Am Ende stimmte aus Sicht des SV Werder Bremen zumindest das Ergebnis gegen Erzgebirge Aue: Die Leistung der Bremer brachte aber nicht nur Trainer Ole Werner lange Zeit ins Grübeln.
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Am Ende stimmte aus Sicht des SV Werder Bremen zumindest das Ergebnis gegen Erzgebirge Aue: Die Leistung der Bremer brachte aber nicht nur Trainer Ole Werner lange Zeit ins Grübeln.

Nach Werders 3:0-Erfolg in Aue

Taktik-Analyse: Zähes Spiel, klarer Sieg - warum sich der SV Werder Bremen gegen Aue so schwertat

Werder Bremens 3:0-Sieg gegen Erzgebirge Aue dürfte bald im Fußball-Lexikon auftauchen – als Definition eines lauen Sommerkicks. Werder tat sich lange Zeit schwer gegen die flexibel verteidigenden Sachsen, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

In der 2. Bundesliga gab es an diesem Wochenende packende Duelle um den Aufstieg. Schalke drehte einen 0:2-Rückstand gegen St. Pauli und machte den Aufstieg klar, der Hamburger SV zitterte eine 2:1-Führung über die Zeit, Darmstadt stemmte sich erfolglos gegen eine bittere 1:2-Niederlage. All diese Spiele verzückten neutrale Fans. Und dann gab es das Bremer Gastspiel bei Erzgebirge Aue. Dramatik oder gar fußballerische Klasse bot der laue Sommerkick nicht. Dafür feierte Werder Bremen einen 3:0-Erfolg, der die Tür zum direkten Wiederaufstieg weit aufreißt.

Werder Bremen tut sich enorm schwer: Erzgebirge Aue mit flexibler Verteidigung

Im entscheidenden Moment der Saison ging Werder-Coach Ole Werner keine Experimente ein. Er schickte seine bestmögliche Elf im eingespielten 5-3-2-System auf das Feld. Die zuletzt fehlenden Ömer Toprak, Christian Groß und Milos Veljkovic kehrten bei Werder Bremen allesamt in die Startelf zurück. Toprak gab den zentralen Part der Dreierkette, wodurch Groß erstmals seit knapp zwei Monaten wieder auf der Sechs starten durfte. Nach gerade einmal einer halben Stunde musste er in die Innenverteidigung zurückkehren: Toprak verließ verletzt den Platz (36.). Groß übernahm Topraks Position, Nicolai Rapp kam für die Sechs. An der 5-3-2-Formation änderte Werner nichts.

Aues Trainer Pavel Dotchev baute seine Elf nach dem 0:6 gegen den SV Darmstadt auf sechs Positionen um. Dotchev wollte unbedingt verhindern, dass seine bereits abgestiegene Mannschaft erneut unter die Räder gerät. Dazu stellte er Erzgebirge Aue in einem stark defensiv geprägten 4-5-1-System auf.

Taktik-Analyse: So schafft es Erzgebirge Aue, Werder Bremen immer wieder zu Fehlpässen zu zwingen

Auffälligstes taktisches Merkmal bei den Erzgebirglern war die Rolle von Sam Schreck. Der nominelle Sechser ließ sich immer wieder in die Vierer-Abwehrkette zurückfallen, etwa wenn er Stürmer Niclas Füllkrug verfolgte. Das erlaubte wiederum Linksverteidiger Dirk Carlson, sich stärker an Mitchell Weiser zu orientieren. Selbst wenn Carlson weit herausrückte, stand Erzgebirge Aue in der letzten Linie noch kompakt, dem zurückfallenden Schreck sei Dank.

Die Grafik zeigt Aues Defensive gegen Werder Bremen. Schreck ließ sich immer wieder in die Abwehr fallen. Das erlaubte Carlson, weit rauszurücken und Mitchell Weiser zu attackieren.

Aue verharrte jedoch nicht durchgehend in einer kompakten Defensivformation. Immer wieder schoss Zehner Dimitri Nazarov nach vorne. Das war das Zeichen für seine Mitspieler, zum Pressing überzugehen. Schreck rückte nach, auch die übrigen Auer beteiligten sich an der Balljagd. Die Gastgeber wagten sich zwar nur selten vor, schafften es aber einige Male, Werder Bremen zu Fehlpässen zu zwingen. Bei den anschließenden Kontern rückten sie jedoch zu zaghaft nach.

Angst vorm Scheitern? Werder Bremen gegen Erzgebirge Aue merklich nervös

Und Werder Bremen? Die taten sich lange Zeit schwer mit der flexiblen Defensive der Auer. Zugegeben: Die Aufgabe, einen sortierten Gegner zu knacken, gehört zur Königsdisziplin im Fußball. Erzgebirge Aue agierte gut abgestimmt im Defensivblock. Wenn Füllkrug oder Marvin Ducksch sich fallen ließen oder sich auf die Flügel bewegten, klebte stets ein Auer an ihren Hacken. Die entstehenden Lücken füllte sofort ein Mitspieler auf; siehe Schrecks Rolle als Aushilfsverteidiger.

Trotzdem lässt sich die zähe erste Halbzeit nicht allein mit der disziplinierten Auer Leistung erklären. Werder spielte verkrampft: Die Innenverteidiger wollten Zuspiele in die letzte Linie erzwingen, selbst wenn diese kaum möglich waren. Leonardo Bittencourt und Romano Schmid agierten positionstreuer als sonst, wodurch Werder Bremen selten bis nie Überzahlen auf dem Flügel herstellen konnte. Werders gesamte Spielanlage war zu starr. Dadurch stand Werder zwar sortiert nach Kontern, Gegenstöße verhinderten sie effektiv. Es mangelte zugleich aber vorne an Spielwitz und Zug zum Tor. Taktisch stach nur Mitchell Weisers Rolle heraus. Der Rechtsverteidiger agierte erneut äußerst offensiv. Er klebte dabei aber nicht am Flügel, sondern rückte immer wieder leicht ins Zentrum ein. Besonders wenn Schreck einen anderen Bremer verfolgte, gelangte Weiser in eingerückter Position an den Ball. So leitete Weiser aus dem Halbraum den Bremer Führungstreffer ein, er war nach einem Eckball an die Kugel gekommen. Marco Friedl erzielte das erlösende Tor zum 1:0 (49.).

Krampf-Sieg gegen Erzgebirge Aue: Auch nach der Führung spielte Werder Bremen nicht befreit auf

Auch nach der Führung spielte Werder Bremen nicht befreit auf. Aue rückte nun marginal weiter nach vorne, Schreck ließ sich nicht mehr in die Verteidigung fallen. Doch selbst wenn Aue ein 4-4-2-Pressing wagte, fand Werder nicht die freien Lücken. Diese öffneten sich vor allem im Zentrum. Dort rückten die Auer Innenverteidiger nur selten heraus, um die Lücken zu schließen. Doch selbst bei erfolgsversprechenden Angriffen fielen Ducksch und Füllkrug immer wieder mit mangelnder Präzision auf. In der Schlussviertelstunde verbesserte sich Werders Spiel. Das lag zum einen an der Einwechslung von Niklas Schmidt (78. für Romano Schmid). Er besetzte die Lücken hinter Aues Mittelfeld. Zum anderen leistete Erzgebirge Aue kaum mehr Gegenwehr. Spätestens nach der langen Verletzungsunterbrechung (75.) – zwei Auer Spieler waren mit dem Kopf zusammengestoßen – fand Aue nicht mehr in den Rhythmus. Zwei Bremer Treffer in der Nachspielzeit waren die logische Konsequenz.

Nicht geglänzt, aber gewonnen: So lautet das Fazit nach Bremens 3:0-Sieg gegen die bereits abgestiegenen Auer. Werners Versuch, auf die altbewährte Stammformation zu setzen und kein Risiko zu gehen, ging nur bedingt auf. Manchmal kann es eben auch ein Risiko sein, kein Risiko einzugehen – gerade, wenn der Gegner gut eingestellt ist und etwas gutzumachen hat. Wäre die Saison noch jung, wäre der Bremer Leistungsabfall der vergangenen Wochen ein Grund zur Warnung. Sollte kommende Woche der Aufstieg gelingen, wird aber niemand mehr danach fragen, wie Werder Bremen die Punkte gegen Aue geholt hat.

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