Werder Bremen fehlte gegen den FC Ingolstadt die Durchschlagskraft: Der Matchplan von Werder-Trainer Ole Werner in der Taktik-Analyse.
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Werder Bremen fehlte gegen den FC Ingolstadt die Durchschlagskraft: Der Matchplan von Werder-Trainer Ole Werner in der Taktik-Analyse.

Warum Werners Matchplan nicht aufging

Dominant, aber kaum Durchschlagskraft: Werders Unentschieden gegen Ingolstadt in der Taktik-Analyse

Bremen – Statt eines Rekords für Ole Werner gab es gegen den Tabellenletzten aus Ingolstadt ein ernüchterndes Unentschieden. Werder habe die Partie zwar kontrolliert, meint DeichStube-Taktikanalyst Tobias Escher. Doch in der Schlussphase fehlte die Dominanz.

Ein ungewohntes Gefühl waberte in den vergangenen Tagen durch die Fußballstadt Bremen: Euphorie. Werder Bremen befand sich nach sieben Siegen in Folge auf Aufstiegskurs. Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch trafen zuletzt, wie sie wollten. Trainer Ole Werner hatte gegen den FC Ingolstadt sogar die Chance, einen uralten Rekord von Legende Otto Rehhagel zu knacken. Doch in die Feierlichkeiten platzte Filip Bilbija. Der Ingolstädter erzielte den späten 1:1-Ausgleichstreffer und sorgte so für den ersten Punktverlust von Trainer Werner. Gänzlich unverdient war das Tor nicht: Werder tat sich gegen die kompakten Viererketten des Tabellenletzten ungewohnt schwer.

Werder Bremen gegen den FC Ingolstadt in der Taktik-Analyse: Zwei kompakte Viererketten als Herausforderung für Ole Werner

Mit einer Serie von sieben Siegen im Rücken sah Ole Werner wenig Anlass, seine Mannschaft zu verändern. Werder Bremen trat erneut in einer 3-5-2-Formation auf. Personell gab es im Vergleich zum 2:1-Sieg in Rostock nur zwei Wechsel: Der wieder genesene Milos Veljkovic ersetzte Lars-Lukas Mai, während Nicolai Rapp für den gesperrten Leonardo Bittencourt in die Anfangself rutschte. Bereits in der vergangenen Woche sah sich Bremen einem defensivstarken Gegner entgegen. Der Aufsteiger aus Ingolstadt mauerte noch stärker als der Aufsteiger aus Rostock: Der FCI stellte sich in einem 4-4-2-System in der eigenen Hälfte auf. Nur punktuell setzten die Ingolstädter Stürmer zum Pressing an. In den meisten Phasen zog sich das Team geschlossen in die eigene Hälfte zurück.

Werder Bremen musste einen gut organisierten Gegner knacken. Ingolstadt gelang es, tief zu stehen und trotzdem immer wieder den Rhythmus der Bremer zu brechen. So rückte ein Ingolstädter Sechser meist etwas weiter nach vorne, um Werders Sechser Christian Groß anzulaufen. Er sollte sich nicht drehen und mit dem Gesicht zum Ingolstädter Tor weiterspielen dürfen. Ingolstadt blockierte so den Weg durch das Zentrum, zog sich aber weit zurück, sobald die Bremer über die Flügel kamen.

Die Grafik zeigt Ingolstadts äußerst defensive Formation. Meist reihte sich der FCI in einem 4-4-2 am eigenen Strafraum auf. Ab und an rückte ein Sechser aus dem Mittelfeld vor, um Christian Groß anzulaufen. So blockierte der FCI das Zentrum und lenkte Werder Bremen auf die Außen. Hier fanden Werders Außenverteidiger Raum vor.

Viel Geduld, viele Flanken, viele Ecken: Werder Bremen gegen den FC Ingolstadt in der Taktik-Analyse

In der Anfangsphase fehlte es dem SV Werder Bremen noch an Genauigkeit und Geduld, um die Kontrolle über das Spiel zu erlangen. Ingolstadt kam zu einigen Ballgewinnen im Zentrum. Diese wollten sie per Konter über die rechte Seite in Chancen ummünzen. Marco Friedl stand hier im Ballbesitz recht zentral, sodass durchaus Lücken vorhanden waren. Doch Ingolstadts Hereingaben von der rechten Seite blieben zu ungenau. Spätestens nach einer Viertelstunde gelang es den Bremern, die Kontrolle über das Spiel an sich zu reißen. Immer wieder verlagerten die Bremer das Spiel von einer Seite auf die andere. Die äußeren Innenverteidiger rückten weit nach Außen, um die Verlagerungen entgegenzunehmen. Die Außenverteidiger rückten wiederum vor, um an der letzten Linie den Ball zu erhalten.

Werder Bremen überzeugte in dieser Phase mit Ballsicherheit und Geduld. Chancen aus dem Spiel heraus kamen jedoch nur selten zustande. Das Spiel im Mittelfeld funktionierte nicht so gut wie zuletzt: Ersatzmann Rapp unterstützte im Gegensatz zu Stammspieler Bittencourt nur selten die Flügel, sondern orientierte sich eher Richtung Strafraum. Werder musste somit häufiger flanken und konnte sich seltener durch das Zentrum kombinieren. Da halfen auch die Ausflüge von Ducksch auf die Flügel nichts. Die Flanken führten zwar nur in den wenigsten Szenen zu Abschlüssen; nur Niclas Füllkrug wusste sich gegen Ingolstadts Verteidiger in der Luft durchzusetzen. Dafür kam Werder jedoch nach abgelenkten Flanken oder geklärten Kopfbällen zu zahllosen Eckstößen. Die besten Chancen gab es in der ersten Halbzeit nach ruhenden Bällen; der erlösende Treffer sollte jedoch nicht gelingen.

Werder Bremen gegen Ingolstadt in der Taktik-Analyse: Mehr Druck und ein unnötiger Gegentreffer

Der folgte erst nach der Pause. Werder Bremen erhöhte nun den Druck über die Flügel. Die Bremer spielten nun seltener flache Verlagerungen zwischen den äußeren Innenverteidigern, sondern wählten häufiger den direkten Weg über den langen Diagonalball. Vor allem Rechtsverteidiger Mitchell Weiser bekam zahlreiche solcher Zuspiele. Seine Flanken in den Strafraum brachten jedoch nicht den erhofften Treffer. Linksverteidiger Anthony Jung kam die Ehre zuteil, Füllkrugs Führungstreffer einzuleiten (74.). Wer nun gehofft hatte, die Führung im Rücken würde das Spiel faktisch beenden, wurde schnell eines Besseren belehrt. Obwohl der FC Ingolstadt nun auf ein offensiveres 4-3-1-2-System umstellte, kam Werder kaum zu Kontern. Ingolstadts Versuche, über lange Bälle den Ausgleich zu erzwingen, waren zwar weitestgehend harmlos. Immerhin gelang es ihnen aber, einer nunmehr hektisch auftretenden Bremer Mannschaft die Kontrolle über die Partie zu entreißen. Hatte Werder bis zum 1:0 noch 70 Prozent Ballbesitz, sank er nach dem 1:0 auf knapp über 50%.

Es kam, wie es kommen musste: Ein langer Ball der Ingolstädter rutschte durch, Bilbija erzielte den Ausgleichstreffer (85.). Dieser war zweifelsohne glücklich, allerdings hatte Werder Bremen auch wenig getan, um ihn abzuwenden: In den ersten sechzig Minuten hatte der Mannschaft von Trainer Ole Werner die Durchschlagskraft gefehlt, in der finalen Viertelstunde entglitt ihr die Kontrolle über den Ballbesitz. Die Euphorie dürfte in Bremen nun zumindest etwas abkühlen, auch wenn Werder nach Abschluss des 23. Spieltags von der Tabellenspitze grüßt. Ein Dämpfer zur richtigen Zeit? Am kommenden Wochenende wartet das Derby gegen den Hamburger SV. Dann wird sich zeigen, ob das Unentschieden gegen den Tabellenletzten nur ein Ausrutscher war.

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