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Was soll man da machen? Florian Kohfeldt und Werder Bremen verzweifeln regelmäßig an den eigenen Unzulänglichkeiten. Zuletzt geschehen bei der Niederlage gegen Gladbach.

Nach 1:3-Niederlage gegen Gladbach

Werder-Taktik-Analyse: Individuelle Fehler untergraben Kohfeldts Matchplan

Von Constantin Eckner. Gegen den Tabellenführer Borussia Mönchengladbach zeigte Werder Bremen Licht und Schatten. Die Defensive beging schmerzhafte Fehler und ganz vorn fehlte den Bremern ein wenig das Spielglück, um gegen die an sich überlegenen Gladbacher etwas Zählbares mitzunehmen.

Der größte Angstgegner für Werder Bremen ist nicht irgendein Bundesligist. Nein, es sind die Standardsituationen. Auch gegen Borussia Mönchengladbach gerieten die Bremer nach einem Freistoß in Rückstand und mussten nach einem weiteren Gegentreffer rasch ein 0:2 aufholen, was ihnen nicht gelingen sollte. Dabei war die Grundausrichtung von Werder klug gewählt. Kurz vor der Partie verletzte sich Ömer Toprak, weshalb Florian Kohfeldt nicht mit der identischen Startformation wie beim 2:2 gegen SC Freiburg in der Vorwoche antreten konnte. Anstelle von Toprak spielte Sebastian Langkamp im Zentrum einer Fünferkette. 

Statt jedoch auf ein starres 5-3-2 zu vertrauen, machte Kohfeldt seinem Namen als Experte fürs Positionsspiel einmal mehr alle Ehre. Denn er ließ ein „Hybridsystem“ spielen, in welchem Leonardo Bittencourt auf der linken Seite zwischen klassischem Flügelverteidiger und offensivem Flügelstürmer hin- und herwechselte. Auf der rechten Seite driftete regelmäßig Maximilian Eggestein von seiner nominellen Achterposition auf den Flügel und entlastete dadurch Theo Gebre Selassie, welcher sich nicht so häufig in die Offensive einschalten musste und dafür Marcus Thuram bewachen konnte.

Borussia Mönchengladbach hatte Werder Bremens linke Seite als Schwachstelle ausgemacht

Thuram war in der ersten Halbzeit auch der wichtigste Zielspieler in Gladbachs Offensive. Zumeist griffen die Fohlen über die eigene rechte Seite an und suchten im letzten Spielfelddrittel den Diagonalball auf den einlaufenden Franzosen. Anders als beispielsweise gegen die Roma am Donnerstag oder Bayer Leverkusen vor einer Woche ließ Gladbach-Trainer Marco Rose nicht mit einer Dreierkette spielen. Mit je zwei nominellen Flügelspielern auf beiden Außenbahnen wollte er das Spiel über die Seiten stärken.

Die Grafik zeigt Werder Bremens „Hybridsystem“ mit dem immer wieder zwischen klassischem Flügelverteidiger und offensivem Flügelstürmer hin- und herwechselnden Leonardo Bittencourt.

Werders linke Seite wurde dabei anscheinend vor dem Spiel als Schwachstelle ausgemacht, weshalb Kohfeldts Plan mit Bittencourt als zurückgezogenen Flügelverteidiger sehr passend war. Auch wenn Gladbach die ersten 20 Minuten klar dominierte, konnten die Bremer in vielen Situationen die Angriffe abwehren, wenn auch manches Mal in höchster Not. 

Der Kopfballtreffer von Ramy Bensebaini nach einem Freistoß von László Bénes machte diese Arbeit jedoch zunichte. Die mangelnde Abstimmung innerhalb der Fünferkette vor dem 2:0 der Gladbacher verursachte einen weiteren Nackenschlag. In der Entstehung des Tores von Patrick Herrmann entschieden sich Bittencourt und Langkamp rauszurücken, während andere Werder-Verteidiger zurückblieben, wodurch Thuram und Herrmann beim langen Ball eben nicht im Abseits standen. Jiri Pavlenkas ungestümes Herauslaufen war da nur das i-Tüpfelchen.

Werder Bremen stellte beim Stand von 0:2 auf Viererkette um

In der Folge spielte Werder Bremen risikoreicher, so wie es Trainer Florian Kohfeldt von seiner Mannschaft sehen will. Das schlug sich auch in der taktischen Ausrichtung nieder. Bittencourt agierte zunehmend als klarer Flügelstürmer in einem 4-3-3 und Eggestein unternahm halbrechts immer wieder Läufe in den Strafraum Gladbachs. Der wichtigste Offensivspieler war allerdings Milot Rashica, der sich bewusst von der Abwehr der Fohlen weg bewegte, um sich deren Zugriff zu entziehen und die Bälle im linken Halbraum aufzunehmen.

Trotz des starken Gladbacher Pressings – die Fohlen sind neben Leverkusen die wohl kompetenteste Pressingmannschaft der Bundesliga – spielte Werder beispielsweise Abstöße kurz. Das erzeugte natürlich Druck auf Langkamp und Co., lockte allerdings auch die Gladbacher ein wenig raus. Dadurch hatte eben ein Rashica mehr Raum, um Zuspiele zu verarbeiten, sich zu drehen und Angriffe zum gegnerischen Strafraum voranzutreiben – wie etwa vorm Treffer von Yuya Osako, der via Videobeweis aberkannt wurde. Das Problem für Werder war, dass viele Pässe auf Rashica und seine Nebenmänner mit viel Risiko gespielt wurden und auch mehrfach zu Ballverlusten führten.

Davy Klaassens Fehlschuss sinnbildlich für Werder Bremens Auftritt

Auch in der zweiten Halbzeit hatte Bremen noch Gelegenheiten, um ins Spiel zurückzukehren. Davy Klaassen hätte mit seinem Elfmeter das Anschlusstor erzielen könnte, scheiterte aber an Yann Sommer. Der 26-Jährige war gerade in dieser Phase ein Abbild des Bremer Spiels. Er schaltete sich immer mehr in die Offensive ein, agierte allerdings auch ungestüm. War Klaassen zu Beginn des Spiels noch die Absicherung neben Nuri Sahin, fungierte er in der zweiten Halbzeit als verkappter Zehner. Vorm 3:0 der Fohlen war er es eben auch, der halbrechts in eine Gruppe von Gladbachern hineinrannte und damit den Umschaltangriff von Denis Zakaria einleitete.

Gegen ein Team wie Gladbach, das sich momentan in exzellenter Form befindet, taktisch flexibel ist und von Trainer Rose immer wieder sehr präzise auf Gegner eingestellt wird, bedarf es für Werder einer nahezu fehlerlosen Vorstellung. Andernfalls geraten die Bremer in Rückstand und können sich nur noch schwerlich davon erholen. So geschehen am Sonntag im Borussia-Park.

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