Werder Bremen in der Krise: Die Taktik von Cheftrainer Florian Kohfeldt ging gegen Union Berlin nicht auf.
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Werder Bremen in der Krise: Die Taktik von Cheftrainer Florian Kohfeldt ging gegen Union Berlin nicht auf.

Werder mit 0:2 gegen Union Berlin

Werder in der Taktik-Analyse: Kein Vorbeikommen an der Berliner Mauer

Bremen - 70 Prozent Ballbesitz, 0:2 Tore: Werder Bremen gelang es gegen Union Berlin nicht, aus dem Ballbesitzspiel Torchancen zu kreieren. Das lässt immer stärkere Zweifel aufkommen an Werders Bundesliga-Tauglichkeit, schreibt unser Taktikanalyst Tobias Escher.

So unterschiedlich kann eine Woche verlaufen. Auf den umjubelten DFB-Pokal-Sieg gegen Borussia Dortmund folgten Pfiffe nach der 0:2-Niederlage gegen Union Berlin. Nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Verlauf der beiden Partien unterschied sich gewaltig: Während Werder Bremen unter der Woche nicht einmal 30% Ballbesitz verbuchte, lag der Anteil gegen Union Berlin bei 70%. Werder fehlten jedoch zündende Ideen, wie sie diesen Ballbesitz hätten nutzen können.

Dominantes Werder Bremen, lauernde Berliner

Auf dem Papier veränderte Trainer Florian Kohfeldt seine Startelf nur auf einer Position. Ömer Toprak kam für Milos Veljkovic. Werder Bremen begann das Spiel in einer Mischung aus 3-4-3 und 5-2-3.

Der Unterschied im Vergleich zum Dortmund-Spiel bestand darin, dass die Werderaner wesentlich mehr Spielanteile hatten. Das lag indes am Gegner: Union Berlin konzentrierte sich ganz auf die eigene Defensiv- und Konterstärke. Union baute sich in einem 5-4-1 kurz hinter der Mittellinie auf. Die Berliner hielten die Abstände zwischen Mittelfeld und Abwehr gering. Kurz hinter der Mittellinie suchten sie den Zugriff. Nach Ballgewinnen wollten sie über die Flügel schnell in die Spitze spielen.

Es entwickelte sich ein Spiel mit einer ähnlichen Dynamik wie am Dienstagabend – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Werders Dreierkette ließ den Ball laufen, ohne dass Union störte. Sobald sie versuchten, den Ball ins Mittelfeldzentrum zu spielen, standen Unions Spieler den Bremern auf den Füßen. Werder sollte den eigenen Ballbesitz nur in ungefährlichen Zonen ausspielen können.

Werder Bremen-Taktik: Der Versuch, in den Zehnerraum zu gelangen

Werder Bremen versuchte dennoch, sich an den kompakt agierenden Berlinern vorbei zu kombinieren. Yuya Osako und Milot Rashica ließen sich immer wieder von ihren Halbpositionen in den Zehnerraum fallen. Sie sollten sich hier zunächst anbieten. Sobald die Verlagerung gespielt wurde, sollten sie in die Spitze starten. Doch dieses Stilmittel ging zu selten auf.

„Tiefe!“, brüllte Florian Kohfeldt mehrfach von der Seitenlinie auf das Feld. Daran mangelte es Bremen, sobald sich sowohl Osako als auch Rashica fallenließen. Auf den Außenbahnen wiederum deckten Unions Flügelverteidiger Bremens Flügelverteidiger aus dem Spiel. Bremen kam einfach nicht vorbei am Gegner.

Den Bremern mangelte es vor allem an Risiko: Selbst wenn sich Osako und Rashica gut positionierten, folgte fast nie der Pass zu ihnen. Zu groß war die Angst eines Ballverlusts. Die Kehrseite war, dass Werder Bremen defensiv solide stand: Sie hatten kaum Ballverluste zu beklagen, Union fand nie ins eigene Umschaltspiel. Dass Werder angesichts der Tabellensituation keinen Hochrisikofußball spielte, war verständlich.

Werder Bremen: Gutes Risiko, schlechtes Risiko

Mitte der ersten Hälfte hatte Werder seine vielleicht beste Phase. Hier wagten die Bremer genau das, was sie ansonsten vermieden: Sie spielten diagonale Bälle von den Halbverteidigern direkt in den Zehnerraum. Osako, Rashica oder Stürmer Davie Selke legten ab, Maximilian Eggestein konnte in der Folge mit Ball Richtung Tor laufen. Zwingend waren diese Aktionen selten, aber zumindest konnte Werder Raumgewinn verbuchen.

Nach der Pause versuchte Werder Bremen, diese Ansätze zu intensivieren. Der zentrale Verteidiger Kevin Vogt rückte nun im Spielaufbau aus der Dreierkette nach vorne. Er gab den Sechser vor der Abwehr. Damit sollte er Aufmerksamkeit des Gegners auf sich ziehen, damit Eggestein und Davy Klaassen mehr Freiräume erhielten. Union bewies aber Flexibilität. Die Außenstürmer rückten weiter in die Mitte, Union verteidigte noch ein Stück kompakter.

Vogts Vorrücken war zugleich das Zeichen, dass Werder fortan offensiver auftreten wollte. Die Außenverteidiger rückten ebenfalls etwas weiter vor. Werder wollte das eigene Ballbesitzspiel stärker in die gegnerische Hälfte tragen. Das verschlechterte jedoch die Konterabsicherung. So geschah es, dass Union Berlin mit dem zweiten wirklichen Konter in Führung gehen konnte (52.).

Die Grafik zeigt das Bemühen des SV Werder Bremen, durch das Mittelfeldzentrum zu kommen. Milot Rashica und Yuya Osako ließen sich immer wieder dorthin fallen. Union war hier aber kompakt aufgestellt.

Werder Bremen: Ideenarm und instabil

Florian Kohfeldt, der im Spiel von einem „Fan“ mit einem Becher beworfen wurde, musste auf den Rückstand reagieren. Mit den Einwechslungen von Fin Bartels (69., für Selke) und Joshua Sargent (69., für Toprak) stellte er auf ein 4-3-3-System um. Eggestein übernahm den Posten als Sechser. Später brachte er mit Claudio Pizarro (77., für Osako) einen weiteren echten Stürmer. Zum Schluss agierten Rashica, Pizarro und Sargent als Dreiersturm.

Die Wechsel verbesserten Werders Ballbesitzspiel kaum. Die Konterabsicherung litt unter der noch offensiveren Ausrichtung. Union blieb cool, verteidigte weiterhin kompakt im 5-4-1 und erzielte per Konter den Treffer zum 2:0 (72.). Das genügte, um eine völlig verunsicherte Bremer Elf schachmatt zu setzen. Werder Bremen versuchte weiterhin, mit flachem Kombinationsspiel vor das Tor zu gelangen. Das Einzige, was die Bremer damit erreichten, war ein neuer Ballbesitz-Rekordwert in dieser Saison mit knapp 70%.

Werders Krise spitzt sich zu. Im Ballbesitzspiel findet Florian Kohfeldt einfach nicht die richtige Balance aus Offensive und Defensive. Mal fehlt jegliche Torgefahr, mal sichern die Bremer Konter schlecht ab. Vielleicht ist es angesichts der spielerischen Schwächen sogar passend, dass Werder Bremen nun auf Leipzig und Dortmund trifft. Hier könnten sie wie im Pokal mit einer soliden Defensive und schnellen Kontern punkten. Aus dem Spiel heraus gelingt aktuell kaum etwas.

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