Mannschaft macht defensiv einen wesentlich gefestigteren Eindruck, als es in der vergangenen Saison der Fall war.

(Verfolgt das Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg im Live-Ticker der DeichStube!)

Werder Bremen-Taktik: Sehr wenig Ballbesitz, sehr viel Laufdistanz der Mittelfeldspieler

Das Kuriose: Rein aus taktischer Sicht sind die Unterschiede zum letzten Drittel der vergangenen Saison relativ gering. Damals hatte Kohfeldt im Abstiegskampf das Projekt „dominanter Ballbesitzfußball“ aufgegeben. Seine Bremer sollten mit Kompaktheit, Zweikampfstärke und schnellen Gegenstößen den Klassenerhalt erzwingen. Die Grundfesten dieser Strategie haben sich seit der Schlussphase der vergangenen Saison kaum verändert. Auch in dieser Saison setzt Werder Bremen auf defensive Stabilität statt auf offensiven Hurra-Fußball. Nach acht Spieltagen stellt Werder das Team mit dem drittgeringsten Ballbesitz (durchschnittlich 43,6 Prozent), nur Mainz und Augsburg überlassen dem Gegner mehr Spielanteile.

Bremens Taktik sieht vor, die Abwehrkette des Gegners im Spielaufbau nicht zu stören. Stattdessen sollen die Angreifer die Passwege des Gegners ins Mittefeld zustellen. Werder agiert häufig mit drei Spielern in der vordersten Linie, wobei die beiden Außenstürmer weit einrücken. Zusammen postieren sie sich im 5-2-3 so, dass der Gegner den Ball möglichst nach Außen spielen soll. Gelangt der Ball ins Mittelfeld, schlägt Bremen zu: Die Sechser sowie die Außenverteidiger rücken heraus, um den Gegner zu stellen. Die Spieler unterstützen sich dabei. Wird etwa Druck auf den gegnerischen Außenverteidiger ausgeübt, rücken der jeweilige Bremer Außenverteidiger sowie ein zentraler Mittelfeldspieler heraus. Die Mittelfeld-Spieler sind entsprechend auch die Akteure, welche die höchste Laufdistanz zurücklegen. Gerade Maximilian Eggestein opfert sich im Mittelfeld auf.

Werder Bremen: Verbesserungen im Stellungsspiel und im Abwehrverbund

Warum funktioniert dieser Stil in der neuen Saison so gut? Im Wesentlichen gab es drei Verbesserungen. Die erste betrifft das Stellungsspiel der vorderen Akteure. Stürmer Josh Sargent justiert seine Position ständig nach, bewegt sich immerzu. Nur so kann er den Passweg ins Mittelfeld schließen. Sargent ist derzeit vor allem wegen seiner defensiven Stärken gesetzt.

Die zweite Verbesserung betrifft den Abwehrverbund. In der vergangenen Saison war insbesondere die Endverteidigung brüchig. War das Mittelfeld überspielt, konnte der Gegner das Tempodefizit der Bremer Verteidiger ausnutzen. Die Spieler ließen teils zu große Lücken hinter sich, das Timing beim Herausrücken stimmte selten. Das hat sich erheblich verbessert in dieser Saison. Dazu trägt bei, dass Florian Kohfeldt mittlerweile fast durchgehend auf eine Fünferkette in der Abwehr setzt. Das erhöht die Stabilität in der letzten Linie.

Werder Bremen: Wenig taktische Veränderung bei Standards - aber auch weniger Angst

Der dritte Unterschied: In der vergangenen Spielzeit fingen die Bremer wesentlich mehr Gegentore nach Standards. Selbst in Spielen, in denen Werder gut verteidigte, kassierten sie oft den ersten Gegentreffer nach einem ruhenden Ball. Werder musste anschließend aufrücken, um den Rückstand aufzuholen – und öffnete damit Raum für gegnerische Konter. Zwei Gegentore musste Werder Bremen nach ruhenden Bällen in dieser Saison erst hinnehmen. Vergangene Saison waren sie mit 21 Gegentreffern das Schlusslicht in dieser Statistik.

Aus taktischer Sicht hat sich bei Werder auch hier nicht viel verändert: Die Bremer verteidigen noch immer in einer Mischung aus Mann- und Raumdeckung, welche sie an den jeweiligen Gegner anpassen. Mittlerweile gehen die Spieler aber merklich zielbewusster zum Ball. Die Angst, dass jeder Standard der entscheidende Gegentreffer sein könnte, ist weg.

Werder Bremen: Neuer Mut in der Defensive nach Ballverlusten und beim Gegenpressing

Dieser neue Mut zeichnet Werder Bremen nicht nur bei Standardsituationen, sondern in allen Bereichen der Defensivarbeit aus. Die Spieler wagen sich häufiger in Zweikämpfe, rücken vor, sichern sich gegenseitig besser ab. Die Furcht, mit einem Fehler zum Buhmann zu werden, scheint verflogen. Das macht sich in einem anderen Bereich der Defensivarbeit bemerkbar: dem Gegenpressing. Kohfeldt betont, dass die Mannschaft trotz geringer Ballbesitzwerte fleißig das Aufbauspiel trainiert. Immer und immer wieder üben die Spieler, wie sie sich bei Ballbesitz zu positionieren haben.

Für den Spielaufbau selbst trägt diese Arbeit noch kaum Früchte. Dafür aber für das Verhalten nach Ballverlusten: Werder steht auch mit Ball relativ kompakt, hält die Abstände zwischen den Spielern gering. Somit können sie nach einem Ballverlust sofort mit mehreren Spielern zum Gegenpressing übergehen und die Kugel zurückerobern. Gegnerische Konter werden damit im Keim erstickt. Bislang konnten die Gegner des SV Werder Bremen noch keinen einzigen Treffer nach Kontern erzielen. Dank der starken Defensive steht Bremen in dieser Saison wesentlich besser da. Kohfeldt wird weiter auf dieser Stärke aufbauen – und die Bremer Fans freuen sich, dass sie nicht mehr bei jedem gegnerischen Angriff oder Eckball ein Gegentor fürchten müssen.

Auch interessant: So seht Ihr am Freitag das Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg live im TV und im Live-Stream.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare